Mauthausen Kriegsgef2

Marcelino Bilbao in Mauthausen

Zu den schockierendsten Geschichten in "Leben in der Nazi-Hölle", einem Buch der katalanischen Journalistin Montserrat Llor Serra über die Leiden spanischer, katalanischer und baskischer KZ-Insaßen, gehören die Berichte von Marcelino Bilbao Bilbao, einem Basken aus Alonsotegi (Provinz Bizkaia), der fünf Jahre lang im österreichischen Konzentrationslager Mauthausen interniert war und Opfer grausamer Experimente von Nazi-Medizinern wurde. Er starb am 25.1.2014.

Marcelino Bilbao, der letzte Überlebende jener schrecklichen Versuche, starb im Januar 2014 in seinem Haus im französischen Ort Chatellerault nahe Poitiers. Trotz seines Alters blieb die Erinnerung an die Leiden im Konzentrationslager wach. Dies erfuhr auch Montserrat Llor bei ihren Interviews. 

Der baskische Antifaschist, der den KZ-Arzt überlebte

Der Mann aus Bizkaia war Antifranquist und Antifaschist bis zu seinem letzten Atemzug und starb nur neun Tage nach seinem 94. Geburtstag. Die Geschichte seines Lebens übersteigt jegliche menschliche Vorstellungskraft. Als Neugeborener wurde er am 16. Januar 1920 von seinen Eltern in der Nähe des Kadagua-Flusses in Alonsotegi (Bizkaia) ausgesetzt. Ein Mann hörte das Schreien des Kleinen und rettete ihn. Die arme Familie Lopez-Iglesias hatte bereits ein Dutzend Sprösslinge und adoptierte ihn dazu, am Ende waren es 21 Kinder. "Die Frau gebar allein zu Hause", erzählt Marcelino Bilbaos Neffe, der Historiker Etxahun Galparsoro, der eine Biografie von Marcelino verfasst. Wie alle marcelino bilbao1Waisenkinder jener Zeit erhielt das Kind den damals üblichen Namen Bilbao. Im Alter von 12 Jahren verließ Marcelino die Schule, mit 13 wurde er Mitglied der Vereinigten Sozialistischen Jugend (JSU), sehr jung beteiligte er sich an Streiks und sozialen Kämpfen. Marcelino arbeitete in der Mine La Primitiva in Kastrexana und in der Jute-Spinnerei Rica. Als 1936 nach dem Aufstand der faschistischen Generäle um Franco der Krieg begann, trat er in die anarchistische CNT ein. "Er hatte bereits eine Pistole", stellt Galparsoro fest.

Unermüdlicher Kämpfer

Als Milizionär nahm er an der Schlacht von Villarreal (Legutio, baskische Provinz Araba) teil, als Teil der Baskischen Hilfs-Brigaden erlebte er im Februar 1937 in Asturien die Belagerung von Oviedo. Marcelino Bilbao sah die Folgen der Bombardierung von Gernika-Lumo und kämpfte in den Schlachten um die baskischen Berge Sollube, Bizkargi, Intxorta und Jata. Nach dem Fall des Verteidigungs-Gürtels der baskischen Hauptstadt Bilbao (Cinturrón de Hierro) und der Besetzung des Baskenlandes ging Marcelino nach Santander und Asturien und nahm an den dortigen Kämpfen teil.

Nach dem Fall der Nordfront schaffte er es, sich im asturischen Aviles in Richtung Bordeaux einzuschiffen. Von dort kam er mit dem Zug nach Katalonien. Im Dezember 1937 wurde Marcelino Bilbao erneut in die republikanischen Truppen aufgenommen und war verantwortlich für die 63. Kompanie mit Maxim-Maschinengewehren, ein Teil der Volksarmee der Republik. Unter seinem Kommando kämpfte die Einheit in der Schlacht von Teruel und musste sich später nach Lleida zurückziehen. Im Sommer 1938 nahm Marcelino Bilbao an der Schlacht am Ebro teil und wurde mit einer Tapferkeits-Medaille ausgezeichnet. Am 9. Februar schließlich, kurz vor Kriegsende, überquerte er bei La Junquera die katalanisch-französische Grenze.

In Frankreich kam er in die Konzentrationslager von Saint-Cyprien, von Argelès-Sur-Mer und von Gurs . Im Lager Gurs lernte er José María Aguirre Salaberria kennen, seinen künftigen Schwager und Mitgefangenen von Mauthausen. Nach kurzem Aufenthalt im Konzentrationslager Septfonds wurde er an die Maginot-Linie verlegt. Dort nahmen ihn die Nazis im Juni 1940 in Espinal gefangen und brachten ihn nach Straßburg ins Kriegsgefangenen-Lager. Ende 1940 wurde er dann in das österreichische Vernichtungslager Mauthausen deportiert und erhielt die Identifikations-Nummer 4628. Zwei Jahre lang musste er harte Zwangsarbeit leisten im bekannten Steinbruch von Mauthausen. Im KZ Mauthausen musste er schreckliche medizinische Experimente über sich ergehen lassen, die der KZ-Arzt Aribert Heim an 30 Gefangenen durchführte. Den Gefangenen wurden toxische Elemente verabreicht, nur sieben überlebten. Einer davon war Marcelino Bilbao. Er selbst erklärte, wie ihm der als "Doktor Tod" bekannte Heim über Wochen Benzol spritzte, ohne je ein Wort zu sprechen.

