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Die Wunstorf-Guernica-Connection

Sich mit dem Namen „Guernica“ zu schmücken ist in Deutschland zu einer institutionellen Mode geworden. Dass gerade der 80. Jahrestag der Bombardierung der baskischen Stadt Gernika war, hat sicher dazu beigetragen, das gleichnamige Picasso-Gemälde wurde deshalb besonders oft in den Medien gezeigt. Doch auch vorher schon zierte „Guernica“ das Straßenbild deutscher Städte. In Kriegszeiten sind Friedenssymbole besonders begehrt, um die politische Praxis zu verschleiern. Geschichtslos, zusammenhanglos.

Dresden hat im Februar 2017 eine Straße mit „Guernica“ benannt, im September folgt die Bundeswehr in Wunstorf, unter äußerst fragwürdigen Vorzeichen: das Kriegsverbrechen wird nicht aufgearbeitet, die Täter werden weiter geehrt.

Am 26. April 2017 waren es 80 Jahre, dass die illegal wiederaufgebaute Nazi-Luftwaffe unter dem Namen „Legion Condor“ die baskische Kleinstadt Gernika in Schutt und Asche legte und einen Massenmord an der Zivilbevölkerung beging. Nicht dass Gernika die einzige Stadt im Baskenland gewesen wäre, dasselbe Schicksal erlitten auch andere Orte, Durango, Portugalete, Eibar. Doch wurden sie nicht so berühmt, weil kein George Steer Aufsehen erregende Artikel schrieb und kein Pablo Picasso Bilder malte über jene Ereignisse. (1)

Neben Hiroshima, Lidice und Oradour ist Gernika zum Symbol der Brutalität von Krieg geworden, denn die Stadt hatte noch nicht einmal eine militärische Bedeutung als sie vernichtet wurde. Allein der Plan der Nazis, ihre Waffen für den Zweiten Weltkrieg zu testen (und nebenbei einem faschistischen Gesinnungsgenossen unter die Arme zu greifen), war ausschlaggebend für das Kriegsverbrechen.

Bei der Aufarbeitung dieses Verbrechens haben sich deutsche Institutionen wie Bundeswehr oder Bundesregierung nie mit Ruhm bekleckert. Im Gegenteil. Es wurde verschwiegen, solange es zu verschweigen war. Als es nicht mehr zu verschweigen war, wurde es heruntergespielt, Opferzahlen wurden und werden schön geredet, Ausreden wurden in Umlauf gebracht. Zu mehr als einem nichtssagenden Sünderbrief eines Bundespräsidenten ließ sich die Bundesrepublik nie hinreissen. Denn „deutsche Werte und Helden“ werden immer noch hochgehalten, auch wenn sie in Krieg und Nazismus zu ihren Lorbeeren kamen. Dazu gehört auch die verbrecherische Legion Condor und deren Symbole.

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Aus unterschiedlichen Gründen haben sich verschiedene deutsche Institutionen den Namen „Guernica“ (baskisch: Gernika) an ihre Hüte geheftet. Nicht wegen einer besonderen Anteilnahme an dem Schicksal der baskischen Stadt, sondern um auf eigene Angelegenheiten hinzuweisen, wie die folgenden Ausführungen zeigen sollen. Der Name „Guernica“, eine Friedenstaube, ein Ausschnitt aus Picassos Bild ist immer gut, um ein positives, friedvolles Bild abzugeben, auch wenn es unter dem Mantel gärt und nach Krieg stinkt. „Guernica“ wird benutzt und kann sich nicht einmal dagegen wehren. Denn Tote beschweren sich bekanntlich selten.

Berlin geht voran

Als die „siegreiche“ Legion Condor am 6. Juni 1939 aus Spanien und dem Baskenland nach Nazi-Deutschland zurückkehrte, wurde ihr zu Ehren die Wannseestraße in „Spanische Allee“ umbenannt. Der Name besteht bis heute und stellt nach wie vor eine Verherrlichung des Nazismus, seiner Kriegsverbrechen dar, und ist eine Beleidigung für die Opfer: in Gernika, Polen oder englischen Städten. Irgendwann gab es in Berlin kritische Stimmen zur Allee. Doch reichte es nicht, der Wannssestraße ihren alten Namen wiederzugeben. Vielmehr ziert nun ein bedeutungslos kleiner „Guernica-Platz“ ohne Hausnummern die Kilometer lange Legion-Condor-Allee. Deutsche Verhältnisse wie sie Tucholsky im „Lied vom Kompromiss“ beschrieb: „davon hat man keine Kümmernis“.

