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Architektur

Bilbao soll eine Architekturstadt sein. Das sagen anreisende Touristen. Als ich es das erste Mal hörte, dachte ich, die hätten sich getäuscht, sie hätten womöglich Bilbao mit Bologna verwechselt. Oder mit dem Phänomen, das jahrelang die europäischen Schlagzeilen zierte: Guggenheim-Effekt. Als ich den Begriff erneut hörte, wurde ich stutzig und musste mir eingestehen, dass ich wieder einmal der touristischen Propaganda-Maschinerie hinterher hinkte. Bilbao hatte einmal mehr den Effekt gewechselt, oder besser gesagt:

... sich ein neues Attribut an die Westentasche geheftet. Es bedeutete einige Erinnerungsarbeit, um den Coup zu verstehen. Am Anfang war das berühmte Museum als Attraktion ausreichend. Doch als es um die Verbreiterung des touristischen Angebots ging, wurde der Begriff lästig, das Effekt-Konzept musste ausgedehnt werden auf die ganze Stadt: die Geburtsstunde des Bilbao-Effekts, der mittels Medien und Propaganda über die Welt verbreitet wurde. Ähnlich funktionierte die Geschichte mit der Architektur. Bis heute käme es mir nicht in den Sinn, im Falle dieser Stadt von einem architektonisch interessanten Ort zu sprechen. Am ehesten noch Industriearchitektur betreffend – doch das interessiert niemand. Bilbao könnte genausogut als Ansammlung von Schandflecken gesehen werden: das historische Stadtdepot wurde verschandelt, das Weinlager Alhondiga zur Unkenntlichkeit verbaut, ein Energieturm beherrscht phallisch die Stadt, die Glaswohntürme am Fluss verbreiten dominant einen Hauch von Metropole. Allein das Guggenheim-Museum, die geschwungene weiße Brücke und der schiffsförmige Kongresspalast verbreiten Charme, Besonderheit oder Exotismus. Die einheimischen Architekt*innen beschwerten sich jahrelang, bei diesen Projekten nicht bedacht zu werden. Mein innerlicher Rückblick ließ mich das Konzept verstehen, das dahinter steht. Es entspricht dem Konzept der kindlichen Sammelbilder. Für jedes neue emblematische Gebäude wird eine internationale Größe unter Vertrag genommen. Am Ende steht dann nicht nur eine Serie von Vorzeigegebäuden, daneben steht auch eine Serie von very important architects – und schon sind wir bei der Architekturstadt angekommen. Das war mir entgangen. Nicht entgangen war mir, dass diese Leute sich nicht nur ihre handwerkliche Arbeit bezahlen lassen, sondern auch die „Nutzung“ ihrer Namen bis in alle vorläufige Ewigkeit: Pelli, Foster, Calatrava, Starcke, Isozaki, Gehry, etc. Nun ist Bilbao also Architekturstadt, ich nehme es zur Kenntnis und fluche weiter über Alhondiga und bald auch über den neuen Super-Bahnhof, der mehr an Stuttgart erinnern wird als an die erste baskische Industriestadt. Bilbao schreibt sich die Architektennamen wie Sammelbildchen auf seine Fahnen, um Rom und Barcelona Konkurrenz zu machen auf dem Weg zum massentouristischen Magneten.

