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Untersuchung von Verbrechen über Argentinien

In Argentinien werden Verbrechen untersucht, die während der franquistischen Diktatur Spaniens gegen Frauen verübt wurden. Die argentinische Richterin Maria Servini hat eine Klage der Frauen-Organisation Women's Link Worldwide akzeptiert. Die hatte eine Untersuchung aller Verbrechen gegen Frauen gefordert, die während des Krieges von 1936 bis 1939 und der folgenden Franco-Diktatur verübt wurden – Verbrechen gegen Frauen, weil sie Frauen waren. Die Klage von WLWW bezieht sich auf sechs konkrete Fälle.

Die argentinische Justiz untersucht auf Antrag einer Welt-Frauen-Organisation all jene Verbrechen während Krieg und franquistischer Dikatur, die gegen Frauen verübt wurden aufgrund der Tatsache, dass sie Frauen waren.

Die argentinische Richterin María Servini de Cubría verfolgt bereits seit Jahren eine ähnliche Klage aus dem Baskenland und dem spanischen Staat wegen Menschenrechts-Verbrechen, wegen Verschwindenlassens, wegen Mord und Folter. Bisher war dies die einzige Klage, die Licht in die Verbrechen des Franquismus zu bringen suchte. Nun hat Servini eine weitere Klage akzeptiert, die von der NGO Women's Link Worldwide angestrengt worden war. Die Klage läuft mit den Namen von sechs Frauen, die Opfer der Diktatur wurden. Gleichzeitig geht es dabei auch um all jene anderen anonymen Frauen, die während der franquistischen Tyrannei gefoltert, vergewaltigt, gedemütigt oder ermordet wurden. (1)

WLWW02Warum ein argentinischer Klageweg?

Für Neulinge in der Frage der Aufarbeitung von Verbrechen während Krieg und Diktatur im spanischen Staat stellt sich zuerst die Frage: warum werden diese Verbrechen nicht im Land selbst vor die Justiz gebracht?! Wie zum Beispiel im Nachkriegs-Deutschland über die Nürnberger Prozesse … Um die Klage über den Umweg der argentinisichen Justiz zu verstehen, ist die Kenntnis zweier historischer Fakten  Voraussetzung:

Wichtig ist zum einen der Charakter der Internationalen Menschenrechts-Erklärung, die von der überwältigenden Mehrheit aller Staaten weltweit unterzeichnet wurde, darunter auch der spanische Staat. Zweitens die Tatsache, dass die franquistischen Militärs und Politiker beim sogenannten „Übergang zur Demokratie“ eine Amnestie beschlossen, die alle Kriegsverbrechen und während der Diktatur begangenen Menschenrechts-Verletzungen einschließt. Dies widerspricht der Menschenrechtserklärung frontal. Denn diese stellt fest, dass Verbrechen gegn die Menschlichkeit weder verjähren noch amnestiert werden können. Trotz Ratifizierung dieser MR-Erklärung hielten alle postfranquistischen spanischen Regierungen an dieser Amnestie-Praxis fest. Das führte zu dem Ergebnis, dass auch 42 Jahre nach dem Tod des Massenmörders und der Verabschiedung einer „demokratischen Verfassung“ noch kein einziger franquistischer Verbrecher vor Gericht gestellt wurde.

Die argentinische Klage

Weil die Menschenrechte universellen Charakter haben sind sie nicht nur in dem Land einklagbar, in dem MR-Verbrechen begangen wurden, sondern praktisch überall. Voraussetzung ist allein, dass sich eine Richterin bereit findet, die Klage anzunehmen. Vor diesem Hintergrund klagte vor ungefähr 10 Jahren ein Nachkomme von Opfern franquistischer Verbrechen – er hatte eine doppelte Staatsbürgerschaft – in Argentinien gegen franquistische Verbrechen. Die Klage wurde angenommen und hat im Baskenland mittlerweile eine riesige Welle von weiteren Klagen verursacht. Gemeinden klagen wegen Bombardierungen der Zivilbevölkerung, Privatpersonen klagen wegen Mord, Enteignung, Folter und Verschwindenlassen. Richterin Servini kam mehrfach zu Besuchen nach Spanien und ins Baskenland, um Anhörungen vorzunehmen. Dabei wurde sie von der spanischen Justiz boykottiert und sabotiert. Die baskische Justiz hingegen half bei Opfer- und Zeugenaussagen. Gegen vier Verbrecher aus dem Franquismus stellte Servini Auslieferungsanträge, die ebenfalls abgelehnt wurden.

