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Pablo Ibar in Florida vor Gericht

Seit fast 25 Jahren ist Pablo Ibar in Florida inhaftiert, ein Teil dieser Zeit in der Todeszelle. Wegen dreifachen Mordes wurde Pablo Ibar im Jahr 2000 zum Tode verurteilt. Mit einem Freund zusammen soll er einen Bordellbesitzer und zwei Bardamen ermordet haben. Die Beweislage ist mager, auf Widersprüche ging das Gericht nicht ein, der Mitangeklagte wurde inzwischen freigesprochen. Pablo Ibar ist der Sohn eines baskischen Pelotaspielers, der in den 1960er Jahren nach Florida ausgewandert war.

Der 2018 wiederholte Prozess gegen den baskisch-stämmigen Pablo Ibar endete im Januar 2019 mit demselben Schuldspruch wie 19 Jahre zuvor. Die Beweise gegen Ibar überzeugen nicht, es kam zu gravierenden Unregelmäßigkeiten. Zeugen wurden gekauft. Der Verdacht einer Manipulation liegt nahe. Die Todesstrafe droht erneut.

Pablo Ibars Familiengeschichte

Die Stadt Dania Beach gehört zum Großstadt-Gebiet von Miami, Landkreis Broward, im Bundesstaat Florida. Hier ist das gleichnamige Casino Dania Beach zu finden, mit dem üblichen Angebot von Glücksspielen. Dazu gehört auch ein „Jai Alai“ Sportstadion. Jai Alai ist Baskisch und bedeutet „Fröhliches Fest“ – so werden die Pelota-Hallen genannt, in denen die traditionelle Version dieses urbaskischen Sports praktiziert wird: Pelota, oder genauer gesagt: Cesta Punta, bei dem mit einem gekrümmten Handkorb der Ball an die Wand geschleudert wird (1). Seit den 1920er Jahren wanderten viele Baskinnen und Basken aus in die USA, um dort professionell Pelota zu spielen. Cesta Punta gilt als das schnellste Ballspiel der Welt, was keine Übertreibung ist.

pablo02In den 1970er und 1980er Jahren erlebte Cesta Punta sein goldenes Zeitalter, Hollywood-Stars gaben sich im Publikum die Klinke in die Hand. Hunderte baskischer Sportler*innen suchten ihr Glück, hier gab es viel mehr Geld zu verdienen als zu Hause jemals denkbar. Florida ist einer der letzten verbliebenen Frontons, wie die Pelota-Spielplätze allgemein genannt werden. Ein Blick auf die Namen der letzten Sieger macht die lange baskische Tradition deutlich: Larrea, Elgezabal, Elizalde, Iturbide, Beitia, Goenaga, alles urbaskische Familiennamen. Cándido Azpizu Ibar (Jg. 1943) war einer jener jungen baskischen Pelota-Auswanderer, die über den großen Teich reisten, um in den nordamerikanischen Frontons ihr Glück zu machen. (2)

Pablo Ibars Vater

Cándido Azpizu Ibar war einer der Pioniere des Cesta Punta, als er 1968 nach Florida übersiedelte. Er stammte aus einer Bauernfamilie aus dem Ort Zestoa in Gipuzkoa, Urtain hieß das Gehöft. Im selben Jahr debütierte sein Bruder José Manuel als Profiboxer unter dem Namen Urtain, er sollte es im Franquismus zu großer Berühmtheit bringen und tragisch enden – doch das ist eine andere Geschichte. Mit Mari Carmen, Francisco, Elvira, Martín, Eusebio, Antonia, José und Mari Cruz zusammen hatte die Familie Azpiazu zehn Kinder, damals keine Seltenheit. Sport spielte eine große Rolle, neben Pelota und Boxen wurde Steineheben und Rudern praktiziert. Die größten Erfolge hatten Cándido und José Manuel. Letzterer wurde spanischer Meister und Europameister im Schwergewicht – und vom Franquismus als Volksheld benutzt. 1992 beging er in Madrid Selbstmord (3).

