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Baskische Fischkutter entführen

Baskische Fischkutter fischen regelmäßig im Indischen Ozean. Der nahe liegende Atlantik ist derart leergefischt, dass weitere Reisen gemacht werden müssen. Gefischt wird in sog. internationalen Gewässern, die dennoch vor irgendeiner Küste liegen. In diesem Fall die somalische. Deshalb ist diese Praxis umstritten. Es kommt zu Zwischenfällen. Zu diesen Zwischenfällen gehören Kaperversuche von somalischen Piraten. Zuletzt war am 19. November 2017der Kutter „Galerna III“ betroffen.

In diesem Fall wurde der Kaper- oder auch Entführungsversuch abgewehrt. Das gelang nicht immer. Im Oktober 2009 wurde die Besatzung des Kutters „Alakrana“ aus dem baskischen Bermeo gekapert und entführt und erst 47 Tage später befreit. Das gezahlte Lösegeld wird auf ca. 4 Millionen Euro geschätzt. Bereits ein Jahr zuvor war der Kutter „Playa de Bakio“ kurzzeitig entführt worden. Diese beiden Entführungen führten zu einem radikalen Strategiewechsel. Die spanische Gesetzgebung wurde geändert, den an Bord anwesenden Sicherheitskräften wurde fortan der Einsatz schwerer Waffen erlaubt. Gleichzeitig verstärkte die spanische Armee ihre Präsenz in der besagten Meereszone – nicht ohne Kollateralinteressen. Von diesen an Bord anwesenden Sicherheitskräften wurden im November 2017 die Piraten zurückgeschlagen, die der „Galerna III“ habhaft werden wollten. Nur wenig später wurden sie von einer englischen Fregatte festgenommen. Was zeigt, dass auch andere Staaten Interessen in dieser Fischereizone haben und militärische Präsenz zeigen. Und nicht nur, um die eigenen Kutter zu schützen. Somalia ist ein Krisenherd, Kriegsschauplatz und strategischer Ort: das Horn von Afrika (oder auch Golf von Aden, im Arabischen Meer), zwischen Äthiopien, Eritrea, Yemen und Somalia. Fischbestände sind Rohstoffe, die in diesem Fall aus dem Gebiet anderer Kontinente ausgebeutet werden. Es versteht sich von selbst, dass somalische Kutter nicht in der Nordsee fischen, obwohl sie möglicherweise das Recht dazu hätten. Die baskische Kutterflotte fährt zum Ausladen auch nicht zurück nach Europa. Die Schiffs-Besatzungen werden alle paar Monate auf den Seychellen ausgewechselt, der Fang wird auf Frachtern ins Baskenland gebracht, die Kutter bleiben vor Ort. Bei den somalischen Piraten handelt es sich – ebenfalls keine Überraschung – nicht um Robin Hoods, die das erbeutete Lösegeld unter der armen Bevölkerung verteilen. Es ist eine Mafia, die versucht, von der europäischen Meeresausbeutung des Indischen Ozeans zu profitieren.

mtv gala
We want Massentourismus!

