dura01
Legion Condor war doch beteiligt

Am 31. März 1937 wurde die bizkainische Kleinstadt Durango während des Spanienkrieges bei einem Fliegerangriff bombardiert, es kam zu mehr als 300 Toten. Bis heute waren Historiker*innen davon ausgegangen, dass diese Bombardierung von der italienischen Luftwaffe „Aviazione Legionaria Italiana“ ausgeführt wurde, die Franco von Mussolini zur Hilfe geschickt worden war. Neue Nachforschungen haben ergeben, dass auch die Nazis mit ihrer Legion Condor an dieser Bombardierung direkt beteiligt waren.

Dass die baskische Stadt Durango im März 1937 nicht nur von der italienischen Luftwaffe, sondern auch von der nazideutschen Legion Condor angegriffen und bombardiert wurde, geht aus dem Tagebuch des Condor-Kommandanten von Richthofen hervor.

Die neue Information kommt vom Kulturverein Gerediaga in Durango, der seit Jahrzehnten die Kriegsereignisse und Kriegsfolgen in der Stadt untersucht. Als Quelle für die Revision der bisherigen Informationslage wird das persönliche Tagebuch des letzten Kommandaten der Legion Condor, Wolfram von Richthofen, genannt. Im Tagebuch heißt es, die Nazi-Luftwaffe habe ebenfalls an jenem Angriff teilgenommen, der 336 Menschen das Leben kostete, damals 5% der Bevölkerung der Stadt in der Provinz Bizkaia. (1)

Dass von Richthofen dokumentierte, Hitlers Schergen hätten den Angriff auf Durango geplant, verwundert nicht. Denn auch bisher war allgemein bekannt, dass sich die Nazis in ihrem Kriegsvertrag mit Franco die alleinige Befehlsgewalt über alle drei Luftwaffen hatten zusichern lassen: die italienische, die deutsche und sogar die franquistische. Zwar waren die Nazis Franco gegenüber formal rechenschaftspflichtig. Doch wann, wo und wie gebombt wurde, das entschieden sie alleine. Nicht einmal der Putschisten-General Mola an der Nordfront hatte da viel zu melden, was betreffs Kriegsführung mitunter zu Meinungsverschiedenheiten führte. Die Nazis machten die Einsatzpläne für die Gesamtheit der Kriegsflieger. Auch für den Angriff auf Durango am Morgen des 31. März 1937, heute vor etwas mehr als 81 Jahren.

dura02Der Gerediaga-Historiker Jon Irazabal Agirre hat die damaligen Ereignisse wie kein anderer studiert. Seiner Feder entsprangen bereits mehrere Bücher über die Bombardierung von Durango. Trotz seiner langjährigen Forschungsarbeit war auch er vom neuen Informationsstand überrascht. „Auch mir war das neu. Von der Teilnahme deutscher Bomber an jenem Tag hatte ich bislang nichts gehört,“ räumt Irazabal ein.

Zahlreiche Zeitzeugen und Überlebende der Bombardierung hatten immer wieder betont, dass die nazideutsche Legion Condor an jenem Kriegsverbrechen beteiligt gewesen sei. Doch trauten die Historiker*innen diesen Aussagen nicht. Denn viele erzählten, dass die Flugzeuge Hakenkreuze auf den Tragflächen getragen hätten. „Aber Hakenkreuze konnte gar niemand an den Flugzeugen gesehen haben, selbst wenn es deutsche gewesen sein sollten. Denn die deutschen Flugzeuge waren nie mit Hakenkreuzen versehen. Am Heck hatten sie ein schwarzes Kreuz auf weißem Grund. Aber im Spanienkrieg benutzten die Nazis keine Hakenkreuze“, so Irazabal. Tatsächlich versuchten die Nazis ihren Einsatz im Spanienkrieg bis zum Ende geheim zu halten, schließlich war er völkerrechtswidrig, widersprach internationalen Abkommen und dem Kapitulationsvertrag nach dem Ersten Weltkrieg.

Dazu überraschte der Historiker von Gerediaga die Öffentlichkeit mit einer zweiten Neuigkeit. Dabei ging es um Alejandro Goicoechea, den Chefingenieur der baskischen Regierung, der mit dem Bau eines Schutzwalls beauftragt war, mit dem die baskische Regierung Bilbao vor einem Angriff auf dem Landweg schützen wollte. „Eiserner Gürtel“ hieß das mehr als 50 Kilometer lange Bauwerk, das in den Kriegsmonaten viel Arbeitskraft und Investition erforderte (spanisch „Cinturón de hierro“; baskisch Burdinazko Hesia).

Der aus dem Durango-Nachbarort Elorrio stammende Goicoechea hatte mitten im Krieg die Fronten gewechselt. Er war zu den Faschisten übergelaufen und versorgte sie mit strategischer Information erster Güte. Goicoechea lieferte den Aufständischen Information über die Schwachstellen des Schutzwalls und nicht nur das. Er informierte die Franquisten auch darüber, in welchen Kirchen von Durango baskische Soldaten und Milizionäre untergebracht waren. Später machte der Ingenieur während der franquistischen Diktatur Karriere. Auf ihn geht der erste spanische Schnellzug zurück. Im allseits bekannten Namen TALGO (Tren Articulado Ligero Goicoechea Oriol) ist der baskische Verräter namentlich verewigt.