Pforzheim nutzt die Gunst der Stunde

Die Militärbasis Wunstorf war (neben den Basen in Langenhagen und Delmenhorst) Standort des NS-Traditionsgeschwaders Boelcke. Da in diesem Geschwader ca. 70% der Bomber- und Aufklärungseinheiten der Legion Condor ausgebildet wurden, ist der Name Boelcke untrennbar mit dem Einsatz während des Spanienkrieges verbunden. Nachdem in den 1980er Jahren der Versuch scheiterte, das niedersächsische Wunstorf zu einer Städtepartnertschaft mit Gernika zu bewegen, kamen Alternativen ins Spiel. Pforzheim sprang in die Bresche und bot sich als Partnerstadt an. Mit der Begründung: „Wir und Gernika haben dasselbe Schicksal erlebt“. Bekanntlich wurde Pforzheim im Februar 1945 kurz vor Kriegsende und ohne militärische Notwendigkeit von den Alliierten fast komplett zerstört, laut Wikipedia wurde ein Drittel der Bevölkerung getötet, 17.600 Personen.

Auch wenn es sich um ein Kriegsverbrechen der Alliierten handelt, war Pforzheim dennoch Teil eines kriegsführenden faschistischen Systems. In Pforzheim wurden 1945 aus Tätern Opfer. Nicht so in Gernika. Denn die Basken führten weder einen Angriffskrieg, noch hatten sie überhaupt eine taugliche Armee, sie kamen schlicht zwischen die faschistischen Mühlräder. Unter den Piloten, die Gernika zerstörten könnten Flieger aus Pforzheim gewesen sein – eine bloße Hypothese, die bisher niemals Thema einer Forschungsarbeit war. Vom „selben Schicksal“ zu sprechen ist jedenfalls historisch falsch und zynisch. Daraus erfolgt letztlich nur die Relativierung des Nazismus. Dasselbe relativierende Konzept verfolgen der Vergleich von Stalin und Hitler, oder die Gleichsetzung der „totalitären Systeme“ unter Ausblendung des Holocaust.

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Dresden zieht nach

Die sächsische Hauptstadt erlitt ein ähnliches Schicksal wie Pforzheim, gehörte aber zu Zeiten der Partnerschafts-Vergabe noch zur DDR, kam also nicht in Frage. 2017 war es dann soweit, in Dresden wurde eine Straße auf den Namen „Guernica“ getauft. Die Argumentation ist bekannt: „dasselbe Schicksal erlitten“ – wieder die Vermischung von Tätern und Opfern. Der Bürgermeister von Gernika war auch noch glücklich und lud die Namensgeber gleich zu den Gedenkfeiern nach Gernika ein.

Wunstorf und seine Tradition

„Bald nach Regierungsantritt begann die nationalsozialistische Regierung massiv aufzurüsten (…) Im Frühjahr 1934 begannnen die geheimen Vorbereitungen für den Bau des Fliegerhorstes Wunstorf. Zivil getarnt richtete die Deutsche Verkehrsfliegerschule zunächst ein Baubüro ein (…) Systematisch wurden die Bombenflieger des Kampfgeschwaders auf ihre kommenden Aufgaben vorbereitet“. Das Zitat ist aus einer Forschungsarbeit des Arbeitskreises Regionalgeschichte Neustadt, der die Geschichte des Geschwaders Boelcke erforschte und in Form von Buch, Broschüre und Ausstellung der Öffentlichkeit vorstellte (2).

