abad01
Franquismus: Auch Pfarrer nicht verschont

Ein dunkles und bis heute relativ unbearbeitetes Kapitel der Geschichte der spanischen Franco-Diktatur ist die Repression gegen die Arbeiterpriester der 1960er Jahre. Die katholische Kirche war neben dem Militär, der Guardia Civil, der Falange und der Oligarchie eine der Grundsäulen des faschistischen Regimes. In der baskischen Kirche hingegen gab es Räume, die für den antifranquistischen Widerstand genutzt wurden – selbstverständlich entgegen der Kirchenoberen. Die Opfer fordern Anerkennung.

Der spanische Faschismus hat unrühmliche Rekorde aufgestellt: dass nach dem Krieg so viele starben wie im Krieg, dass es ein Gefängnis ausschließlich für rebellierende Priester gab, dass bis heute 120.000 Leichen in ungeöffneten Massengräbern liegen.

Es waren lange nicht nur Linke, die in den 1950er und 1960er Jahren den Weg ins Priesterseminar wählten. Vielfach waren es Kinder und Jugendliche, die sich für diesen Weg entschieden. Denn die Priesterschule ermöglichte eine Ausbildung und versprach den jungen Nachwuchs-Pfaffen, ein wenig von der Welt zu sehen, der Enge ihrer Dörfer zu entfliehen. Dass einige dieser Seminare später zum Studium von Marx und Euskara genutzt wurden, dass einige Kirchen zu regelrechten antifranquistischen Widerstandnestern wurden, all das kam später hinzu. Das Baskenland hatte seine eigene Befreiungs-Theologie.

abad02Aufmüpfige Priester gab es bereits Anfang der 1960er Jahre. In jener Dekade und bis nach Francos Tod wurden die meist jungen Geistlichen verfolgt und in einem speziell eingerichteten Priestergefängnis in Zamora eingesperrt: dem Konkordats-Gefängnis. Sechzehn der damaligen Opfer haben sich inzwischen einer Klage angeschlossen, die die argentinische Richterin María Servini de Cubría wegen der Verbrechen des Franquismus aufgenommen hat. Gegen die „Curas“ (so das spanische Wort für Priester) wurden seinerzeit vielfach Geldstrafen verhängt, die bei Nichtbezahlung im Gefängnis endeten. Viele wurden verhaftet, teilweise in Gruppen, es gab Folter. Das Zamora-Gefängnis ist jedenfalls einzigartig in der Welt der diktatorialen Repression.

Proteste katholischer Geistlicher

Bereits 1944 kam es zu einem ersten priesterlichen Protest, als verschiedene baskische Pfarrer in einem Schreiben an den Vatikan die Einhaltung der Menschenrechte einforderten. Im Mai 1960 beklagten 339 Geistliche aus dem gesamten Baskenland öffentlich, dass es als Verbrechen angesehen werde, „eine andere Meinung zu vertreten als die der Regierung“. Und dass in den Polizeirevieren „alle denkbaren Methoden der Untersuchung“ angewandt würden – auch gewaltförmige. Weitere Angriffspunkte waren der obligatorische Gebrauch der spanischen Fahne bei religiösen Akten und Gedenksteine der „Gefallenen für die Einheit Spaniens“. Dagegen gingen einige Kirchengemeinden an und erlitten Verfolgung.

Warum ein argentinischer Klageweg?

abad03Der argentische Klageweg wurde notwendig, weil die Franquisten 1977 eine Amnestie für ihre Kriegsverbrechen und für die Menschenrechts-Verbrechen durchsetzten. Nach dem Tod Francos hatte es im ganzen Land breite Mobilisierungen gegeben mit der Forderung einer Amnestie für alle politischen Gefangenen, von ETA über streikende Arbeiter bis zu illegalisierten Kommunisten. Als die Diskussion um eine „demokratische“ Verfassung und die besagte Amnestie für politische Gefangene kurz vor der Entscheidung stand, zogen die Franquisten ein As aus dem Ärmel und dehnten die Amnestie auf ihre eigenen Verbrechen aus. Viele politische Akteure jener Zeit waren sich dieses Schachzugs gar nicht bewusst, vielleicht auch im Freundentaumel über die erreichte Amnestie der politischen Gefangenen. Ergebnis dieser Straffreiheit für die Verbrechen der Diktatur ist, dass im postfranquistischen Spanien nie auch nur ein einziger Kriegsverbrecher, Mörder, Vergewaltiger oder Folterer vor Gericht gestellt werden konnte.

