frauenarbeit01Ehefrauen, Mütter, Kämpferinnen

Die industrielle Entwicklung brachte eine Reihe von gesellschaftlichen Umformungen mit sich, die weit über die ökonomische Dimension hinaus gingen. Frauen traten verstärkt in den Mittelpunkt industrieller Arbeit und ins Licht des öffentlichen Interesses. Selbst in den Minen waren sie vertreten. In der Landwirtschaft mussten sie die in die Industrie abgewanderten Männer ersetzen. Daneben waren sie weiter Hausarbeiterinnen, Ehefrauen und Mütter, deren Arbeitstag nicht enden wollte.

(2015-05-22) Die Industrialisierung Bizkaias, in deren Zentrum die massive Ausbeutung der Eisenerze lag und der die Verarbeitung des Rohstoffs, Hochöfen und Schiffbau folgten, waren weitgehend von Männerarbeit geprägt. Weil viele baskischen Männer, die vorher in der Land- und Viehwirtschaft tätig gewesen waren, in die Fabriken und Bergwerke abwanderten, mussten Frauen verstärkt Verantwortung übernehmen. Doch auch in den Minen waren sie vertreten, nicht in großer Zahl, auch lange nicht in allen Funktionen. Sie waren vor allem für das Be- und Entladen des geförderten Erzes zuständig. In den Fabriken waren sie gefragt, wenn es um Geschicklichkeit ging, in einigen Sektoren waren mehrheitlich oder ausschließlich Frauen beschäftigt. Traditionell war der Beruf des Schiffeziehens (Sirgueras) eine Frauendomäne, weil die Schiffe nicht aus eigenem Antrieb von der Flussmündung in den Hafen segeln konnten, mussten sie an dicken Seilen vom Ufer aus gezogen werden.

In der Fischwirtschaft waren Frauen für alle Tätigkeiten zuständig, die an Land vollzogen wurden, das Entladen, Verarbeiten und Netzeflicken. Doch diese Tätigkeiten hatten wenig mit der Industrialisierung zu tun und sollen an anderer Stelle beleuchtet werden.

Durch die industrielle Entwicklung bildeten sich in der baskischen Gesellschaft eine neue soziale Ordnung und neue Lebensweisen heraus. Die Welt des Handwerks wurde verdrängt durch die Fabrik, einem geschlossenen Gelände, in dem Rhythmus und Disziplin den Alltag bestimmen. Neue Kriterien prägten die Arbeit: die Notwendigkeit, immer mehr in immer kürzerer Zeit zu produzieren; der atemberaubende Wettlauf um die Wettbewerbsfähigkeit, die kontinuierlichen technologischen Erneuerungen. Und dazu die Arbeitsverhältnisse, in denen widersprüchliche Interessen zum Streitobjekt werden.frauenarbeit02

Bedeutung der Frauen in der Industrie

Frauen als eigenständige Fabrik-Arbeiterinnen waren in diesem Umfeld Ende des 19.Jhds eine Rarität. Sie gehörten mit zu den ersten, die über geregelte Arbeitsbedingungen mit eigenem Lohn und Arbeitsvertrag verfügten, ganz im Gegenteil zu den Arbeiterinnen und Arbeitern in den Minen. Sie organisierten Streiks, um den Arbeitgebern gegenüber bessere Arbeitsbedingungen durchzusetzen und wurden aufgrund dieser Konflikte häufig in den Medien erwähnt. Sie arbeiteten vorwiegend in Fabriken der Bereiche Textil und Ernährung und es gab mehrere Fabriken, in denen die Anzahl der Frauen überwog. Bei Rochelt, einer metallverarbeitenden Fabrik in Deusto (später ein Stadtteil Bilbaos), dominierte zu Beginn des 20.Jhs in einigen seiner Abteilungen der Frauenanteil (99) bei einer Gesamtzahl von 168 ArbeiterInnen. Dabei war es ein metallverarbeitendes Gewerbe, also eher eine männliche Domaine. Ein anderes Beispiel war die "Proveedora del Hogar", bekannt unter dem Namen "El Añil", die Haushaltswaren herstellte. Hier waren nur 2 Männer angestellt gegenüber 46 Frauen.

