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Josefina Lamberto berichtet

Wenn Faschisten Krieg führen begehen sie Gräuel, die für Normalsterbliche kaum vorstellbar sind. Das gilt für die Nazis wie für die Franquisten. Nazis erfanden die Vernichtungslager und machten medizinische Versuche mit Menschen. Franquisten raubten, vergewaltigten und mordeten, lebende Opfer wurden in Erdgruben geworfen. In Navarra gab es keinen Krieg, dort stellten sich die Behörden umgehend auf die Seite der putschenden Faschisten. Alle Opfer in Navarra sind deshalb Mordopfer, 1% der Bevölkerung.

Mehr als 3.500 Personen kamen während des Krieges von 1936 in der baskischen Region Navarra ums Leben, nicht bei Kampfhandlungern, sondern bei politischen Säuberungen, einige der Morde waren an Bestialität nicht zu überbieten.

Eine der bekanntesten Gräueltaten der Franquisten in Navarra spielte sich in der Urbasa-Hochebene ab. Vierzehn Personen wurden in eine Erdspalte geworfen, aus der kein Entkommen war. In einem anderen Fall wurde eine ganze Familie, ebenfalls lebend, in eine Grube geworfen. Sartaguda im Süden trägt den Beinamen “Ort der Witwen“, weil die Franquisten alle Männer des Ortes zwangsrekrutierten und an der faschistischen Front “verheizten“. Auch die Geschichte der Lamberto Yoldi Familie ist eine Ausgeburt an Brutalität.

JML2Maravillas, Josefina, Larraga

Josefina Lamberto Yoldi wurde 1929 im navarrischen Larraga geboren. Sie spricht spanisch, englisch, französisch, urdu und war die mittlere von drei Schwestern. Ihre Mutter Paulina stammte aus Allo in Navarra und war Hausangestellte, ihr Vater Vicente, ein sozialistischer Landarbeiter, stammte aus dem Dorf. Nebenbei zog die Familie noch zwei weitere nichteigene Kinder auf, ein Mädchen und einen Jungen. Und nicht selten aßen und schliefen Vagabunden in ihrem Haus. Solidarität war nicht nur ein Wort. Am 15. August 1936, knapp einen Monat nach dem Militärputsch der faschistischen Generäle im spanischen Staat, kamen zwei Guardia Civiles und der Süßigkeiten-Verkäufer des Ortes ins Lamberto-Haus. Sie nahmen den Vater mit und Maravillas, Josefinas ältere Schwester von 14 Jahren. Die Schwester wurde im Rathaus von einer Gruppe von Faschisten vergewaltigt. Später wurden sie und ihr Vater auf einer Weide erschossen. Hunde fraßen Teile des Körpers des Mädchens, der in der Nähe von Wacholderbüschen zurückgelassen wurde. (1)

Frage: Was siehst du, wenn du zurückblickst?

Josefina Lamberto: Ich sehe eine Bauernfamilie, die von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang arbeitet. Ich erinnere mich an meinen Vater, das schwarze republikanische Schaf unter seinen Brüdern, wie er uns sagte: “Irgendwann kommen sie und schneiden uns die Köpfe ab“. Ich erinnere mich ganz genau an diesen Tag. Danach nahmen sie uns das Pferd weg, meine Mutter wurde drei Tage eingesperrt. Ich stand mit meiner Schwester in der Haustür als eine schlechte Frau vorbeiging und aus Leibeskräften schrie: “Die Kleinen auch, die werden eines Tages groß“. Ich erinnere mich, wie meine Mutter betteln ging und sich wieder in jenem Haushalt anstellen ließ, in dem sie vor ihrer Heirat gearbeitet hatte. Meine Schwester und ich wurden ebenfalls in einen Haushalt geschickt, in das Haus eines der Vergewaltiger.

Wie habt ihr das ausgehalten?