Die Verbrechen des Franquismus sind jedoch Menschenrechts-Verletzungen, die nach internationalem Recht nicht verjähren und nicht amnestiert werden können. Dies stellt die internationale Menschenrechts-Erklärung fest, die auch vom spanischen Staat ratifiziert wurde. Gleichzeitig sind die sogenannten „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ weltweit einklagbar, also nicht unbedingt am Ort des Verbrechens. Aus diesem Grunde begann vor ca. zehn Jahren der argentinische Klageweg, initiiert von einem Rechtsanwalt, der sowohl die spanische wie die argentinische Staatsbürgerschaft hatte. Die Richterin Maria Servini aus Buenos Aires führt seither die Ermittlungen innerhalb des obersten Gerichtshofs von Argentinien. Sie hat bereits Befragungen und die Auslieferung von bekannten noch lebenden Franquisten gefordert. Doch die spanische Regierung stellt sich quer und beruft sich auf Verjährung und die besagte illegale Amnestie von 1977. (1)

Mittlerweile haben sich 20 der damaligen Priester-Gefangenen der sogenannten „argentinischen Klage“ angeschlossen – zusammen mit Hunderten anderer Opfer des Franquismus. Das Klagedokument der argentinischen Richterin Servini listet chronologisch eine Reihe von Einzel- und Massenverhaftungen auf, die sich Ende der 1960er häuften. Im Frühjahr 1967 demonstrierten 80 baskische Geistliche in Sotanen auf der Straße ihre Solidarität mit streikenden Arbeiter*innen. In der Gruppe Gogor (Erinnerung) sammelten sich Aktivisten mit ihren Forderungen. 1968 kam es zu einer Selbsteinschließung im Bischofsitz von Bilbao, der Bischof wurde aufgefordert, eine pastorale Antwort zu geben auf die allgemein verbreitete franquistische Repression in Bizkaia. Im selben Jahr wurde ein Priesterseminar besetzt mit der Forderung nach einer Intervention des Vatikans. Alle Beteiligten wurden entlassen. 1969 wurde von den Gogor-Aktivisten in Bilbao ein Hungerstreik durchgeführt, dafür gab es 10 und 12 Jahre Haft.

Priestergefängnis Zamora

abad04Weil das Regime die kritischen Priester nicht unter Kontrolle bekam und es zu riskant war, sie in normale Gefängnisse zu stecken, wollte man Solidarisierung vermeiden, wurde 1968 in Zamora ein Gefängnis ausschließlich für Priester eingerichtet. Geistliche und andere Religiöse waren dort bis 1976 inhaftiert. Anfangs waren dort nur Basken, später wurden auch aus anderen spanischen Regionen rebellische Pfarrer eingekerkert, fast alle aus politischen Gründen. Der Begriff Konkordats-Gefängnis (2) geht zurück auf Verträge, die der Staat mit der Kirche abgeschlossen hatte. Er sagt aus, dass der Vatikan von der Existenz dieses Gefängnisses im Bilde und einverstanden war. Insgesamt 53 vorwiegend baskische Priester durchliefen im Laufe der Jahre das Priestergefängnis Zamora, einige mussten später in Klöstern ihre Reststrafe verbringen.

