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Karneval

Karneval ist Anlass zu Ausgelassenheit und Phantasie – nicht besonders geeignet für ernsthafte und tiefschürfende Themen wie Krieg oder Massenmord. Gegen diese Regel zu verstoßen ist gewagt oder fragwürdig. In Bilbo beim Karneval hat sich eine Konpartsa-Gruppe kürzlich getraut, im sonst überschwänglichen Karnevals-Umzug die Vernichtung der baskischen Stadt Gernika auf die Straße zu bringen. Grund war der 80. Jahrestag jenes unvergesslichen Ereignisses, das Picasso für die Ewigkeit dokumentierte.

Die Konpartsa-Festgruppen suchen sich jedes Jahr ein mehr oder weniger politisches Thema, das möglichst viele ihrer Mitglieder zum Verkleiden und zur öffentlichen Inszenierung motiviert. Für die Gruppe „Sin Kuartel“ war die Wahl in dieser Karnevals-Ausgabe sicher nicht schwierig, denn „Sin Kuartel“ ist eine anti-militaristische Konpartsa, auf Deutsch „Ohne Kaserne“. Sozusagen die natürlichste Themenwahl überhaupt, fast zwingend, sich im 80. Jubiläumsjahr dem Kriegsverbrechen vom 26. April 1937 zuzuwenden. Eine Inszenierung die keine war und sein konnte. Inmitten von Moulin Rouge, korrupten Politikern, Horden von Elvis-Typen und Rotarmisten bauten die Kasernenlosen ihr Picassobild auf. Bei allem Übermut war offenbar auch die Jury nicht abgeneigt oder noch nicht beschwipst genug, denn geschichtsbewusst und humorlos wurde der erste Preis an die wagemutigen Spaßverderber vergeben. Beifall und Jubel waren nicht so ausgelassen wie bei den anderen Vorführungen. Die Anerkennung bewegte sich eher auf der Ebene von persönlicher Zustimmung unter sechs Augen.

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Wir sind aus Bilbao

Die Leute aus Bilbao gelten als großspurig, angeberisch und protzig. Nichts was sie nicht kennen oder schon geschafft haben. Ein Bilbaino entscheidet selbst, wo er geboren werden will, und sei es in Nigeria. „Wir sind aus Bilbao!“ Bilbao hat eine eigene Weltkarte, die „Mapa Mundi de Bilbao”, zu sehen in Kneipen und Bars. Champagner heißt „Wasser aus Bilbao”, das Guggenheim wurde in 2 Tagen gebaut, die Metro eine Woche später. Bei so viel Höhenflügen kann auch ein klimatischer Beitrag nicht fehlen.

+24°C: In Sevilla holen die Leute zum Schlafen eine Decke. / +19°C: Die Kanarier machen die Zentralheizung an und horten Lebensmittel, falls sie abgeschnitten werden. / +8°C: Italienische Autos springen nicht mehr an. / 0°C: Das Wasser gefriert. / -1°C: Du inhallierst deinen eigenen Hauch. Die aus Bilbao liegen am Strand, essen Eis und trinken kaltes Bier. / -4°C: Die Katze kommt zu dir ins Bett. / -10°C: Französische Autos springen nicht mehr an. / -12°C: Telecinco-TV zeigt Bilder von Lastwagen, die über Glatteis rutschen. / -15°C: Deutsche Autos springen nicht mehr an. / -24°C: Die Katze kriecht in die Hose deines Schlafanzugs. / -29°C: Japanische Autos springen nicht mehr an. / -30° C: Kein einziges normales Auto springt mehr an. / -36°C: Russische Autos springen nicht mehr an. / -39°C: Die aus Bilbao machen die oberen Hemdknöpfe zu. / -50°C: Ein italienisches Auto kommt zu dir ins Bett. / -60°C: Den Russen wird kalt. Die aus Bilbao machen ihre Mäntel zu. / -70°C: Die Hölle gefriert. / -120°C: Der Alkohol gefriert. Die Russen werden nervös. / -273°C: Absoluter Nullpunkt. Die Moleküle bewegen sich nicht mehr. Die Russen beginnen, am gefrorenen Wodka zu lecken. / Die aus Bilbao erheben sich von den Tischen der Terasse und gehen in die Bar.

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Diametral

… bedeutet Gegensatz, Antagonismus, einander ausschließend. In diesem Fall hat die Unvereinbarkeit keinen ideologischen vielmehr einen sportlichen Hintergrund. Der Erstliga-Fußball Club aus dem andalusischen Granada stellte unlängst zwei Rekorde nacheinander auf. Beim Spiel gegen ein Team aus Sevilla liefen elf Spieler aus elf verschiedenen Ländern auf das Spielfeld. Das Ergebnis ist unwichtig, der Umstand zählt. Teams steigen auf und ab, Rekorde bleiben, vor allem solche, die nicht zu toppen sind.

