gernikapforzheim01Städtepartnerschaft und Geschichtsrevision

Städtepartnerschaften dienen symbolisch der Verbundenheit zwischen Orten verschiedener Staaten. Umso mehr, wenn die betreffenden Länder zuvor in kriegerischen Auseinandersetzungen gestanden hatten. Die Städtepartnerschaft zwischen Pforzheim und dem baskischen Gernika hat eine zusätzliche Komponente. Beide Orte werden von der deutschen Politik als Opferstädte bezeichnet, ein kurzer Blick in die Geschichte zeigt jedoch Unterschiede, die diese Ausgangsthese in Frage stellen.

Geschichte der beiden Partnerstädte

(22.11.2014) Gernika wurde als symbolische Hauptstadt des Baskenlandes am 26.4.1937 von der nazi-deutschen Fliegerstaffel Legion Condor angegriffen und vernichtet. Sie handelte im Auftrag der aufständischen faschistischen Generäle um Franco, die sich gegen die demokratisch gewählte Regierung der spanischen Republik erhoben hatten. Militärisch machte der Angriff für den derzeitigen Kriegsverlauf keinerlei Sinn. Stattdessen wurde er von den spanischen Faschisten zu Propagandazwecken umgedeutet, für die Nazis war er ein großangelegter Feldversuch der neuen Bombertechniken, die für den bereits geplanten Eroberungskrieg perfektioniert werden sollten: Fliegertraining per Massenmord.

Pforzheim wurde am 23.Februar 1945, gegen Ende des Zweiten Weltkrieges, bei einem britischen Luftangriff fast völlig zerstört, mehr als 17.000 Menschen fanden den Tod. Militärisch gesehen war der Krieg entschieden, die Zerstörung hatte keinen Einfluss auf den weiteren Kriegsverlauf. Ähnlich wie im Fall Dresdens wird dem Angriff auf die Stadt deshalb ein symbolischer bzw. vengativer Charakter zugeschrieben. Als Bestandteil des Deutschen Reiches war Pforzheim bis zur Kapitulation Teil der kriegsführenden Nazis.

Der Unterschied zwischen den beiden Orten liegt auf der Hand: Gernika war Teil eines demokratisch gewählten Staatswesens, das von ultrarechten Kräften illegalerweise angegriffen wurde. Pforzheim war Teil eines faschistischen Regimes, das große Teile Europas angegriffen, den Holocaust organisiert hatte und für Millionen von Toten verantwortlich war. Eine Gleichsetzung des Schicksals der beiden Orte ist insofern überaus problematisch. Darüber hinaus war Pforzheim Teil des Regimes, das für den Massenmord in Gernika verantwortlich war. Zwei Mitglieder des Arbeitskreises Regionalgeschichte aus Neustadt analysierten seinerzeit den Vorgang der Städtepartnerschaft in der Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialgeschichte. (1)

Nach einigen Auseinandersetzungen kam 1998 eine Partnerschaft zwischen der baskischen Stadt Gernika (span: Guernica) und der bundesdeutschen Stadt Pforzheim zustande. Wenige Zeit danach wurden die ersten Besucher- und Kulturgruppen ausgetauscht. Eine gute Sache, werden viele sagen, zumindest solange sie nicht die Vorgeschichte dieser Städtepartnerschaft kennen, die in eine Zeit passt, in der auf breiter Front versucht wurde, die deutsche Geschichte umzuschreiben.
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Gegen anfängliche Angriffe der CDU, die befürchtete, die Schuld von Deutschen bei der Zerstörung Gernikas während des Spanischen Bürgerkrieges (2) könnte thematisiert werden, verteidigte der Oberbürgermeister Pforzheims diese Städtepartnerschaft mit der Feststellung, es gehe dabei nicht in erster Linie um die Aufdeckung historischer Zusammenhänge. Vielmehr stehe der Gedanke im Mittelpunkt, dass Deutsche an beiden Orten "Täter und Opfer zugleich" gewesen seien (3). Der Nonsens dieser Begründung ist offenkundig: Gernika wurde von Fliegern der Legion Condor während des Spanischen Bürgerkrieges am 26.4.1937 in Schutt und Asche gebombt. Die Täter waren Deutsche, die Opfer Basken. Im Verlauf des von Deutschland initiierten Zweiten Weltkrieges wurde auch Pforzheim von alliierten Fliegern angegriffen. Hier waren Deutsche die Opfer, Täter jedoch nicht die Basken. Die Aussage, an beiden (!) Orten seien Deutsche Täter und Opfer zugleich gewesen, ist also eine historische Unwahrheit, die den Unterschied zwischen Tätern und Opfern, zwischen Ursache und Wirkung verwischen und damit eine Einsicht in historische Zusammenhänge verhindern soll. Genau das ist mit der Städtepartnerschaft Pforzheim-Gernika auch beabsichtigt, zumindest von deutscher Seite. Pforzheim ist nicht die einzige Stadt, in der eine Partnerschaft mit Gernika diskutiert wurde. Seit 1984 – lange bevor man in Pforzheim die ersten Überlegungen zu diesem Thema anstellte – wurden im niedersächsischen Wunstorf die Möglichkeiten einer Städtepartnerschaft mit Gernika öffentlich erörtert.