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Totaler Tourismus

Das Jahr 2017 wird in Bilbao als jenes in die Geschichte eingehen, in dem die erste öffentliche Antwort auf den seit 15 Jahren massiv ansteigenden Massentourismus erfolgte. Bisher waren die Menschen in Bilbo davon überzeugt, dass es sich beim Tourismus um ein Wohl für alle handele, dass dadurch Arbeitsplätze geschaffen werden, dass es keine Alternativen gäbe, weil das Industriezeitalter ja vorbei sei. Dafür müssten dann eben ein paar Unannehmlichkeiten in Kauf genommen werden: ... dass die Straßen der Altstadt mit Führungsgruppen verstopft sind, dass die gewohnten Läden schließen und Souvernirläden aufgemacht werden, dass im traditionellen Markt wegen fotografierender Reisender nicht mehr eingekauft werden kann, dass Wohnungen eher an Touristen als an Einheimische vermietet werden, dass in den Kneipen die Preise steigen und ein langes Etcetera. Die letzten Jahre hatten sich kritische Stimmen gehäuft, nachdem spürbar wurde, dass sich der Tourismus nicht mehr nur auf das Guggenheim-Museum und die Altstadt konzentrierte, sondern sich auch in anderen Stadtteilen breit machte. Vor Jahren wurde im Tourismusbüro noch vor dem Stadtteil San Franscisco gewarnt, Drogen, Prostitution, Kriminalität waren die Argumente. Mittlerweile wird das Barrio als „multikultureller Meltingpot“ fast schon empfohlen. Überall sind Reisende mit Kameras vor der Brust zu sehen, immer mehr Zimmer und Wohnungen werden illegal an Reisende vermietet. In Gipuzkoa (Frankreich-Nähe, Kulturhauptstadt) war bereits im vergangenen Jahr deutliche Kritik zu vernehmen, an einzelnen Orten waren Anti-Tourismus-Graffitis zu sehen oder hingen entsprechende Transparente. Sogar der Bürgermeister von Donostia (San Sebastian) musste eingestehen, dass es hinsichtlich des Tourismus Grenzen gäbe, die nicht überschritten werden dürften. Das Thema war serviert. Jetzt hat  die Kritik auch in Bilbo (Bilbao) in Form von Aufklebern ihren Ausdruck gefunden: „Tourism kills the City“ – auf Englisch, damit es auch wirklich alle verstehen. Die Reaktion des Tourismus-Verantwortlichen im Rathaus war deftig und polemisch, er sprach von „Hassparolen und Ausländerfeindlichkeit“. In der Antwort der tourismus-kritischen Stimmen ist von „Wildem Tourismus“ die Rede (turismo salvaje), dessen einziges Ziel die Geldmache ist, ohne Rücksicht auf die Interessen der anwohnenden Bevölkerung. Damit wird der Nagel auf den Kopf getroffen. „Todo por la pasta!“ – „Alles für die Knete“, ist der Vorwurf. „Der wilde Tourismus wirft dich aus deiner Wohnung, aus deinem Stadtteil“ – allzu viele in Bilbao wissen davon schon ein Lied zu singen.

Dieser wüste Tourismus geht einher mit einem Prozess, der in Europa Gentrifizierung genannt wird. Im Baskenland wird der Begriff erst langsam bekannt, das dahinter stehende Konzept hilft, die Vorgänge zu verstehen, die sich in der direkten Nachbarschaft abspielen. Es hilft auch, die manchmal unsichtbar erscheinende Rolle der Politik in diesem Prozess zu verstehen, denn  weder Tourismus noch Gentrifizierung fallen vom Himmel. Es sind Konzepte, die in der Regel von langer Hand geplant wurden und mit etwas Aufmerksamkeit auch im Alltag nachvollziehbar sind. Doch Gentrifizierung ist ein zweites Thema, das an dieser Stelle zu bearbeiten sein wird.

Was das Baskenland momentan erlebt, ist unter anderem eine Folge des islamischen „Bombentourismus“. Bereits im vergangenen Jahr war auffällig, wie viele Holländer*innen sich plötzlich in der Altstadt von Bilbo aufhielten, auch immer mehr Französ*innen und Deutsche. Die Erklärung ist einfach, es reicht ein Blick auf die Tourismus-Entwicklung in Frankreich oder Belgien. Dort gab es nach verschiedenen Anschlägen bereits dramatische Einbrüche bei den Besuchszahlen. Es folgten weitere Anschläge und weitere Einbrüche. Stattdessen erfahren Spanien und das Baskenland als „relativ sichere Gebiete“ Rekordzuwächse um 10% pro Jahr. Aus Regionen wie Mallorca oder Barcelona, aber auch aus Malaga sind klagende Stimmen zu hören, die von unzumutbaren Zuständen berichten, die der von der Politik zugelassene und gewollte Massentourismus provoziert hat. Turismo salvaje eben.

