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Die falsche Fahne

Bis vor Kurzem war es in der baskischen Region Navarra verboten, bei offiziellen Anlässen die Flagge des Baskenlandes zu zeigen, die Ikurriña. Im restlichen Baskenland hingegen hatte niemand Probleme damit, die navarrische Flagge gehisst zu sehen. Dass sich die Situation verändert hat ist der linksliberalen Regierung zu verdanken, die vor zwei Jahren das Ruder übernommen und eine Reihe von unsinnigen Verordnungen abgeschafft hat. Flaggenverbot ist eine Seite, die andere besteht aus Vorschriften.

Gegen beide verstieß der Fußballclub Osasuna aus der Hauptstadt Pamplona im Jahr 1959. Mitten im Franquismus – zur Erinnerung. Das Team war nach Venezuela gereist, in einen der Orte, in dem besonders viele Bask*innen im Exil lebten. Es ging um ein Fußballturnier in Caracas. Beim Einlauf ins Stadion trugen die Spieler die rote Fahne mit der goldenen Kette, das historische Symbol des alten Königreichs Navarra. Das brachte die franquistischen Machthaber auf die Palme, als sie davon erfuhren. Nach Rückkehr des Teams wurde der Club zu einer drastischen Strafe verurteilt: 250.000 Peseten, die dem Jahresverdienst eines heutigen Messi entsprochen haben. Begründung: Die falsche Flagge gezeigt. Denn die historische Navarra-Flagge (ganz ohne republikanische Zutaten) galt als „separatistisches Symbol“. Das war noch nicht alles. Gleichzeitig hatte das Team die obligatorische spanische Flagge mit den franquistischen Symbolen nicht vorgezeigt. Und sie hatte der spanischen Botschaft in der venezolanischen Hauptstadt den Besuch verweigert. Dafür waren sie im baskischen Kulturzentrum vorstellig geworden – den Spitzeln vor Ort entging kein einziges Detail des Aufenthalts. Todesstrafe gab es für die kickenden Rückkehrer nicht. Die hatte Eladio Cilveti, einem der Vereinsgründer von Osasuna, am 16. Januar 1937 in Etxauri jedoch das Leben gekostet. Er war Opfer der systematischen Säuberungen geworden, die in Navarra einem Prozent der Bevölkerung zum Schicksal wurde.

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Bilbao faschistisch

Vor heute genau 80 Jahren marschierten die Faschisten – Spanier, Italiener, Marokkaner und Navarrer – in Bilbao ein. In der Folge wurde die Zeit auf Null gedreht. Alles wurde anders. Es gab nur ein davor und danach. Wer sich nicht hatte rechtzeitig retten können, musste die Repression der neuen Machthaber erdulden. Wer mit dem Leben davon kam, konnte fast schon von Glück reden. „Bilbao ist wieder Spanien“ lautete der vielsagende Satz, der in der beschlagnahmten Presse am Tag danach zu lesen war. Von Artxanda, Artxuri und Deustu aus fuhren Panzer in die Stadt, ein gewisser José María de Areiltza übernahm im Namen der Franquisten die Herrschaft im Rathaus. Teile der Bevölkerung standen an den Straßenrändern, die Arme zum Führergruß erhoben: sei es aus Überzeugung, aus Opportunismus oder aus Selbstschutz. Denn die folgende Repression war brutal. Überall wurden Gefängnisse eingerichtet für Tausende von Bilbainos und Bilbainas, die entweder auf der „falschenSeite gestanden“ hatten oder aus Habgier von ihren Nachbarn angeschwärzt wurden. Alle Lehrer*innen wurden entlassen und eingesperrt, die 1.200 Angestellten der Stadt erfuhren dasselbe Schicksal. Ersetzt durch Aktivisten der faschistischen Falange. Im neu eingerichteten Konzentrationslager in der Jesuiten-Universität von Deustu wurde begonnen, Leute zu erschießen, ohne viel Aufhebens. Notbrücken wurden improvisiert, denn auf ihrem Rückzug hatte die baskische Regierung alle Fluss-Übergänge der Stadt sprengen lassen. Tage zum Vergessen. Tage von schwieriger Erinnerung. An einigen Straßenecken Bilbaos hängen heute Plakate mit dem Foto des Kriegsfotografen Capa. Zu sehen ist eine Mutter mit Tochter, wie viele andere offenbar auf der Flucht in einen improvisierten Luftschutzbunker, unter einer Brücke oder im Eisenbahntunnel. Ihren Blick hat sie angstvoll nach oben gerichtet, auf die anfliegenden Bomber und Jäger – eines der eindrucksvollsten Fotos des unabhängigen ungarischen Kriegsbegleiters. Die Aggressoren in der Luft sind unsichtbar, doch macht der Blick der Protagonistin sie derart präsent, dass fast die Bomben zu spüren sind, die Minuten später fielen. Bomben der nazideutschen Aggression gegen das baskische Volk.

