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Das Ex-Frauengefängnis in Amorebieta

Das im Herbst 2019 erschienene Buch der Historikerin Ascensión Badiola mit dem Titel “Individuas peligrosas“ (Gefährliche Individuen), dokumentiert die Grausamkeiten, die die gefangenen Frauen in dieser Strafanstalt in Bizkaia während des Franquismus erlebten. Ein Ort, der eigentlich eher einem Friedhof als einem Gefängnis glich. So wurde die Anstalt unter den Gefangenen auch als “der Friedhof der Lebenden“ bezeichnet. Heute ist in dem ehemaligen Karmeliter-Kloster eine katholische Schule untergebracht.

Das Frauengefängnis von Amorebieta war neben Saturraran eine der beiden zentralen Frauenstrafanstalten des Franquismus auf baskischem Territorium. Zudem wurden kurz nach dem Sieg der Franquisten in Bilbaos weitere vorübergehende Frauengefängnisse eingerichtet: Chalet Orue in Bilbao, Ondarreta in Donostia-San Sebastian, ein weiteres in Durango.

Die Historikerin Ascension Badiola Ariztimuño hat im Herbst 2019 ein Buch vorgestellt, das einige Biografien von in Amorebieta (baskisch: Zornotza) gefangen gehaltenen Frauen vorstellt und die in der Anstalt erlebten Schrecken erzählt. Unter dem Titel “Individuas peligrosas“ beschreibt sie das Leiden der Häftlinge des Zentralen Frauengefängnisses von Amorebieta zwischen 1939 und 1947. Dabei handelte es sich um eine staatliche Strafanstalt, die Teil der vom Franco-Regime für die Bestrafung republikanischer Frauen speziell eingerichteten Gefängnismaschinerie war. Das zwischen 1931 und 1933 errichtete Gebäude hatte zwei große Flügel, im größeren fanden mehr als 500 Häftlinge Platz und im kleinen etwa 200.

amo2Offizielle Akten unter Verschluss

Der Wissenschaftlerin gelang es, diese Forschungsarbeit durchzuführen, obwohl die Schergen der Diktatur alles versuchten, diese Episode mit einem Mantel des Schweigens zu bedecken: “Die Gefängnis-Aufzeichnungen sind verschwunden oder versteckt. Es war unmöglich, sie zu finden, bis zum heutigen Zeitpunkt zumindest“, schreibt sie im Vorwort des Buches. (1)

Diese Besonderheit wird von der Autorin in ihrer Arbeit hervorgehoben. “Die Wirklichkeit ist: was wir über das Frauengefängnis in Amorebieta sicher wissen, ist, dass wir fast nichts wissen“, schreibt sie weiter. Sowohl die Gefängnisakten als auch die Anklageschriften, die Prozessunterlagen, die Geburtenregister und die Protokolle des Disziplinarrates sind verschwunden oder werden bis heute versteckt gehalten. “Vielleicht erscheinen sie eines Tages in einem vergessenen oder noch nicht freigegebenen Archiv, aber in der Zwischenzeit wissen wir nicht einmal, wie viele Frauen ungefähr in Amorebieta in Gefangenschaft waren“.

Vor diesem Hintergrund versucht Badiola zu rekonstruieren, “was mehr oder weniger der Alltag dieses Gefängnisses war“. Dafür verwendet sie die wenigen auffindbaren Aussagen von Gefangenen selbst, Nachrichten in offiziellen Veröffentlichungen und Hinweise, die sie in den Archiven anderer Gefängnisse finden konnte. “Wir können uns ein Bild machen, indem wir Rückschlüsse ziehen aus dem, was in anderen Frauen-Gefängnissen abgelaufen ist“, schreibt sie weiter.

Bezüglich der Gesamtzahl der Frauen, die dieses Gefängnis von innen kennenlernten, gibt es keine genauen Angaben. Das Buch enthält die Namen der 958 weiblichen Gefangenen, die auf Bewährung entlassen wurden, sowie die Zahlen der Meldebehörde über im Jahr 1945 in Amorebieta inhaftierte Frauen. Auf diese Weise ist es der Autorin gelungen, die Namen von mehr als 1.200 Frauen, die einen Teil ihrer Strafe im Frauengefängnis von Amorebieta verbüßten, zu ermitteln. Die relativ große Zahl der auf Bewährung entlassenen Frauen gründet sich auf einem am 13. März 1943 erlassenen Gesetz, das verurteilten Frauen und Männern, deren Strafmaß 20 Jahre nicht überschritt, eine Freilassung auf Bewährung zuerkannte.