Bereits eine Woche zuvor hatte Granada Geschichte geschrieben, mit ebenfalls einem Team aus elf verschiedenen Ländern, damals war noch ein Spanier dabei, einer, ein einziger. Der war obsole – obsolet bedeutet überflüssig. Tendenzen im Fußball, Globalisierung, wurzellose Universalbewegung. Schade nur, dass keines der beiden Spiele gegen den Club aus Bilbao – Athletic – gespielt wurde. Nur um dem Begriff seine ganze Bedeutung zu geben – diametral, unvereinbar, nicht feindlich, aber einander ausschließend. Der Kontrast hätte größer nicht sein können. Granada und Athletic haben in ihren Rekorden eines gemeinsam: da spielt kein Spanier. Bei Granada auch keiner aus Granada, bei Athletic hingegen alle aus dem Baskenland. Die Basken nennen ihre Verpflichtungs-Gewohnheiten Philosophie. Das ist übertrieben, denn auch da wird viel Geld bewegt. Dennoch hat in Bilbao niemand den schalen Geschmack eines Söldner-Teams. Söldner sind Leute, die dort sind, wo gerade Krieg geführt und am Besten bezahlt wird. Heute hier, morgen dort, bin kaum da, muss ich fort …

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Sieg oder Niederlage?

In diesem Jahr – 2017 – gibt es im Baskenland eine Reihe trauriger 80er-Jubiläen: am 31.März vor 80 Jahren wurde die Stadt Durango bombardiert, am 26.April ist der Jahrestag der planmäßigen Vernichtung von Gernika durch deutsche Faschisten, am 19.Juni 1937 wurde die baskische Niederlage mit dem Fall von Bilbao besiegelt. Um nur die wichtigsten Ereignisse zu erwähnen. Spanische Städte sind bis heute voller verherrlichender Namen der Kriegsverbrecher und Massenmörder: Callo Franco, Plaza Mola, Avenida Sanjurjo.

Im Lande Don Quijotes liegen nach wie vor 115.000 Leichen in unerforschten Massengräbern, manche sprechen von 140.000. Daneben gibt es eine Stimme, die zum Feiern aufruft: „Wir laden Euch zum Gedenkmarsch an die Schlacht am Guadalajara ein, der am Samstag, 25. März, stattfindet. Insbesondere im Jahr des 80. Jahrestags des großen Siegs der Republikaner gegen den Faschismus ...“ – Angesichts von Hunderttausenden von Toten, von Repression, von Massen-Vergewaltigungen, von Massen-Erschießungen, von Genozid von einem „Sieg“ zu sprechen, mag gelinde gesagt zynisch klingen, wie ein Fehlen von Respekt vor der Würde der Opfer. Es ist davon auszugehen, dass das nicht im Sinne der Vereinigung der Brigadisten in Spanien von 1936 war, und dass es sich um einen Fauxpas derer handelt, die an die Verteidiger der Republik erinnern. Optimisten wird nachgesagt, sie suchten im Verhängnisvollen das Positive. Gelegentlich ein Akt von geistiger Gesundheit. In Gernika, Hiroshima, dem Holocaust irgend etwas Positives zu sehen sollte sich jede Optimistin dennoch selbst versagen und für den kommenden Wirtschafts-Gipfel aufbewahren. Pyrrhus-Siege sind kein Grund zum Feiern. (U.B.)

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Korrika

Demnächst ist es wieder soweit. Tausende, ach was, Hunderttausende von Baskinnen und Basken machen sich auf, an einem ganz besonderen Triathlon teilzunehmen, der den Iron Man in Hawai wie ein Sandkasten-Spiel aussehen lässt. Neun Tage lang – und die Nächte gleich dazu – laufen sie durch das Euskal Herria genannte Land, von Norden nach Süden, von Ost nach West. Und wozu das alles? Kaum zu glauben, aber es geht um nichts anderes als um das Recht, die eigene Sprache zu praktizieren. Schwer verständlich für durchschnittliche Mitteleuropäerinnen … die eigene Sprache?

Wer soll schon verhindern, dass ich holländisch, finnisch oder französisch spreche? Doch im Baskenland gehen die Uhren anders, denn die Franquisten, die Vorfranquisten und die Urfranquisten verbaten sich zu ihrer jeweiligen Zeit den Gebrauch der verhassten und vermaledeiten Sprache. Die Folgen sind bis heute spürbar. Das treibt die Baskinnen – zumindest jene überzeugten Euskaldunen, die immer mehr werden – nächtens auf die Straße, um zu demonstrieren, dass ihnen keine Mühe zu gering ist, sich dafür einzusetzen, das die älteste überlebende europäische – ihre – Sprache eine Zukunft hat. „Korrika egin“ bedeutet laufen, Korrika ist der Lauf, bei dem es um das Überleben der Sprache geht. Im Jahr 2017 bereits zum 20. Mal. Von Otxandio nach Pamplona, ohne auch nur einen einzigen unbedeutenden Ort zwischen Lanestosa und Hasparren auszulassen. "Euskalduna gara eta euskaraz bizi nahi dugu" – die Bedeutung dieser gewichtigen Worte ist über gute Übersetzungs-Programme nachzuvollziehen.

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