Goicoechea lieferte an die Faschisten also auch Information über die Situation in Durango. Viele der Soldaten und Milizionäre der improvisierten baskischen Armee waren in Kirchen und Klöstern untergebracht. Das erklärt, weshalb sich der Bombenangriff vom 31. März 1937 ganz gezielt auf die katholischen Gotteshäuser richtete. Zerstört wurden die Kirchen San José Jesuitak, Santa María de Uribarri und das Kloster Santa Susana. Es gab Massen von Toten. Auch, weil zum Zeitpunkt des Angriffs gerade die Frühmesse stattfand.

dura03Die italienischen Bomber starteten von der Luftwaffenbasis Soria, 200 Kilometer südlich von Durango, und flogen über Logroño. Dort schlossen sich der italienischen Staffel 14 deutsche Jäger an, die in der riojanischen Hauptstadt ihr Quartier hatten. Das Tagebuch des Condor-Kommandanten Richthofen, der selbst Kampfflugzeuge flog, beschreibt die Ankunft seiner Piloten-Kollegen im Durango-Tal: „Eine kleine hübsche Stadt mit schönen Adelspalästen. Nach zwei Bombardierungen der Italiener machte sie einen schrecklichen Eindruck. Es ist, als hätten die Bomben die Kirchen geradezu gesucht“, so seine Bewertung des Angriffs.

Richthofen schreibt weiter von der großen Kirche – womit sicherlich die Basilika Santa María de Uribarri gemeint ist – in der damals gerade die morgendliche Hauptmesse gehalten wurde. „Sie erhielt wenigstens sechs Bombentreffer. Die Klosterkirche daneben, ein Hauptquartier der Roten, erhielt mindestens vier Bomben. Da stehen nur noch die Mauern.“ Er fügte an, in der großen Kirche habe es viele Tote gegeben, wahrscheinlich mehr als 150. „Aus Propaganda-Gründen haben die Roten nichts von den Trümmern weggeräumt“, so der Oberst, später Generalmajor und im Weltkrieg Generalfeldmarschall.

Augenzeuge

Von Richthofen selbst könnte einen Monat später erneut aus der Luft gesehen haben, wie Durango nach dem von Deutschen, Italienern und Spaniern koordinierten Angriff aussah. Laut Tagebuch hatte er ein Treffen mit dem Putschisten-General Alfredo Kindelan, mit Franco und italienischen Vertretern in der heutigen baskischen Hauptstadt Vitoria-Gasteiz. „Kann sein, dass sie sich dort trafen, denn Vitoria war einer ihrer Treffpunkte. Ich habe Fotos gesehen vom Nazi-Kommandanten Hugo Sperrle in Elorrio; und von Franco und Mola zusammen in Otxandio“, berichtet Irazabal. Sperrle war im Spanienkrieg erster Kommandeur der Legion Condor, also Richthofens Vorgesetzter. Nach der Rückkehr aus Spanien wurde Sperrle im November 1937 zum General der Flieger befördert. Im April 1938 übernahm er den Befehl über das Luftwaffen-Gruppenkommando III in München.

dura04Wie es gerade jetzt zur Erkenntnis kam, dass die Legion Condor am Angriff auf Durango beteiligt war, wird im zitierten Artikel nicht klargestellt. Richthofens Tagebuch ist zur genüge bekannt und wurde sicher schon häufig studiert. Insbesondere auf der Suche nach den Hintergründen der Vernichtung der baskischen Stadt Gernika knapp vier Wochen später (am 26. April 1937). Auch andere Kriegsforschungen zitierten bereits daraus. So bleibt unklar, weshalb Gerediaga so lange gebraucht hat, die Information von der Beteiligung zu entdecken. Doch sind Informationen in fremder Sprache vielen Forscher*innen bis heute ein schwer überwindbares Hindernis. Insbesondere im Baskenland, wo kaum jemand Deutsch beherrscht, und ähnlich wenige Englisch. Auch die Entdeckung der Namen der Aviazione Bomberpiloten in italienischen Archiven dauerte bis zum Jahr 2017.

Ende 1944 wurde bei von Richthofen ein Gehirntumor festgestellt, worauf er sich vom Dienst befreien ließ und aufgrund seiner Notizen sein Tagebuch niederschrieb. Sieben Jahre nach der Bombardierung von Gernika und als der Zweite Weltkrieg für das Dritte Reich bereits verloren war. Von Richthofen starb in amerikanischer Kriegsgefangenschaft am 12. Juli 1945.

ANMERKUNGEN:

(1) Information aus dem Artikel “El diario de Von Richthofen desvela que los nazis participaron en el ataque a Durango”, Tageszeitung Deia vom 13.5.2018 (Das tagebuch Richthofens enthüllt, dass die Nazis am Angriff auf Durango teilnahmen). Es handelt sich um keine Übersetzung. (Link)

ABBILDUNGEN:

(*) Durango-Angriff (Gerediaga)

Für den Betrieb unserer Webseite benutzen wir Cookies. Wenn Sie unsere Dienstleistungen in Anspruch nehmen, akzeptieren Sie unseren Einsatz von Cookies. Mehr Information