kolum zebra
Saramagos erster Blick

Der portugiesische Nobelpreisträger brauchte bei einem Kurzbesuch auf der Kanarenisnel Lanzarote nur einen Tag, um sich spontan für ein neues Domizil in Tias zu entscheiden. Dabei half, dass er in seinem Land kurz zuvor öffentlich eine schmerzhafte Erniedrigung erlitten hatte. Seinen Besucher*innen auf der Lavainsel öffnete der Schreiber selbst, so heißt es, und lud sie in der Küche zu einem Kaffee ein. Über die Jahre fand sich dort allerlei Prominenz ein, nachdem Saramago – immerhin Kommunist – mit ...

 ... dem schwedischen Preis weltberühmt geworden war: darunter Gabriel Garcia Marquez, José Luis Zapatero, Baltasar Garzon, Mario Vargas Llosa, Eduardo Chillida, Eduardo Galeano, Santiago Carrillo, Günter Grass. Die Verabredung mit dem Inselkreativen Cesar Manrique scheiterte 1992, weil jener bei einem Verkehrsunfall starb. Die beiden wären eine gutes Tandem geworden, denn Saramago mischte sich auch in ökologische Fragen ein – die Plakate in seinem Haus, heute Museum, machen dies deutlich. Einer seiner Besucher war Baske, dessen Pläne deckten sich nicht mit Saramagos Umweltschutz. Chillida – obwohl aus Donostia und nicht Bilbao – hatte die gigantomanische Vorstellung, auf der Nachbarinsel Fuerteventura einen Berg auszuhöhlen und von oben durch einen großen Schacht Licht einfallen zu lassen. Genausogut hätte er vorschlagen können, einen neuen Berg aufschütten zu lassen, um die gleiche Installation zu beherbergen. Chillida hat in derselben Küche denselben Kaffee getrunken wie der Urlauber B. zwanzig Jahre später. Der Kaffee war schwarz und stark, der Berg auf Fuerteventura ist nach wie vor mehr als ein Gerippe. Saramago blieb sich bis zu seinem Ende treu, Chillida setzte sich über die Interessen und Überzeugungen vieler hinweg. Vielleicht hätte allein der Künstler Manrique ihn von seinem Irrweg überzeugen können. 

Türschützer

Sogar im Baskenland gibt es Tierschützer, trotz Stierkampf und allerlei sonstigen Spielchen, die weniger tödlich sind. Doch haben sie es schwer gegen die Tradition, insbesondere dann, wenn es um den Verzehr von Fleisch geht. Vom Land geprägte Gesellschaften haben die tiefsitzende Gewohnheit, ein Essen ohne Fleisch nicht als Essen zu betrachten. Also von wegen Vegan! Zwar kein Tierschützer, aber doch Tierfreund ist die große Mehrheit der Menschen zwischen Bilbao und Pamplona. Dieser Tierliebe erfreuen sich vor allem Hunde, die in praktisch jedem zweiten Haushalt ihr Auskommen fristen. Auf dem Land haben sie ihren Auslauf, in der Stadt werden sie laufen gelassen und entsorgen ihre Endprodukte wo es eben passt, auf jeder der seltenen Grünflächen, vor Nachbars Tür oder auf dem Kinderspielplatz. Nach Hause finden sie immer. Das ist zwar verboten, aber die möglichen Strafen sind leere Drohungen. Sozialhilfeempfänger haben oft nicht genug für gesundes Essen, auf den Hund wird dennoch nicht verzichtet. Wer die Nachbarn um Anleinen bittet, wird sofort als Hundehasser ausgemacht und gilt fortan als Faschist. Kampfhunde sind statistisch gesehen die Vorliebe von pubertierenden Machos. Sollten sich eines Tages chinesische Traditionen breit machen und Hunde als Delikatessen verstanden werden, wäre das Hungerproblem im Baskenland auf einen Schlag gelöst. Und zwei, drei Probleme mehr.   