WLWW03Im neuen von Servini akzeptierten Klageantrag bezüglich Verbrechen an Frauen heißt es: „In der Klage wurde herausgearbeitet, dass Frauen während des Spanischen Bürgerkriegs und der folgenden Diktatur eine ganz spezifische Gewalt erlebten, allein aufgrund der Tatsache, dass sie Frauen waren. Es ist eine bedeutende Nachricht, dass die Klage vorerst akzeptiert wurde und somit eine Untersuchung in die Wege geleitet werden kann, die Aufschluss geben soll über diese Art von Gewalt“, erklärte die Anwältin von WLWW, Aintzane Márquez Tejón. (2)

Frauen erlebten sexualisierte Gewalt, Folter, den Raub ihrer Kinder, Kahlscheren, Demütigungen aller Art

Historische Untersuchungen haben ergeben, dass Frauen während Krieg und Franquismus eine doppelte Repression erlebten: weil sie Republikanerinnen waren und weil sie freie Frauen waren. Die Diktatur forderte von allen Frauen ein im religiösen Sinne tugendhaftes Verhalten, das in Gehorsam und Keuschheit seinen Ausruck fand und der vermeintlichen Verkommenheit der republikanischen Moral diametral entgegen stand.

Jene Frauen, die diesem Bild nicht entsprachen oder entsprechen wollten, fordeten den Franquismus offen heraus. Sie erlebten eine sexualisierte Gewalt, die von Gefängniswärtern ausgeführt wurden. Oder von Falangisten, die „Besuche machten“ bei den Gefangenen. Das bedeutete Folter und im ersten Moment dieselbe hasserfüllte Gewalt wie Männer sie erlitten. Jedoch mit einer geschlechtsspezifischen Komponente gegen Frauen. Das fand seinen Ausdruck in Beleidigungen, Elektroschocks im Genitalbereich, Tritten in den Unterleib. Andere Formen dieser spezifischen Gewalt war der Raub von Neugeborenen oder kleinen Kindern in Gefängnissen. Dieser Kinderraub wurde bis 1948 von den Franquisten selbst perfekt dokumentiert. Oder dem Kahlscheren von Frauen, dem gewaltförmigen Einflößen von Rizinusöl, um anschließend in demütigenden Prozessionen in der Öffentlichkeit vorgeführt zu werden.

Die von Women's Link Worldwide eingereichte Klage stützt sich zwar auf sechs spezifische Fälle: Lidia Falcón, Matilde Landa, Pilar Sánchez, Margalida Jaume, Daria Buxadé und Mercedes Buxadé. Gleichzeitig besteht jedoch die Option, die Klage auszuweiten und aus ihr eine allgemeine Analyse der franquistischen Repression gegen Frauen zu machen. (3)

Matilde Landa

WLWW04Matilde Landa wollte lieber sterben als sich von der katholischen Kirche taufen zu lassen. Sie war im Leitungsgremium der Kommunistischen Partei und wurde 1942 auf Mallorca eingesperrt. Dort erhielt sie ein Ultimatum: sie sollte sich taufen lassen – was anschließend vom Regime mit Pauken und Trompeten als großer Sieg des Katholizismus gefeiert worden wäre; die Alternative war die Verschlechterung der Situation der Kinder der gefangenen Frauen im selben Gefängnis. Matilde entschied sich für Selbstmord, am 26. September 1942. „Ich kann das nicht akzeptieren, es würde bedeuten, mich zu prostituieren”, schrieb sie in ihrem Abschiedsbrief.

