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Alertas, Alerts, Alarm!

Jeden Tag, jede Stunde, fast werden wir mit einem Überangebot von Nachrichten und Meldungen überschwemmt. Die Flut lässt uns kaum Zeit Luft zu holen. Ist die eine Meldung konsumiert, stehen die nächsten ins Haus. Neutrale Nachrichten gibt es kaum mehr, alles ist gefärbt, parteiisch, übertrieben. Welche Nachrichten unterbleiben, erfahren wir nie. Von den Bildern des letzten Luftangriffs in Syrien, der uns als Gemeinheit der einen verkauft wird, wissen wir nicht, ob es nicht die anderen waren, ob er vor 24 Stunden oder 2 Wochen stattfand, ob die Bilder wirklich aus Syrien oder aus dem Irak stammen. 

Eine endlose Reihe von Fragen, die wir eigentlich beantworten müssten, bevor wir den Inhalt der Meldung als Tatsache in unserem Wissensgedächtnis abspeichern. Aber wer hat die Zeit dazu. Weil wir uns nicht Fulltime der Frage widmen können, was wichtig ist und was nicht, bietet das allwissende Google eine entscheidende Hilfestellung an: Alerts, Alarme - das selektive Darstellen von Nachrichten aus dem www-Dschungel, nach Stichworten geordnet. Somit weiß ich, welche neuen Erkenntnisse die Geschichtswissenschaft über Kriegsverbrechen der Legion Condor im Baskenland freilegt. Ich erfahre, in welchem Land der Erde Angela Davis gerade Vorträge hält; welche Neuigkeiten sich bei meinem baskischen Lieblings-Fußballclub getan haben; welche seltsamen Nachrichten es in deutscher Sprache zum Thema Euskara gibt. Auch bin ich auf dem Laufenden wie der Tourismus im Biosphären-Reservat Urdaibai promoviert wird, was das Heimatkunde-Museum in Orozko Neues bietet. Sogar, wie oft mein eigener Name im Internet Erwähnung findet. Ich liebe Internet. Mein Dank gilt all den Philanthropen, die das möglich gemacht haben. Auf diese Art erspare ich mir den Müll der Tageszeitungen. Intellektuelle Ökologie.

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Luftangriff

„Schutzbunker gab es keine, deshalb rannten wir in den Eisenbahntunnel, wenn die Sirenen einen Luftangriff ankündigten“. Die das erzählt ist 85 Jahre alt und hat den Krieg im Baskenland als Fünfjährige erlebt. „Mein Vater kam nie mit, der blieb immer zu Hause und versteckte sich unter dem Tisch, aber in den Tunnel kam er nicht mit. Nur meine Mutter und meine Schwestern gingen da hin, wir wohnten ja damals noch in der Altstadt“. Gemeint ist die Altstadt von Bilbao, eines der bevorzugten Ziele.

Erst der spanischen Luftwaffe, dann der nazideutschen Legion Condor. „Wenn die Bomben abgeworfen waren, kamen sie wieder und schossen im Tiefflug mit Maschinengewehren auf Passanten. Die flogen so tief, dass wir ihre Gesichter erkennen konnten“, erzählt ein anderer, der bereits auf die 90 Jahre zugeht. „Aber auch im San-Nicolas-Tunnel waren wir nicht sicher. Eigentlich hätten die Zugführer nicht hineinfahren sollen, aber die wollten sich eben in Sicherheit bringen, sonst wären sie draußen angegriffen worden. Also fuhren sie rein und stießen mit der Menschenmenge zusammen, die dort Zuflucht gesucht hatte“. Erika zeigt auf eine Narbe an ihrem Unterarm. „Dabei hatte ich noch Glück, meiner Schwester wurde der Fuß gebrochen. Und es gab auch Tote, der Maschinist hätte einfach nicht reinfahren sollen“.


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Rekord-Tourismus

Normalität ist mega-out. Weil wir im globalen Medien-Zeitalter mit Informationen überflutet werden, wird deren Auswahl nach Superlativen vorgenommen. Mittelmaß ist keine Erwähnung mehr wert, nur Rekord-Ergebnisse werden überall noch gefeiert, der Gegenstand rückt in den Hintergrund. Ein Toter mehr, ein Zentimenter mehr, ein Treffer mehr, eine Vergewaltigung mehr – Guiness ruft und alle kuschen. Auch der Tourismus im Baskenland klopft immer lauter an die Tür der besten Ergebnisse.

Doch was für die einen eine gute Nachricht ist, bedeutet für die anderen die Mühe der Ebene. Die EINEN sind die Gastronomen, Hotelbesitzer und Campingbetreiber, die Museums-Geschäftsführer, Autoverleiher und Ladenbesitzer, die für wenig Euro viele Leute anstellen, für drei Wochen oder drei Monate. Oder nur für einen Tag. Die ANDEREN sind jene, die für drei Wochen oder drei Monate angestellt werden. Oder eben nur für einen Tag. Sie kriegen keine Überstunden bezahlt, haben Stress mit dem Arbeitsamt und kommen mit der Miete und den Stromerhöhungen nicht über die Runden. Wenn die Arbeitsmarkt-Statistiken von Zuwachs von Arbeitsplätzen und dem besten Stand seit 10 Jahren sprechen, sagen sie noch lange nichts über die Qualität dieser Jobs. Wo Ein-Tages-Jobs angeboten werden, wird leicht vergessen, dass das Leben insgesamt ein paar Wochen länger dauert.