Die besten Beispiele für die Bedeutung von Arbeiterinnen in Bilbao waren jedoch die Tabakfabrik "La Tabacalera" und die Keksfabrik "Artiach", auf die an dieser Stelle genauer eingegangen werden soll. Bis zum Beginn des spanischen Krieges im Jahr 1936 wuchs der Frauenanteil in den Fabriken stetig, wie eine in Bergara durchgeführte Studie verdeutlicht: 1900 lag der Frauenanteil bei 33,7%, im Jahr 1915 bereits bei 39,13 % und 1920 bei 46,1% (Bergara liegt in der Provinz Gipuzkoa und war bekannt für Textilverarbeitung).

Frauen im öffentlichen Licht

Die bereits erwähnten Arbeitskonflikte waren jedoch nicht der einzige Grund für die Präsenz der Fabrik-Arbeiterinnen in den Tageszeitungen. Ein wichtiger Anlass war die Neugier und Wissbegier bezüglich der Herausbildung eines neuen städtischen Frauentyps innerhalb der sich neu strukturierenden Stadt und Gesellschaft. Das Erscheinungsbild der Frau verursachte Aufsehen, weil es allen bisherigen Kategorisierungen von Frauen widersprach. Bis dahin waren Frauen – abgesehen von Angehörigen der Oligarchie – Hausangestellte, unbezahlte Hausfrauen, Ammen, Pflegerinnen, viele arbeiteten in der Land- und Viehwirtschaft. Ihre Tätigkeiten waren an Aktivitäten rund um den Haushalt und zumeist auch räumlich an die Häuser gebunden.

Ganz im Gegensatz zur üblichen Rolle als "Seele des Hauses" stand ihr forsches, teils freches Auftreten in der Öffentlichkeit. Einige Frauen nahmen aus purem Vergnügen an den Tanzveranstaltungen im Stadtteil San Francisco teil. Ein solches Verhalten war nicht gerade hoch angesehen in der konservativen Gesellschaft. Doch machten derartige Umgangsformen die Frauen zu einer besonderen Spezies der neuen modernen Industriestadt. Insgesamt hatten die Arbeiterinnen einen sehr harten Arbeitsalltag in der Fabrik und erhielten bisweilen Löhne, die denen der Männer vergleichbar waren. Sie konnten ihre Familien ernähren in Zeiten großer Not und prekärer Lebensbedingungen innerhalb des städtischen Proletariats. Diese Fabrik-Arbeiterinnen gehörten zweifellos zu den wenigen Frauen jener Zeit um die Jahrhundertwende, die mittels ihrer ökonomischen Situation einige zuvor nicht dagewesene Freiheiten genießen konnten.frauenarbeit03

Beispiele in Bilbao: La Tabacalera und Artiach

Ein Arbeitsplatz in der Keksfabrik Artiach oder in der Tabakfabrik Tabacalera war relativ gut angesehen. Er bot immerhin ein regelmäßiges Einkommen. Dem gegenüber standen die langen Arbeitstage, die vor allem für Mütter und verheiratete Frauen ein Problem darstellten. In beiden Fabriken gab es Arbeiterinnen im Alter zwischen 20 und 70 Jahren, wobei der größte Anteil auf Frauen um die 30 entfiel. Diese Statistik wurde in Ermangelung fabrikinterner Ausführungen aufgrund des Melderegisters erstellt, in dem neben dem Personenstand seinerzeit auch die Berufe verzeichnet wurden. Die Alterskurve dieser Fabrik-Arbeiterinnen hebt sich deutlich ab von der üblichen Alterskurve arbeitender Frauen, die in jungen Jahren aktiv waren, im heiratsfähigen Alter jedoch massiv den Arbeitsmarkt verließen. Tatsächlich war der Personenstand bei den Fabrik-Arbeiterinnen jener Zeit nicht entscheidend. Eine Studie stellt fest, dass ungefähr die Hälfte der Fabrik-Arbeiterinnen in Bilbao verheiratet war. Auf den ersten Blick mag diese Tatsache ungewöhnlich erscheinen, war doch die klassische Rolle der verheirateten Frau Anfang des 20.Jhs die der Hausarbeiterin.

