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Gernika-Bizkaia / Wunstorf-Hannover

Am 26. April 2017 ist es 80 Jahre her, dass die baskische Stadt Gernika von Fliegern der deutschen Legion Condor in Schutt und Asche gebombt wurde. Die NS-Regierung unterstützte damals einen Militärputsch gegen die spanische Republik. Presseberichte über den Angriff und Fotos von den Ruinen sorgten weltweit für Entsetzen. Pablo Picasso schuf unter dem Eindruck der Verwüstungen sein bekanntestes Gemälde, nannte es „Guernica“ und machte den Namen zum Synonym für Leiden der Zivilbevölkerung im Krieg.

Der Arbeitskreis Regionalgeschichte Neustadt gibt zum 80. Jahrestag der Vernichtung des baskischen Gernika durch die Legion Condor eine Broschüre heraus unter dem Titel „Über die Schwierigkeiten beim Umgang mit der Militärgeschichte in Deutschland und Spanien“.

In Spanien und Deutschland stritten die Täter, die im Bild unsichtbar bleiben, jegliche Verantwortung ab und behaupteten, die Basken selber hätten ihr kulturelles Zentrum angesteckt. Die Augenzeugen wussten es besser, doch während der Franco-Diktatur war es in Spanien strikt verboten über das Bombardement zu sprechen. Nach dem Tod des Diktators 1975 wurden die unter seiner Herrschaft begangenen Verbrechen weiterhin verschwiegen und sind bis heute nicht aufgearbeitet.

wunstorf02Um für diese Aufarbeitung einen Beitrag zu leisten, hat der Arbeitskreis Regionalgeschichte Neustadt am Rübenberge eine Broschüre publiziert mit dem Titel „Gernika und Wunstorf – zwei Kleinstädte in Europa – und die Folgen des Krieges“, pünktlich zum 80. Jahrestag der Bombardierung von Gernika (Guernica). Am Beispiel der Orte Gernika und Wunstorf wird die unterschiedliche Geschichts-Aufarbeitung in Deutschland und Spanien dargestellt.

Auch in der Bundesrepublik Deutschland schwiegen die Täter (nicht nur) über das Kriegsverbrechen von Gernika. Ein Teil der Bomberbesatzungen von Gernika kam aus der Garnisonsstadt Wunstorf bei Hannover. Im Zuge der Remilitarisierung Westdeutschlands, bei der ehemalige Wehrmachts-Offiziere eine maßgebliche Rolle spielten, waren öffentliche Fragen nach den Einsätzen der Wehrmacht im Spanienkrieg und im Zweiten Weltkrieg tabuisiert. In Wunstorf marschierten die Fliegerveteranen bereits Anfang der 1950er Jahre wieder durch die Stadt und sorgten dafür, dass erneut eine Straße zu Ehren ihres Geschwaders benannt wurde.

Fortgesetzte Geschichts-Revision

Wie verbittert der ideologische Kampf (Krieg) um die historischen Tatsachen und ihre Bewertung bis heute geführt wird, macht eine Publikation vor wenigen Tagen (Mitte März 2017) deutlich. In der Tageszeitung „La Razón“ (Der Grund), die im Franquismus ihre Wurzeln hatte und bis heute existiert, wird zwar nicht die Verantwortung von Franco und den Nazis in Zweifel gezogen. Daneben steht jedoch eine Reihe von Behauptungen, die in ihrer Dreistigkeit und historischen Falschheit überraschen.

George Steer, dem englischen Journalisten, der die Vernichtung von Gernika mit eigenen Augen sehen konnte und entsprechend berichtete, wird Lüge vorgeworfen („datos falsos“). Sein Interesse sei allein die Manipulierung der britischen Regierung gewesen. Dazu die alte Frage der Zahl der Opfer, die das Bombardement gefordert hatte – dass Faschisten und Faschistophile diese Zahl seit jeher nach unten drücken, versteht sich von selbst. La Razón legt sich in Berufung auf Archiv-Untersuchungen auf maximal 164 Tote fest, doch genau das ist das Problem: die Faschisten zerstörten zivile und kirchliche Dokumente, um das Verbrechen „unsichtbar“ zu machen.