Zu jenem Zeitpunkt war Cándido bereits 14 Jahre in den USA. 1971 heiratete er die Kubanerin Cristina Casas, 1972 und 1976 wurden die Söhne Pablo und Michael geboren. Ein paar Monate seines Lebens verbrachte der junge Pablo im Baskenland, kehrte aber in die USA zurück. Wie sein Vater wollte er Pelotari werden. „Er hätte es geschafft“, erinnert sich Vater Cándido. „Alle Jungs, die damals zusammen trainierten, haben es geschafft“. In einem Amateurspiel stand er einst zusammen mit seinem Sohn im Jai-Alai-Fronton. Das Profidebüt stand kurz bevor. Aus zwei Gründen musste es verschoben werden.

pablo03Der erste Grund hatte zu tun mit dem schnellsten Ballspiel der Welt – das gleichzeitig auch ziemlich gefährlich war. Ein Pelota-Ball knallte gegen Pablos rechte Augenbraue und musste mit 15 Stichen genäht werden. Nach solchen Unfällen war es üblich, eine kleine Auszeit zu nehmen, um die Angst vor der Wiederholung zu vermeiden. Zu jenem Zeitpunkt lebte Pablo bereits in Connecticut. Sein Vater trennte sich von Pablos Mutter und heiratete kurz vor dem Umzug Paula, seine Lebensgefährtin bis heute. Zweiter Grund für Pablos Distanz zum Pelota-Sport war die Krebserkrankung seiner leiblichen Mutter Cristina. Cándido selbst bat seinen damals 21-jährigen Sohn, zumindest ein Jahr lang nach Florida zurückzukehren, um sich um die Mutter zu kümmern. Krankheit und Florida-Aufenthalt zogen sich in die Länge. Pablo beendete sein Studium, machte kleine Drogendeals und bewegte sich in schlechter Gesellschaft. In jener Zeit lernte er Tanya kennen, die bis heute seine Lebensgefährtin geblieben ist. Sie war es, die ihm Kraft gab, das auszuhalten, was danach kam.

Dreifacher Mord

Am 27. Juni 1994 wurden die Leichen des Nachtclub-Besitzers Casimir Sucharski und der beiden Bardamen Sharon Anderson und Marie Rogers 20 Kilometer von Dania entfernt gefunden. Nur wenige Tage zuvor hatte Sucharski den Salon mit einer Video-Überwachung ausstatten lassen. So wurde gefilmt, wie zwei Personen in den Raum kamen, dann Schläge und Schüsse. Geld, das Sucharski in seinen Cowboystiefeln versteckte hatte, wurde geraubt. Einen Moment lang ist das Gesicht eines der beiden Mörder zu sehen – im folgenden Verfahren gegen Pablo ein wichtiger Faktor. Die Videoaufnahme ist von schlechter Qualität, technologischer Stand von 1994.

Drei Wochen später befand sich Pablo Ibar im Polizeirevier eines anderen Landkreises. Er war verhaftet worden wegen Raub und Hausfriedensbruch. Ein Polizist meinte, in Pablo einen der Mörder aus dem Video wiederzuerkennen, nach denen gefahndet wurde. „Ich war kein Engel. Ich habe Scheiße gebaut und bereue das. Aber ein Mörder bin ich nicht, nie habe ich jemand umgebracht“, wiederholt seitdem Pablo Ibar, dem auf Betreiben seines Vater 2002 die spanische Staatsbürgerschaft zuerkannt wurde.

pablo04Eine zweite belastende Aussage stammt von einem Zeugen, der beobachtete, wie Sucharkis Auto von einer unbekannten Person gefahren wurde. Tatsächlich hatten die Mörder das Fahrzeug zur Flucht benutzt. Doch stimmten alle gefunden DNA-Spuren nicht überein mit denen von Pablo Ibar. Auch nicht mit der DNA von Seth Peñalver, dem zweiten festgenommenen Verdächtigen. Pablo sagte, er sei in der Tatnacht bei seiner Freundin Tanya gewesen. Tatsächlich führte diese Übernachtung zu Streit in Tanyas Familie, die sich auf Reisen befunden hatte. In jenen Tagen wurde die Maschinerie der Justiz in Gang gesetzt – bis heute konnte sie nicht aufgehalten werden.

