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… in den Industriegebieten um Bilbao

Vor genau 100 Jahren – 1918 – kam es weltweit zur sogenannten Spanischen Grippe. Während auf den europäischen Kriegsschauplätzen Millionen getötet wurden und der Erste Weltkrieg langsam zu Ende ging, starben weltweit Millionen an der Grippe-Pandemie. Von den USA ausgehend wurde der Erreger über Europa auf die ganze Welt verteilt. In den baskischen Industriegebieten wurden die ersten Fälle im September 1918 registriert. Die Presse reagierte mit uneindeutigen Botschaften, bis die Behörden eingriffen.

Seltsamerweise Spanische Grippe wurde die Pandemie von 1918 genannt, an der weltweit Millionen starben. Sie begann im Januar und erreichte das Baskenland im September. Betroffen waren zuerst die Industriegebiete um Bilbao.

Am 26. September 1918 – vor genau 100 Jahren- berichtete die im Baskenland publizierte Tageszeitung „El Liberal“ von schlimmen Grippefällen in anderen Provinzen. Von Valencia, Madrid, Granada, Salamanca war die Rede. Die Informationslage war nicht eindeutig, manche sprachen von einem Rückgang der Epidemie, offizielle Stellen hielten sich zurück. Die Zeitung „El Noticiero Bilbaino“ korrigierte die Zweifel und berichtete, dass allein in den Kasernen der Hauptstadt täglich 20 Soldaten an der Grippe starben. (1)

grippe02Im Baskenland waren es Donostia (San Sebastian) und Irun, die zuerst in die Schlagzeilen gerieten. Von 5.000 bzw. 1.000 Fällen war die Rede, doch Regierungsstellen dementierten das. Die Zahl läge lange nicht so hoch, die Krankheit sei unter Kontrolle, es seien Ärzte aus Madrid gekommen. Wenig später ließ die nackte Wirklichkeit keinen Platz für Zweifel oder Ausreden mehr. Am 27. September hielt die Grippe Einzug in Bizkaia. Die ersten schweren Fälle wurden aus den Industriegebieten am linken Nervión-Ufer gemeldet.

Die Bezeichnung „Spanische Grippe“

Der Name entstand, weil die ersten umfassenden Nachrichten über die Seuche aus Spanien kamen. Als neutrales Land hatte Spanien im Ersten Weltkrieg eine relativ liberale Zensur, sodass dort im Unterschied zu anderen betroffenen Ländern Berichte über das Ausmaß der Seuche nicht unterdrückt wurden: Nachrichtenagenturen meldeten Ende Mai 1918, dass in ganz Spanien acht Millionen Menschen infiziert waren, in Madrid erkrankte jeder Dritte. Büros und Geschäfte mussten geschlossen werden, Straßenbahnen stellten ihren Dienst ein. Unter den Erkrankten waren der König und Kabinettsmitglieder. (2)

Die Spanische Grippe war eine Pandemie, die durch einen ungewöhnlich aggressiven Abkömmling des Influenzavirus verursacht wurde und zwischen 1918 und 1920 mindestens 25 Millionen, vielleicht sogar doppelt soviele Todesopfer forderte. Die Auswirkung der Pandemie ist damit in absoluten Zahlen mit dem Ausbruch der Pest von 1348 vergleichbar, der damals mehr als ein Drittel der europäischen Bevölkerung zum Opfer fiel. Eine Besonderheit der Spanischen Grippe war, dass ihr vor allem 20- bis 40-jährige Menschen erlagen (2). Zwischen 10 und 20% der Infizierten überlebte die Krankheit nicht.

Barakaldo betroffen

„Die Menschen in Barakaldo sind erneut von einer Epidemie betroffen“, schrieb „El Liberal“. „Die Schnelligkeit der Verbreitung ist alarmierend. Mediziner sprechen von einer gravierenden Situation, sollten die sofort ergriffenen Maßnahmen nicht umgehend eine Wirkung erzielen“. Der erste Schlag betraf mehr als 200 Personen, kurioserweise in Retuerto, ein an Barakaldo angrenzendes Tal. Es ist nicht verwunderlich, dass diese Nachrichten in der Bevölkerung große Beunruhigung auslösten, vor allem „weil die Betroffenen Blut spuckten“.

grippe03Die Stadtverwaltung Barakaldo reagierte und erließ eine Reihe von Verordnungen, die für alle zur Pflicht wurden. Innerhalb eines Monats mussten alle Zimmer, Treppen und Innenhöfe weiß gestrichen werden. Gleichzeitig sollten alle Klos, Haushöfe und Abflüsse mit Kalk desinfiziert werden. Was die Versorgung der Kranken betraf: die Zimmer mussten belüftet, Kleider und Besitzgegenstände mit Desinfektionsmittel behandelt und Exkremente mit Kupfersulfat versehen werden, insbesondere die Auswürfe beim Husten. Auf öffentlichen Plätzen musste gelüftet werden, Kehren ohne Wasser war verboten. Empfohlen wurde, wenig Salat, Früchte und kühle Geträcke zu verzehren, weil angenommen wurde, dass all das die Verdauung störe. Das war nach damaliger Ansicht die Ursache für verschiedene Krankheiten.

