salburua
Salburua-Gernika-Salburua

Salburua ist ein Stadtteil der baskischen Hauptstadt Gasteiz, spanisch Vitoria. Ein neuer Stadtteil, der das 20. Jahrhundert nicht kannte. Bekannt war Salburua wegen des Flugplatzes, der dort seinen Standort hatte. 1935 wurde er als zweites Aerodrom in Gasteiz eröffnet, für Binnenflüge. 1936 wurde er zum Standort der Franco unterstützenden Nazi-Luftwaffe, die erst namenlos und dann als Legion Condor auftrat. Von Salburua aus starteten einige der Bomber, die das baskische Gernika dem Erdboden gleichmachten.

Nach dem Bau des Foronda-Flughafens lag Salburua brach. Nur die Parteitage der Baskisch Nationalistischen Partei im September gaben dem Gelände noch Leben. Dafür gaben sich Spaziergängerinnen und Tierwelt ein Stelldichein, bis Salburua zum Baugebiet wurde. In kaum zehn Jahren entstand ein kleines Manhattan, mit riesigen Blocks und sechsspurigen Straßen – eine Art Disneyland des baskischen Baubooms. Dazu gehört ein Kulturzentrum, auf das andere neidisch sein dürfen, so groß wie ein Fußball-Stadion, mit allem, was die Menschen-Seele zum Stillen ihres kulturellen Hungers braucht.

Dorthin, ins kulturelle Herz Salburuas, kehrte die Legion Condor zurück. Nicht in Form von Bombern und Jagdflugzeugen. Vielmehr in Form einer Ausstellung über die Geschichte jener Luftwaffen-Formation und ihrer Verbrechen im Baskenland. In der Eingangshalle wurde daran erinnert, was sich vor 80 Jahren an gleicher Stelle abgespielt hatte: die Hilfe der Nazis für den in Not gekommenen Franco, Bordelle für gelangweilte Soldaten und Piloten, Startschuss für eines der ersten Kriegsverbrechen der Nazis.

An die Flughafen-Geschichte erinnert nur das silberne Gerippe eines Flugzeugs, das hinter dem letzten Häuserblock auf einer Wiese steht. Eine Tafel erzählt den dort spielenden Kindern von den Ereignissen, die ihre Groß- oder Urgroßeltern erlitten. „Für die Opfer der Bombardierung von Gernika“ steht auf der Tafel, die in der Sonne so stark reflektiert, dass der Text nicht zu lesen ist. Aufgestellt 2012, am 75. Jahrestag des Massakers. Viele Eltern werden nicht in der Lage sein, die Geschichte zu erzählen. Schwierig, jene Verbrechen in kinder-verständliche Worte zu fassen, 80 Jahre sind ausreichend Zeit, um dicke Schichten des Vergessens auf die Gräuel zu legen. Dazu kommt, dass nach dem Tod des Diktators aus dem Vergessen eine Regierung gemacht wurde.

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Nomen est omen

Meer, Schnee, Fluss, Wind, Dschungel, Gewitter, Blume, Mond, Wolke, Sonne, Erde, Netz, Wiese, Stern, Stachel, Eiche, Haselnuss … an dieser Stelle ist nicht die Rede von Naturerscheinungen oder Botanik. Auch nicht von Namen nord-amerikanischer Indianerinnen oder denen eines unbekannten afrikanischen Stammes. Nein, der Wolf tanzt – wie immer an dieser Stelle – im Baskenland. Bei den Begriffen handelt es sich um baskische Vornamen, um Namen von Mädchen und Jungen, Namen von Frauen und Männern.

Baskisch ist die älteste überlebende Sprache Europas, sie entstand lange vor den germanischen oder romanischen Sprachen und war einst in einem weit größeren Gebiet vertreten als Euskal Herria, dem heutigen Baskenland. Wie auch in anderen Sprachen erkennbar, standen Namen – sowohl Familien – wie auch Vornamen – in enger Verbindung mit der Lebens-Umgebung, der Topografie, der Natur und ihren Ausprägungen.

Auf diesem Weg kam es zu Ibai – Fluss, Hodei – Wolke, Edurne – Schnee, Eguz – Sonne, Lur – Erde, Sare – Netz, Oihane, Oihan – Dschungel, Haizea – Wind, Hur – Haselnuss, Aritz – Eiche, Itsaso – Meer, Ekaitz – Gewitter, Lorea – Blume, Arantza – Stachel, Zelai – Feld, Izar – Stern, und anderen mehr. Manche sind auch androgyn, Hodei – Wolke zum Beispiel gilt für beide Geschlechter, dasselbe gilt für Eki – Sonne, auch wenn die baskische Akademie der Sprache darauf bedacht ist, die Geschlechter voneinander zu trennen, auf dem Gebiet der Namensgebung zumindest.