"An sechs Samstagen in Folge haben sie mir in der Nähe des Herzens Benzol gespritzt. Es entwickelte sich ein blauer Knoten, der langsam hoch wanderte. Als er die Schulter erreichte, konnte ich meinen Kopf nicht mehr bewegen. Nach einer Woche ging ich auf dem Zahnfleisch, erst nach etwa 15 Tagen haben die Schmerzen nachgelassen", schilderte er. "Wir wussten damals nicht, was für eine Flüssigkeit das war, aber unter der Woche durfte ich nicht krank aussehen, sonst hätten sie mich ins Krematorium geschickt," erklärte er vor Jahren einigen Journalisten. Allein Marcelinos körperliche und geistige Stärke ließ ihn diesen Horror überleben, am 10. April 1944 wurde er von Mauthausen ins Nebenlager Ebensee verlegt. Dort gelang es ihm mit Hilfe einer Gruppe spanischer Republikaner, einen Platz in der Lagerküche zu bekommen.

Mauthausen: "das Lager der Spanier"

In fünf Konvois waren aus allen Regionen Spaniens stammende republikanische Flüchtlinge ab 1940 von Frankreich nach Mauthausen gebracht worden: Basken, Katalanen, Asturier, Kastilier, u.a. Ihr Erkennungs-Zeichen war ein blaues Dreieck mit einem S für Spanier in der Mitte. Die in einer zweiten Phase nach 1943 ins KZ gebrachten Republikaner/innen waren bei Aktivitäten in der französischen Resistance verhaftet worden. Insgesamt waren 35.000 Republikaner auf Seiten der Alliierten am Krieg beteiligt, 10.000 davon endeten in nazideutschen Konzentrations-Lagern. Mauthausen wurde schnell als das "KZ der Spanier" bekannt. Auch wenn die ersten Baracken bereits aus dem Jahr 1938 stammten, waren es doch spanische Schreiner, die Mauthausen aufbauten. Daher auch der französische Spruch "jeder Stein in Mauthausen steht für ein spanisches Leben".
Die Mehrheit der Republikaner kam nach der französischen Kapitulation, zwischen 1940 und 1941, viele starben im folgenden Jahr. Als am 26. August 1940 der erste Republikaner im Steinbruch von Mauthausen starb, machten seine Landsleute – zur Überraschung der Nazi-Wächter – eine Schweigeminute, eine Situation, die sich auch in der Zukunft häufig wiederholen sollte. Auch gründeten die Republikaner Mitte 1941 eine geheime Organisation zur gegenseitigen Hilfe, die bis zur Befreiung aktiv war und vielen Mitgefangenen das Leben rettete. Leute dieser Organisation hatten trotz der nahezu hoffnungslosen Situation den Weitblick, Beweise der KZ-Barbarei aufzubewahren für einen künftigen Prozess gegen die Henker. Der Katalane Francisco Boix zum Beispiel, der im Lager als Fotograf arbeiten durfte, machte Kopien von allen Fotos, die durch seine Hände gingen, und schaffte es, diese bis zum Ende des Lagers zu verstecken. Dank dieser Fotos konnte bei den Nürnberger Prozessen Nazis wie Albert Speer und Ernst Kaltenbrunner nachgewiesen werden, dass sie das Lager besucht hatten und dass die Erklärung, sie hätten von den Vernichtungs-Lagern nichts gewusst, eine Lüge war.

Zu Fuß von Österreich nach Paris

Vor dem Rückzug der Nazis von allen Fronten nahm Marcelino Bilbao am Widerstand der Lager-Gefangenen teil, um Essen umzuverteilen und um die Tötung von Gefangenen zu verhindern. Am 5. Mai 1945 wurde das KZ befreit. Nach einer Odyssee durch Österreich schaffte er es mit anderen Genossen, nach Paris zu gelangen, wo er von der französischen Regierung aufgenommen wurde. In Chatellerault wurde er von der Familie seines Mitgefangenen José María Aguirre aus Irun (Gipuzkoa) aufgenommen. Dessen Schwester Mercedes Agirre heiratete er später, zusammen hatten sie zwei Töchter.

Am 18. Juni 2006 wurde Marcelino zusammen mit anderen Mitkämpfern der baskischen Milizen in Bilbao von der CNT geehrt. Stunden vorher wohnte er der Enthüllung einer Skulptur bei, die seither der Erinnerung aller Soldaten des Eusko Gudarostea (Baskische Armee) gewidmet ist: ein Monument auf dem Berg Artxanda über Bilbao, in Form eines riesigen Fingerabdrucks mit dem Namen La Huella, sichtbar aus der ganzen Stadt. An jenem Gudari-Tag (Tag des Soldaten), der mittlerweile jährlich wiederholt wird, nahmen anti-franquistische Kriegs-Veteranen aller Ideologien teil.