Gleichzeitig ist jedoch unverkennbar, dass die soziale Realität jener Zeit verheiratete Frauen entgegen der allgemeinen Stigmatisierung dazu nötigte, sich und ihrer Familie ein Einkommen zu sichern, oder das Familieneinkommen aufzubessern. Bestimmte Industriezweige wie Textil, Ernährung und Tabakverarbeitung suchten speziell die Arbeitskraft von Frauen. So wundert es nicht, dass sich in den Lohnkarteien dieser beiden erwähnten Fabriken bis Mitte des 20.Jhs viele verheiratete Frauen, ältere Frauen und Witwen fanden. (1) (2)

Motive für Streiks

Ausbeutung der Arbeitskraft, lange Arbeitstage, sexuelle Diskriminierung, unhygienische Bedingungen und das Zusammenpferchen von Menschen auf engem Raum waren einige Phänomene, die mit der massiven Industrialisierung einhergingen. Entscheidend beeinflusst wurde die Lebensqualität von der Kaufkraft, also von der Preisentwicklung der Lebensmittel und der Mieten; von den Bedingungen, in denen die Arbeiterfamilien ihren Alltag bestritten; von der Art des Arbeitsvertrags; und von den Sozialleistungen, mit denen die Arbeiterinnen und Arbeiter rechnen konnten.

Auslöser von Frauen-Streiks waren immer konkrete Vorfälle, wie einzelne Beispiele zeigen werden. Allerdings war im Hintergrund die Klage gegen die steigenden Lebenshaltungskosten (Ernährung, Kleidung, Wohnung, Energie) ständig präsent. Besonders diejenigen Frauen, die mit ihrem Gehalt eine komplette Familie ernähren mussten, litten unter dem ungleichen Verhältnis zwischen Preisanstieg und Lohnentwicklung. Zu den negativen Auswirkungen des 1.Weltkriegs gehörten u.a. extrem steigende Preise, ab 1917 besonders spektakulär. (3)frauenarbeit04

Tabacalera. Tabakfabrik im Stadtteil Santutxu (1878 – 1936)

Aufgrund der Beliebtheit des Produkts und der enormen Produktion bestand für den Staat ein großes Interesse an den Steuereinnahmen, die daraus resultierten. Während fast des gesamten 19. Jhs verwaltete der Staat diese Produktion direkt. Ende des Jahrhunderts, 1887, gab er jedoch sowohl die Verwaltung ab und überließ somit auch die Einnahmen einem privaten Unternehmen, der Compaña Arrendataria de Tabacos (CAT). Von diesem Zeitpunkt an bis 1945 stellte sie alle Derivate des Tabaks her und wurde zur Betreiberin aller bestehenden und sich später herausbildenden Tabakfabriken des spanischen Staats (die ältesten in Sevilla und Cadiz). Das Werk im Bilbao-Stadtteil Santutxu war landesweit das Kleinste: 1895 gab es dort 529 Arbeiterinnen, in San Sebastián dagegen ca. 650 und in Santander, der größten Tabakfabrik 1.100 Arbeiterinnen.