Im Boelckegeschwader wurden Besatzungen für die Bomber- und Aufklärungseinheiten der Legion Condor ausgebildet, ca. 70% dieser Einheiten der Legion Condor auf dem Fliegerhorst Wunstorf. Für ihren Einsatz im Spanienkrieg wurden diese Leute offiziell aus der Wehrmacht entlassen, nach Spanien geschickt und dort der Legion Condor eingegliedert. Nach dem Krieg kamen sie in der Regel wieder ins Boelcke-Geschwader zurück, nachdem sie in Spanien in einer anderen Struktur gekämpft hatten (der Kommandeur des Boelcke-Geschwaders hatte mit den unmittelbaren Kämpfen in Spanien nichts zu tun). Die Legion Condor bestand aus mehr Einheiten: Jagdfliegern, FLAK, Panzern, Infanterie, Bodenpersonal, usw. Die Ausbildung von Personal für die schweren Bomber- und Aufklärungseinheiten der Legion Condor war nur ein Teil der Aktivitäten des Boelcke-Geschwaders. Flieger des Kampfgeschwaders Boelcke flogen während des Spanienkrieges und des Zweiten Weltkrieges Luftangriffe an allen Fronten. Auch gegen Gernika.

Die Geschichte der Militärbasis Wunstorf endete jedoch nicht mit der Niederlage des Nationalsozialismus. Zunächst nutzten die Briten den Flugplatz. Seit 1958 waren hier wieder Luftwaffeneinheiten der neu gegründeten Bundeswehr stationiert. Heute ist hier das Lufttransportgeschwader 62 stationiert. Die Veteranen des Boelcke-Geschwaders kamen bis in die 1980er Jahre regelmäßig auf den Fliegerhorst zu Kameradschaftstreffen. Die Oswald-Boelcke-Straße in Wunstorf trägt bis heute den Namen des Fliegerhelden, der ihr von den Nazis zu Ehren des Boelcke-Geschwaders verliehen wurde.
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Traditionspflege bei der Bundeswehr

Zum einen bewahrte sich das Lufttransportgeschwader 62 ein Maskottchen, mit dem sich bereits die Condor-Piloten geschmückt hatten. „Den Hans Huckebein haben die Spanienkämpfer der Legion Condor mit nach Hause gebracht: ihnen hat er sich allerdings nicht in seiner überlieferten Rolle als Unglücksrabe gezeigt, sondern – unberufen: Toi! Toi! Toi! – bisher nur Glück gebracht“, so der Originalton der Nazis (3). Dieses Glück kann der Standort Wunstorf gebrauchen, denn in den vergangenen Jahren wurde er zum Standort des Großraumtransportflugzeuges A 400M ausgebaut. Mit diesem Flugzeug kann in kurzer Zeit eine große Menge von Soldaten mit zugehörigem Kriegsmaterial an jeden Punkt der Erde verlegt werden. Der Fliegerhorst Wunstorf hat also strategische Bedeutung für die internationalen Kampfeinsätze des deutschen Militärs und der NATO.

Zweitens ist die Militäreinheit verantwortlich für ein Museum. Es könnte ein Kriegsmuseum sein, denn im Mittelpunkt steht eine Junkers 52, also der Typ Flugzeug, wie er umgerüstet als Behelfsbomber über Gernika eingesetzt wurde. Die Maschine wird in der Museumshalle mit nostalgischem Unterton dargestellt als „gute alte Tante Ju", die als Transportflugzeug Menschenleben rettete. Auf diese Weise werden die Einsätze der Wehrmacht und der Legion Condor verharmlost. Verschwiegen werden nämlich die Bombardierungen europäischer Städte, die mit der „alten Tante“ durchgeführt wurden, im Spanienkrieg und während des Zweiten Weltkrieges. „Erst nach einer öffentlichen Diskussion um diese Traditionspflege wurden die überall sichtbaren Hakenkreuze weitgehend überklebt, NS-Propagandaschriften verschwanden zum Teil aus den Vitrinen“, resümiert die Ausstellungsbroschüre des Arbeitskreis Regionalgeschichte (4). Erneut stehen Traditionspflege und Naziverbundenheit im Vordergrund.