1968 im Baskenland

1968 war ein historisches Jahr, auch und sogar im Baskenalnd, wennauch unter komplett anderen Vorzeichen wie in Paris, Berlin und Kalifornien. Die letzten zehn Jahre der franquistischen Diktatur waren von Arbeiterbewegungen, Streiks, Selbsteinschließungen, Hungerstreiks und in der Folge von massiver Repression geprägt. Bereits im Mai 1960 hatten 339 katholische Priester ein Dokument publiziert, bei dem es um das Fehlen der demokratischen Freiheiten und um Folter ging. 1967 beteiligten sich Pfarrer am illegalen baskischen Nationalfeiertag Aberri Eguna und am 1. Mai wurden einige zusammen mit vielen Zivilpersonen festgenommen. Als 1968 der erste ETA-Militante von der Guardia Civil erschossen wurde gab es Gedenk-Gottesdienste, in der San-Anton-Kirche von Bilbao hing ein Foto des toten ETA-Kämpfers Txabi Etxebarrieta über dem Altar. In Eibar wurden zwei Pfarrer gefoltert und ins gipuzkoanische Gefängnis Martutene gebracht. Pfarrer einzusperren hätte vom Vatikan als Verstoß gegen das Konkordat angesehen werden können, denn normalerweise hatte nur die Kirche selbst das Recht, über ihre Priester zu urteilen. Doch der Vatikan zeigte sich blind.

Was ist das Konkordat?

Das Konkordat ist ein Staatskirchenvertrag, das heißt ein Vertrag zwischen einem Staat und einer Glaubensgemeinschaft. Staatskirchenverträge mit der römisch-katholischen Kirche bzw. mit dem Vatikan werden Konkordate genannt. Nach strengem römischem Sprachgebrauch schließt der Vatikan ein Konkordat nur mit einem katholischen Staatsoberhaupt, während die Verträge mit nicht-katholischen Regierungen Konventionen genannt werden. Konkordate regeln einerseits die Religionsfreiheit und die Rechte der Kirchen, andererseits legen sie fest, welche juristischen Grenzen dem Staat gesetzt werden im Bezug auf Priester und Pfarrer, die zum Beispiel nicht einfach festgenommen werden können, sondern dem Kirchenrecht unterstehen. (3)

Konkordatsgefängnis Zamora

abad05Weil es zu viele rebellische Priester waren, die nicht mehr über Bussgelder und Normalgefängnisse diszipliniert werden konnten, wurde in Zamora (Region Kastilien-León) ein Gefängnis ausschließlich für Geistliche eingerichtet. Es handelte sich dabei um einen Trakt des ehemaligen Provinz-Gefängnisses, der extra dafür bereitgestellt wurde und von den übrigen Trakten mit anderen Gefangenen räumlich abgetrennt war. Am 22. Juli 1968 wurde das Gefängnis eröffnet, 14 Priester waren die ersten Insassen, in drei Jahren stieg die Zahl auf 53. Hintergrund war, dass verhindert werden sollte, dass die Priester mit sozialen oder anderen politischen Gefangenen in Kontakt kamen, die sie hätten „indoktrinieren“ können. Dafür wurden auch Verträge mit dem Vatikan gebrochen. Dort beugte man sich dem Diktator eins ums andere Mal.

Die Priester wurden „Rote-Separatisten“ genannt, sie wurden Gefangene eines von den Franquisten ausgehandelten Konkordats, das sie ablehnten. Und sie wurden Opfer der Komplizenschaft zwischen der Diktatur und der Kirchenleitung. Ein neues Konkordat war von den Franquisten 1951 mit dem Vatikan ausgehandelt worden. Mit geringen Änderungen anlässlich der neuen Verfassung von 1978 gilt jener franquistische Kirchen-Vertrag bis heute. Die Franquisten nahmen sich damals jene Verträge zur Vorlage, die das faschistische Italien und Nazi-Deutschland mit dem Vatikan ausgehandelt hatten. Franco räumte der Kirche Privilegien ein und erhielt als Gegenleistung die Knechtschaft der Kirche: er behielt sich sogar das Recht vor, Bischöfe und andere Kirchenfunktionen zu bestimmen (1).