amo3Die Sensenfrau

“Bekannt sind uns die Namen der verantwortlichen Direktoren, der Gefängnisbeamten und des religiösen Personals. In diesem Zusammenhang ist die Rede von einer gefürchteten Nonne, die von den Gefangenen als ‘La Guadaña‘ (die Sensenfrau) bezeichnet wurde. Desweiteren gab es eine sogenannte gute Nonne, Schwester Maria, die unter anderem als Mittelsfrau zwischen dem Militär, das die Außengrenzen bewachte, und den Insassen agierte. Bekannt ist auch die Identität des Kaplan Leandro Echevarría, der als ‘lüsterner Dämon‘ in die Geschichte einging; sowie der Name der Oberin Simona Azpiroz, die das Gefängnis mit eiserner Hand führte“, beschreibt Badiola.

Religiöse Orden in die Organisierung der Strafvollzugsanstalten einzubeziehen war keine Ausnahmeerscheinung im Fall von Amorebieta. Ihre Rolle in Frauengefängnissen war sehr wichtig, insbesondere bei der geplanten Umerziehung von weiblichen Gefangenen. Die politische Umerziehung erfolgte durch die Religion: Frauen, die inhaftiert waren, waren verpflichtet, an Messen, Prozessionen, Bekenntnissen und verschiedenen religiösen Handlungen mit ausgeprägt politischem Charakter teilzunehmen. Gefangene, die sich weigerten, wurden mit Zusatzstrafen bedacht.

Elend, Hunger und Kälte

In dieser Hölle gab es zwei klar von einander getrennte Perioden. “Zwischen 1939 und 1940 war die Einrichtung eine provisorische Haftanstalt für Frauen, die nicht in den überfüllten Amtsgefängnissen untergebracht werden konnten“, während sie zwischen 1940 und 1947 offiziell zum Zentralgefängnis für Frauen wurde, einer regulären Anstalt zur Strafverbüßung, in die weibliche Gefangene aus dem ganzen Staat verlegt wurden. Das Strafvollzugssystem hielt außerdem eine weitere Form der Repression bereit: Die große Entfernung zwischen den Gefängnissen und die regelmäßige Verlegung bedeutete für die weiblichen Gefangenen eine weitere Strafe, weil dadurch die Besuchsmöglichkeiten der Familie erschwert oder verhindert wurden. Interessanterweise praktizieren die “demokratischen spanischen Regierungen“ dieselbe Methode seit 30 Jahren mit den baskischen politischen Gefangenen.

Diese Zerstreuungspolitik (span: dispersión) wurde systematisch eingesetzt, um einen etwaigen Wiederaufbau politischer Organisationen zu verhindern und den Widerstandsgeist eines Feindes zu brechen, der bereits im Krieg besiegt worden war. Darüber hinaus wurden Unterstützungs- und Solidaritätsnetzwerke unmöglich gemacht, familiäre Kontakte abgeschnitten. Von den im Melderegister des Jahres 1945 aufgeführten Frauen waren lediglich 19 baskischer Herkunft. Frauengefängnisse gab es über den gesamten spanischen Staat verteilt, regelmäßig wurden Verlegungen durchgeführt. In diesem Zusammenhang prägt Badiola den etwas zynischen Begriff des “Gefängnis-Tourismus“ (turismo carcelario).

amo4Bekannte Kommunistinnen

Mehrere bekannte Frauen verbrachten einen Teil ihrer Gefangenschaft in Amorebieta: Tomasa Cuevas (1917-2007), Nieves Torres (1918-2013), Teresa Alonso Otero (1916-1995), Rosario Sánchez, Dinamitera genannt (1919-2008). Alle vier waren in der kommunistischen Jugend organisiert. Ihnen verdanken wir einen Großteil des Wissens, das heute zur Verfügung steht. Aber es gab noch viele weitere Frauen, über die wir nur wenig bis keine Information haben.

“Die zweite Periode war besonders schrecklich, aufgrund des Hungers und der Todesfälle. Es ist wahr, dass in allen Gefängnissen Francos ähnliche Erfahrungen gemacht wurden: Elend, Hunger, Kälte, Überbelegung. Aber ich hielt es für notwendig, in diesem Text die spezielle Erfahrung der Frauen im Gefängnis von Amorebieta zu beschreiben und, soweit möglich, dem Elend, Hunger, dieser Kälte und Überbelegung Vor- und Nachnamen zu geben“, betont die Autorin.