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Das Foltermuseum

Santillana del Mar ist ein kleiner Ort in Kantabrien, unweit der berühmten Altamira-Höhlen. Einer jener Orte, die sich ihren mittelalterlichen Ortskern schön erhalten haben. Einer jener Orte, in dem im Sommer Busse Hunderte von Reisegruppen ausspucken. Einer jener unerträglichen Orte, in denen es kein normales Leben mehr gibt. Einer jener Orte, in die mich keine zehn Pferde bringen. Zehn Pferde zwar nicht, dafür aber ein Freund, der mir bei einem Besuch in der Region auch das Juwel zeigen wollte. Zum Glück außerhalb der Saison. Beim Versuch, das Unverdauliche zu verdauen stolperten wir über ein Museum der besonderen Art: das Museo de Tortura, was übersetzt so viel bedeutet wie Folter-Museum. Nein, gefoltert wird da nicht, vielmehr werden Foltergegenstände ausgestellt, die insbesondere im Mittelalter für das Unsägliche benutzt wurden. Vor allem von der Kirche auf ihren Inquisitionskampagnen. Ob ich mir das genauer anschauen wolle? Nein danke, denn ich komme aus einer Gegend, wo kein Museum notwendig ist, um sich eine Vorstellung zu machen von Folter. Ich lebe im Baskenland. Dem Land, wo eine von zehn Personen über 60 Jahren und politisch aktiv das erlebt hat, was in Santillana ausgestellt ist. Die Zahl der Opfer seit den 1960er Jahren wird auf 10.000 geschätzt. Die Franquisten begannen mit systematischer Folter, um den Widerstand von Baskinnen und Basken zu brechen. Auch Francos Tod bedeutete keine Zäsur. Bis heute hat der Staat diese Praxis nicht eingestanden: eine Propagandalüge der Linken sei das. Um den Wahrheitsgehalt der Folter-Vorwürfe zu prüfen, beauftragte die baskische Regierung eine Kommission von Wissenschaftlern, die eine bestimmte Zahl von Fällen prüfen sollten. Alle Vorwürfe waren plausibel. Kein Wunder für das Anti-Folter-Kommissariat der UNO, die sich gut informiert zeigte. Meine Arbeit als Journalist brachte mich mehrfach in die Situation, Interviews zu machen mit Folteropfern: Schmerzen und Tränen beim Erzählen. Geschichten die niemand erfindet und die in keinem Museum dargestellt sind. (UB)

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Lügen zum Abwinken

Die Fotos auf denen er mit Trotzki zu sehen war ließ Stalin retouchieren, so als ob Trotzki gar nicht da gewesen wäre. Damit hatte er nur eingeschränkten Erfolg, denn die Geschichte bescheinigte, dass Leo da gewesen sein musste. Im besten Fall fanden Historikerinnen Originalbilder. Mit Lügen ist es etwas schwieriger. Zwar gibt es die Realität, aber kein Original. Auch wenn die Realität als objektive Tatsache betrachtet werden könnte, erzählen alle Augen, Herzen Seelen und Lügner ihre subjektiven Wahrnehmungen. Von ihrem jeweiligen Standpunkt aus. War es nun Elfmeter oder nicht? Die Wahrheit über die Vernichtung von Gernika 1937 hatte es nicht leicht, sie war das exklusive Privileg der wenigen Augenzeug/innen, die sich nach dem Mordanschlag hatten retten können. Die Verdrehungen und Lügen über den 26. April hatten hingegen leichtes Spiel, weil sie sich wie der Schatten von Mordor über alles legten, was in den folgenden 40 Jahren geahnt, gedacht und gesprochen werden durfte: die Basken, die Roten, die Bolschewiken waren es, die die Stadt angezündet hatten – und Maria wurde vom heiligen Geist befruchtet. Wären die Juden nicht schon 450 Jahre vorher aus Kastilien und dem Baskenland vertrieben worden, hätte auch diese Option noch zur Verfügung gestanden. Faschismus ist, wenn es nur eine Meinung gibt. Faschismus ist, wenn die Wahrheit von Gernika bis heute nicht korrigiert wurde. Faschismus sind die in weiße Hemden gewandeten Blauhemden, denen in deutscher Version das Braune bescheinigt würde. In Spanien wurde aus der Lüge eine demokratische Regierung gemacht.