Die eingesperrten Priester lehnten dieses Konkordat ab. Sie forderten von Beginn an, in normale Gefängnisse mit sozialen Gefangenen verlegt zu werden. Einige der Pfarrer ließen sich aus diesem Grund in den Laienstand versetzen. Es überrascht wenig, dass die letzten sechs Gefangenen 1973 aus Protest den Trakt anzündeten, obwohl sie dafür monatelang ins Loch gesperrt wurden. Erst 1976 wurden sie entlassen. Heutzutage liegt das Gefängnis in Ruinen, nicht aber das aktuelle Konkordat, das den Prinzipien eines laizistischen Staates mit demokratischer Verfassung widerspricht. Dabei war Zamora alles andere als ein Privilegien-Gefängnis. Es war eine der schlimmsten Zwangsanstalten. Einziger Trost für die gefangenen Priester war, dass sie sich auf einer Stufe mit vielen anderen politischen Gefangenen fühlen konnten. (1)

Keine Anerkennung als Opfer des Franquismus

Seltsamerweise wurden die ehemals gefangenen Priester bisher nicht einmal von der heutigen christdemokratischen baskischen Regierung als politische Gefangene und Opfer des Franquismus anerkannt. Sie stellen somit die Ausnahme in der baskischen Anerkennungs-Praxis dar – obwohl von der Regierung Dekrete für „Frieden und Zusammenleben“ verabschiedet wurden. Nur das Kapitel Zamora wurde bisher ausgespart. (1)

abad06Wer damals verhaftet wurde, kam zuerst in die Kasernen, dort war Folter keine Ausnahme, sondern die Regel. Auch Priester waren davon betroffen. Nachgelesen werden kann das im Buch „Abadeek ere Torturatuak“ (bask: Auch Priester gefoltert). Hier ist von zwanzig Folteropfern die Rede, aber es könnten genauso gut doppelt oder dreimal so viele gewesen sein. Von den 53 gefangenen Priestern wurden 21 in Massenprozessen verurteilt. Ein Hungerstreik wurde mit 10 bis 12 Jahren bestraft, ein heimliches Flugblatt mit 10 Jahren, die einfache Mitgliedschaft bei ETA mit 50 Jahren. Nebenbei wurden alle der „militärischen Rebellion“ angeklagt – genau dasselbe praktiziert die spanische Justiz übrigens heute (2018) gegen die Befürworter*innen einer katalanischen Republik. (1)

Illegale Amnestie

Bei der spanischen Praxis einer Amnestie für Verbrechen gegen die Menschlichkeit handelt es sich um einen klaren Verstoß gegen die internationale Menschenrechts-Vereinbarung. Nicht nur wegen der illegalen Amnestie sprechen Franquismus-Opfer in Bezug auf die spanische Verfassung von 1978 von einem Betrug. Sie wurde unter der Kontrolle der franquistischen Militärs ausgehandelt, die peinlich genau darüber wachten, dass ihre Pfründe nicht angestastet und ihre Vergangenheit nicht beleuchtet wurden. „Das neue sogenannte demokratische System im spanischen Staat geht von drei Prämissen aus: dem Konkordat, der Monarchie und der Amnestie von 1977. Alle drei stammen aus der Zeit vor der Verfassung, ausgehandelt unter der Drohung der alten Militärs“, schreibt der ehemalige Franziskaner-Priester Juan Mari Zulaika in einem Beitrag für eine baskische Tageszeitung. Auch er lernte Zamora von innen kennen. Der Diskurs der neuen Sanchez-Regierung lässt ebenfalls keine Hoffnung auf Änderung aufkommen. An erster Stelle der Verfassung steht die Unteilbarkeit des Staates, alles andere ist Lametta. Selbst wenn Francos Leiche aus dem Valle-Mausoleum geholt werden sollte, wird der Franquismus nicht wirklich aufgearbeitet. (1)