Vor zwei Wochen hat Bilbao den Urbanismus-Award für die „beste Stadt Europas 2018” erhalten – kurz danach wurde die Stadt zum Sitz der MTV-Preisverleihungs-Gala 2018 gekürt. Der Bürgermeister ist nun Spekulationen (in aller Munde!) entgegen getreten, dass für den Urbanismus-Award etwas bezahlt worden wäre. „En este premio no nos hemos gastado un duro,“ sagte er. „Duro” wurden früher die 5-Pesetenstücke genannt, solange es sie gab, der Begriff hält sich im Sprachgebrauch. Was die MTV-Gala gekostet hat, darüber wollte sich der Bilbao-Oberste nicht auslassen. Er räumte ein, dass Geld im Spiel war. Nicht genug mit diesen beiden Events: 2018 wird auch das Finale der Rugby-Championsleague in Bilbao ausgespielt, sowie die Gala der weltbesten Restaurants. Für den BM Aburto wird es „ein spektakuläres Jahr“. Dabei denkt er allein in finanziellen Kategorien. Denn erreicht wird bei den vier Spektakeln genau das Publikum, das sich die Kapitalisten im Rathaus wünschen: keine Rucksack-Touristen, sondern zahlungskräftiges Personal, das keine Ausgabe scheut. Die internationalen Hotelketten werden sich füllen und ihre Gewinne in Steuerparadiesen deponieren. Einmal mehr wird – insbesondere die Altstadt von Bilbao – zum Disneyland für Tausende von Reisenden, Einheimische sollten sich am Besten kurzfristig ein Exil suchen, sie stören bei diesen Anlässen nur, falls sie nicht zum billigen Gastronomie-Personal gehören, das zur Bewirtschaftung nötig ist. Dass solche Preise erkauft werden, ist ein offenes Geheimnis. Gekauft muss jedoch nicht heißen, dass unmittelbar Geld geflossen ist. Vielmehr handelt es sich heutzutage – ganz der Stil der baskischen Christdemokraten (PNV) – um den Austausch von wertvollen Gesten und Transfers. So klagte die Opposition im Stadtrat im vergangenen Sommer, dass eine Stiftung einen 1,5 Millionen-Auftrag erhielt, ohne öffentliche Ausschreibung. Die Stiftung wird geleitet vom Urbanisten Alfonso Vergara, der zufällig auch noch Konsul von Singapur ist. Dort wiederum wurde dem vorherigen Bürgermeister (der Rassist Azkuna) 2013 der Preis für „den besten Bürgermeister der Welt“ verliehen. Es schließt sich also ein Kreis. Korruption im üblichen Sinn ist das nicht, aber eben doch. Auf die Kosten zur Erlangung der MTV-Gala angesprochen, wollte Aburto keine konkreten Aussagen machen. „Immer wenn wir an solche Events denken, die kosten natürlich Geld, sie bringen auch Geld, aber es gibt etwas, das bei diesen Rechnungen nicht einbezogen wird, das ist die Sauberkeit, die Sicherheit, das Wichtige ist, dass die Stadtpolizei und der Sicherheitsdienst gut organisiert sind.“ Etwas kryptisch, aber knallhart vorbei am Interesse der Bevölkerungs-Mehrheit. Viel offenherziger sind die politischen Verantwortlichen, wenn es um das Kalkül der zu erwartenden Einnahmen geht. Da werden gerne Zahlen genannt und hundert Mal wiederholt, wenn es sein muss. Der Provinzfürst Rementeria versicherte unlängst ungefragt, die MTV-Sause bringe 44 Millionen Euro ein und sei die Garantie für die Schaffung und Sicherung von 600 Arbeitsplätzen. Wie diese Rechnungen zustande kommen, in welchen Kassen diese Millionen enden sollen, darüber schweigen sich die Herren aus. Und ob es sich um die üblichen prekären Drecks-Arbeitsplätze handelt, auch davon war nirgendwo die Rede. Eine gute Nachricht noch: Für 2018 reicht es zwar noch nicht, aber in den Folgejahren soll die Tour de France in Bilbao gestartet werden. Dazu ist es nicht notwendig, dass Bilbao nach Frankreich eingemeindet wird. Das wissen sogar die Radfans in Berlin und London. Soll jemand behaupten, das würde kein Geld kosten!

kokain
Koks für die Bullen!