Das Kreuz mit dem Rad

Der halbe Wille ist schon da, aber die Rad-Wege ... ihnen geht es wie den Zebrastreifen: ideal zum Parken, weil fast immer frei. Das ist nur die Spitze des Eisbergs in einer Radkultur, die in Donostia und Gasteiz ihre Hochburgen besitzt, sicher deshalb, weil die Städte flach sind. In Bilbao folgt das Radleben dem Flußlauf, nach oben gibt es außer Treppen nichts. Was sich auf den Radwegen abspielt ist ein Drama. Allein am Namen kann es nicht liegen, auch wenn der schon wenig Gutes verspricht: „Bidegorri“, ein baskisches Wort, bedeutet wörtlich übersetzt „roter Weg“. Die ersten Radwege waren entsprechend rot bemalt. Doch gibt es eine zweite Bedeutung, die „harter Weg“ bedeutet (ähnlich verhält es sich beim Begriff „negu gorria“, eigentlich „roter Winter“, aber tatsächlich „harter Winter“). Tatsächlich muss das Leben auf den Radwegen als hart bezeichnet werden. Nicht nur wegen der illegalen Parker. Tatsächlich ist es ein Hauen und Stechen, in das sich zuletzt verschärft touristische Elemente eingemischt haben. Nicht zum Vorteil. Grundsätzlich ist zu sagen, dass Radfahren im Baskenland als Sport verstanden wird, nicht als Art der Fortbewegung. Die gängigen Räder sind Rennschlitten a la Tour de France, die in der Stadt nicht zum Einsatz kommen. Hollandräder im Straßenbild werden begafft wie sonstwo eine Harley Davidson. Verschiedene Stadtverwaltungen hielten es für eine gute Idee, den täglichen Gebrauch von Rädern zu fördern und boten kostenlose Drahtesel an, die an Stationen abgeholt und dort auch wieder hinterlassen werden können. Tatsächlich stieß das Angebot auf Interesse. Mit dem Ergebnis, dass jeder Idiot nun Rad fährt, ohne es je wirklich gelernt zu haben. Die Gratis-Biker sind eine regelrechte Gefahr für die rollende Allgemeinheit. Auf den zweispurigen Radwegen führt kein Weg an ihnen vorbei, deren Schlängelkurs erinnert mehr an einen alpinen Slalom als an eine von A nach B gezogene Linie. Ein Übriges tun Skater und Kinder, die Rollschuh fahren lernen. Die Tourismus-Industrie hat jüngst Tret-Karts auf den Markt geworfen, die in ihrer Breite schon zwei Spuren einnehmen und die Wege blockieren. Die eigentlichen und ursprünglichen Radfahrer*innen werden behindert, gefährdet und letztlich vertrieben – zurück auf die Straße, in den Kampf gegen die sogenannten Kraftfahrzeuge.

Vom Bremsen vor dem Tier

Touristen erschrecken sich leicht über die Verkehrsgebräuche in baskischen Breiten. In deutschen Radstädten bremst die Autofahrerin ohne zu hupen, wenn einer bei Rot über die Straße geht. In Bilbao hält am Zebrastreifen kein Motorisierter freiwillig. Viele Fußgängerinnen versuchen die Überquerung erst gar nicht, winken die Ankommenden durch, um zu warten, bis kein Fahrzeug mehr in Sicht ist auf wenigstens 500 Metern. Diese Totaldefensive verwöhnt diejenigen, die sich sowieso als die Stärkeren betrachten. Nicht dass sie die Regeln nicht kennen. Ihre Strategie ist, so schwungvoll wie möglich auf die Tierstreifen zuzufahren und nur dann – voll – zu bremsen, wenn die Schwächeren auf ihrem Recht bestehen, ihr Leben riskieren und einfach loslaufen. Dabei hat die Geschichte eine zweite Dimension. Denn problematisch wird es am Zebra sogar aus Sicht von Autofahrern selbst. Beinahe wäre ich einst zum todbringenden Helfershelfer geworden. Wie es sich gehört, hielt ich vor den Streifen an und ermunterte die zögernden Schwachen zur Überquerung, als plötzlich aus der Gegenrichtung einer anrauschte, der von so viel Empathie wenig zu halten schien und meine Koexistenz-Geste zu einem Volltreffer verwandelt hätte, wenn die Schwachen nicht an ihrem Zögern festgehalten hätten. Ich hatte den Impuls, noch am Tatort auszusteigen und mich persönlich zu entschuldigen, verzichtete aber, um mir eine mögliche Gardinenpredigt zu ersparen. Seither versuche ich, meinen Humanismus gezielter einzusetzen. – Besagte Streifen sorgen im Verkehrsalltag für weitere Besonderheiten. Weil das Parkproblem wie in allen Metropolen unlösbar ist, greifen pragmatische Basken zur einfachsten aller Lösungen und führen immerfreie Räume einer vernünften Nutzung zu. Zebrastreifen sind dazu besonders geeignet, denn sie zeichnen sich durch den enormen Vorteil aus, dass sie fast immer frei sind – wenn nicht gerade einer dort parkt. Fußgängerinnen, das wird aus diesen Zeilen und Streifen deutlich, sind Menschen vierter Klasse, in der Rangliste der baskischen Verkehrs-Menschenrechte stehen sie noch hinter den Radfahrern. Dagegen sollte eine Gewerkschaft kämpfen, die noch vor ihrer Gründung steht und bei der Führerschein-Besitzerinnen ausgeschlossen sein sollten – Donald Trump ist bekanntlich auch nicht bei den anonymen Alkoholikern.

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