Zum Dritten wird die Wunstorfer Geschwaderanlage durchquert von einer Straße mit dem Namen „Zur Luftbrücke“. Geschichtsbewusste deutsche Geister werden natürlich an die Alliierte Luftbrücke nach Berlin 1945 denken, erklärt wird der Name jedoch nicht weiter. So lässt er die Interpretation offen, dass es sich um eine andere Luftbrücke gehandelt haben könnte. Um eine, bei der das Boelcke-Geschwader eine überaus aktive Rolle gespielt hat – und nicht wie im Fall Berlins die Alliierten. Gemeint ist die Luftbrücke von September 1936, bei der die Boelcke-Junkers die Putschtruppen von General Franco aus der Kolonie Spanisch-Marokko auf das spanische Festland brachten. Von Historiker*innen wird diese logistische Hilfe der Nazis für die Franquisten als kriegsentscheidend angesehen, denn bis dahin war die militärische Auseinandersetzung für die Aufständischen mangels Soldaten verloren. Die „größte Luftbrücke der Geschichte bis dahin“ macht die Dimension der Nazi-Unterstützung deutlich. Bei so viel Affinität zur Legion Condor wäre es also durchaus denkbar, dass mit „Zur Luftbrücke“ die freundschaftliche Hilfe für die spanischen Faschisten gemeint ist.

Die Bundeswehr und „Guernica“

Die Gemeinde Wunstorf besteht auf ihrem Kriegs- und Legionshelden Boelcke, die Bundeswehr verschweigt beharrlich die eigentliche Geschichte des Bombenflugzeugs Junkers – welchen Sinn macht es dann zum Teufel, dass auf dem Gelände des Transportgeschwaders 62 ein Stein aufgestellt wird, der den Namen „Guernica“ tragen soll? Dabei handelt es sich um eine Notinitiative der Grünen, nachdem die Partei eingesehen hat, dass sie mit ihrer (berechtigten) Forderung nach Umbenennung der Boelcke-Straße nicht durchkommt gegen die herrschende CDU und gegen den Condor-Fanblock der Bundeswehr. Offenbar tut der Name „Guernica“ auf dem Gelände niemand weh. Erstens sieht es ja niemand, weil die Kaserne nicht begehbar ist, zweitens weiß in der Truppe sowieso kaum jemand, was der Name bedeutet.
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In Gernika wird das anders gesehen. Es gibt Stimmen, denen es nicht egal ist, in welcher Nachbarschaft der Name der fast schon legendären baskischen Stadt benutzt wird … neben Boelcke, Huckebein, der Legion Condor, der „alten Tante Ju“ und der Luftbrücke, auf einem kriegstauglichen Gelände erster Kategorie. Sie werden es nicht verhindern können, denn die Bundeswehr entscheidet allein, wen sie ehren und verherrlichen will. Der Stadtverwaltung kann es recht sein, denn mit der Benennung kann sich niemand mehr über politische Unausgewogenheit beschweren. Die Grünen werden zufrieden sein mit ihrem Erfolg auf rechtem Terrain, nachdem sie die Boelcke-Kröte geschluckt haben. Auf Jahre hinaus werden sie keine Argumente mehr haben, den fliegenden Militaristen, Kriegshelden aus Weltkrieg Eins und Condor-Namensgeber erneut in Frage zu stellen.

Für die Opfer der Legion Condor ist es hingegen ein Schlag ins Gesicht. Der Wunstorf-Vorgang erinnert an das „Tal der Gefallenen“ in Madrid (Valle de los Caidos). Dort hatte sich Franco bereits zu Lebzeiten ein Mausoleum bauen lassen, in dem Zehntausende gefallener Soldaten aus dem Spanienkrieg beerdigt wurden. Wären dort nur faschistische Kämpfer beerdigt, hätte das Ganze eine gewisse Logik. Tatsache ist jedoch, dass dort auch die Überreste von Tausenden von Republikanern aufbewahrt werden: die Opfer Seite an Seite mit ihrem Schlächter. Das Kirchen-Mausoleum ist seit Jahrzehnten Ausgangspunkt einer bitteren Polemik, denn mit Recht fordern die Angehörigen der republikanischen Opfer, dass die Gebeine ihrer Väter und Großväter dort herausgeholt werden.