Dass die Türkei, Ägypten, Tunesien ähnliche Erfahrungen machen wie Frankreich, verstärkt die Entwicklung. Die Holländer*innen fahren statt nach Frankreich einfach eine Station weiter nach Euskal Herria. Doch steht der Erfolg des Wirtschaftsbereichs Tourismus auf tönernen Beinen: es reicht ein Attentat, und der Boom bricht in sich zusammen – wie in Frankreich, Ägypten oder der Türkei. Es klingt bitter, aber heutzutage sind es die Islamisten, die in Europa die Urlaubsziele bestimmen – oder ausschließen. Der Krieg ist längst nach Europa zurückgekehrt. (RB)

Ovidio
Am fals
chen Ort

Zynisch ist der Satz, eine Person sei im falschen Moment am falschen Ort gewesen, wenn das Ereignis tödlich ausging. Über Ovidio Ferreira wurde der Satz viel zu häufig gesagt, nach dem er 1981 in Bilbao zwischen die Fronten kam. Es waren die bleiernen Jahre im Baskenland. Die Erben Francos saßen fest im Sattel, ETA produzierte reihenweise tödliche Attentate und in der Polizeipraxis war von systematischer Folter bis Todesschuss praktisch alles erlaubt. In der Altstadt Bilbaos verteilte ein Briefträger seine Post, er befand sich gerade in der Barrenkale als die Situation lebensgefährlich wurde. Die Nationalpolizei war einem ETA-Kommando auf der Spur, es wurde scharf geschossen. Ovidio war „zur falschen Zeit am falschen Ort“. Die Polizei ballerte wild durch die Straßen und erwischte den Briefträger, das Kommando entkam. Ovidio, dessen Familie aus Galicien stammte, lag vier Tage im Koma bevor er starb. Im Polizeibericht hieß es, er sei von Kugeln der ETA-Leute getroffen worden. Augenzeugen hingegen berichteten, dass die Basken gar nicht geschossen hätten, nur die Polizei. Doch wurden diese Zeugen nicht ernst genommen, was zählte war der Polizeibericht. So gilt Ovidio als eines der mehr als 800 Opfer der baskischen Untergrund-Organisation, als „Opfer des Terrorismus“. Diese Opfer erfahren heutzutage eine Aufmerksamkeit wie nie zuvor, insbesondere ermordete Politiker werden geehrt. Nicht so Ovidio. Allein eine dunkelrote Tafel in der Barrenkale erinnert an sein Schicksal. Kein staatlicher Vertreter hat sich jemals an diesen Ort verirrt, um dem „Opfer des Terrorismus“ erinnernde Worte zu widmen. In Wirklichkeit werden sie es wohl wissen, was wirklich geschah, es wäre peinlich, wenn sie öffentlich beim Missbrauch von Ovidios Namen erwischt würden. Andere sind es, die sich an den Briefträger erinnern, Leute, die von staatswegen gewöhnlich als „Freunde des Terrorismus“ bezeichnet werden. Die Tafel dokumentiert die Wahrheit, in baskischer Sprache: „1981-07-14an hementxe bertan Ovidio Ferreira erahil zuten F.O.P.ek. Gogoan zaitugu“ – hier wurde Ovidio Ferreira von den polizeilichen Besatzungskräften umgebracht. Niemand stört sich an der markanten Feststellung. Ovidio hätte einen Platz verdient in der Liste der baskischen Regierung, die sich „Opfer von Polizeigewalt“ nennt und ebenso einzigartig wie umstritten ist im spanischen Staat. Doch hat der arme Galicier keine gute Lobby, seine Familie will nicht mehr. Ovidio ist zu einem von vielen gesichtlosen Namen geworden, die nur noch im Kampf um die Geschichtsschreibung eine Rolle spielen.

gaztelugatxe
Verfluchte T-Spiele!