Vor der Fabrikgründung im Jahr 1878 gab es in der Altstadt Bilbaos mehrere kleine Geschäfte, in denen Zigarren verkauft wurden. Besser gesagt, es handelte sich um kleine Werkstätten, in denen kleine Gruppen von Frauen auf handwerkliche Art und Weise Zigarren anfertigten, die am selben Ort direkt verkauft wurden. Diese Form der Produktion und des Verkaufs von Tabakwaren wurde durch die Aneignung und Monopolisierung seitens des Staats und die Übergabe an die CAT obsolet. Von diesem Moment an, im letzten Viertel des 19.Jhds, wurde die Produktion aus den einzelnen Werkstätten im Herzen der Stadt in die neue Fabrik verlegt, im noch unbesiedelten, heute bevölkerungsstarken Stadtteil Santutxu. Alle Frauen, die bis dahin mit der manuellen Fertigung von Zigarren beschäftigt waren, wurden übernommen und zu Fabrik-Arbeiterinnen. Damit wurden zwei bis dahin zuzammenhängende Aktivitäten sowohl räumlich als auch strukturell getrennt und verändert: die Produktion und der Verkauf. Die Produktion wurde industrialisiert, also in eine Fabrik verlegt und der Verkauf wurde über spezielle Konzessionen staatlicher Kontrolle unterstellt. Sowohl die manuelle als auch die industrielle Herstellung von Zigarren und Zigaretten lag deshalb vorwiegend in der Hand von Frauen, weil Frauen eine ausgeprägtere Geschicklichkeit und Fingerfertigkeit für die gefragten Tätigkeiten bewiesen.

In den Tabakfabriken des spanischen Staats gab es ab den 80er Jahren des 19.Jhds zahlreiche Konflikte und Streiks, in denen die Arbeiterinnen gegen die Arbeitsbedingungen protestierten. Diese Proteste waren gefürchtet, weil sie überaus kämpferisch ausgetragen wurden. Sie erregten großes Aufsehen, weil die Proteste auch auf die Straßen getragen wurden und das Leben in den Städten teilweise lahm legten. In der Folge stellten sich mehrfach die Autoritäten der Stadt hinter die Forderungen der Frauen und übten Druck auf die Unternehmer aus, um die soziale Ordnung nicht zu gefährden.

Zwischen 1885 und 1890 gab es Aufstände in allen Tabakfabriken des spanischen Staats (1885 in Sevilla, 1887 in Madrid und 1889 in Bilbao). Grund waren die fortschreitende Mechanisierung und die damit verbundenen Entlassungen, aber auch der zunehmende Arbeitsstress, um die festgelegten Produktivitätsraten zu erfüllen.frauenarbeit05

Streik in der Tabakfabrik

Am 8. März 1889 traten die Tabakarbeiterinnen im Werk von Santutxu in einen Proteststreik. Die Tageszeitung El Noticiario verfolgte den Ablauf des Streiks und berichtete bis zum Ende des Konflikts täglich. "In allen Werkstätten wurde gemeutert und die Utensilien der Arbeiterinnen flogen durch die Luft". Die ausgeprägte Empörung und die Forderungen der Frauen gegenüber dem höchsten Vertreter der Fabrik macht sich an der Tatsache fest, dass dieser aus Panik aus dem Fenster im zweiten Stock sprang. Der Zwischenfall hatte keine schwerwiegenden körperlichen Konsequenzen für den Direktor, der öffentliche Skandal führte jedoch dazu, dass die Fabrik geschlossen wurde, obwohl dadurch die Versorgung der Bevölkerung Bilbaos mit Rauchwaren in Frage gestellt war.

Grund für den Aufstand war die Ankündigung, sie sollten künftig 34 Millionen Zigaretten in 15 Tagen produzieren, was bedeutet hätte, dass sie von 7 oder 8 Uhr morgens bis 10 oder 11 Uhr nachts hätten arbeiten müssen und das Ganze ohne an Feiertagen frei zu haben, um das Produktionsziel der Firma zu erreichen. Zu dieser Stundenaufstockung kam, dass das verfügbare Zigarettenpapier nichts taugte, aus Sicht der Frauen zu klein war und eine schlechte Qualität aufwies. Die schlechte Qualität des Papiers war ein wichtiger Grund für den Protest, weil es leicht riss und es somit praktisch unmöglich war, schnell und präzise zu arbeiten. Mit den zur Verfügung gestellten Mitteln war es unmöglich, das Produktionsziel zu erreichen. Eine Umfrage in der Bevölkerung gab den Arbeiterinnen recht, zumindest was das Qualität-Preis-Verhältnis der Zigaretten betraf. Nachdem die Geschäftsleitung dem Großteil der Forderungen nachgegeben hatte, wurde der Streik beendet und die Arbeit, nach einer Schließungszeit von einer Woche, wieder aufgenommen.