Erster Prozess gegen Pablo und Seth

Der erste Prozess gegen Pablo Ibar und Seth Peñalver begann im Mai 1997 in Fort Lauderdale (Florida). Im Januar 1998 wurde er für ungültig erklärt, weil die Geschworenen zu keinem einheitlichen Schuldspruch kommen konnten. Der zweite Prozess begann ein Jahr später – auch er sollte einen seltsamen Verlauf nehmen. Pablos Pflichtverteidiger Kayo Morgan wurde festgenommen wegen Misshandlung seiner Freundin. Als Pablo eines morgens in Gerichtsgebäude gebracht wurde, kam ihm sein Pflichtverteidiger in Handschellen entgegen. Der hatte zudem erkennen lassen, dass er den Job nicht ernst nahm. Pablo Ibar war klar, dass dieser Prozess nicht zu gewinnen war. Deshalb beantragte er zweierlei Maßnahmen. Erstens sollte der Prozess vertagt werden, zweitens sollte ein neuer Pflichtverteidiger ins Verfahren eingeführt werden. Der damalige Richter stimmte dem ersten Antrag zu, dem zweiten jedoch nicht. Pablo blieb praktisch ohne Verteidigung. Zudem wurde das Verfahren gegen Seth Peñalver abgetrennt.

Im April 2000 begann der Prozess erneut, im Juni wurde Pablo Ibar von der Geschworenen-Jury schuldig gesprochen, im Juli zum Tode verurteilt. Jahre später, als ein neues Verteidigungsteam den Fall bereits eine Weile übernommen hatte, gestand Anwalt Morgan schriftlich ein, dass er während des Prozesses gegen Ibar weder körperlich noch geistig auf der Höhe gewesen war. Pablo hatte also tatsächlich keine Verteidigung gehabt.

Freispruch für Pablos Kollegen

Er wurde in den Todestrakt des Raiford-Gefängnisses gebracht. Dort verbrachte er mehr als 15 Jahre. Im Jahr 2006 lehnte das Oberste Gerichts Floridas ein neues Verfahren ab, obwohl während des Prozesses mit Todesurteil schwerwiegende Unregelmäßigkeiten vorgekommen waren, dies wurde von der Justiz sogar zugegeben. Bei der Entscheidung war erneut der Videobeweis maßgeblich.

pablo05Im selben Jahr wurde das Urteil gegen Seth Peñalver annulliert, am 22. Dezember 2012 wurde er freigesprochen und aus dem Todestrakt entlassen. Sein Glück war, dass im Video nur eine Person zu sehen ist, die Pablo Ibar entfernt ähnlich sieht – Seth Peñalver war es jedenfalls nicht. Und ohne Videobeweis hatten die übrigen Belastungsmomente kein Gewicht mehr. Pablo Ibar bestand darauf, dass das Gesicht im Video nicht sein Gesicht sei. Raymond Evans, ein Experte der Gesichtsanalyse von der Universität Manchester, eine Autorität auf seinem Gebiet, unterstützte diese Aussage. In einer eidesstattlichen Erklärung machte er deutlich, dass Pablo Ibar bei der Analyse des Videos nicht eindeutig zu identifizieren sei. Ein wichtiger Unterschied war die Narbe an Pablos Augenbraue – vom Pelota-Unfall. Leider vergeblich.