Satire ist nichts für spanische Gemüter. Schon gar nicht für Gesetzesvertreter. Sie haben keinen Sinn für Humor, kennen keine Meinungsfreiheit (außer für Neofranquisten), und Medienfreiheit genausowenig. Deshalb hat die Satire-Zeitung JUEVES (Donnerstag) nun eine Anzeige am Hals. Nicht die erste. In einer ihrer letzten Nummern hatte die humoristische Wochenzeitschrift über das Verhältnis von spanischer Polizei und Kokainkonsum sinniert. “La continua presencia de antidisturbios acaba con las reservasde cocaina en Cataluña”, hieß der Satz im Original, was auf Deutsch ungefähr bedeutet: “Die fortgesetzte Präsenz der Spezialeinheiten hat zum Ende der letzten Kokainreserven in Katalonien geführt.“ Satire darf alles! Darf Satire alles? In England darf die Königin nicht beleidigt werden. In Spanien gilt dies für alle Repräsentanten der Regierung und der Repressionskräfte – ziemlich viele, alle unantastbar. Der Baske Arnaldo Otegi musste ins Gefängnis, weil er den König als „Chef der Folterer“ bezeichnete. Was er war und ist. Im vorliegenden Fall hat auch JUEVES nur eine bekannte Wahrheit ausgesprochen, sie auf die Spitze getrieben. Doch die Wahrheit tut weh und wird entweder tabuisiert, illegalisiert oder sanktioniert. Bekannte Tatsache ist, dass Polizisten nicht einfach nur einen Einsatzbefehl erhalten und dann tun, was ihnen aufgetragen. Dazu kommt eine Eigendynamik innerhalb der Einsatzkräfte, die in der Regel gerne in Kauf genommen und selbstverständlich gedeckt wird. Im Gegenteil, die Einsatzleiter setzen förmlich darauf, dass es zu diesen Dynamiken kommt. Zum Beispiel die Unterbringung der spanischen Polizei in Kreuzfahrtschiffen im Hafen von Barcelona. Die waren dort nicht untergebracht, sondern eingepfercht. Abends entspannt zur Disco zu gehen war natürlich eine Illusion! Wer hat schon einmal einen Hund erlebt, der nach Tagen des Eingesperrtseins plötzlich auf die Straße gelassen wird?! Eine ähnliche Dynamik ist bei menschlichen Wesen zu erleben. Was dem folgenden Knüppeleinsatz ebenfalls eine andere Dynamik verleiht. Nicht befohlen, aber auch nicht ungewollt. Beispiel zwei: kommen wir zum Kokain. Das Material ist dabei gar nicht so wichtig, statt Kokain könnte es Amphetamin oder sonst ein Aufputschmittel sein. Aber JUEVES arbeitet mit Klischees und da passt Koks eben besser, weil das Volk weiß, worum es sich handelt. Wenn Drogen im Knast gang und gäbe sind, warum sollten sie auf dem besagten Kreuzfahrtschiff abwesend gewesen sein! Drogenkonsum führt bekanntlich zu Realitätsverlust, Koks im Besonderen zu Hyperaktivität. Keine schlechten Zutaten für einen Polizeieinsatz – einmal mehr kommt Dynamik in die Geschichte. Da könnte der Einsatzleiter schon mal eine Auge zugedrückt haben auf dem Schiff, wenn so ein Zeug die Runde macht. Darauf spielte JUEVES an, die Zuspitzung war, dass die Reserven der Edeldroge in Barcelona zur Neige gingen. Beleidigung von staatlichen Repräsentanten ist die juristische Diagnose – das muss angezeigt werden. Die Drogengeschichte hat auch eine baskische Komponente. Als die besetzte Kulturfabrik KUKUTZA in Bilbao vor sechs Jahren geräumt wurde, ging durch die Reihen der Protestierenden die Parole: „die Bullen haben Schaum vor dem Mund“. Gemeint war nicht Seifenschaum, sondern das DONNERSTAGS-Material. Einige Polizei-Besatzungen mussten im heißen September stundenlang in Wannen aushalten, bevor sie losgelassen wurden. Wehe wenn sie losgelassen! Wehe wenn am DONNERSTAG die Wahrheit gesagt wird! PS: Die Geschichte hat auch eine positive Seite: nach Anzeigen steigt die Auflage von JUEVES – kostenlose Werbung von höchster Stelle.

aburto
Bilbao: Auch das noch!