Artiach-Keksfabrik im Stadtteil Deusto (1907 – 1983)

Gründer der Keksfabrik war Gumersindo Artiach Echevarria (geb. 1862), einer von 10 Nachkommen des Händlers Gabriel Artiach. Das Imperium Artiach (Mühlen, Brotfabriken, Keksfabriken) entwickelte sich langsam. Im April 1907 wurde das Unternehmen "Isasa y Artiach" ins Handelsregister eingetragen, der Grundstein der Keksfabrik, die sich später "Galletas Artiach" nannte. Das erste kleine Fabrikgebäude befand sich im Stadtteil Bilbao La Vieja, brannte jedoch im Jahr 1920 aus. Danach wurde eine große moderne Fabrikhalle in Deusto gebaut, die heute leer steht, aber erhalten bleiben und einem kulturellen Zweck zugeführt werden soll.

Der Streik von 1917

Laut Presseberichten weiteten sich die Streiks des Jahres 1917 im Baugewerbe zum ersten Mal auch auf den Textilbereich und auf die Keksfabrik aus. Am 22.Juni gingen die Frauen in Streik: "Die streikenden Arbeiterinnen bringen voller Angriffslust zum Ausdruck, dass sie die Schnauze voll haben von der zu erleidenden Ausbeutung seitens des Herrn Artiach, der für einen 11 Stundentag 1 Pesete zahlte." (3) Ungefähr um fünf Uhr nachmittags erschienen einige der streikenden Arbeiterinnen zusammen mit einer größeren Gruppe von Arbeiterinnen der Textilfabrik in der Nähe der Keksfabrik. Sie skandierten Drohungen, die gegen die in der Fabrik arbeitenden Frauen gerichtet waren. Kurz darauf wurden Steine gegen Türen und Fenster der Fabrik geworfen. Am Fabriktor standen zwei Sicherheitsleute und zwei Polizisten, aber die Arbeiterinnen waren so aufgebracht und wütend, dass sie sich über die Mahnungen der Beamten hinwegsetzten und begannen, gegen die Bürotür zu treten begleitet von Drohungen gegen die Kolleginnen, die dem Streik nicht folgten. Der Tumult wurde schnell größer, weil sich die Straße zunehmend mit Leuten füllte. Den Sicherheitsleuten geriet die Situation außer Kontrolle, per Telefon forderten sie Verstärkung an. Das Geschrei wurde lauter und ein wahrer Steinregen flog gegen das Gebäude, Holz splitterte und Fensterscheiben brachen entzwei. Die Türen, die unter dem Steinhagel zu bersten drohten, mussten von innen verstärkt werden.

Ein Schuss mitten im Durcheinander

Nachmittags um halb sechs kam der Besitzer vom Regierungssitz, wo er um Hilfe ersucht hatte. Er wurde beschimpft und entkam knapp einem Angriff, gelangte jedoch schließlich in die Fabrik. Kurz bevor die Bürotür brach, streckte Artiach einen Arm nach draußen und schoß mit einem Revolver in die Luft. Zuerst löste dieser Schuss Durcheinander aus, danach flogen mehr Steine als zuvor. Kurz darauf kam der Oberbefehlshaber der Sicherheitsabteilung mit mehreren Beamten. Er versuchte die streikenden Frauen zu beruhigen, denen sich mittlerweile auch viele Arbeiter angeschlossen hatten. Die Menge verlangte, den Schützen festzunehmen. Dies versprach die Polizei unter der Bedingung, dass der Protest dann abgebrochen wurde. Tatsächlich wurd Artiach verhaftet und in Begleitung der Polizei zum Regierungssitz gebracht.

