franquismo
81 Jahre Militärputsch

Am 18.Juli 2017 vor genau 81 Jahren putschten faschistische Generäle in Spanien gegen die demokratisch gewählte republikanische Regierung. Unterstützt wurden sie von der katholischen Kirche und der Oligarchie. Es folgte ein Krieg, der verwirrenderweise „Bürgerkrieg“ genannt wurde, obwohl er keiner war. Zu viele internationale Interessen mischten sich in die kriegerische Auseinandersetzung zwischen 1936 und 1939. 81 Jahre nach dem Militärputsch liegen noch immer mehr als 110.000 Leichen in Massengräbern.

Manche sprechen von 140.000, die Regierung kümmert es einen Dreck. 81 Jahre nach dem Militärputsch und 42 Jahre nach dem Tod des Führers hat sich noch keine „demokratische“ spanische Regierung zu Krieg und Diktatur geäußert, geschweige denn, das Regime verurteilt. Im Gegenteil, bis heute wird der Diktator gelobt, seine Verbrechen werden von offizieller Stelle auf einen „autoritären Stil“ reduziert. 81 Jahre nach dem franquistischen Militärputsch erhält die Stiftung Francisco Franco Millionenbeträge für die Pflege faschistischer Traditionen und dafür, dass sie staatliche Dokumente geraubt hat, die der Öffentlichkeit nicht zur Verfügung stehen. 81 Jahre nach dem Militärputsch und 42 Jahre nach dem Tod des Führers sind die erfolgten Terrorurteile gegen Republikaner*innen nach wie vor gültig und prägen die politisch-juristische Landschaft eines Landes, das sich gerne „Demokratie“ nennt. 81 Jahre nach dem faschistischen Militärputsch tragen noch mehr als 300 Straßen des Staates den Namen des Massenmörders, auf Hunderte von Straßen sind die Namen der übrigen Schlächter zu lesen. 81 Jahre nach dem Militärputsch und 42 Jahre nach dem Tod des Generalísimo schmücken sich noch Zehntausende von Faschisten mit goldenen Verdienstmedaillen und Auszeichnungen wie „Ehrenbürger von …“. 81 Jahre nach dem faschistischen Militärputsch und 42 Jahre nach dem Tod Francos haben auch die deutschen Bundesregierungen nicht mehr zu Papier gebracht als ein laues Eingeständnis, dass „deutsche Soldaten irgendwie an den tragischen Ereignissen beteiligt waren“ – was manche fälschlicherweise als Entschuldigung auslegen. 81 Jahre nach dem Militärputsch und 42 Jahre nach dem Tod des Führers wurde kein einziger der Kriegsverbrecher, Völkermörder, Folterer und Vergewaltiger jemals vor Gericht gestellt, um sich für seine Taten zu verantworten. 81 Jahre nach dem nationalkatholischen Militärputsch, 42 Jahre nach dem Tod des Oberfaschisten und 40 Jahre nach der Verkündung einer Generalamnestie für alle franquistischen Verbrecher wird die Universelle Menschenrechts-Erklärung weiterhin mit Füßen getreten und ignoriert. Die Liste könnte fortgesetzt werden – Spanien ist Lichtjahre davon entfernt, ein demokratisches Land zu sein. (U.B.)

Rioja
Was ist Demokratie

Zu Besuch bei den Eltern eines Freundes, um einen schwergewichtigen Schrank zu transportieren. Gelegenheit für einen Abstecher ins Rioja-Weingebiet, das Auge gewöhnt sich schnell an das neue landschaftliche Panorama. Rundgang durch die überraschend große lehmfarbene Altstadt. Die Einladung zum Mittagessen basiert auf einer köstlichen Paella, gut mit Meeresfrüchten und Hühnerteilchen bestückt, nicht wie in den billigen Tagesmenüs, wo solcherart Leckerbissen gesucht werden wie die Stecknadel im Heuhaufen. Iloba begleitet uns, die Nichte von Osaba, dem Onkel. Sobremesa ist eine baskische Tatsache, für die es keine deutsche Übersetzung gibt. Wörtlich übersetzt „Übertisch“ ist es die Kommunikation nach dem Essen, mit Nachtisch, Kaffee und Abschlusslikör. Mitunter kann Sobremesa nochmal so lange dauern wie das ganze Essen. Hier ist die köstliche Mahlzeit nicht nur die notwendige Zufuhr von Nahrungsmitteln, sondern Mittel zum Zweck des Austausches von Ansichten aller Art. Opa Aitite ist gerade bei einem Diskurs über die Unzulänglichkeiten der Demokratie im Lande der Iberer und Vaskonen, als sich Ilobas Stimme überraschend in die Diskussion mischt und alle erwachsenen Diskutierer*innen verstummen lässt. „Ich weiß, was Demokratie ist“, sagt sie selbstbewusst. Nach einem Moment der Stille die Nachfrage: „Und was ist Demokratie?“ Die umgehende Antwort lautet: „Demokratie ist, wenn die Leute wählen können“. – „Und wie oft dürfen die Leute wählen?“ – Das wusste Iloba nicht. Alle vier Jahre, wurde sie von einer Erwachsenenseele belehrt. Aufmerksam schaute sie in die Runde, fast wurden die Gedanken greifbar, die sie in ihrem Kopf bewegte. „Wenn Demokratie wählen bedeutet, was ist dann zwischen den vier Jahren? Da fehlt doch was“. Sie dachte nicht lange nach: „Das stimmt“, sagte sie und wandte sich wieder ihren Farbzeichnungen zu, die sie wegen Demokratie kurzzeitig vernachlässigt hatte. Malen, denken und einmischen schließt sich gegenseitig nicht aus. Schon gar nicht bei neunjährigen Ilobas. (AU)