Kritik am neuen Papst

Zulaika kritisiert auch Franziskus, den aktuellen Papst aus Argentinien. „2013 hatte er eine perfekte Gelegenheit, der langen Komplizenschaft der Kirche ein Ende zu setzen, indem er den Putsch von 1936 und die Diktatur verurteilt. Damals wurden 522 im Krieg getötete Geistliche heilig gesprochen. Bis heute existieren zwei Spanien, das der Sieger und das der Besiegten, das hätte er knacken können. Aber er hat die Chance verpasst“, (4) sagte Zulaika in einem Interview im Jahr 2013. „Die heilig Gesprochenen wurden vom Papst als 'Märtyrer des Glaubens´ bezeichnet, so als hätte es eine religiöse Verfolgung wie im alten Rom gegeben. Tatsache ist, dass die meisten auf der Seite der Franquisten standen. Die Bevölkerung litt unter den willkürlichen Bombardierungen, die von vielen religiösen Vertretern für gut geheißen wurden. Zum Beispiel von jenem Bischof von Taragona, Manuel Borrás, der auch in den Militärputsch von 1936 verwickelt war. Der Papst hielt es mit Leuten wie dem Kardinal Gomá, der den Putsch als notwendigen Kreuzzug bezeichnete. Für die vielen wehrlos Erschossenen hatte er keine Worte, für jene, die in Massengräbern liegen oder neben dem Massenmörder Franco ins Valle de los Caidos umgebettet wurden. Weiterhin werden die Verbrechen gegen die Menschlichkeit aus der Zeit des Krieges und der Diktatur totgeschwiegen“. (4)

Gleichzeitig verweist Zulaika auf eine Untersuchung von Anxo Ferreiro mit dem Titel „Kriegsgerichte gegen den baskischen Klerus“. Dort wird festgestellt, dass 17 Priester hingerichtet und 200 von Kriegsgerichten verurteilt wurden, teilweise ebenfalls zur Todesstrafe, die später in lebenslänglich umgewandelt wurde. Weitere 800 Geistliche flohen vor den spanischen Faschisten in andere Länder. All jene waren Priester, die sich dem Putschisten-Kurs der offiziellen Kirche entgegenstellten und die vom Vatikan abserviert wurden.

Einverständnis der Katholischen Kirche

abad07Zamora wurde zum Symbol des Pakts zwischen der Kirche und dem franquistischen Staat. „Zamora war die Rache des Nationalkatholizismus an seinen schwarzen Schafen, oder besser gesagt roten Schafen“, sagt Juan Mari Zulaika in einem Interview. „Verfluchtes Gefängnis, noch waren wir gesund im Kopf, aber wir hatten alle Gründe verrückt zu werden. Es war eines der schlimmsten Gefängnisse des Franquismus”. Der Bischof von Bilbao des Jahres 1968, Pablo Gurpide, äußerte sich schriftlich zum Thema: „Wir haben kein kirchliches Haus gefunden, wo die sanktionierten Priester ihren Arrest absitzen könnten. Deshalb erklären wir uns einverstanden, dass sie die Strafe in einer staatlichen Anstalt verbüßen. Wir sind mit Zamora einverstanden“. Damit war das Schicksal der Priester, die nicht im Strom des Nationalkatholizismus schwammen, besiegelt.

Folterungen

Der erste eingelieferte Cura war Alberto Gabikagogeaskoa aus Bizkaia. Weil er in einer Predigt die Folter angeklagt hatte wurde er zu sechs Monaten Haft und einem Bußgeld von 10.000 Peseten verurteilt. Danach wurden weitere Basken und andere aus spanischen Regionen nach Zamora gebracht. Viele wurden gefoltert. Die Verhaftung begann in der Kaserne, dort war die Folter an der Tagesordnung“, erzählt Zulaika. Es war der Weg zur Hölle.