Dabei führt sich der Schreiber selbst ad absurdum. Er beschreibt, dass mehrfach bombardiert wurde, mit Spreng- und Brandbomben, dass Condor-Chef von Richthofen „den totalen Krieg ausprobieren“ wollte, dass im Tiefflug Flüchtende mit Maschinengewehren gejagt wurden. Bei einer Bevölkerung von 5.500 plus Flüchtlinge und Krankenhaus-Patienten sollen dennoch „nur“ 150 Personen zu Tode gekommen sein, wenn – wie die Zeitung schreibt – nur 1% der Gebäude unversehrt blieb! „Die Zahl der Opfer ist nicht vergleichbar mit den horrenden Zahlen aus dem Zweiten Weltkrieg“, ist die Schlussfolgerung. Wo nicht mehr geleugnet werden kann, wird an der Dimension des Terrors gefeilt.

wunstorf03Daneben greift der Schreiber zu einer drastischen Lüge, mit der eine niedrige Opferzahl nahegelegt und die Geschichte revidiert werden soll. Dass zum Zeitpunkt der Bombardierung Markttag gewesen war (Gernika-Montag) hatte bisher niemand in Zweifel gezogen. Das impliziert, dass weit mehr Personen als üblich in der Stadt waren. Behauptet wird im Artikel, die baskische Regierung habe den Markttag abgesagt „wegen der Gefahr von Bombardierungen“. Wer sich nicht auskennt, lässt sich von solchen Argumenten beeindrucken (weil er/sie es nicht besser weiß). Nicht jedoch Historiker wie Xabier Irujo, der Ende März 2017 ein neues Werk herausgibt mit dem schlichten Titel „Gernika, 26. April 1937“. Er hat nicht nur alte Archive durchforstet, sondern auch die Tagespresse jener Zeit, wodurch sich die Lüge leicht entdecken lässt.

Arbeitskreis Sozialgeschichte Neustadt

Schon lange arbeitet der Arbeitskreis Sozialgeschichte an der Aufarbeitung der Geschichte der Region. Forschungs-Objekt war nicht zuletzt der Ausgangspunkt der Legion Condor, die Flugplatz-Kaserne von Wunstorf. Dazu hat der AK vor Jahren eine Ausstellung erarbeitet (Die Vernichtung von Gernika/Guernica am 26.April 1937 – Geschichte und Gegenwart eines deutschen Kiregsverbrechens), begleitet von dem Buch „Luftwaffe, Judenvernichtung, totaler Krieg“ (Neustadt 2010).
Die in der neuen Broschüre „Über die Schwierigkeiten beim Umgang mit der Militärgeschichte in Deutschland und Spanien“ gesammelten Aufsätze der „Comisión de Bombardeo“ (Bombardierungs-Kommission) aus Gernika wurden von Mechthild Dortmund übersetzt, weitere Texte stammen von Hubert Brieden, die Publikation mit Fotos von Tim Rademacher vermittelt einen Eindruck, wie unterschiedlich Geschichte in Europa nach wie vor wahrgenommen und aufgearbeitet wird.

Kontakt und Vertrieb

Die Broschüre „Über die Schwierigkeiten beim Umgang mit der Militärgeschichte in Deutschland und Spanien“. 40 Seiten. Großformat, vierfarbig, zahlreiche Fotos, 9,- €. ISBN 978-3-930726-30-1 – kann bestellt werden bei: *** Arbeitskreis Regionalgeschichte e.V. / Im Dorn 7, 31535 Neustadt / Tel.: 05032-61705 / Fax: 05032-1879 / Mail: ak.reg @ t-online.de / Web: www.ak-regionalgeschichte.de.

 

ABBILDUNGEN:

(1) „Guernica“-Picasso-Versionen, Expo Bilbao Bellas Artes 2016

(2) Titelseiten der AKR-Broschüre Gernika-Wunstorf

(3) Titelseiten der AKR-Broschüre Gernika-Wunstorf

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