Zynischer Plan für die Einweihungsfeier

Wunstorf ist mit dem Gedenkstein „Guernica“ auf dem besten Weg, ein deutsches „Tal der Gefallenen“ zu werden, auf dem die Geschichten von Opfern und Tätern bis zu Unkenntlichkeit vermischt werden. Doch reicht den politisch Verantwortlichen die Beleidigung der Condor-Opfer noch nicht aus. Sie wollen erreichen, dass die Opfer bei der makabren Vorstellung auch noch Beifall klatschen. Dazu wurde die Stadtverwaltung von Gernika zur Feier eingeladen. Mit etwas Glück kann die Bundeswehr sogar damit rechnen, dass bei dieser Einweihung auch noch baskische Schülerinnen und Schüler anwesend sind. Ausgerechnet zum Eröffnungstermin im September wird eine Schulklasse aus Gernika zum jährlichen Schüleraustausch vor Ort sein. Mit denen wird bei den Grünen gerechnet. Dabei ist sehr unwahrscheinlich, dass die Jugendlichen und ihre Eltern auch nur die geringste Vorstellung haben, welche Inszenierung sie in Wunstorf erwartet . Bei den in Gernika organisierenden Austausch-Lehrer*innen sieht es etwas anders aus. Sie wurden aufmerksam gemacht auf das deutsche Kalkül, wollten die Geschichte aber nicht wahrhaben. Man dürfe Schüleraustausch nicht mit Politik vermischen – als ob die Vernichtung von Gernika keine politische Dimension hätte!

Unmut in Gernika

Langsam und vermittelt über den baskisch-deutschen Kulturverein Baskale zieht die Sache Kreise zwischen Bilbao und Gernika. Denn so unglaublich es klingen mag: die Kommunikation zwischen dem Baskenland und Wunstorf ist wegen Sprachproblemen ins Stocken geraten. Die eine Seite weiß nicht, was die andere denkt und tut.

Zur unsäglichen Gedenkstein-Geschichte passt hervorragend die Antwort der Bundesregierung auf eine parlamentarische Anfrage der BT-Fraktion Die Linke zum Themenkomplex Gernika, Legion Condor, Wiedergutmachung (5). In ihrer Antwort auf den Katalog von 24 Fragen vermeidet die Regierung den Begriff „Kriegsverbrechen“. Frage 10 lautet „Welche Entschädigungen oder Reparationen wurden von deutscher Seite jenseits der o. g. ‘Versöhnungsgesten‘ gegenüber den Opfern der Bombardierung und des Franquismus bislang geleistet?“ Die Antwort lautet lapidar: „Für Entschädigungen oder Reparationen von deutscher Seite gibt es keine Rechtsgrundlage“.

Nichts fürchtet die Bundesregierung mehr als Entschädigung, die öffentliche Diskussion im Fall des weltkriegsgeschädigten Griechenland ist noch in naher Erinnerung. Die Formulierung des Herzog-Briefes 1997 war ausreichend ungenau, um daraus keine Forderungen ableiten zu können. Die müssten sowieso von der spanischen Regierung gestellt werden, die daran keinerlei Interesse zeigt und das Verbrechen von Gernika noch nicht einmal offiziell anerkennt.
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Unmut in Niedersachsen

In Wunstorf, Neustadt und Hannover sind Militärbasis, Traditionspflege, Museumskonzept und fehlende Aufarbeitung der Condor-Geschichte schon lange ein Thema. Widerstand gegen diese Art der militaristischen Geschichtspolitik gibt es seit bald 40 Jahren. Nur diesen Bemühungen und Nachforschungen ist es zu verdanken, dass der Plan der Bundeswehr nicht aufging, über den Zusammenhang von Boelcke und Legion Condor, die Verbindung von Wunstof und Gernika einen Mantel des ewigen Schweigens zu legen. Die Politik der Grünen, der Rathäuser in Wunstorf und Neustadt, sowie der Leitung der Transportgeschwaders 62 haben im Mai 2017 erneut zu einer Polemik geführt, die bereits Spuren in der lokalen Presse hinterlassen hat. Protest gegen die Guernica-Gedenksteins-Pläne formiert sich einmal mehr.

Auch in Gernika (und Bilbao) zieht die Nachricht vom Gedenkstein auf Militärgelände ihre Kreise und führt zu heftiger Empörung. Bei einem ersten Koordinationstreffen wurden Schritte in die Wege geleitet, den besagten Plänen einen Strich durch die Rechnung zu machen. Auch die Redaktion Baskultur.info und der baskisch-deutsche Kulturverein Baskale aus Bilbao beteiligen sich an den Bemühungen. In der Leine-Zeitung erschien (als Leserbrief) ein Protestschreiben des baskischen Vereins.