Matilde Landa war 1939 von den franquistischen Truppen festgenommen und vor ein Kriegsgericht gestellt worden. Sechs Monate lang war sie eingeperrt im Gefängnis Puerta del Sol in Madrid, dann wurde sie in den Ventas-Knast verlegt, wo sie schnell zu einem Vorbild für die anderen gefangenen Frauen wurde. 1940 wurde sie in das Gefängnis Can Sales in Palma de Mallorca weiter verlegt, das unter dem Namen „die Hermanitas“ (kleine Schwestern) bekannt war, weil es von der Glaubensgemeinschaft der Schwestern der Armen geleitet wurde.

Auch in dieser Haftanstalt wurde Matilde zu einer relavanten Figur und zu einer großen Hilfe für die übrigen gefangenen Frauen. Aus diesem Grund versuchten die franquistischen Behörden, sie zu manipulieren und zum Katholizismus zu bekehren. Mit doppelter Absicht: zum einen als propagandistisches Manöver des Regimes und zum zweiten, um die Moral der anderen gefangenen Frauen zu unterminieren. Doch Matilde zog den Tod vor.

Lidia Falcón

WLWW05Die Präsidentin der Feministischen Partei, Lidia Falcón, wurde zwischen 1960 und 1974 sieben Mal festgenommen wegen sogenannter Meinungs-Vergehen, sowie unerlaubter Vereinigung. Mehrfach wurde sie wegen der Publikation von Artikeln vor Gericht gestellt. Nach diesen Festnahmen wurde sie mehrfach in den Gefängnissen von Madrid (Yeserías) und Barcelona (Trinidad) eingesperrt.

Bei fünf der sieben Verhaftungen erlitt Lidia Falcón Misshandlungen. Diese Folterungen waren eindeutig auf sie als junge Frau gerichtet: Zum Beispiel Schläge in den Magen und auf die Leber. Der berüchtigte spanische Polizei-Folterer Antonio González Pacheco alias Billy el Niño (Billy the Kid) schrie dabei: “Nun wirst du keine Kinder mehr bekommen, du Hexenhure”. Das erzählte Lidia in einem Interview gegenüber der Tageszeitung Público. (1) (4)

Pilar Sánchez Lladrés

Pilar war eine Aktivistin der Sozialistischen Partei und lebte mit ihrem Ehemann – ebenfalls Sozialist – im Arbeiterviertel La Soledad von Palma de Mallorca. Sie hatten vier Kinder. Im Juli 1936 hatten Bekannte von Pilar ihr empfohlen, sich zu verstecken, was sie auch tat. Tage später kamen falangistische Truppen in ihr Haus und nahmen ihren Mann und ihre vier Kinder fest. Nach einem Verhör wurden die Kinder freigelassen, ihr Mann jedoch ins Gefängnis gebracht.

Weil sie nicht wusste, was mit ihrer Familie geschehen war, verließ Pilar ihr Versteck und wurde wenige Tage danach von Falange-Mitgliedern denunziert und festgenommen. In einem Fahrzeug wurde sie von vier Falangisten zum Grundstück Ganyada gebracht. Ein Mann, der in jenem Moment auf der Jagd war, erzählte später, dass er vier Männer gesehen hatte, die Pilar aus dem Auto zerrten, sie dann schlugen und vergewaltigten. Danach wurde sie zum Friedhof von Sencelles gebracht, wo ein weiterer Zeuge sah, wie Pilar erneut von Falangisten vergewaltigt wurde. Danach wurde sie exekutiert, ihre Leiche wurde am Eingang des Friedhofs liegen gelassen. Dies geschah am 18. September 1936.

Margalida Jaume Vandrel

WLWW06Margalida und ihr Ehemann waren Uhrenmacher in der mallorquinischen Stadt Manacor. Im Augenblick der Ereignisse hatten sie zwei Kinder, Antonia y Francisca, 8 und 11 Jahre alt. Im August 1936 wurde Margalidas Ehemann Andoni ohne nachvollziehbaren Grund zur Polizeiwache nach Manacor gebracht und dort festgehalten. Eine Woche lang gab es keine Nachricht von Andoni, dann kam eine Gruppe Franquisten zu Margalidas Haus. Sie erklärten ihr – schwanger im siebten Monat – ihr Ehemann werde bald freigelassen, sie müsse allerdings auf die Wache kommen, um eine Aussage zu machen.