„Im November 1964 hielt ich eine Predigt, die Konsequenzen hatte“, erzählt Alberto. „In Areatza haben einige das Foto von Franco und die spanische Fahne abgenommen, die in der Schule hingen. Als Antwort nahm die Guardia Civil ein Dutzend Jugendliche von Herri Gaztedi fest, sowie den Bertsolari-Sänger Balendin Enbeita, der schon etwas älter war. Zwei der Jugendlichen wurden gefoltert, Balendin wurde geschlagen. In meiner Predigt sagte ich, dass im Baskenland häufig gefoltert werde“. So beginnt die Zeugenaussage von Gabikagogeaskoa gegenüber der argentinischen Richterin Servini. Er war gleich mehrfach in Zamora, zuletzt mit einer 12-Jahres-Strafe wegen eines Hungerstreiks im Bischofssitz von Bilbao. 1969 wurde der apostolische Verwalter José María Cirarda aus Bilbao nach Zamora geschickt, um sich ein Bild der Situation zu machen. Alberto wollte ihm die Folterspuren zeigen, dort der Beobachter weigerte sich, hinzuschauen.

„Die ganze Nacht erhielten wir Tritte und Schläge mit Gewehrkolben, wir hatten Verletzungen vom Gürtel an abwärts“, beschreibt Felipe Izaguirre die Misshandlungen. Zusammen mit einem weiteren Arbeiterpriester wurde er im Juni 1968 in Eibar festgenommen, nach den Mobilisierungen anlässlich des Todes des ETA-Militanten Txabi Etxebarrieta bei einer Auseinandersetzung mit der Guardia Civil. Sein Kollege Martín Orbe Monasterio wurde ins Kommissariat von Bilbao-Indautxu gebracht, wo er die Folterpraxis der Polizei gegen Oppositionelle kennenlernte.

Flucht und Aufstand

Von den 53 antifranquistischen Geistlichen, die in Zamora eingesperrt waren, wurden 21 bei Massenprozessen verurteilt, weitere zehn kamen vor das TOP-Spezialgericht“, erzählt Zulaika, der als Mitglied der Gruppe Goldatu in der Memoria-Bewegung aktiv ist. Die Kälte im Gefängnis war extrem, das Essen scheußlich und harte Kontrolle bezog sich auf alle Details des Alltags. So kam es 1971 zu einem Fluchtversuch. Die Gefangenen gruben mit Löffeln einen Tunnel von 15 Metern Länge, doch der Plan flog auf. Zwei Jahre später machten die Gefangenen einen Aufstand und forderten ihre Verlegung in ein Normalgefängnis. „Wir mussten feststellen, dass alle mündlichen und schriftlichen Anträge unnütz waren. Deshalb sehen wir uns gezwungen dieses unsägliche Gefängnis mit unseren Mitteln zu verbrennen und zu zerstören“, schrieben die Gefangenen in einer Erklärung. Die Strafe bestand aus 75 Tagen Einschluss in Strafzellen.abad08

Immer wieder Bußgelder

Wegen des Hungerstreiks im Bischofssitz Bilbao, bei dem Folter und Ausnahmezustand zur Sprache kamen, gab es einige Veruteilungen. Für Josu Naberan gab es 12 Jahre, ein exemplarisches Urteil aufgrund der schlichten Anklage fehlender Menschenrechte, gegen Folter, Ausnahmegesetze und politischen Prozessen. Xavier Amuriza erinnert sich an seinen ersten Zamora-Aufenthalt, „weil aus verschiedensten Gründen ständig Bußgelder erteilt wurden: wegen Predigten, Propaganda, Demonstrationen, etc“. Amuriza erinnert sich an den Kollegen Nicolás Tellería, der beim Gefängnisbrand beteiligt war und drei Monate nach seiner Entlassung an Krebs starb – die Abwesenheit medizinischer Versorgung hatte seinen Tod beschleunigt. Einige der gefangenen Priester versuchten auf besondere Art, die Verlegung in Normalgefängnisse zu erreichen. Felipe Izaguirre zum Beispiel verzichtete auf den Priesterstatus. Außerhalb des Staates erhielten die verdammten Curas Unterstützung. Juan Mari Zulaika wurde zu einem Kongress der protestantischen Kirche in Holland eingeladen. „Die kämpften für das Ende des Zölibats, wir für die elementarsten Rechte wie Streik, Meinungsfreiheit, gegen Folter. Sie applaudierten uns“. (4)