Pablos moralische Stützen

Tanya, Cándido, Benjamin –sind die Namen jener drei Personen, auf die Pablo Ibar in der Zeit seiner Verfahren und seines Gefängnisaufenthalts bauen konnte. Tanya verteidigte von Beginn an seine Unschuld. Während der Haft heirateten die beiden, sie haben gemeinsame Kinder. Jahrelang nahm Tanya für Besuche jedes Wochenende 10 Stunden Fahrt in Kauf. Vater Cándido, der Pelotari aus Dania, gab sich ebenfalls nicht geschlagen. Weil er zur Einsicht gelangte, dass „Gerechtigkeit ein Geschäft ist“ schaffte er es, eine große Summe Geld zu sammeln, um ein gutes Verteidigungsteam zusammenzustellen. Gleichzeitig machte er den Fall seines Sohnes im spanischen Staat bekannt und brachte verschiedene Institutionen dazu, sich aktiv einzumischen, darunter das spanische Außenministerium, die baskische Regierung und die Provinzregierung Gipuzkoa. Vor allem aber holte sich Cándido Ibar mit dem ehemaligen Vorsitzenden von Amnesty International Spanien einen sachverständigen und engagierten Mitstreiter an seine Seite: Andrés Krakenberger, von 1993 bis 2001 Vorsitzender von Amnesty International Spanien. (4)

Die Kosten für die Verteidigung belaufen sich auf deutlich mehr als eine Million Dollar. Damit werden vier auf solche Verfahren spezialisierte Anwälte bezahlt sowie von der Verteidigung bestellte Gutachter. Den größten Anteil erreichten die Familie und die Vereinigung, auch die spanische und die baskische Regierung haben dazu beigetragen. Über Crowdfunding soll der Rest eingenommen werden.

Die dritte wichtige Person in Pablos Umfeld ist der Anwalt Benjamin Waxman, der mit unermüdlicher Arbeit im Februar 2016 die Wiederaufnahme des Verfahrens erreichte, wie dies im Fall Seth Peñalver bereits vor längerer Zeit geschehen war. Der Fall wurde somit auf den Stand von 1994 zurückgesetzt. Ibar kam vom Todestrakt in den Normalvollzug, was seinen Gefängnis-Alltag paradoxerweise verschlechterte.

Der vierte Prozess

pablo06Am 1. Oktober 2018 begann schließlich der vierte Prozess gegen Pablo Ibar. Erneut sollte eine Geschworenen-Jury über das Urteil entscheiden. Erster Akt im Verfahren war die Auswahl der Jury-Mitglieder, zwölf im ersten Team, sechs in der Reserve. Nach einem eventuellen Schuldspruch entscheiden die Geschworenen auch über die Strafe selbst. Über sechs Wochen hinweg wurden für die Jury Hunderte von Personen interviewt. Wer gegen die Todesstrafe ist, kommt dafür automatisch nicht in Frage – die US-amerikanische Justiz hat bekanntermaßen ihre Besonderheiten. Nach dieser Auswahl folgten die Erklärungen von Staatsanwaltschaft und Verteidigung. Im Anschluss dann die Vernehmung von Zeugen und Sachverständigen.

„Wir sind weder optimistisch noch pessimistisch“, sagte Krakenberger vor dem Prozess. „Wir haben gelernt, weder das eine noch das andere zu sein“. Krakenberger ist Vorsitzender der vor einiger Zeit gegründeten Asociación contra la Pena de Muerte Pablo Ibar (Vereinigung gegen die Todestrafe Pablo Ibar). „Für die Opfer muss es Gerechtigkeit geben“, sagt der ehemalige Amnesty-International-Funktionär diplomatisch. „Diese Gerechtigkeit erreichen wir über die Verurteilung der wirklichen Verantwortlichen einerseits und andererseits mit einem Urteil, welches das fundamentale Recht auf Leben respektiert“. – „Ich kämpfe bis zum letzten Atemzug, um meine Unschuld zu beweisen“, mit dieser Devise ging Pablo Ibar ins Verfahren, nach mehr als einem halben Leben hinter Gittern. (2)