Die Protestierenden wurden Richtung Urazurrutia-Straße gedrängt, während der Fabrikdirektor von der Polizeieskorte über eine andere Staße zum Platz Bilbao La Vieja geführt wurde. Die streikenden Frauen rannten die Straße hoch, um den Direktor erneut zu bedrängen. Einige Beamten versuchten sie aufzuhalten. Auf Artiach prasselte erneut ein Steinregen nieder, er und einige Beamte wurden verletzt. Ein paar Frauen warfen sich auf den Direktor und schlugen auf ihn ein, bevor Artiach im Kommissariat Marzana eintraf. Eine junge Frau namens María Ruiz Miguelasua wurde festgenommen und unter Protest zum Kommissariat geschleift. Die wütende Menge versammelte sich nun vor der Wache und forderte die Freilassung Marias, der Steinhagel ging weiter. Zuletzt wurde die Freilassung der Kollegin erreicht, die Gemüter beruhigten sich.frauenarbeit06

Anlass des Streiks

Laut einer Publikation der Tageszeitung El Liberal (Der Liberale) war die Verpackerin Maria Diaz vom Vorarbeiter Agustin Yerrobi geschlagen worden. Die fünf Packerinnen waren mit ihrer Arbeit überfordert, weil sie normalerweise zu acht waren. Die Misshandlung der Kollegin brachte das Fass zum Überlaufen. Etliche Arbeiterinnen erklärten ihren Streik und gingen zum "Casa Pueblo" (wörtlich Haus des Volks, Versammlungsorte der Sozialisten), um ihre Forderungen niederzuschreiben. Der Forderungskatalog klärt über den eigentlichen Hintergrund auf und macht deutlich, welchen Bedingungen diese Arbeiterinnen unterworfen waren. Sie hatten die volle Unterstützung der arbeitenden Bevölkerung.

Die sechs zentralen Forderungen der Streikenden waren:
1. Reduzierung der täglichen Arbeitszeit auf 8 Stunden (sie wurde später auf 9 Stunden reduziert).
2. Lohnerhöhung um 1 Pesete (wurde später auf zwei Reales reduziert).
3. Abschaffung der Strafen, die verhängt wurden, wenn die Arbeiterinnen ihr Soll nicht erfüllten.
4. Das Anbringen einer Glocke im Eingang zur Erleichterung der Einhaltung der Arbeitszeiten.
5. Die Wiedereingliederung der Arbeiterinnen, die in Streik traten.
6. Nichtentlassung der Arbeiterinnen, die sich weigerten, an Feiertagen zu arbeiten.

Obwohl der baskische Sozialistenchef Facundo Perezagua als Verhandlungsführer und der Bürgermeister als Vermittler fungierten, konnten die streikenden Frauen nur einige ihrer Forderungen erreichen. Nach dem Streikende wurden nicht alle Arbeiterinnen wieder eingestellt, weil der Unternehmer während des Streiks einen Teil der Aufträge an andere Produzenten abgegeben hatte. Die Anführerinnen blieben auf der Straße, man glaubte dem Vorarbeiter, der versicherte, die Verpackerin nicht geschlagen zu haben. Eine unerwartete Konsequenz des Streiks und des verursachten Aufruhrs war, dass zwei Unternehmen, die Suppennudeln herstellten ("La Carmen" y "La Flor de Vizcaya") von sich aus die Löhne erhöhten.

Der Streik von 1922

Am 23.Januar 1922 traten "um 8 Uhr morgens die Arbeiterinnen der Keksfabrik in Streik", laut Aussage des Chefs der städtischen Polizei. "Auslöser war, dass der Herr Direktor Artiach am Samstag einen Aushang machte mit der Ankündigung, dass ab Montag 9 Stunden täglich gearbeitet werde, um somit die bisherigen Extrastunden einzusparen. Heute früh, als alle an ihrem Arbeitsplatz waren, stürmten zwei Unbekannte in die Fabrik und verteilten Flugblätter mit dem Aufruf, nicht mehr als 8 Stunden zu arbeiten und verschwanden wieder, ohne dass sie erkannt worden wären. Kurz darauf begannen einzelne ihre Arbeitsplätze zu verlassen, worauf Herr Artiach alle dazu aufrief, die Fabrik zu verlassen. Auf friedliche Weise folgten die Arbeiterinnen dieser Aufforderung".