„Ich habe damals verboten, während des Abendmahls die nationale Hymne zu spielen. Der franquistische Zivilgouverneur hat mir dafür ein Bußgeld von 25.000 Peseten verpasst“, erinnert sich der Priester Iñaki Aurtenetxe. Das war 1968, die Bußgelder summierten sich und er endete in Zamora. Ähnliches passierte im selben Jahr Imanol Oruemazaga, der am Tag der Guardia Civil die Fahnen über dem Altar verdecken ließ. Es folgte seine erste Sanktion. Zwischen 1964 und 1967 beklagte Patxi Bilbao in seinen Predigten die ständige Präsenz der franquistischen Fahne bei religiösen Akten. Auch er verbrachte eine Zeit in Zamora. „Ich wurde sieben Mal ins Kommissariat gebracht“, erzählte der mittlerweile verstorbene Periko Solabarría, Arbeiter-Priester in der Bergbau-Region La Arboleda, 1971 wurde er aus Zamora entlassen. Auch katalanische Pfarrer erlebten die Repression. Zum Beispiel drei Kollegen aus dem Arbeiterviertel Ca n´Oriac von Sabadell, die 1967 an einer politischen Landfiesta teilnahmen, die nach dem Einschreiten der Polizei in einer Feldschlacht endete. Beim Verhör wurden sie gefragt, ob sie Kommunisten kennen oder jemand von den illegalen Arbeiter-Kommissionen. Nach einem Sonderprozess kamen sie ebenfalls nach Zamora. (4)

Keine Gerechtigkeit, keine Entschuldigung

Der letzte Zamora-Insasse war Julen Kalzada, erst 1976 wurde er freigelassen, nach dem Tod Francos. Mittlerweile steht das Gefängnis vor dem Verfall. Einen Höhepunkt hatte das Gebäude noch, als hier von Daniel Monzón der Film „Zelle 211“ gedreht wurde. Von den damaligen Wächtern ist nichts bekannt, auch sie blieben straffrei. Die Kirche ihrerseits hat sich nie zu ihrer verhängnisvollen Rolle in dieser Geschichte geäußert, geschweige denn um Verzeihung gebeten. Mit dem Schweigen der baskischen Regierung schließt sich der Kreis der Ignoranz. Auch 50 Jahre nach der Eröffnung des Priester-Gefängnisses Zamora kämpfen die überlebenden Insassen gegen das Vergessen. (5)

 

ANMERKUNGEN:

(1) Aus „50 aniversario de la cárcel concordataria de Zamora” (50 Jahre Konkordats-Gefängnis Zamora), 30.7.2018, Tageszeitung Noticias de Alava

(2) Konkordats-Gefängnis Zamora, Wikipedia (Link)

(3) Konkordat, Wikipedia (Link)

(4) Aus „Juan Mari Zulaika, cura expreso de la cárcel de Zamora” (JMZ, ehemaliger gefangener Priester des Zamora-Gefängnisses) Artikel 18.10.2013, Internet-Magazin Elplural.com (Link)

(5) Information aus dem Publico-Artikel „El infierno de los curas rojo-separatistas: 50 años de la cárcel concordataria de Zamora” (Die Hölle der rot-separatistischen Pfarrer: 50 Jahre Konkordats-Gefängnis Zamora) vom 21.97.2018 (Link)

ABBILDUNGEN:

(1) Ex-Zamora-Priester (abadeen forua)

(2) Zamora Gruppenbild (diario valladolid)

(3) Franco (m), Mola (r)

(4) Zamora-Buch (el pais)

(5) Gefängnis-Ruine Zamora

(6) Zamora-Prozess (presse)

(7) Zamora Eingang (publico)

(8) Franquistische Pfarrer (kaosenlared)

Für den Betrieb unserer Webseite benutzen wir Cookies. Wenn Sie unsere Dienstleistungen in Anspruch nehmen, akzeptieren Sie unseren Einsatz von Cookies. Mehr Information