Bilbao kommt bei den europäischen Reis- und Award-Vergaben gar nicht mehr hinterher. Nach dem „Urbanism-Award“ aus London, gab es nun auch noch den „Kulturmarken-Award“ aus Berlin. Am selben Tag. Bisher hat Bilbao nur einen Bürgermeister, um Preise entgegen zu nehmen. Aber das kann sich ändern. Das Guggenheim Museum Bilbao ist die "Europäische Kulturmarke des Jahres 2017" - Die Europäischen Kulturmarken-Awards wurden am 09. November in Berlin verliehen. Am 9. November wurden auf der "Night of Cultural Brands" vor 500 Gästen aus Kultur, Wirtschaft, Politik und Medien im Wintergarten Berlin die diesjährigen Preisträger des Europäischen Kulturmarken-Awards mit der AURICA geehrt. Das Guggenheim Museum Bilbao wurde zur "Europäischen Kulturmarke des Jahres 2017" gewählt. In weiteren Kategorien wurden der Kulturzug Berlin-Wrozlaw//Breslau, die Würth-Gruppe, Tourismus NRW e.V. mit dem Projekt #urbanana, die Daetz-Stiftung und das Kulturamt Stuttgart geehrt. Frances Morris, Direktorin der Tate Modern London wurde als "Europäische Kulturmanagerin des Jahres 2017" ausgezeichnet. Dr. Gereon Sievernich, Direktor des Martin Gropius Baus in Berlin erhielt eine AURICA für sein bisheriges Lebenswerk. / Die Jurybegründung: Das Guggenheim Museum Bilbao hat vor allem die sowohl kulturelle als auch wirtschaftliche Bedeutung für die Region geprägt. Es sei dem Guggenheim Museum Bilbao mit seiner einmaligen Architektur gelungen, das Stadtbild und die Stadtkultur nachhaltig zu prägen. Der "Bilbao-Effekt" zieht inzwischen jährlich über eine Million Besucher aus der ganzen Welt in das Kunstmuseum für Moderne Kunst. Laut Jury sei dem hochkarätigen Museum so auch eine führende Positionierung als Kulturmarke auf dem europäischen Markt gelungen. / Insgesamt wurden in diesem Jahr 104 Wettbewerbsbeiträge in sieben Kategorien eingereicht. Die 38-köpfige Expertenjury aus Wirtschaft, Politik, Kultur und Medien hat am Abend unter dem Vorsitz von Prof. Dr. Oliver Scheytt, Präsident der Kulturpolitischen Gesellschaft e.V., sieben weitere Preisträger geehrt: - Den Preis "Europäische Kulturmanagerin des Jahres 2017" erhielt Frances Morris, Direktorin der Tate Modern London. - Dr. Gereon Sievernich, Direktor des Martin Gropius Baus in Berlin, wurde mit einem Sonderpreis für sein bisheriges Lebenswerk geehrt. - Der Kulturzug Berlin-Wrozlaw//Breslau der Deutsch-Polnischen Gesellschaft e.V. wurde zur "Europäischen Trendmarke des Jahres 2017" gewählt. - Für den zum zweiten Mal vergebenen "Preis für Stadtkultur 2017" konnte sich das Kulturamt der Stadt Stuttgart mit dem Projekt Zukunftslabor Kultur durchsetzen. - Mit der Auszeichnung "Europäischer Kulturinvestor des Jahres 2017" wurde die Würth-Gruppe für ihr kulturelles Engagement in Europa geehrt. - Den Titel "Europäische Kulturtourismusregion des Jahres 2017" erhielt Tourismus NRW e.V. mit dem Projekt #urbanana. - Die Angebote der Daetz-Stiftung mit Sitz in Liechtenstein, Sachsen, würdigte die Jury als "Europäisches Bildungsprogramm des Jahres 2017". / Die Preisträger wurden mit der AURICA geehrt, einer 23 Zentimeter hohen, gewachsten Bronzestatue. AURICA, ein rumänischer Mädchenname, der die Goldene meint, trägt alles in sich, was so begehrenswert ist: Aura, Aurum und Heureka. Die Skulptur steht darüber hinaus für die Exzellenz, Attraktivität und Vielfalt des europäischen Kulturmarktes und versinnbildlicht die wertvolle Vermittlungsarbeit der europäischen Kulturanbieter und das herausragende Engagement europäischer Kulturförderer. Der Kulturmarken-Award wird von 43 Partnern aus der Wirtschaft finanziert. Hauptförderer in diesem Jahr ist die Sparkassen-Finanzgruppe, als Premiumpartnern fördern Der Tagesspiegel, das arte Magazin, die Deutsche Welle, HORIZONT, BayerKultur und Berlin Partner für Wirtschaft und Technologie. Preisstifter der AURICAs ist die Securitas AB. (www.ots.at/)

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Bilbo ist die Beste!