Das unter den Arbeiterinnen verteilte Flugblatt hatte folgenden Inhalt: "Wir wehren uns gegen die despotische Haltung des Herrn Artiach, der sich herausnimmt, die vereinbarten Regeln zu ändern und zwar über den Aushang eines simplen Blatt Papiers. Es ist zynisch, die Arbeitszeit um eine Stunde zu erhöhen, wo der Tag so schon sehr hart und dazu schlecht bezahlt ist. Dazu benutzt er das Argument, nicht ausreichend zu verdienen, um die Fabrik halten zu können und sie schließen zu müssen. Die Arbeiterinnen und Arbeiter haben ihren Stolz und zeigen ihre Geschlossenheit gegenüber jenen, die davon leben, dass sie uns, einer Entführung gleich, in ihren Fabriken einschließen, wo wir der Unbarmherzigkeit eines langen Arbeitstages und einer lächerlichen Bezahlung unterliegen. Arbeiterinnen: 8 STUNDEN ODER STREIK!!"

Artiach gab daraufhin eine ausführliche Erklärung ab und beschrieb die Situation aus seiner Sicht: neue Maschinen, die sich amortisieren müssten, usw. Außerdem versprach er, die 9 Stunden seien nur eine vorübergehende Maßnahme. Eine Besprechung mit dem Bürgermeister wurde einberufen, in der der Unternehmer eine Vereinbarung akzeptierte und versicherte, die Arbeitszeit von 8 Stunden beizubehalten. Allerdings entfiel die Zulage für Extrastunden. Sowohl die Arbeiterinnen, als auch später die Arbeiter akzeptierten das Angebot des Direktors und nahmen nach 6 Streiktagen die Arbeit wieder auf. Die meisten Streikenden gehörten keiner Organisation an, sondern waren vertreten durch ein selbsternanntes Kommitee. Daher erhielten sie keine Ersatzzahlungen während der Streiktage und unter dem Druck, ihre Familien ernähren zu müssen, mussten sie die Arbeit wieder aufnehmen, ohne viel erreicht zu haben.

Zwischen Frühling und Sommer 1922 gab es die heftigsten Auseinandersetzungen bei Artiach. Fast wöchentlich fanden Arbeitsniederlegungen statt. Im Mai traten Frauen und Männer in den Streik, im Juni und Juli beteiligten sich im Schnitt 3 Männer und 22 Frauen an den Arbeitsniederlegungen, im August  ging die Zahl der Streikenden zurück.

Die Firmenleitung blieb unerbittlich, der Widerstand unter den Arbeiterinnen wurde schwächer. Gegen Ende des Jahres spitzte sich die unerträgliche Situation zu und führte zu einem heftigen Konflikt zwischen dem 22. und 29.Dezember. Der Chef der städtischen Polizei berichtete am 27. Dezember: "Um 8 Uhr morgens traten 11 Arbeiterinnen in Streik, weil am Samstag zuvor 3 entlassen worden waren. Sie gingen friedlich nach Hause, der Rest arbeitete weiter." Am Tag darauf teilte er mit: "Heute früh traten 52 Frauen und 3 Männer in Streik, zusätzlich zu den 11, die bereits gestern streikten" und am 29. Dezember: "Heute streikten alle Arbeiterinnen der Fabrik, sodass diese geschlossen blieb". Es waren 63 Frauen und einige Männer. Am Tag vor Silvester wurde die Arbeit wieder aufgenommen, ohne erreicht zu haben, dass alle wieder angestellt wurden.