JL: Ein Jahr haben wir durchgehalten, dann gingen wir nach Pamplona. Meine Mutter fand Arbeit im Guerendiain-Haus, in der Estafeta Straße. Sie stand morgens um halb fünf Uhr auf und packte Zementsäcke in einem kleinen Abstellraum, der ihr überlassen worden war. Sie verdiente nicht viel. Meine Schwester und ich gingen eine Zeitlang zur öffentlichen Hilfsstelle, doch auch das ließen wir, denn dort gab es schlechte Leute.

JML3Was geschah?

JL: Eines Tages nahm ich das Brot von meinem Abendessen mit, um es meiner kranken Mutter zu bringen. Eine Nonne nahm es mir weg und verdrosch mich mit einem Stock. Manchmal hatten wir nicht genug, um die Miete zu zahlen, dann schliefen wir auf der Treppe. Alle drei arbeiteten wir als Hausangestellte, meine Schwester mit 12 Jahren, ich war 15. Wir sahen uns nur sonntags, meine Mutter nutzte das Zusammensein, um uns die Flöhe zu entfernen und die Wäsche zu waschen. So ging das bis ich 21 Jahre alt war.

Und danach?

JL: Eine Freundin beschloss, Nonne zu werden, und ich folgte ihr. Alles Erdenkliche war besser als das Leben zuvor. Ich verbrachte 14 Jahre in einem Waisenhaus in Islamabad, Pakistan. Dort erlebte ich alles Mögliche: ich erkrankte an Malaria, irgendwelche Fundamentalisten wollten uns lebend verbrennen. Das Schlimmste war die Atmosphäre im Kloster: ein paar Obernonnen waren äußerst brutal. Schließlich bekam ich eine schlimme Infektion und wurde in ein Sanatorium in Frankreich gebracht, wo ich 13 Monate im Bett lag. Ich beantragte eine Verlegung und nach vielem Bitten wurde dem stattgegeben. Ich kam zurück nach Pamplona. Nach dem Tod Francos änderten sich ein paar Dinge.

Was änderte sich?

JL: Der General Salas Larrazabal veröffentlichte eine Liste mit Opfern des Franquismus, darin wurde Maravillas als Verschwundene definiert, nicht als Tote. Ich antwortete ihm mit einem offenen Brief, der in der Tagsezeitung “Diario de Navarra“ publiziert wurde. So begann ich, nach meinem Vater und meiner Schwester zu suchen. Die Nonnen sagten: “irgendwas wird dein Vater schon gemacht haben“. Sie bedrohten mich und schickten mich schließlich nach Madrid. Am Ende verlor ich den Glauben und 1996 habe ich das religiöse Leben hinter mir gelassen. Ich war in zwei verschiedenen Altersheimen und als es möglich war, kehrte ich zurück nach Pamplona.

Wie geht es hier?

JL: Perfekt. Seit 2013 bin ich hier. Das Barmherzigkeits-Haus kassiert die 600 Euro meiner Pension, aber ich verdiene 100 Euro dazu, indem ich die Hemden der 600 Insassinnen bügle. Jeden Tag zwei Stunden und am Samstag vier. Gerade komme ich von einer Unterstützungs-Aktion für die Pflegeangestellten.

JML4Und außerdem?

JL: Im Altersheim bin ich nicht so viel. Morgens um halb sieben stehe ich auf, gehe zur Wäscherei, frühstücke und gehe zur Armenküche Paris 365. Früher habe ich freiwillig Wäsche gewaschen und aufgehängt, aber nun werde ich schnell müde, deshalb helfe ich nur noch im Laden. Dann gehe ich Essen, halte eine Siesta und schaue mir im Fernsehen “Saber y Ganar“ an und einen Tierfilm. Nachmittags gehe ich dann in die Bibliothek, die Tagespresse zu lesen oder zu irgendwelchen Treffen. Ich bin ziemlich aktiv in Gruppen der Historischen Erinnerung.

Bist du nach Larraga zurückgekehrt?

JL: Eher selten. In jenem Jahr, als wir von Larraga weggingen, kehrte ich mit Mutter und Schwester zurück wegen Angelegenheiten unseres Hauses, das wir gerade verloren hatten. Wir nahmen den Zug Richtung Tafalla und gingen 16 Kilometer zu Fuß, regelten unsere Angelegenheiten und kehrten mit dem Bus zurück. Vor Kurzem war ich bei einer Gedenkveranstaltung. Auch als der Erinnerungspark eingeweiht wurde und eine Straße des Ortes nach meiner Schwester benannt wurde. Das waren gefühlvolle Momente, aber auch schwierig.