LESEHINWEISE:

• Luftwaffe, Judenvernichtung, totaler Krieg. Guernica, Lomza, Warschau, Coventry… (Hubert Brieden, Tim Rademacher, Edition Region und Geschichte, 2010, Verlag Arbeitskreis Regionalgeschichte)
• „… ein voller Erfolg der Luftwaffe“. Die Vernichtung von Guernica/Gernika am 26.April 1937. Geschichte und Gegenwart eines deutschen Kriegsverbrechens (Broschüre und Ausstellung, Arbeitskreis Regionalgeschichte Neustadt, 2010) (Broschüre und Ausstellung wurden 2012 ins Baskische und Spanische übersetzt, die Ausstellung wurde in mehr als 30 Orten des Baskenlandes und in Kantabrien gezeigt.)
• Kriegsfolgen. Gernika (Guerncia) / Bizkaia und Wunstorf / Region Hannover. Über die Schwierigkeiten beim Umgang mit der Militärgeschichte in Deutschland und Spanien. (Hubert Brieden, Comisión de Bombardeo, Mechthild Dortmund, Tim Rademacher; Edition Region und Geschichte, 2017, Verlag Arbeitskreis Regionalgeschichte)
• Das Portal www.baskultur.info publizierte mehrere Artikel zu den Themen Gernika, Legion Condor und Aufarbeitung der Kriegsgeschichte.

ANMERKUNGEN:

(1) Gernika / Guernica: Im vorliegenden Text wird die baskische Stadt in zwei verschiedenen Schreibweisen dargestellt. „Guernica“ ist die Version in spanischer Sprache, „Gernika“ ist der baskische und offizielle Name. Die unterschiedliche Schreibweise kann verwirrend wirken, sie ist jedoch wichtig für die inhaltliche Unterscheidung. Bei der Schreibweise „Gernika“ ist von der Stadt die Rede. „Guernica“ hingegen ist im deutschen Sprachgebrauch üblich, so auch bei den entsprechenden Straßenbenennungen in der Bundesrepublik und bei der beschriebenen Wunstorf-Connection. „Guernica“ ist auch der Titel des weltberühmten Gemäldes von Pablo Picasso.