Wieder schuldig gesprochen

Am 19. Januar 2019 wurde die Entscheidung der Geschworenen-Jury bekannt gegeben: erneut hielt die Jury Pablo Ibar des dreifachen Mordes für schuldig. Ein heftiger Schlag für die Familie und für die Verteidigung. Insbesondere für den 75-jährigen Vater Cándido, der inständig gehofft hatte, seinen Sohn bald in Freiheit begrüßen zu dürfen. „Wenn wir mit den von uns vorgelegten Argumenten den Prozess nicht gewinnen, was brauchen wir dann?“. Die Aussage macht die Niedergeschlagenheit deutlich. (5)

Vom Prozess selbst gelangte nicht viel Information an die Öffentlichkeit auf der anderen Seite des Atlantik. Dass die Sache aus der Sicht von Pablo Ibar und seiner Verteidigung nicht einfach werden würde, daran hatte niemand Zweifel. Insbesondere in einem Land, in dem die Todesstrafe sozusagen zu den elementaren Bürgerrechten gehört und in dem die Polizei häufig falsche Schuldige vorzeigt oder instruiert, weil sie unter Erfolgsdruck steht.

pablo07In einer Analyse für eine baskische Tageszeitung machte Ex-Amnesty-Chef Krakenberger nach dem Schuldspruch deutlich, dass trotz geringer Erwartung die Entscheidung der Geschworenen wie eine Bombe in die Reihen der Familie eingeschlagen hat. „Wir stehen unter Schock und können nicht nachvollziehen, wie eine Jury Pablo Ibar schuldig sprechen konnte, nachdem sie so viele Dinge gehört hat, die jeden normalen Menschen empören müssen“. (4)

Das Verfahren – ein Skandal

Nach dieser eher emotionalen Feststellung erklärte Krakenberger einige der besagten Ungereimtheiten, die die Geschworenen schlicht ignoriert hatten. Gleich mehrere Zeugen sagten aus, dass sie bei früheren Prozessen gelogen hatten, als sie Pablo Ibar belasteten. Einige wurden vom ermittelnden Polizisten bestochen, entsprechende Aussagen zu machen. Ein Zeuge sprach von Drohungen des Ermittlers, sollte er nicht aussagen, was die Polizei wollte – dennoch widersetzte er sich den Drohungen.

Eine Angestellte aus dem Labor, das die DNA-Proben analysierte sagte, dass die zu untersuchenden Gegenstände in halboffenen Tüten ankamen, die Analysen könnten deshalb nicht eindeutig und sauber sein. Sie selbst hätte das Siegel erneuert. Dennoch waren die DNA-Proben alle negativ. Dass eine von der Staatsanwaltschaft – nach 25 Jahren Ermittlungen – in die Beweisaufnahme eingeführte DNA-Probe eine teilweise Übereinstimmung mit Pablo Ibars DNA aufweisen sollte, machte die Geschworenen ebenfalls nicht hellhörig. Internationale Standards besagen, dass verunreinigte DNA-Proben keine Aussagekraft mehr haben. Ein FBI-Gutachter – von der Staatsanwaltschaft vorgeladen! – machte deutlich, dass die Videoaufnahmen nicht geeignet seien, Pablo Ibar zu identifizieren. „Hat diese Tatsache die Geschworenen nicht zum Nachdenken gebracht?“ fragt Andrés Krakenberger sich und die Leserschaft der Tageszeitung.

Widersprüche in der Geschworenen-Jury

Daraus leitet Krakenberger die Frage ab, weshalb diese Informationen kein Nachdenken verursacht haben „Wir können nur spekulieren, denn die Gespräche in der Jury sind geheim. Jedenfalls muss es Widersprüche gegeben haben. Denn die Jury kam nicht sofort zu einer Entscheidung. Nach drei Tagen Beratung wurde beantragt, die Transkripte bestimmter Zeugenaussagen sollten erneut vorgelesen werden. Daraus lässt sich schließen, dass die notwendige Einstimmigkeit der Jury zu Beginn nicht existierte. Da muss es zu Diskussionen gekommen sein“.