Dabei wurde sie festgenommen zusammen mit ihrem Ehemann. Beide erlitten alle vorstellbaren Demütigungen und Folterungen und wurden schließlich exekutiert. Jahre später erzählte ein Nachbar aus dem Ort, dass er die Falangisten gesehen hatte, wie sie Margalida vergewaltigten. Dabei hatte er gehört wie einer der Vergewaltiger sagte: „Nie zuvor habe ich mich mit einer Schwangeren vergnügt“. Margalidas Leiche ist bis heute verschwunden.

Daria und Mercedes Buxadé Adroher

Die Schwestern Daria und Mercedes lebten in Barcelona. Im August 1936 schlossen sie sich als Sanitätspersonal einer republikanischen Expedition nach Mallorca an, zusammen mit drei weiteren Krankenschwestern. Wenige Wochen später begann die Verfolgung und Auslöschung aller Personen, die vereinzelt auf der Insel geblieben waren.

Am Morgen des 4. September 1936 wurden die fünf Krankenschwestern von franquistischen Truppen festgenommen und ins Hauptquartier von Sa Bassa gebracht. Am selben Tag wurden die Frauen verhört. Die Franquisten veranlassten, dass alle auf ihre Jungfräulichkeit überprüft werden sollten, damit wurden Nonnen beauftragt. Anschließend wurden die fünf Frauen – so die Klage stellende NGO – von einer Gruppe Falangisten wiederholt brutal vergewaltigt.

Es wird davon ausgegangen, dass sie am folgenden Tag auf den Friedhof von Son Coletes gebracht und ermordet wurden. Weiter wird angenommen, dass ihre Leichen in einem Massengrab dieses Friedhofs liegen, das jedoch bis heute nicht exhumiert werden konnte.

(Publikation: Baskultur.info 2018-11-06)

ANMERKUNGEN:

(1) aus „Investigar crímenes del franquismo contra mujeres” (Die Verbrechen des Franquismus gegen Frauen untersuchen) Internet-Tageszeitung Publico 26.10.2018 (Link)

(2) Spanischer Bürgerkrieg – Der Begriff „Spanischer Bürgerkrieg“ wird von vielen aus der Memoria-Bewegung des Baskenlandes und des Staates abgelehnt, weil es sich bei diesem Krieg nicht um einen Konflikt zwischen verschiedenen Parteien einer Nation handelte, sondern zum einen um einen Klassenkrieg von Militär und Kirche gegen die unteren Schichten; und zum anderen um einen internationalen Konflikt, an dem auf beiden Seiten ausländische Unterstützer*innen beteiligt waren. Als Begriffs-Alternative wird „Spanienkrieg“ benutzt.

(3) Women's Link Worldwide – ist eine 2001 gegründete Organisation, die auf justiziellem Weg versucht, einen gesellschaftlichen Wandel zu erreichen, der die Gleichstellung von Frauen und Mädchen sichert. (Link)

(4) Antonio González Pacheco alias Billy el Niño (Billy the Kid) ist der bekannteste und berüchtigtste Folterer des Franquismus und Postfranquismus. Viele Baskinnen und Basken lernten ihn in den Folterkellern von Madrid kennen. Richterin Servini aus Argentinien lud ihn im Rahmen ihrer Ermittlungen mehrfach zum Verhör vor, die spanische Regierung verweigerte diese Vorladungen. Auch der von Servini gestellte Auslieferungsantrag wurde abgelehnt, mit drei Argumenten: die Verbrechen seien verjährt; wegen der Amnestie könnten sie nicht angeklagt werden; man werde selbst ermitteln. Pacheco wurde mehrfach mit Orden behängt und ausgezeichnet, gleichzeitig macht sich in der spanischen Verwaltung niemand mehr die Mühe, die Folterungen zu leugnen. Kürzlich sickerte durch, dass Pacheco bis heute zu Ehrenveranstaltungen der spanischen Polizei eingeladen wird.

ABBILDUNGEN:

(1) Women's Link Worldwide

(2) Gefangene Mallorca 1941 (publico)

(3) Matilde Landa (mujericolas)

(4) Kahlgeschorene Frauen (eldiario)

(5) Lidia Falcón (publico)

(6) Folterer Billy el Niño (elplural)

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