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7.Juli 1985

Wo warst du an jenem Tag? lautet die Frage, wenn du nicht dort warst, wo sich die Dinge ereignet haben – „Sarri, Sarri“ ist ein Song der Rockgruppe Kortatu, den auch 30 Jahre danach jedes Kind kennt und der in allen baskischen Radios gespielt wird. Was nicht bedeutet, dass alle die Geschichte des Songs kennen. „Sarri, Sarri“ ist die Geschichte von einem, der aus dem Gefängnis ausbrach. Im Knast wurde ein Konzert gegeben, der Gefangene versteckte sich in einer Box, wurde abtransportiert und war frei. Eigentlich eine lustige Geschichte, hätte es sich nicht um einen politischen Gefangenen gehandelt. Das ändert die Vorzeichen. Dreißig Jahre tauchte der Flüchtling unter, niemand wusste, wo er lebte. Dennoch wussten alle, was er arbeitete. Wurde er doch zu einem der bekanntesten baskischen Schriftsteller: Joseba Sarrionandia. Daher der Songtitel „Sarri“. Wohl kannte ich das Lied, auch einige seiner Bücher hatte ich gelesen, nicht zuletzt „Von nirgendwo und überall“, eine beeindruckende Textreise durch Knast und Philosophie. Ich wusste, dass er mit Leuten wie Bernardo Atxaga und Ruper Ordorika zusammen die revolutionäre literarische POTT-Gruppe gegründet hatte, eine baskische Underground-Zeitung der frühen 1980er Jahre. Was ich längst vergessen hatte, war das Datum seines spektakulären Ausbruchs. Niemand hätte mir die Eingangsfrage stellen dürfen. Bis Sarri zu einem Job an der Universität in Havanna berufen wurde und sich outete. Die Zeitungen waren voller Berichte und Bilder, eine davon dokumentierte ihr eigenes Titelbild vom Fluchttag: „Zwei ETA-Gefangene aus dem Gefängnis Martutene ausgebrochen“ lautete die Schlagzeile. Das Foto neben diesem Aufmacher hingegen war mir eine große Überraschung – und sofort wusste ich, was ich am Tag der Flucht gemacht hatte. Abgebildet war ein pubertärer Boris Becker, der seinen ersten Wimbledon-Pokal in die Luft hielt. Gewonnen am Tag der Flucht – und mit mir vor der Glotze. Nie wieder werde ich Sarris Ausbruchstag vergessen. Dank Boris. (UB)

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Fiesta?