… Stadt in Europa, das entschied gestern eine „unabhängige Jury“ der in London ansässigen Organisation „Urbanism Awards“. Bilbao setzte sich durch gegen Wien und Ljubljana. Bewertet werden laut Statuten der Organisation die urbanistische Entwicklung, ökologische, gesellschaftliche, innovative Elemente, sowie die Art der Ausübung der Verwaltung und „identitäre“ Aspekte. Der Bürgermeister zeigte sich stolz und zufrieden über den Preis, der Bilbao erneut ins europäische und womöglich weltweite Blickfeld rückt, nachdem vor Jahren die Stadt für den besten Bürgermeister der Welt geehrt wurde (der in Bilbao als Rassist bekannt war). Diese Freude wird allerdings von vielen nicht geteilt, am wenigsten von jenen Menschen und Organisation, die jenseits der modernen Stadtentwicklung in Armut und Nichtentwicklung leben. Das heißt, alles was außerhalb der Innen- und der Altstadt liegt. Denn allein hierauf bezieht sich die urbanistische Entwicklung. Mit diesem internationalen Preis wird Bilbao einen neuen Schub an Massentourismus erleben, der bereits jetzt für viele unerträgliche Konsequenzen hat. Sieben Hotels sind derzeit im Bau, die Wohnungspreise steigen in zweistelligen Raten, Wohnungen werden über Air-bnb vermietet und stehen dem normalen Mietmarkt nicht mehr zur Verfügung. Die bisher üblichen Läden werden geschlossen, geöffnet werden Souvenir- und Schinkenshops, Mode setzt sich fest – alles für den Tourismus, das normale Leben tritt völlig in den Hintergrund. Im Sommer ziehen Dutzende von riesigen Touristengruppen durch die Altstadt, dass viele Bewohner*innen das Gefühle bekommen, dass sie sich in einem „zoologischen Garten“ befinden oder in einem „Abenteuerpark“. Das baskische Disneyland, gemeinsam mit der gipuzkoanischenMetropole San Sebastian (Donostia). Denn Bilbao ist nicht allein das legendäre glitzernde Museum am Fluss, es ist eine Stadt, die jährlich 12.000 Einwohner*innen verliert, weil die Lebensqualität unter aller Sau ist: ein Ort mit einer Arbeitslosigkeit von 18,6% (bei 11% im baskischen Durchschnitt); eine Metropole, von deren 342.000 Einwohner*innen nur 92.000 unter 30 Jahren sind. Bilbao ist die größte Stadt des Baskenlandes, in dem 30% der Bevölkerung in Armut leben (nach Kriterien der OECD), 10% mit dem Risiko von definitiver Ausgrenzung. Verschärft gilt diese Situation für Bilbao. Das zeigt sich bei einem Blick in die Stadtteile Rekalde, San Inacio, Otxarkoaga, Arangoiti, Bilbao La Vieja, La Peña und vor allem im ehemaligen Bergbau-Barrio San Francisco, wo ca. 80% der Migrant*innen Bilbaos leben. Tourismus und Gastronomie, die beiden Zugpferde des neuen Bilbao, bedeuten für die hier Arbeitenden Prekatität, die anfängt mit Arbeitsverträgen von 1 Tag und mit schlechter Bezahlung und der Negierungvon Arbeitsrechten aufhört. Das Vorzeigeobjekt Guggenheim hat im vergangenen Jahr 20 Beschäftigte entlassen, weil sie gegen diese Prekärität gestreikt haben. Die Liste der Aufzählungen ist fast endlos. Zum Glück regt sich Widerstand. Überall im Baskenland gab es im vergangen Sommer Zeichen von Ablehung gegenüber dem Massentourismus, der Natur, Kulturerbe und Lebenswelten zerstört. „Tourist go home“ oder „Turism kills City“ waren allerorten zu sehen. Im Dezember findet eine Tagung statt, die sich dem Thema Massentourismus widmet und Erfahrungen aus Barcelona und Iparralde einbezieht, wo die touristischen Entwicklungen teilweise noch weit brutalere Formen angenommen haben. Der Preis „Beste Stadt Europa“ ist für die Mehrheit der Bewohner*innen Bilbaos ein Trauertag, der eine elendige Spur hinter sich herziehen wird.