Artiach nutzte geschickt die ökonomische Krise und die Schwäche der Gewerkschaften, um seine Position als Unternehmer zu stärken. Wo er keine großen Einbußen zu befürchten hatte, zeigte er sich flexibel bezüglich der Forderungen seiner Belegschaft. Die langen Monate der Streiks und Arbeitsniederlegungen hatten die Arbeiterinnen viel Kraft gekostet und endeten in einer Niederlage. Die Produktion des Unternehmens wuchs in den folgenden Jahren und mit ihr die Anzahl der Arbeiterinnen. Die Krise der Nachkriegszeit schuf ein Klima, in dem gewerkschaftliche Aktivitäten einen Aufschwung erlebten und die Arbeiterinnen-Bewegung einen neuen Schub verzeichnete. Trotzdem war der prozentuale Anteil der gewerkschaftlich Organisierten gering, mehr noch unter den arbeitenden Frauen.

ANMERKUNGEN:

(1) Las Galleteras de Deusto, mujer y trabajo en el Bilbao industrial (Die Keks-Arbeiterinnen von Deusto, Frauen und Arbeit im industriellen Bilbao). Maite Ibáñez y Marta Zabala. Bilbao 2007

(2) Liadoras de cigarrillos en Bilbao: esposas, madres y huelguistas (Zigaretten-Dreherinnen in Bilbao: Ehefrauen, Mütter, Streikende). Arantza Pareja Alonso. UPV 2008

(3) Löhne und Lebenshaltungskosten im Vergleich: In der Tabakfabrik in Bilbao verdienten die Arbeiterinnen im Jahr 1887 zwei Peseten pro Tag (ca. 500 – 600 Peseten jährlich) und arbeiteten an fast allen Tagen des Jahres. In der Keksfabrik hingegen erhielten die Arbeiterinnen im Jahr 1917 für einen 11 Stundentag 1 Pesete. 1923 verdiente eine Arbeiterin ca. 3 Peseten pro Tag, ca. 1.100 Peseten im Jahr.
Grundnahrungsmittel kosteten laut einer Veröffentlichung des Rathauses Deusto zwischen Oktober 1922 und März 1923: Brot: 60ct. Rindfleisch 2° Kat, Kilo: 2,20. Schweinfleisch, Kilo: 4,80. 1 Liter Öl: 2,00. Seehecht, Kilo: 2,50. Sardinen, Kilo: 1,20. Kichererbsen, Kilo: 1,20. Reis, Kilo: 0,80. Grüne Bohnen, Kilo: 0,90. Kohl, Kilo: 0,80. Kartoffeln, Kilo: 0,23. 12 Eier: 3,30. 1 Liter Tafelwein: 0,80. 1 Liter Milch: 0,50. Kaffee, Kilo: 7,50. Zucker, Kilo: 2,15. Kohle, 40kg Sack: 2,15. Seife: 1,40. Strom: ca. 3,15 pro Monat. Die Miete pro Jahr betrug ca. 400 Peseten.

FOTOS:

(1) Frauenarbeit in den Bergwerken; Wandmalerei zwischen Reineta und Arboleda (Bizkaia). FAT – Foto Archiv Txeng
(2) Klassische Frauenrolle, Versorgerin, Krankenschwester. Ausstellung über Bergwerks-Industrie in Trapagaran (Bizkaia). FAT – Foto Archiv Txeng
(3) Klassische Frauenrolle als Mutter. Motiv aus einem Monument im Baskenland. FAT – Foto Archiv Txeng
(4) Die leere Artiach-Fabrik im Bilbao-Stadtteil Zorrozaurre-Deustu. FAT – Foto Archiv Txeng
(5) Frauenarbeit in den Bergwerken; Ausstellung zur Bergwerks-Industrie in Trapagaran (Bizkaia). FAT – Foto Archiv Txeng
(6) Portal der leeren Artiach-Fabrik im Bilbao-Stadtteil Zorrozaurre-Deustu: wie zu einem Schloss. FAT – Foto Archiv Txeng

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