Wunstorf. Kleinstadt im Landkreis Hannover. Einer der größten Arbeitgeber vor Ort ist der Fliegerhorst der Bundeswehr. Angelegt 1934 bis 1936 von den Nationalsozialisten im Rahmen ihres Aufrüstungsprogramms wird er mittlerweile vom Transportgeschwader 62 der Bundeswehr genutzt. Im Frühjahr 1934 wurde mit der Anlage des Flugplatzes begonnen, zunächst zivil getarnt, denn die von den Nazis betriebene Wiederaufrüstung musste noch geheim gehalten werden. (4) Deutschland war nach dem Ersten Weltkrieg lediglich ein Berufsheer von 100.000 Mann zugestanden worden, Fliegerverbände waren überhaupt nicht zugelassen. Am 2.April 1936 wurde Wunstorf Garnisonsstadt und blieb es. Am 6.März 1937 ließ der "Führer" Adolf Hitler an seine Flieger feierlich eine Hakenkreuzfahne überreichen. Zu dieser Zeit waren die ersten auf dem Fliegerhorst ausgebildeten Bomberbesatzungen bereits im Kriegseinsatz: im Spanischen Bürgerkrieg kämpften sie als Teil der Bombereinheiten der Legion Condor auf der Seite des Putschgenerals Franco gegen die gewählte spanische Republik. Bereits ab September 1936 waren auf dem Fliegerhorst Bomberbesatzungen des teilweise hier stationierten Kampfgeschwaders Boelcke auf Ju-52-Behelfsbombern und Heinklel-111-Maschinen geschult, für den Einsatz in Spanien zusammengestellt und unter größter Geheimhaltung, als Zivilpersonal getarnt, nach Spanien eingeschifft worden. Kaum angekommen legten sie den Beweis ihres Könnens ab: spanische (und baskische) Städte und Dörfer wurden systematisch in Schutt und Asche gelegt. Eine dieser Städte war Gernika, Symbol des baskischen Freiheits- und Unabhängigkeitswillens.

Bis heute wird auf dem Fliegerhorst der Bundeswehr militärische Tradition gepflegt: jahrelang fanden auf dem Fliegerhorst regelmäßig Treffen des "Traditionsverbandes Geschwader Boelcke" statt, bei dem Bundeswehr-Offiziere und Veteranen, darunter auch ehemalige Gernika-Flieger militärische Traditionen hochhielten. Die Beteiligung Wunstorfer Flieger am Spanischen Bürgerkrieg und bei der Bombardierung Gernikas wurde zunächst von der Kommandantur abgestritten, obwohl Kontakte zu beteiligten Fliegern bestanden. 1985 feierte der Bundeswehr-Fliegerhorst sein 50-jähriges Bestehen, was zehn Jahre NS-Zeit mit einschloss und zu bundesweiten Protesten führte. 1986, im fünfzigsten Jahr nach der Bombardierung Gernikas, begann man auf dem Fliegerhorst mit der liebevollen Restaurierung von Ju-52-Maschinen, von der Kommandantur verharmlosend als Technikliebhaberei abgetan.

gernikapforzheim03Seit der Arbeitskreis Regionalgeschichte 1984 die Beteiligung Wunstorfer Flieger an der Zerstörung Gernikas nachgewiesen hatte, wurde in der Öffentlichkeit die Möglichkeit einer Partnerschaft mit Gernika diskutiert. Auch Teile der SPD freundeten sich mit diesem Gedanken an. Die Interessenvertreter des Fliegerhorstes, die um das Ansehen der Bundeswehr fürchteten, lehnten derartiges jedoch strikt ab. Der Arbeitskreis Regionalgeschichte versuchte unterdessen, eine Partnerschaft "von unten" zu organisieren. Reisegruppen aus der Region besuchten Gernika und knüpften Kontakte, Einwohner Gernikas erwiderten die Besuche. Regelmäßig wurde über das Baskenland informiert, Informations- und Kulturveranstaltungen durchgeführt, um den Menschen der Region die historischen und aktuellen Probleme des Baskenlandes deutlich zu machen und für eine Partnerschaft zu werben, die die Geschichte nicht verdrängt hätte. Durch die Offenlegung des Täter-Opfer-Bezugs hätte etwas qualitativ Neues entstehen können – eine Städtepartnerschaft, die über das übliche Einerlei der gegenseitigen Besuche von Notablen und anerkannten Vereinen sowie Folklore hinausgegangen wäre.