(2) Oswald Boelcke (1891-1916, Frankreich) war einer der bekanntesten deutschen Jagdflieger im Ersten Weltkrieg. Er entwickelte mit den Dicta Boelcke die ersten Einsatzgrundsätze der Luftkampftaktik. 1911 Fahnenjunker im Telegraphen-Bataillon Nr. 3 in Koblenz; Offizierausbildung: 1914 wechselte Oswald Boelcke in die neu gegründete Fliegertruppe; in der Fliegerschule Halberstadt wurde er zum Flugzeugführer ausgebildet. Nach der letzten Flugprüfung am 15. August 1914 wurde Boelcke zur Feldfliegerabteilung 13 versetzt. An der Westfront flog er mit seinem Bruder Wilhelm als Beobachter. Oswald Boelcke kam im April 1915 zur neu aufgestellten Feldfliegerabteilung 62 an die Fliegerschule Döberitz. Die Abteilung wurde kurz darauf nach Douai (Frankreich) verlegt. Am 4. Juli 1915 erreichte Boelcke seinen ersten Luftsieg. Den eigentlichen Abschuss erzielte der Flugbeobachter von Wülisch, da in dieser frühen Phase des Luftkriegs die Flugzeugführer noch keine Waffen bedienten. Dieser erste Luftsieg in einem gezielten Jagdeinsatz förderte die militärische Idee, Einheiten mit Jagdflugzeugen eigens für den Kampf gegen feindliche Flugzeuge zu etablieren. Seinen ersten Luftsieg als Flugzeugführer erreichte Boelcke am 19. September 1915. Bereits am 12. Januar 1916 wurde er für den achten Luftsieg von Kaiser Wilhelm ausgezeichnet. Im März 1916 wurde Boelcke Leiter einer Gruppe von sechs Jagdfliegern bei der neu aufgestellten Fliegerstaffel Sivry. Zu diesem Zeitpunkt beherrschten Immelmann und Boelcke den Luftkrieg über der Westfront und trugen einen Wettkampf um die meisten Luftsiege aus. Nach dem Tod Immelmanns am 18. Juni 1916 erhielt Boelcke Flugverbot, da man sein Wissen im Bereich der Jagdfliegerei für zu wertvoll hielt. Zu diesem Zeitpunkt hatte er 19 anerkannte Luftsiege erzielt.
Boelcke wurde zu einer Inspektionsreise auf den Balkan entsandt. Auf der Reise hatte er Kontakt zu Enver Pascha, Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg, Erich Ludendorff, Generalfeldmarschall August von Mackensen, Generalfeldmarschall Franz Conrad und Kaiser Wilhelm II. Die Tatsache, dass er als rangniedriger Offizier mit führenden militärischen und staatlichen Personen der Mittelmächte sprach, illustriert Boelckes Bekanntheitsgrad und die allgemeine Aufmerksamkeit für den Luftkrieg.
Nach der von ihm angeregten Reorganisation der deutschen Luftstreitkräfte wurde Boelcke zum Kommandeur der am 10. August 1916 aufgestellten Jagdstaffel 2 ernannt. Er erhielt die Möglichkeit, sich die Piloten selbst auszusuchen. Während eines Besuches im russischen Kowel wählte er unter den Flugzeugführern des Kampfgeschwaders 2 die Leutnants Manfred von Richthofen und Erwin Böhme aus. Anfang September 1916 begann Boelcke, seine Schüler im Einsitzerkampf auszubilden. Er entwickelte erste Einsatzgrundsätze für den gezielten Luftkampf. Seine in den sogenannten Dicta Boelcke festgehaltenen Regeln gehörten über viele Jahrzehnte zu den theoretischen Grundlagen des Luftkriegs. In der kurzen Zeit als Führer der Jagdstaffel war Boelcke sehr erfolgreich. Von Anfang September bis Ende Oktober 1916 schoss er 20 gegnerische Flugzeuge ab und stand mit insgesamt 40 anerkannten Luftsiegen an der Spitze aller Jagdflieger. Am 28. Oktober 1916 touchierte während eines Luftkampfes seine Maschine die Maschine eines Kollegen, Boelcke wurde beim Aufprall getötet. Seine Regeln für den Luftkampf gelten auch heute noch. (Wikipedia: Boelcke)

(3) Hans Huckebein ist eine von Wilhelm Busch gezeichnete Figur, die sich die Nazis zu nutze machten: Hans Huckebein der Unglücksrabe ist eine Bildergeschichte von Wilhelm Busch. Die Geschichte vom Unglücksraben Hans Huckebein ist ähnlich lausbubenhaft angelegt wie Max und Moritz. Wilhelm Busch war 35 Jahre alt, als er im Juni 1867 in seinem Heimatdorf Wiedensahl westlich von Hannover die Bildergeschichte zeichnete (Wikipedia). Das Zitat ist dokumentiert in der Broschüre „… ein voller Erfolg der Luftwaffe“, herausgegeben vom Arbeitskreis Regionalgeschichte Neustadt (siehe Lesehinweise).

(4) Broschüre des Arbeitskreis Regionalgeschichte Neustadt e.V. mit dem Titel: „… ein voller Erfolg der Luftwaffe.“ Die Vernichtung von Gernika/Guerncia am 26.April 1937. Geschichte und Gegenwart eines deutschen Kriegsverbrechens. (Die Broschüre begleitet eine Ausstellung mit dem selben Titel. Die Ausstellung wurde vom in Bilbao ansässigen baskisch-deutschen Kulturverein Baskale ins Baskische und ins Spanische übersetzt und bisher in mehr als 30 Orten des Baskenlandes gezeigt; aktuell (Juni 2017) ist sie in Bilbao, Portugalete und Torrelavega-Kantabrien zu sehen).

(5) Baskultur.info dokumentierte die Kleine Anfrage der Bundestagsfraktion Die Linke anlässlich des 80. Jahrestages der Bombardierung der baskischen Stadt Gernika durch die nazistische Legion Condor (Link)

FOTOS:

(*) Straßentheater in Gernika am Gedenktag (FAT)

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