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G.E.R.N.I.K.A.2.6.A.

Trotz klarem Wetter, bester Technik und Bomben-Erfahrung wurde die Brücke nicht getroffen, an ihrer Stelle fiel eine ganze Stadt in Schutt und Asche. Ein tragischer Irrtum, sagten sie und überhaupt, seien es die Basken selbst gewesen, die Gernika in den Horror getrieben hätten. Der Markt hatte trotz Krieg Auswärtige angelockt, mächtige Sprengbomben zerstören Häuser und Wasserleitungen, damit die Brandbomben voll zur Geltung kommen konnten. Tiefflieger jagten jene, die vor der Apokalypse flüchteten.

Maximal 12 Tote sagen die Mörder und ihre Geschichtsfälscher. Der für die Welt die Wahrheit schrieb wird als kommunistischer Blindgänger verleumdet, der das grässliche Schwarz-Weiß-Bild malte soll ein durchgeknallter Republikaner gewesen sein. Alles war so und ganz anders, die erste Bombe verursachte derartigen Staub, dass die folgenden versehentlich das Zentrum trafen, komplett bis auf die Waffenfabrik. Alle sagen die Wahrheit und erzählen Lügen, der Streit dauert sicher weitere achzig Jahre. Wenn die Augenzeugen gestorben sind, kann niemand mehr einen sauberen Eid schwören „ich selbst habe doch …“. Die friedensbewegte Petra Kelly behielt einen halbwegs klaren Kopf, ihr steht ein Teil des Verdienstes zu, dass die Rattenlinie der Condor-Vögel in West-Deutschland nicht in Vergangenheit geriet, der Arbeitskreis Regionalgeschichte in Neustadt am Rübenberge verhinderte ein geheimnisvolles Verschwinden der Gernika-Wunstorf-Connection. Dass ausgerechnet ein baskisches Alternativ-Radio erzählt, der „deutsche Reichstag“ habe sich für den Faux-Pas entschuldigt ist mehr Dilettanz als böse Absicht, dennoch ungemein bitter. Wir wissen nicht, welche Interpretation unsere Urenkel einst in ihren Geschichtsbüchern vorfinden werden. Wenn überhaupt.

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Botxo – das Loch

Drei Städte haben in meinem Leben eine wesentliche Rolle gespielt. Stuttgart, Bremen und Bilbao. Die ersten beiden haben sehr wenig gemeinsam, das musste so sein. Es musste einen spürbaren Unterschied geben zwischen dem kleinbürgerlichen Süden und dem weltoffenen Norden, das war die Voraussetzung für den Quantensprung. Dann kam Bilbao, ein weiteres Extrem. Mit Überraschung durfte ich feststellen, dass die beiden deutschen Städte mit der baskischen in einem gewissen Zusammenhang stehen.

Bremen, Stadt am Fluss, Meerverbindung, stillgelegte Industrie, geschlossene Werften. Wie Bilbo. Stuttgart hingegen die Stadt zwischen Wein und Reben, aus der böse Zungen „zwischen Hängen und Würgen“ gemacht haben. Aus dem Neckar- wird das Nervion-Tal, in das sich seit 1000 Jahren Bilbao zwängt. Reben nicht unbedingt, Hänge allemal. Statt des Würgens wird Bilbo „Bocho“ genannt, „Loch“, Baskisch „Botxo“. Schon das Wort riecht nach Abgasen, Hundescheiße und vergammelten Fischen. Nicht nur wegen der Hügel wird die Stadt durch keinen Begriff zutreffender charakterisiert: das Loch – inmitten der Hänge nach Artxanda, Avril, Pagasarri, Ganekogorta, Malmasin. Die Tiefen am Fluss gefüllt mit keuchenden Fabriken und stinkenden Kaminen, Botxo, der Fluss eine grüne Brühe ohne Leben, ein Loch, die Behausungen der Arbeitenden in den „höher gelegenen“ Stadtteilen, Bocho, rachitische Kinder, denen keine Lebenserwartung beschieden war, in Löchern lebten, ein Haus im Arbeiterviertel schien aus Gummi, so viele Menschen lebten da, in den Betten wurde in drei Schichten geschlafen, Bocho, Botxo. Das Meiste ist Vergangenheit, viele Löcher sind abgerissen oder abgewickelt, Bilbao, ersetzt durch ein Botxo aus Titan, dem der Vergleich einer Rose nachgesagt wird. Die beschauliche Altstadt wird zunehmend zum unersättlichen Flaschenhals, der mit starkem Sog Reisende in seine Tiefe zieht, ins Loch, Bocho, Botxo. Selbst die einst beliebte Kneipe mit dem löchernen Namen hat ihren Charakter vollends verloren. (U.B. / Baskultur)

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