Baskische Namen waren während des Franquismus verboten. Alles sollte national-katholisch sein und genannt werden. War ein Priester nachlässig, wurde er bestraft und fortan das Stammbuch geändert wie der zuständige Zensor es vorsah. Aus Edurne-Schnee wurde Nieves, aus Eguz-Sonne wurde Sol, bevorzugt waren biblische Namen und die von vermeintlichen Jungfrauen. Erst nach dem Franquismus gab es die Möglichkeit, zu später Stunde doch noch den ursprünglich gewünschten Namen ins Familienbuch eintragen zu lassen.

Mit Wind in die Kneipe zu gehen, dort Dschungel zu treffen, sich mit Haselnuss zum Kino verabreden und schließlich Schnee um eine Zigarette anzuschnorren, das ist (soweit mein Horizont) nur im Baskenland möglich. Gestern haben Fluss und Erde geheiratet, würde mich nicht wundern, wenn eine Eiche dabei herauskäme.

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Siegerjustiz

Das Ewing-Sarkom ist ein seltener solider bösartiger Tumor, der meist Knochen befällt“, erklärt das bekannteste Universal-Lexikon im Internet. Wer weiß das schon, außer denen, die davon betroffen sind. Im Baskenland weiß es die Mehrheit, denn aktuell geistert ein Fall durch die Medien, der die Gemüter entzweit. Oier Gomez leidet an diesem Sarkom. Das Besondere an diesem Fall: Oier ist ein politischer Gefangener, eingesperrt ist er in Frankreich, wo er zu 15 Jahren Haft verurteilt wurde.

Seit Wochen läuft eine Kampagne zur Freilassung von Oier Gomez – welchen Sinne sollte es machen, einen unheilbar Kranken weiterhin gefangen zu halten. Ein Gutachter hat nun dokumentiert, dass er dem kranken Gefangenen (oder gefangenen Kranken) noch maximal sechs Monate Leben gibt. Ein Gefälligkeits-Gutachten ist es sicher nicht, denn der Spezialist wurde vom Gericht bestellt, unwahrscheinlich, dass er Sympathien hegt für „das Untersuchungs-Objekt“.

Oier ist aktuell der gravierendste von einer Reihe von Fällen, die die wenigsten verstehen. Unheilbar krank und dennoch eingesperrt, weit entfernt vom Heimatort, von Angehörigen und von einer vernünftigen Behandlung. Siegerjustiz ist hart genug, in diesem Fall reicht der Begriff nicht mehr aus, die Lage zu beschreiben. Es geht um Vernichtung. Vernichtung in einem Moment, in dem der Tod bereits beschlossene Sache ist. Erniedrigung, Totalverlust jeglichen Humanismus – es fehlen die Worte, das Geschehen zu beschreiben.

„Das Ewing-Sarkom ist die zweithäufigste Art von Knochenkrebs im Kindesalter und die dritthäufigste bei Erwachsenen. Jeder Knochen kann Ursprungsort sein, jedoch sind am häufigsten Becken und Oberschenkelknochen betroffen. Als Ursprungsort kann aber auch Weichgewebe dienen, also Fett-, Muskel- oder Bindegewebe oder Gewebe peripherer Nerven.“ Der notwendige Nachtrag der bekannten Enzyklopädie. (Baskinfo)

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Es lebe Franco!

Bei der Ratssitzung im kantabrischen Santander hatte ein Ratsmitglied eben den Antrag gestellt, vor Gericht gegen die Verbrechen zu klagen, die während der Zeit des Franquismus begangen worden waren. Dabei ging es um Verbrechen gegen die Menschlichkeit, wie der Antragsteller im Detail erklärte. Als er seine Ausführungen beendet hatte, war eine Stimme aus dem Zuhörer-Raum zu hören, die laut und deutlich „Es lebe Franco, hoch lebe Spanien“ rief. Einen Skandal gab es in Santander dennoch nicht.

Denn die Bürgermeisterin forderte Beherrschung: „ich bitte um Ordnung”. Sie hätte den neofaschistischen Gast auch des Raumes verweisen können. Oder sollen, wie es ein Stadtrat der Sozialdemokraten forderte. „Ich habe ihn zur Ordnung gerufen und nun will ich die Sitzung fortsetzen“, war ihre Antwort. Man stelle sich vor, da hätte jemand „es lebe ETA“ gerufen! Sofort wäre die Guardia Civil eingeschritten, hätte Festnahmen durchgeführt und die Terroristen nach Madrid gebracht, auf dem Weg dahin wahrscheinlich noch gefoltert. „Der Saal war voller Aktivisten und Sympathisanten“, beschwerte sich der Antragsteller, „alle von der PP mobilisiert“. Nun, die PP ist eine demokratische Partei, die mit Franco und seinen Neo-Fans keine Probleme hat. Hitler hat Autobahnen gebaut, Franco war manchmal etwas streng und Spanien ist eine Demokratie. Fragt sich, wo die 140.000 Leichen herkommen, die seit 80 Jahren in Massengräbern unter spanischer Erde liegen und auf ihre Exhumierung warten. Muss eine Grippe-Epidemie gewesen sein … Es lebe Spananien!