Herkunft der Grippe-Pandemie

Untersuchungen ergaben, dass sich die ersten virulenten Grippeausbrüche in den USA ereigneten und sie von dort durch Truppenbewegungen weltweit verbreitet wurden. Konkret ist davon auszugehen, dass „die Grippewelle in Haskell County im US-Bundesstaat Kansas ihren Ausgang nahm. Zum Jahresanfang 1918 behandelte dort der Landarzt Miner zahlreiche Patienten (…) Dank seines Berichts konnte die Medizingeschichte einen möglichen Ansteckungsverlauf rekonstruieren. Belegt ist, dass mindestens drei Personen aus Haskell County Ende Februar in das US-Army-Ausbildungslager Camp Funston eingezogen wurden. Am 4. März erkrankte ein Koch, drei Wochen später waren in dem Ausbildungslager, in dem sich durchschnittlich 56.000 Rekruten befanden, 1.100 Schwerkranke und 38 Todesfälle zu beklagen“. (2)

Alle sozialen Klassen betroffen

Am 28. September forderte „El Noticiero Bilbaino“ die Verwaltung auf, das Problem ernst zu nehmen und zusätzliche Maßnahmen zu ergreifen. Gefordert wurden sowohl Transparenz als auch konsequente Anwendung der Verordnungen. Alle Bürger waren verpflichtet, Fälle von Grippe in ihrer Umgebung zu melden. Die Verschleierung von Fällen innerhalb der Familie sollte verfolgt werden, weil solcherart Verhalten die allgemeine Gesundheit gefährdete.

grippe04Trotz des Ernstes der Lage machte ein Redakteur von „El Liberal“ ironische Kommentare zum Thema. „Ich denke, wir messen dem Ereignis zu viel Bedeutung bei. Wenn wir nach Europa schauen, müssen wir in Lachen ausbrechen“, schrieb er angesichts des Kriegsgeschehens. Aber durfte man darüber Witze machen? Für den „irregeleiteten“ Redakteur war der Hunger für die Grippe verantwortlich, sowie die schlechte Nahrung. „In gleichem Maße wie die Nahrungsmittel teurer werden, greift die Krankheit um sich. Die Regierung muss das Volk versorgen, die für die Verteuerung Verantwortlichen müssen eingesperrt werden. Dann erscheint die Grippe genauso lächerlich wie das aktuelle Krisenkabinett“.

Von der Krankheit betroffen waren zuerst die Schwachen der Gesellschaft, jene, die keine Lebensmittel hatten. Dennoch betraf die Grippewelle alle sozialen Klassen. Begonnen hatte sie bei den Marginalisierten, aber Ende September 1918 lief die gesamte Bevölkerung Gefahr sich anzustecken. Ein paar Wochen lang war die Krankheit Besorgnis Nummer Eins in Bizkaia – und hinterließ tiefe Spuren. Zu den ersten acht Toten in Bilbao kamen weitere 68, die an Atemproblemen gestorben waren. Doch das war nur der Anfang.

Wissenschaftliche Studie

Zusammen mit einem Team von Studierenden aus der Medizin-Fakultät der baskischen Universität UPV/EHU untersuchte der Direktor des Baskischen Medizin- und Wissenschafts-Museums (Antón Erkoreka) die Pandemie der „spanischen Grippe“ von 1918 und 1919 im Baskenland. Dazu wurden die Verwaltungs- und Kirchen-Archive von 21 Gemeinden des Baskenlandes gesichtet. Untersucht wurde die Zahl der Toten und die Todesursache in den Jahren 1918 und 1919: insgesamt waren es 130.000 Todesfälle. (3)

In Anbetracht der weltweiten Ausbreitung der Pandemie ist der Begriff „Spanische Grippe“ unsinnig, so eines der Resultate der Untersuchung, die zu weiteren interessanten Ergebnissen führte. Die erste Grippewelle im Juni-Juli 1918 betraf das Baskenland nur wenig. Der Regen der ersten Septembertage ließ die Grippe (von Frankreich kommend) wieder aufleben, über Gipuzkoa kam sie nach Bilbao. Zwischen Januar und Mai 1919 kam es zu einer dritten Welle, im gleichen Zeitraum des Folgejahres 1920 sogar zu einem erneuten Wiederaufflammen (3).