Von Juni bis September vergeht im Baskenbland kein Wochenende ohne Fiestas. Was für alle ein Vergnügen sein könnte, endet oft tragisch. Fiestas werden immer mehr zum Synonym für Vergewaltigung. Das erste Juli-Wochenende mit Festen in Zarautz und Sopela endete mit jeweils einem jener drastischen Übergriffe. Es erfordert Abstraktionsvermögen, Fiestas zu genießen, in vollem Bewusstsein, dass jeden Moment die Nachricht eines sexuellen Übergriffs oder einer Vergewaltigung bekannt werden kann. Auf der Suche nach Ursachen greift das Argument Alkohol zu kurz. Anders als in nordischen Ländern wie Irland, England oder Deutschland, wo Alkohol direkt zu Agression führt, hat der Stoff im Baskenland mitunter sogar eine beruhigende, kommunikative und humorfördernde Wirkung. Springender Punkt ist vielmehr die männliche Mentalität, die in diesen Breiten Machismo genannt wird. Mitunter gehen die machistischen Machenschaften über Grenzen hinaus, die für Normaldenkende nicht einmal mehr vorstellbar sind, auch nicht in psychopathischen Kategorien. Im vergangenen Sommer ereignete sich bei den für grenzenlosen Sexismus berüchtigten Sanfermin-Fiestas in Pamplona eine Mehrfach-Vergewaltigung, die ganz offenbar detailliert durchgeplant war. Fünf Typen aus dem spanischen Süden vergewaltigten eine junge Frau und filmten den Vorgang mit dem Handy. Nur weil die Frau sofort zur Polizei ging und die Polizei bereits im Vorfeld ausreichend sensibilisiert worden war, ging ihnen die Fünferbande in die Fänge. Dass darunter ein Guardia-Civil-Polizist war, überraschte nicht besonders, gab der Geschichte jedoch einen für Medien (und die baskische Linke) nett morbiden Beigeschmack. Die Täter sitzen seither in U-Haft. Bei der erdrückenden Beweislage gaben sie als Erklärung an, die junge Frau sei einverstanden gewesen – vergewaltigt zu werden? Sex mit fünf Typen zusammen zu haben? Solche Ausreden können nur kranken Männerhirnen entspringen. Unvorstellbar, aber es kam schlimmer. Im Laufe der Ermittlungen kam eine weitere Vergewaltigung ans Tageslicht, die noch nicht einmal angezeigt war, weil das Opfer mit einer Chemikalie betäubt worden war und nicht wusste, was geschehen war. Entlarvendes Indiz war erneut die Macho-Arroganz, die neuerdings darin besteht, nicht nur ekelhafte Gewaltakte zu vollbringen, sondern sie auch noch abzufilmen – um sie später stolz den Kollegen vorführen zu können. Weshalb sonst. In diesen Gemütern herrscht eine Annahme von Straffreiheit, von Normalität der begangenen Tat: nehmen was kommt, Objekte gibt es überall. Darin stimmen jene modernen Vergewaltiger überein mit den spanischen Faschisten seit dem Krieg vor 80 Jahren: Straffreiheit, nehmen was kommt. Dagegen helfen keine wohlgemeinten Aufklärungskampagnen von inkonsequenten politischen Parteien oder männerbesetzten Rathäusern. Nicht in Donosti, nicht in Bilbo und schon gar nicht in Pamplona.

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Tourismus – Euskalduna

Die Menschen sind leichtgläubig und blauäugig. Den Ort, auf dem heute das Guggenheim-Museum steht, füllte einst eine riesige Werft mit Namen Euskalduna. Als die große Schiffsfabrik Ende der 1980er Jahre auf Betreiben der EU geschlossen wurde, setzte die Stadtverwaltung fortan auf Tourismus und Dienstleistung. „Von irgend etwas müssen die Leute ja leben“. Sagen die Gutwilligen. „Die Werftarbeitsplätze wurden eben von der Gastronomie ersetzt“. Die Blauäugigen glauben das. Doch der alte Gewerkschafter, der die Geschichte hautnah erlebt hat, widerspricht energisch. „Stellt euch vor, in der Werft arbeiteten 5.000 Personen, und nochmal 5.000 lebten indirekt von diesem Werk. Nehmen wir an, diese 10.000 Arbeitsplätze wurden später im Dienstleistungsgewerbe wieder angeboten, dann hätten wir also erneut dieselbe Anzahl von Arbeitsplätzen“. Das Argument ist nicht unbekannt. Die Verteidiger des Tourismus-Modells befleißigen sich, es zu wiederholen: „Das Museum hat Tausende von Arbeitsplätzen hervorgebracht!“. – „Doch vergleichen wir nicht Zement mit Wackelpudding, auch wenn beide dieselbe Farbe haben“, sagt der Gewerkschafter. „Die Werftarbeiter hatten feste Arbeitsverträge, waren gut organisiert, wenn sie streikten, stand Bilbao still. Die im Tourismus, in der Gastronomie oder sonstiger Dienstleistung arbeiten, haben keine festen Verträge, viele schuften für Subunternehmen, haben schlechte Arbeitszeiten und werden noch schlechter bezahlt. Gewerkschaftlich organisiert sind die wenigsten“. Selbst der überzeugteste Vertreter der Veränderung muss zustimmen, dass der Vergleich auf keinen gleichstarken Beinen steht. Zu Euskalduna-Zeiten gab es keine Ein-Monats-Verträge. Ein Alleinverdiener konnte die Familie durchbringen und die Wohnung abzahlen. Das können heute nicht einmal drei zusammen. Sagt der alte Gewerkschafter. Und er hat Recht. Das mussten die Guggenheim-Pädagog*innen erfahren, als sie für bessere Arbeitsbedingungen streikten. Sie wurden alle entlassen. Also, bitte keine Vergleiche mehr. (A.U.)

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