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LGTB ist kein Markenzeichen

Wenn sich mächtige Männer zum Gipfel treffen ist gelegentlich auch eine Frau dabei. Die wird dann „eisern“ genannt, um Männlichkeit zu bescheinigen und ihre Anwesenheit zu legitimieren. Die Frauen der Mächtigen treffen sich zu einem extra Foto für eine Runde, bei der es um Humanitäres geht. Und weil beim ersten Foto gelegentlich eine Frau dabei ist, ist beim zweiten – dem Frauenfoto – gelegentlich ein Mann dabei. Er wirkt wie ein Eindringling und steht dann auch nicht in der ersten Reihe. Doch so weit alles vertretbar. Problematisch wird es, wenn der Mann unter den Frauen nicht der Mann einer Frau ist, sondern der Mann eines Mannes. Problematisch vor allem für den homophoben Teil der Welt. Auf einem offiziellen Gruppenfoto der First Ladys beim Gipfel XY wollte die US-Administration den schwulen First Husband verschweigen. Denn Gauthier Destenay (ich hätte nicht mal gewusst dass Gauthier ein Männername ist) ist der Ehemann des luxemburgischen Ministerpräsidenten. Das wiegt schwer. Das ist für die Medien im mächtigsten Land der Erde nicht akzeptabel. Das wiederum ist für mich nicht akzeptabel. Im Jahr 2017 sollte gleichgeschlechtliche Liebe eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein. Eigentlich. In Berlin ganz sicher, sogar im deutschen Außenministerium, gut dass Guido nicht zu Trump reisen musste. Sogar im streng katholischen Spanien dürfen Schwule Karriere machen, auch bei der reaktionären Volkspartei von Rajoy, dem nachgesagt wird, er hätte die Tür aus dem Schrank noch nicht gefunden. Der rassistisch-geprägte Ex-Bürgermeister des baskischen Gasteiz fand sie und stieg dennoch auf der Karriereleiter bis nach Madrid. Er hatte es denn auch leicht, denn selbst die baskischen Christdemokrat*innen sind so tolerant wie die Geistlichen im Isfahan des 17. Jahrhunderts. Der Reporter des baskischen Fernsehens darf mit seinem Partner öffentlich den Adoptivsohn vorführen, das Gesundheitsministerium zahlt die Kosten der Geschlechtsumwandlung, im Fernsehen wird offen über Trans-Kinder gesprochen. In Kneipen hängen Schilder, die vor homophobem Verhalten warnen. Nicht dass alles Gold wäre, aber Schwule und Lesben haben in beachtlicher Zahl das touristische Bilbao entdeckt – LGBT-friendly. Es sei ihnen zu gönnen, dezente Paare sind für die Altstadt allemal besser verdaulich als dumpfe 50er-Gruppen mit 51 Handykameras. Weshalb sich Teile von LGTB allerdings der Kirche an den Hals werfen, habe ich nie verstanden – so wenig wie die Geschichte vom Ex aus Gasteiz. Heterosexuelle Linke sind eben schwer von Begriff.

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Lawine

Das spanische Wort „alud“ (Lawine, Schneerutsch) kommt aus der baskischen Sprache, dem Euskara. Es geht zurück auf das Wort „luta“ (Erdrutsch) und ist verwandt mit „lur“ (Erde) und „elur“ (Schnee). Weitere Worte, die aus dem Euskara kommen sind enthalten in „aquelarre“ (Hexensabbat), „charro“ (Dorfbewohner), „chaparro“ (pummelig), „chatarra“ (Schrott), „izquierda“ (links), „mochila“ (Rucksack), „órdago“ (Herausforderung), „pacharán“ (Schlehenlikör) und „zamarra“ (Schaffell, Hirtenjacke). Das Euskara ist eine vorromanische Sprache. Das heißt, es wurde auf der iberischen Halbinsel gesprochen, bevor sie von den Römern besetzt und das Latein eingeführt wurde. Latein ist die Grundlage der kastilischen Sprache, bzw. dessen was wir heute als Spanisch bezeichnen. Latein hat lange und kurze Vokale, wenn auch im späten Vulgärlatein in allen Romgebieten die Unterschiede bezüglich lang und kurz verschwanden und ersetzt wurden durch Unterschiede in der Ausspracheklarheit. Die Basken hingegen sagen, dass wir die klaren und durchsichtigen Laute unserer fünf Vokale aus dem Euskara geerbt haben. Der berühmte spanische Philologe Menéndez Pidal sagte, der Verlust des lateinischen Buchstaben „f“ am Wortbeginn, wie zum Beispiel in „facere, fervere, furnus (spanisch: hacer, hervir, horno – machen, kochen, Herd) sei dem Einfluss des Baskischen geschuldet, bei jener Sprache existierte dieser Laut nicht. Doch heutzutage wollen die Philologen davon nichts mehr wissen. Dagegen spricht der Eintrag zu „heñir“ (kneten), der sich auf Pidal und den Euskara-Zusammenhang bezieht. Der Ursprung des Euskara ist bisher unbekannt, es stammt nicht aus der indoeuropäischen Sprachfamilie. (Etimologia de Chile).

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