Die meisten Toten gab es im Oktober 1918, die Unterschiede zwischen den einzelnen Orten waren sehr groß. Die Gemeinde Orozko in Bizkaia war am schlimmsten betroffen. Insgesamt erkrankte die Hälfte der Bevölkerung des Baskenlandes – 1,2% der Bevölkerung verlor ihr Leben, diese Ziffer entsprach der Todesrate in Europa. (3)

Städtische Gesundheitsversorgung Bilbao (1897-1937)

grippe05Seit Mitte des 19. Jahrhunderts erlebte der Großraum Bilbao eine ausgeprägte Industrialisierung. Zehntausende Arbeiter*innen kamen aus anderen spanischen Regionen, auf der Suche nach Arbeit. Orte wie Barakaldo, Sestao oder Portugalete am linken Nervión-Ufer wuchsen ebenso schnell wie die Elendsviertel überall. Die hygienische Situation war alarmierend, die öffentliche Gesundheitsversorgung nicht in der Lage, die Bedingungen zu verbessern. Jahrelang gab es mehr Tote als Geburten. Deshalb wurde in Bilbao im Jahr 1897 die Städtische Gesundheitsversorgung gegründet (Cuerpo Médico Municipal). Die Behörden versuchten eine Hygienisierung auf allen Ebenen in Gang zu setzen. Während der Pandemie von 1918 übernahm diese Mediziner-Gruppe eine wichtige Funktion. (4)

Bizkaia hatte in jenen Jahren eine Bevölkerung von 300.000 Menschen. 200.000 davon – also zwei Drittel – erkrankten an der Grippe. Allein in Bilbao waren es 40.000. Den ersten Grippetoten gab es in Bilbao im Mai 1918, im Juni waren es 16 Tote, im Juli drei, im August wurde kein Todesfall verzeichnet. Erst im Herbst wurde die Grippewelle gefährlich. Im September kam es zu 8 Grippetoten, im Oktober waren es bereits 480, im November 146 und im Dezember 16. In jenen vier Monaten starben zudem 219 Personen an Lungenentzündung oder Atemnot. Insgesamt betrug die Zahl der Toten 869, das waren 8,4% der Bevölkerung. Mit 54% waren junge Erwachsene besonders betroffen, Kinder mit 15% hingegen weniger. Im Frühjahr 1919 flammte die Pandemie erneut auf, insgesamt starben 329 Personen. Die letzte Grippewelle ereignete sich zwischen Januar und März 1920 mit insgesamt 240 Toten. Die Behörden mit ihrer Medizinergruppe arbeiteten auf Hochtouren. (4)

Ereignisse und Maßnahmen

Bis September leugnete die Zentralregierung, dass es in der Armee zu Grippe komme, dann wurden 4.000 Fälle eingestanden. Am 21. September wurde die Grenze zu Frankreich geschlossen, nachdem es gerade dort zu den schlimmsten Grippefällen gekommen war: die Betroffenen starben innerhalb von 24 Stunden nach Erkrankung. Ende September beschloss die Gesundheitsbehörde, die akademischen Kurse nicht zu eröffnen. Die Zahl der Kranken in Donostia (San Sebastian) betrug 5.000, täglich starben 15 bis 20 Personen. Das Königspaar besuchte in Laudio (nahe Bilbao) ein baskisches Fest, am 1. Oktober erkrankte der König an der Grippe.

Am 2. Oktober wurde der Bürgermeister von Bilbao aktiv. Mario Arana sorgte für mehr Krankenbetten und bessere Versorgung. Die Stadt wurde weitgehend desinfiziert: Wohnungen, Gaststätten, Hotels, Bahnhöfe, Büros. Die städtische Polizei wurde verstärkt. Die Provinzregierung stellte drei weitere Mediziner ein, die mit Fahrzeugen Krankenbesuche machten. Die Grippefälle häuften sich: an einem Tag 1.000 neue Erkrankungen und sieben Tote. In den Bahnhöfen wurden Desinfizierungsstellen eingerichtet, durch die alle Reisenden passieren mussten. Die Straßen wurden gespritzt, Produkte zur Reinigung der Abwasseranlagen verteilt. Zur Beruhigung der Bevölkerung wurden Anti-Grippe-Prozessionen durchgeführt, die Statue der heiligen Begoña wurde von der Basilika in die Stadt getragen und wieder zurück. Wo materielle Hilfe nicht weiter kam, konnte die Kirche schon gar nichts ausrichten.