Nach dem fünfzigsten Jahrestag der Bombardierung Genrikas setzten sich immer mehr Menschen für diese Partnerschaft ein, was auch seinen Niederschlag in der örtlichen Presse fand. Als Alternative schlugen CDU und rechte SPD-Kreise eine Partnerschaft mit einer DDR-Stadt vor, was damals aufgrund des rigiden Auswahlverfahrens auf DDR-Seite recht aussichtslos erschien. Schließlich versuchten die Gegner einer Städtepartnerschaft mit Gernika auch immer stärker, die brisante politische Situation im Baskenland in den Mittelpunkt des Interesses zu rücken. Auf der Eröffnungsveranstaltung einer Ausstellung zum 50.sten Jahrestages der Bombardierung Gernikas im November 1986 versuchten diese Leute, mit einem anwesenden baskischen Abgeordneten des Europa-Parlaments und einem Ratsvertreter aus Gernika die Frage der Gewalt im Baskenland zu diskutieren, was diese jedoch zu Recht ablehnten. Die SPD schrieb sogar einen Brief an die Stadt Gernika, um deren Stellungnahme zu Fragen der ETA einzuholen, und zeigte damit eine bemerkenswerte Unfähigkeit oder Unwilligkeit, die gegenwärtige Situation im Baskenland aus der Geschichte zu erklären und zu verstehen, einer Geschichte, zu der die Deutschen ihren gewalttätigen Beitrag geleistet hatten. In dieser Situation kam die Bewerbung Pforzheims für eine Städtepartnerschaft gerade recht, denn wenn eine andere Stadt sich um die Partnerschaft bemühte, war Wunstorf nicht mehr gefordert.

Die Auseinandersetzung in Wunstorf um die Städtepartnerschaft blieb keine Provinzposse. Sie war sowohl in Gernika alsauch in der Bundesrepublik überregional bekannt geworden. Die Situation des NATO- und Bundeswehr-Fliegerhorstes wurde, besonders nach der Feier des 50-jährigen Jubiläums, immer peinlicher. So versuchte man von Bonn aus, die Diskussion von Wunstorf abzulenken. Das Auswärtige Amt fragte zunächst von sich aus (!) in Schwäbisch Hall an, ob dort Interesse an einer Partnerschaft mit der baskischen Stadt bestehe. Nachdem sich auch Pforzheim bemühte, wurde diese Option von der Bundesregierung, dem Auswärtigen Amt und der deutschen Botschaft in Madrid mit Nachdruck unterstützt (5) und schließlich – wie bereits geschildert – auch realisiert.
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Die Eile der Bundesregierung stand in auffälligem Gegensatz zu ihrer zögerlichen, letztlich ablehnenden Haltung zu baskischen Forderungen und Bitten um eine Geste der Versöhnung. Jahrelang hatte sich Jesus Arana als offizieller Delegierter der "Bürgerkommission von Gernika" erfolglos darum bemüht, von der deutschen Regierung als eine solche versöhnende Geste die Zusage für den Bau einer sozialen oder kulturellen Einrichtung zu bekommen. Arana im Mai 1987: "Mit Vertretern der Bundesregierung habe ich etwa zehn Mal gesprochen. Ihre Reaktion war immer zurückhaltend. Aber am Anfang haben sie mir von der Möglichkeit einer positiven Aktion gesprochen. Die Voraussetzung war eine positive Stellungnahme der spanischen Regierung. Aber auch nachdem der spanische Präsident Felipe Gonzalez der deutschen Regierung offiziell mitgeteilt hat, dass die spanische Regierung mit dem Projekt der Bürgerkommission aus Gernika einverstanden war, gab es keine Zustimmung. Die Beamten waren immer sehr höflich. Abersie waren auch sehr hart in ihren negativen Positionen. So war das Ergebnis Null". (6)