Fernsehen zusammen mit Mobiltelefonen und den (un)sozialen Medien sind zu einer Plage geworden. Internet dringt in die kleinsten und intimsten Räume des Lebens vor, alles wird öffentlich. Die Ereignisse der Welt rücken zusammen, Persönlichkeit und Auswahlkriterien gehen verloren, Konsum steigert sich ins Unendliche, Suchtstrukturen greifen um sich. Eine typisch dümmliche Werbeanzeige eines Reisebüros sollte mich nicht weiter interessieren … es gibt kein Entkommen, es geht um unseren Lebensraum! 7 Tage Fly & Drive zu den Drehorten der 7. Staffel im Baskenland ab 130€! Über ein Jahr mussten wir jetzt schon warten! Heute ist es aber endlich soweit, die 7. Staffel „Game of Thrones“ läuft endlich an. „Game of Thrones“? Ein neues Videospiel? Wieso zum Teufel muss ich mich mit „Game of Thrones“ beschäftigen. Schon der Hype um „Star Wars“ war mir zuwider, nicht einen einzigen Teil hatte ich gesehen. Und nun das. Dabei interessieren uns sehr viele brennende Fragen: Wird es Daenerys schaffen, Westeros zurückzuerobern? Jon Snow, kann er endlich das bestialische Abmetzeln seiner Familie rächen? Und wie sieht es bei Cersei aus, wird sie jetzt noch den Thron halten können, wo sie nur mehr ganz alleine ist? Wer wird diese Staffel nicht überleben? Interessiert mich einen feuchten Kehrricht, sagen Hochschullehrer*innen in solchen Situationen vornehm und ohne deftiges Vokabular. Verfluchte Scheiße sage ich! Fragen über Fragen, die wir hoffentlich noch in dieser Staffel beantwortet kriegen. Was wir euch jetzt schon beantworten können ist, welche genialen Filmkulissen es in der aktuellen Staffel zu bestaunen geben wird. Für mich stellt sich allein die Frage nach der Zahl der Eindringlinge in meine Lebenswelt. Sie waren hier, um Szenen abzudrehen, die Schaulustigen reagierten abgedreht und ich hatte keine Ahnung, was mit diesem „Games of Throne“ auf mich zu kam. Eine Sucht-Serie, die „man gesehen haben muss“. Alle außer mir, ich weigere mich standhaft. Nun stehe ich vor den sozialen, ökologischen und psychologischen Folgen: meine Heimat wird zur Filmkulisse, zum Gegenstand, zum Reiseobjekt. Bedrohlich alles. Nachdem die letzten Staffeln für einen regelrechten Touristen-Boom in Island, Irland und Kroatien gesorgt haben finden wir, dass es hier im noch wenig beachteten Baskenland auch so passieren wird. Die schroffe Küste, das rauhe Meer, die Felsformationen und die alten Kirchen und Klöster, das sind die perfekten Traumkulissen für „Game of Thrones“ und einfach unglaublich schön! Dieser Boom soll sich nun wiederholen, nicht? Bereits an Ostern bekamen wir einen Vorgeschmack: an Orten, an denen sich bisher zwischen 30 und 100 Personen einfanden, fielen mit einem Mal Tausende ein. Nein! Ich weigere mich, an dieser Stelle Namen zu nennen und dem Hype auf diesem Weg auch noch meine Unterstützung zukommen zu lassen. Was gestern noch ein Geheimtipp war, ist schon heute ein Ort von Massenverkehr. Mit allen Konsequenzen, Plastikflaschen, Sauereien, Verkehrsstau, Preissteigerung. Übermorgen wird dort Eintritt kassiert und nächste Woche wird der Zugang beschränkt: nur dreitausend pro Tag, wird die Regierung sagen, mehr sei ökologisch nicht vertretbar. Doch schon die hundert von damals waren zu viel. Wir haben euch eine 7-tägige Fly&Drive-Reise ins Baskenland mit Nonstop-Flügen nach Santander und Mietwagen für gerade einmal 130€ p.P. bei einer Reise zu zweit zusammengestellt. Vielleicht wandern wir alle aus … an irgend einen Geheimtipp in der Südsee! Waaahnsinn! (Anmerkung: Die Quelle der erwähnten Zitate ist der Redaktion bekannt. Sie können abgefragt werden unter Vorlage eines gültigen Personalausweises und nach einer eidesstattlichen Versicherung, besagte Orte nicht zu bereisen).

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