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Franz Franco Frankreich

Die Ehrenlegion, Légion d’honneur, ist ein französischer Verdienstorden. Der wurde 1802 von Napoleon Bonaparte in der Absicht gestiftet, militärische und zivile Verdienste, ausgezeichnete Talente und große Tugenden zu belohnen. Kein Staatsbürger ist aufgrund seiner Geburt, seines Standes oder seiner Religion von diesem Orden ausgeschlossen. Es ist die ranghöchste Auszeichnung Frankreichs. Wer damit ausgezeichnet wird, hat also allen Grund, stolz zu sein. Wenn da nicht, also wäre da nicht … „Liebe Mitstreiter, wie können wir dieses wundervolle Ereignis weiter vermitteln. Eine Anerkennung in der BRD wurde Franz bisher versagt“, stand in einem Brief, den die Freund/innen der Interbrigaden aus dem Spanienkrieg freudig verteilten. Franz kam in den Genuss der Ehrenlegion. Was ein Grund zur Freude! Wenn ich nicht Tage vorher über die Nachricht gestolpert wäre, dass Journalist/innen im Lande der Ehrenlegion eine Initiative gestartet haben, die zum Ziel hat, Francisco Franco (!) den Verdienstorden wieder zu entziehen. Franz kenne ich nicht, Franco hingegen schon. Franz ist einer, der gegen diesen Franco gekämpft hat, diesen Faschisten, mit dem er sich nun den Orden teilen darf.

„Späte Ehrungen sind immer erfreulich, dennoch sollten wir nicht vergessen von welcher Seite sie kommen“, schrieb ich zurück an die feiernden Brigadisten-Freunde, erhielt aber keine Antwort. Gegen Ordensfeiern ist kein Gras gewachsen, Spielverderber sind da nicht erwünscht. Vielleicht sehe ich die Sache ja auch zu verbittert. Beim Versuch, meine Bitterkeit mit Freude und Eierkuchen zu bekämpfen, erlebte ich einen schweren Rückschlag, als ich erneut in einer Tageszeitung lesen musste, dass das Land der bürgerlichen Revolution und der Resistance den Verdienstorden der Ehrenlegion auch einem hohen Offizier der spanischen Guardia Civil verliehen hat, der zuvor der Folter überführt worden war.

Meine Eigen-Therapie macht Fortschritte, ich lese keine Zeitung mehr und halte es mit dem Chansonnier Léo Ferré, der spottete über „dieses unglückselige Band, das rot wie die Schande ist“. Mein Glückwunsch an Franz: alles was recht ist! (U.B.)

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Keine Aprilscherze

Aprilscherze gibt es im Baskenland nicht am 1. April. In den April geschickt wird an diesem Tag niemand. „Zum Narren gehalten“ werden die Leichtgläubigen, die Unschuldigen, aber erst im Dezember. Woher das „April, April“ kommt, weiß niemand so recht, verschiedene historische Theorien stehen zur Erklärung bereit. Genauer definiert ist dagegen der 28. Dezember, der „Tag der Unschuldigen“. Genauer gesagt: „Tag der heiligen Unschuldigen“, denn südlich der Pyrenäen ist alles katholisch und heilig.

Der „Tag der heiligen Unschuldigen“ wurde von der Kirche ins Leben gerufen, um an die Neugeborenen zu erinnern, die König Herodes ermorden ließ, als er gehört hatte, dass einer dieser Nachkommen, ein gewisser Jesus, auserwählt sei, der „neue König“ zu werden. Ein Massaker zur Ausschaltung unliebsamer Konkurrenz sozusagen, doch ist nicht dokumentiert, ob die Geschichte real ist, oder vom Vatikan erfunden. Als der katholische Glaube zur offiziellen Religion des römischen Reichs wurde, mussten die paganen Feste nach und nach durch christliche Feiern umdefiniert werden. Im Mittelalter soll es um diese Jahreszeit das „Fest der Verrückten“ gegeben haben, bis die Kirche daraus den bilbel-festen „Tag der heiligen Unschuldigen“ machte. Damit die Basken im Dezember ihre Aprilscherze machen können.

Vielleicht ein schlechter Witz, aber kein Aprilscherz ist die Methode, wie im Baskenland eine bewaffnete Organisation entmilitarisiert wird. Weil die Regierungen „mit denen nicht sprechen“ läuft der Prozess nun über eine Art „Stille Post“: ich geb dir das Zettelchen mit der Information, du gibst es weiter an die Dritten, die Dritten an die Vierten, undsoweiter. Dass Politik eine Mischung aus Kindergarten und Selbstbedienungsladen ist, wussten wir. Wie tief das Niveau gesunken ist lernen wir. „ETA hat ihre Waffen überraschenderweise nun doch nicht abgegeben!“ schreibt die rechte Presse und fügt hämisch hinzu: „April, April!“. Wir lachen uns tot!

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