"Für meinen Onkel war es ein großartiger Tag. Er war ja nach den Kriegen in Frankreich geblieben. Als er einst nach Donostia kam, hatte er kein Gefühl der Anerkennung für seinen antifaschistischen Kampf. Zum Artxanda-Tag gingen wir zusammen und es war für ihn unglaublich positiv".

Der in der Nähe von Bilbao geborene Marcelino lebte bis zu seinem Tode in Chatellerault, etwa 600 Kilometer von der Grenze, die das nördliche vom südlichen Baskenland trennt. Im Jahr 1969 trug er für das Buch "Das Blaue Dreieck" seine Erinnerungen an den Völkermord von Mauthausen zusammen: "Die spanischen Republikaner in Mauthausen". Im Jahr 2002 wurde vom baskischen Fernsehen EITB der Dokumentarfilm "Die baskischen Sklaven des Dritten Reiches" (Esclavos marcelino bilbao2vascos del III Reich) uraufgeführt, an dessen Produktion er ebenfalls teilnahm. Zwei Jahre später beteiligte er sich an dem Dokumentarfilm "Jenseits des Stacheldrahts: Erinnerung an das Grauen" (Más allá de la alambrada: la memoria del horror).

"Mein Onkel zeichnete sich vor allem durch seine Menschlichkeit aus, Menschen wie er waren nie von Hass beseelt, dennoch waren sie entschiedene Anti-Franquisten und Anti-Faschisten. In Mauthausen spielte die Ideologie der Freunde nie eine Rolle. Was für eine Solidarität!" erzählt Etxahun, stolz auf seinen Angehörigen, dessen Erinnerungen er schreibt. "Einmal musste ich einen Spanier wegbringen, der an der Zwangsarbeit im Steinbruch gestorben war, da sah ich, dass dort wenigstens 600 Leichen aufgestapelt lagen", erinnerte sich Marcelino Bilbao.

Täter unbekannt verzogen

Über den Verbleib von Aribert Heim, österreichischer Lagerarzt und Folterer von Gefangenen wie Marcelino Bilbao bestehen Zweifel. Heim, auch als "Dr. Tod" und "Schlächter von Mauthausen" bezeichnet, wurde nach Kriegsende von den Alliierten festgenommen. Mit List schaffte er es, sich aus der Verantwortung zu reden und wurde straflos entnazifiziert. Erst als in den 50er Jahren Zeugen-Aussagen seiner Täterschaft erneut Form gaben, wurde wieder ermittelt und ein Haftbefehl ausgestellt. Heim verschwand und wurde per internationalem Haftbefehl gesucht, zeitweise stand er auf Platz 1 der Liste der meistgesuchten NS-Kriegsverbrecher des Simon Wiesenthal Center. Im Februar 2009 berichteten das ZDF und New York Times, Heim sei 1992 in Kairo gestorben. Im September 2012 wurde er gerichtlich für tot erklärt, das Strafverfahren gegen ihn eingestellt. Verschiedene Experten halten es dennoch für möglich, dass dieser Nazi noch am Leben ist und sich im südlichen Spanien versteckt. Möglich ist auch, dass Marcelino Bilbao und seine Leidensgenossen Opfer eines weiteren sadistischen Arztes wurden, Opfer der Versuche von Eduard Krebsbach. Der war ebenfalls Standortarzt im KZ Mauthausen und bestimmte arbeitsunfähige und kranke Lagerinsassen für tödliche Benzininjektionen ins Herz. 1942 wurden unter seiner Aufsicht 900 tuberkulöse russische, polnische und tschechische Häftlinge durch eine Spritze ermordet. Diese Tätigkeit soll ihm unter den Häftlingen den Spitznamen "Dr. Spritzbach" eingehandelt haben. Krebsbach war für die Installation einer Gaskammer im Keller des Krankenbaues von Mauthausen und für die Anschaffung eines "Spezialwagens" verantwortlich, welche die Praxis des Tods durch Spritze ablösen sollten. Ende 1942 wurden unter Anwesenheit Krebsbachs 120 bis 130 Tschechen aufgrund ihrer Verstrickung in das Attentat auf den Stellvertretenden Reichsprotektor von Böhmen und Mähren Reinhard Heydrich vergast. Am 13. Mai 1946 verurteilte ihn ein amerikanisches Militärgericht zum Tode durch den Strang, am 28. Mai 1947 wurde er im Kriegsverbrecher-Gefängnis Landsberg hingerichtet.

Quellen:

* Deia 28/01/2014: "El antifascista vizcaino que sobrevivió al Doctor Muerte"
* Gara 25/01/2014: "Fallece Marcelino Bilbao, superviviente del campo de concentración de Mauthausen"
* Wikipedia.es: "Mauthausen, el campo de los españoles"

Fotos:

* Die im Artikel benutzten Fotos stammen aus dem deutschen Bundes-Archiv und dem privaten Archiv von Etxahun Galparsoro (Deia)

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