Das Buch dokumentiert die Aussage von Tomasa Cuevas, einer historischen Kämpferin der kommunistischen Partei, die die Schrecken dieses Gefängnisses überlebt hat. “Nachdem wir am Abend nach Amorebieta verlegt worden waren, sahen wir am nächsten Morgen die Gesichter der anderen Frauen, es war ein wirklich trauriger Anblick“, sagte sie. “Sie waren völlig ausgezehrt und hatten eine gelbliche Haut, so dass wir begannen, sie ‘die Gelben‘ zu nennen. Ein paar Wochen später hatten wir die gleiche Hautfarbe wie sie, verursacht durch Überbelegung, mangelnde Hygiene und durch die unzureichende Ernährung.“

Anonymer Tod

Badiola präsentiert die Zeugnisse einiger Betroffener. “Wenn in allen Frauengefängnissen der Hunger eines der größten Probleme war, so war die Situation in Amorebieta besonders schlimm“, sagt sie. Teopista Bárcena, eine andere im Buch zitierte ehemalige Gefangene, hob genau diesen Aspekt hervor. “Die Lebensbedingungen waren in allen Gefängnissen ähnlich: wenig Nahrung, eisige Kälte, manchmal unerträglich, weil der Boden aus Zement war und es natürlich keine Heizung gab. Bis zu dem Punkt, dass das Gefühl der Kälte schlimmer war als das des Hungers. Und das, obwohl die Nahrung ziemlich schlecht und äußerst knapp war. Für jede Kleinigkeit wurden wir bestraft“, sagte sie.

amo5Leben und Tod vermischten sich. Von 1939 bis 1947 starben 42 Frauen und 6 Kinder, die meisten davon 1942, im Jahr des Hungers. Die vielen Todesfälle waren den miserablen Lebensbedingungen geschuldet. Als Todesursachen wurden angegeben: Tuberkulose, Lungenentzündung, Unterernährung, Kälte, Infektionen aller Art. Wie aus verschiedenen Passagen des Buches hervorgeht mussten die Frauen zusehen, wie ihre Kinder starben oder wie sie ihnen entrissen wurden. Sie gebaren ihre Kinder auf dem nackten Fußboden oder auf einem Leinensack. Einige Kinder starben ohne jegliche Hilfe, obwohl die Frauen die ganze Nacht lang nach den Nonnen riefen. Der Arzt beschränkte seinen Einsatz darauf, den Tod zu bestätigen.

Kinderraub, Kindertod

Nicht einmal als Babys wurden die Kinder bei ihren Müttern gelassen, sie konnten sie nur für eine kurze Weile am Tag sehen. “Sie hörten sie weinen und konnten nicht zu ihnen gehen. Selbst wenn die Kinder krank waren, wurden keine Ausnahmen gemacht“, zitiert Badiola eine Aussage von Trinidad Gallego, einer Hebamme aus Madrid, die vom Regime als Kommunistin verfolgt, und zusammen mit ihrer Mutter und Großmutter in Amorebieta inhaftiert war. Das Gesetz sah vor, dass die Kinder im Alter von drei Jahren von ihren Müttern getrennt werden sollten. Danach, wenn keine Verwandten gefunden wurden, die sich um sie kümmerten, wurden sie zur Adoption freigegeben und zwar ohne die heute übliche Dokumentation. Diese Kinder sind die verlorenen Kinder des Franquismus. Sie wurden von den Adoptiv-Familien umbenannt, so dass die biologischen Eltern ihre Spur nicht verfolgen konnten. Auch bei Todesfällen fand in offiziellen Berichten die Identität der Kinder keine Erwähnung. Sie starben ohne Namen und ohne dass die Gesellschaft von der Tragödie ihres kurzen Lebens erfuhr“, erläutert die Historikerin.

ANMERKUNGEN:

(1) Die Zitat entsprechen Textpassagen aus dem spanischen Original-Buch: “Individuas peligrosas. La Prisión Central de Mujeres de Amorebieta 1939-1947” (Gefährliche Individuen. Das Zentral-Gefängnis für Frauen in amorebieta 1939 bis 1947), Autorin: Ascención Badiola Ariztimuño, Verlag Txertoa, 2019

(2) Bei Baskultur.info erschienen bereits verschiedene Artikel, die sich mit der spezifischen Repression der Franquisten gegen Frauen beschäftigten. Unter anderem: “Vergessene Frauenschicksale – Blinde Flecken der Kriegs-Aufarbeitung“ (LINK)

(3) Im Blog des baskisch-deutschen Kulturvereins Baskale erschien der Artikel “Frauen-Gefängnis Orue“ (LINK)

ABBILDUNGEN:

(1) Repression gegen Frauen (desmemoria)

(2) Saturraran Gefängnis (elcorreo)

(3) Gefängnis Durango (gerediaga)

(4) Repression gegen Frauen (ctxt)

(5) Repression gegen Frauen (publico)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2019-12-20)

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