Fühlst du dich ausreichend unterstützt?

JL: Das schon, aber ich sehe auch Leute, die nicht bedauern was damals geschah. Das ist schwer auszuhalten. (Ende Interview)

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Der baskische Liedermacher Fermin Balentzia hat Maravillas Lamberto bereits vor mehr als 10 Jahren mit einem Lied ein musikalisches Denkmal gesetzt. Bei einem Konzert kommentierte Balentzia das brutale Ereignis und die Mörder folgendermaßen: “Das waren Katholiken, Faschisten aus dem Dorf, Guardia Civiles und Falangisten. Es war der Tag der Jungfrau, danach gingen alle zum Beten. Es lebe Gott!” Der Liedtext lautet: “La noche los vio entrar, eran hombres sin luz, venían a todo gritar, eran la muerte azul. La escalera crujió cuando salías tú con tu padre, a dejar tu niña juventud. / Maravillas, Maravillas, florecica de Larraga, amapola del camino, te seguiré donde vayas. / A Monreal, a Otsoportillo, a Sartaguda a Santacara, para sembrar las cunetas de flores republicanas. Pasearemos las calles, los lavaderos y plazas, liberaremos palomas, las de las alas rapadas. La muerte no fue capaz de sepultar tu mañana, ni podrá pintar de olvido la acuarela de tu alma. / Maravillas, Maravillas, florecica de Larraga, amapola del camino, te seguiré donde vayas. (VIDEO)

JML5Das Maravillas-Lied

Übersetzung: Die Nacht sah sie eintreten, Männer ohne Licht, schreiend kamen sie, der blaue Tod. Die Treppe krächzte, als du mit deinem Vater weggegangen bist, um deine Jugend zurückzulassen. / Maravillas, Maravillas, kleines Blümchen aus Larraga. Klatschmohn am Wegesrand, ich folge dir, wohin du gehst. / Nach Monreal, nach Otsoportillo, nach Sartaguda und Santacara, um auf Massengräbern republikanische Blumen zu säen. Durch Straßen gehen wir, vorbei an Waschanlagen und Plätzen, wir befreien Tauben, jene mit den beschnittenen Flügeln. Der Tod konnte deinen Morgen nicht beerdigen, das Aquarell deiner Seele wird er nicht mit Vergessen übermalen können. / Maravillas, Maravillas, kleines Blümchen aus Larraga. Klatschmohn am Wegesrand, ich folge dir, wohin du gehst.

Wer glaubt, Josefina Lamberto wolle sich mit ihren 91 Jahren zur Ruhe setzen, unterliegt einem Irrtum. In Pamplona ist sie in besetzten Jugendhäusern (gaztetxe) unterwegs, um Jugendliche und weniger Jugendliche zu unterstützten. Die nannten ihr Besetzungsprojekt kurz und bündig “Maravillas“ und brachten genug Aufmerksamkeit auf, trotz Räumungsgefahr eine Gedenkveranstaltung zu organisieren am 82. Jahrestag der Ermordung von Josefinas Schwester (VIDEO). Ein weiterer Artikel von Baskultur.info setzt sich mit der Geschichte von Josefina Lamberto auseinander unter dem Titel “Frauen im Franquismus – Sklavinnen der Kirche“ (LINK).

 

ANMERKUNGEN:

(1) Zeitung Hordago “Recuerdo a mi madre pidiendo limosna” (Ich erinnere mich wie meine Mutter betteln ging), Dezember 2017, Nr.8

ABBILDUNGEN:

(1) Josefina Lamberto (elsalto)

(2) Memoria-Gruppe Ahaztuak (ahaztuak)

(3) Josefina im Altersheim (paris365)

(4) Maravillas Lamberto (publico)

(5) Ehrung durch die Besetzer*innen (navarra.elespanol)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2020-01-15)

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