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Verfluchte Republikaner!

Republikanische Dämonen verfolgen rechtschaffene Spanier – zuletzt nicht nur in Katalonien und im Baskenland, nun auch noch im Fußball, dem Heiligsten aller Heiligtümer. Denn die „Rote“, wie das Auswahlteam im Volksmund genannt wird, droht zur „Lila“ zu werden und an verhasste republikanische Traditionen zu erinnern. Das Durchsickern von politischen und justiziellen Geheimnissen ist eine besondere Spezialität der spanischen Spezies. Urteile stehen in der Presse, bevor die Verurteilten davon wissen. Das ist ist die Regel. Doch was nun „durchgesickert“ ist, könnte zum Super-Gau werden. Denn es handelt sich nicht um irgend etwas, sondern um Fußball. „Durchgesickert“ ist das Design der Trikots, die von den spanischen Kickerhelden (die mitunter ausgerechnet aus Katalonien kommen), bei der Kicker-WM in Russland getragen werden sollen. Dieses Design weicht gar nicht so viel ab von jenem der letzten WM, das Problem liegt in der Farbkomposition. Rot und Gelb sind die spanischen Winner-Farben (übrigens auch die katalanischen …), doch im vorliegenden „Sickerfall“ wurde ein Blau dazu gemischt, das bei genauem Hinsehen und unter ganz bestimmten Lichtverhältnissen wie ein Lila aussieht. Und schon wird in national-katholischen Kreisen von nationaler Katastrophe fabuliert. Um den Skandal zu verstehen, muss die europäische Leserin wissen, dass die spanische Republik, die 1936 von den National-Katholiken weggeputscht wurde, mit einer Flagge repräsentiert wurde, die eben diese Farbmischung aufwies: Rot-Gelb-Lila. Bis heute wird diese Flagge von republikanisch Gesinnten bei jeder antifaschistischen Demonstration gezeigt, verbunden mit den Forderungen, die franquistischen Verbrechen zu verurteilen, die Leichen auszugraben, die Amnestie von 77 zurückzunehmen und die monarchielose Republik wieder herzustellen. Und nun das! Auf den Trikots für die Russland-WM! Das muss jedem ehrlich-einfältigen National-Katholiken den Adrenalin-Spiegel auf 3723 treiben. Rechtsradikale Hooligans stehen zusammen mit National-Kommunisten kurz vor Weinkrämpfen. Besonders bitter ist die Nachricht nach der schmerzlichen Erfahrung der Ausrufung einer katalanischen Republik! Der national-katholische Geist steht vor dem Abgrund. Zum Glück sind es noch acht Monate bis zum fußballerischen Weltorgasmus, Zeit genug, Fehler zu bereinigen und problematische Farben zu tilgen. Die Oppositionspartei Ciudadanos fordert, den Artikel 155 auf den spanischen Ligaverband anzuwenden, „mit aller notwendigen Härte“. Die regierende PP hat als Alternative blaue Trikots ins Spiel gebracht, die Farben der Falange, der staatstragenden Bewegung unter Francisco Franco. „Damit sind wir mehr als 40 Jahre gut gefahren, warum sollte das bei den Leuten nicht weiter ankommen, die Italiener machen das ja auch“, so der PP-Generalsekretär. Spieler der Auswahl wollten sich zum Thema nicht äußern: „wenn du das Falsche sagst, geht dir eine WM flöten“, sagte einer, der nicht mit Namen genannt werden will. (Der Text ist eine sarkastische Bearbeitung eines realen spanischen Problemfalls).

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