Der Transport von Leichen wurde streng verboten, ebenso Besuche in Heimen und Krankenhäusern. Züge brachten die Toten zum städtischen Friedhof Vista Alegre in Derio. Roma-Familien, die in den Außengebieten Bilbaos campierten wurde befohlen, sich entferntere Orte außerhalb des Stadtkerns zu suchen. Am 11. Oktober wurde Milch knapp, 40% der Bevölkerung hatte keinen Zugriff mehr auf das Produkt. Eine Etxralieferung aus Gernika wurde organisiert. In Bilbao wurden bereits 500 Häuser neu gekalkt. Maurer von Getxo boten sich zum kostenlosen Weißen an. Ende Oktober gab es weniger Neuerkrankungen, die Grippewelle ließ nach. Kuriose Feststellung: Die von der Grippe am Wenigsten heimgesuchten Berufsgruppen waren Platzanweiser in Kinos und Kellner – Personen also, die am Meisten mit anderen in Kontakt kamen.

Weltweiter Verlauf der Pandemie

grippe06Die Spanische Grippe trat in drei Wellen auf, im Frühjahr 1918, im Herbst 1918 und in vielen Teilen der Welt noch einmal 1919. Die erste Ausbreitungswelle im Frühjahr 1918 wies keine merklich erhöhte Todesrate auf. Erst die Herbstwelle 1918 und die spätere, dritte Welle im Frühjahr 1919 waren mit einer außergewöhnlich hohen Letalität verbunden. Ab Herbst/Winter 1918 starben weltweit zwischen 25 Millionen und 50 Millionen Menschen; manche schätzen die Zahl der Toten sogar auf 70 Millionen Opfer. Die genaue Zahl lässt sich nicht mehr ermitteln, da auch entlegene Regionen davon betroffen waren und in Ländern wie etwa Russland aufgrund der Nachkriegswirren die Zahl der an der Grippe Verstorbenen nicht zuverlässig erfasst wurde. Die US-amerikanische Armee verlor etwa so viele Infanterie-Soldaten durch die Grippe wie durch die Kampfhandlungen während des Ersten Weltkrieges. Allein in Indien sollen mehr als 17 Millionen Menschen an der Grippe-Pandemie gestorben sein, was durch die nachfolgende Volkszählung von 1921 gut belegt erscheint. (2)

Prominente Opfer

Frederick Trump († 27. Mai 1918 in New York City) Unternehmer und Großvater von Donald Trump // Egon Schiele († 31. Oktober 1918 in Wien) Maler // Francisco Marto († 4. April 1919 in Aljustrel, heute Teil von Fátima) Portugiesischer Heiliger und Zeuge der Marienerscheinung von Fátima // Sophie Freud († 25. Januar 1920) Tochter Sigmund Freuds // Jacinta Marto († 20. Februar 1920 in Lissabon) Portugiesische Heilige und Zeugin der Marienerscheinung von Fátima // Max Weber († 14. Juni 1920 in München) Soziologe und Nationalökonom

(Publikation: Baskultur.info 2018-10-05)

 

ANMERKUNGEN:

(1) Artikel „La gripe llega a Bizkaia“ (Die Grippe erreicht Bizkaia), Tageszeitung El Correo 30.9.2018 von Imanol Villa

(2) Wikipedia „Spanische Grippe (Link)

(3) „La pandemia de gripe española en el País Vasco 1918-1919“ (Die Pandemie Spanische Grippe im Baskenland 1918-1919, Buch von Antón Erkoreka aus dem Jahr 2006 (Hg. Stiftung Baskisches Museum Medizin und Wiseenschaft)

(4) aus: „El Cuerpo Médico Municipal (1897-1937) y la pandemia de gripe española en Bilbao (1918-1920)” – deutscher Titel: „Städtisch medizinische Gruppe (1897-1937) und die Pandemie Spanische Grippe in Bilbao (1918-1920)“ (Link)

(5) aus: „Bilbao,la gripe de 1918 y el alcalde Mario Arana” – „Bilbao, die Grippe von 1918 und der Bürgermeister Mario Arana” (Link)

ABBILDUNGEN:

(1) Krankenlager Kansas (National Museum of Health and Medicine)

(2) Impfung Bilbao (euskonews)

(3) Anti-Grippe-Prozession Bilbao (todocoleccion)

(4) Grippe-Arzt Bilbao (euskonews)

(5) Grippe-Überlebender Asturien (Familienalbum)

(6) Anti-Grippe-Prozession Bilbao (todocoleccion)

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