Selbst bei den offiziellen Gedenk-Feierlichkeiten zum 50.Jahrestag der Bombardierung von Gernika war als Vertreter der Bundesrepublik lediglich der stellvertretende Konsul aus Bilbao zugegen. Eine hochrangige Repräsentanz wurde offensichtlich nicht für nötig gehalten. Der (bis 2004 amtierende) Vorsitzende der baskischen PNV (Partido Nacionalista Vasco), Xabier Arzalluz, kritisierte dieses Verhalten: "ich würde sagen, dass man der Sache auf deutscher Seite keine sehr große Bedeutung oder Aufmerksamkeit gewidmet hat. (...) Ich verstehe, dass solche Dinge schrecklich unangenehm sind, dass sie viele Erinnerungen wieder aufwühlen, die besser begraben wären. Aber ich glaube, es hätte die deutsche Regierung nichts gekostet, in irgendeiner Weise präsent zu sein. Und wenn es auch nur darum gegangen wäre, zu zeigen, dass das jetzige Deutschland nichts mit den barbarischen Taten zu tun hat, die unter Hitler begangen wurden. Man hat eine Gelegenheit vertan". (6)

Geste des Präsidenten Herzog

Zum 60.Jahrestag des Massakers von Gernika wartete der bundesdeutsche Präsident Herzog mit einer bedeutungsvollen und gleichzeitig strategischen Geste auf. In einem persönlichen Schreiben, das keinerlei rechtliche Verbindlichkeit hatte, sprach er von der "Beteiligung deutscher Soldaten" beim Kriegsverbrechen von Gernika. In der Bevölkerung des Ortes wie im gesamten Baskenland wurde diese Geste mit großer Erleichterung und Dankbarkeit aufgenommen, denn nie zuvor hatte sich eine der postfaschistischen spanischen Regierungen zum Bombardement geäußert, geschweige denn entschuldigt. Ebenso wie die Umlenkung der Condor-Frage von Wunstorf auf Pforzheim nahm die persönliche Stellungnahme Herzogs den Druck von der deutschen Regierung, sich offiziell zur Vernichtung Gernikas zu äußern. Die Wunstorf-Frage und die einer deutschen Entschuldigung für Gernika stehen bis heute im Raum. (7)
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Anmerkungen:

(1) Unter dem Titel "Über die Gleichheit von Tätern und Opfern – eine Städtepartnerschaft im Zeichen der Revision deutscher Geschichtsschreibung" publizierten Hubert Brieden und Heidi Dettinger im Heft 1/1992 (S.163-166) der Publikation "1999 – Zeitschrift für Sozialgeschichte des 20. und 21.Jahrhunderts eine Analyse zur Städtepartnerschaft zwischen Pforzheim und Gernika.
(2) Spanischer Bürgerkrieg: Der Begriff wird in der Regel benutzt, um den von den faschistischen Generälen begonnenen Krieg zwischen 1936 und 1939 zu beschreiben. Doch ist der Begriff irreführend, denn es handelte sich nicht um einen Bürgerkrieg. Vielmehr war es ein ideologischer Krieg von reaktionär-katholischen Kreisen gegen republikanische Kräfte verschiedener Ideologien, der sich auf internationaler Ebene wiederspiegelte. Von Beginn an gab es eine weitreichende internationale Beteiligung, deutsche und italienische Faschisten auf Seite der aufständischen Generäle, die Sowjetunion auf Seite der Republik. Die weltweite Bereitschaft von Tausenden von Freiwilligen, sich den Internationalen Brigaden anzuschließen zeigt, dass sich viele Linke im Klaren waren, dass der Krieg in Spanien ein erster Kampf gegen den europäischen Faschismus darstellte und weichenstellend war für den Expansions-Krieg, den Nazi-Deutschland vorbereitete. Tatsache ist, dass der 2.Weltkrieg nur fünf Monate nach Ende des Spanischen Krieges begonnen wurde.
(3) Frankfurter Rundschau, 2.1.1988
(4) Der Artikel stammt aus dem Jahr 1992. An der Situation des Fliegerhorstes hat sich seither wenig geändert. Das dort angesiedelte Museum mit Junkers-Flugzeugen ist mittlerweile in die Verwaltung der Bundeswehr übergegangen. Neu ist der Plan, aus dem Flugplatz einen Angelpunkt der NATO für internationale Militäreinsätze zu machen und ihn dafür auszubauen.
(5) Leine-Zeitung 12.11.1987
(6) Monitor-Sendung, ARD, 19.5.1987
(7) Bildnachweis: Alle Fotos sind aus dem Archiv von Txeng, die Bilder wurden in Gernika aufgenommen. Auf dem Eingangsbild ist ein Monument zur Erinnerung an das Nazi-Massaker im französischen Oradour-sur-Glane zu sehen, es steht im zentralen Park Gernikas.

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