Es scheint, dass die Mehrheit der Geschworenen den drei Mahnungen oder Empfehlungen des Staatsanwaltes gefolgt sind. Erstens sollten sie sich nicht von der starken Präsenz der Presse aus Pablo Ibars Ursprungsland (Spanien) beeindrucken lassen. Zweitens sollten sie sich nicht von den Sachverständigen der Verteidigung beeindrucken lassen, über deren ausländischen Akzent – es waren Briten – sich der Staatsanwalt mit dem Begriff „snob“ lustig machte; die seien gekommen, „um uns Lektionen zu erteilen“. Dritter Ratschlag war: „Lassen Sie diesen Mörder nicht entkommen!“

„Die ersten beiden Argumente waren keine Beweise, sie waren ein Aufruf, das Ausländische abzulehnen, es ging nicht um die Beweiskraft. Denn ihre angelichen Beweisargumente brachen alle nach Gegenfragen der Verteidigung in sich zusammen“, so Krakenberger. Dass Ibar vom Staatsanwalt vorverurteilend als „Mörder“ bezeichnet wurde, dagegen legte die Verteidigung Einspruch ein. Doch Richter Dennis Bailey ignorierte dieses Fehlverhalten. „Einem Staatsanwalt steht es nicht zu, irgendjemand als Mörder zu bezeichnen, das ist Sache der Geschworenen“.

Krakenbergers Schlussfolgerung ist, dass die Argumente des Klägers inhaltlich so schwach und irrational waren, dass er sich darauf beschränkte, unter der Gürtellinie zu argumentieren. „Dennoch hat sich eine Mehrheit der Geschworenen offenbar davon leiten lassen. Wenn die Minderheit in Gruppendiskussionen nicht ausreichend Charakter oder Energie hat, dann geschieht, was hier geschehen ist, vor allem wenn starke emotionale Elemente im Spiel sind“.

Warten auf das Urteil

pablo08Der Schuldspruch bedeutet noch keinen Urteilspruch, dafür muss sich die Jury erneut zusammensetzen und einmal mehr zu einer einstimmigen Entscheidung kommen. „Wenn sie sich für lebenslang entscheiden, legen wir Berufung ein. Dann geht der Fall an den Gerichtshof des 4. Justiz-Distrikts von Florida. Und wenn nötig danach ans Oberste Gerichts des Staates. Wenn sie auf Todesstrafe plädieren, geht unsere Berufung direkt an das Oberste Gericht in Florida. Wir gehen auf jeden Fall in Berufung“, kündigte Krakenberger an. (4) Der Kommentar des Menschenrechts-Beauftragten der baskischen Regierung auf den Schuldspruch lautete: „Niemand sollte von der Todesstrafe bedroht sein“.

Krakenberger fordert von den Behörden Floridas, dass sie „nach den wirklichen Mördern suchen“. Denn im Jahr der Tat wurden andere Untersuchungs-Varianten verworfen, die weit plausibler waren als die von Pablo Ibar. Immer wieder betont Krakenberger, sowohl die Opfer wie auch der unschuldig Angeklagte hätten ein Recht auf gerechte Behandlung. „Die allerwichtigste Bedingung ist, dass die Richtigen verurteilt werden. Die vorliegenden Beweise gehen aber überhaupt nicht in diese Richtung. Es darf nicht sein, dass die Spitzfindigkeiten eines Staatsanwalts ausschlaggebend sind. Deshalb setzen wir alles daran, dass Pablo Ibar für unschuldig erklärt wird. So wie auch der ursprünglich Mitangeklagte Seth Peñalver 2012 freigesprochen wurde“. (4)

Ein weiteres Geheimnis der US-amerikanischen Justiz ist, dass es den am Prozess Beteiligten nicht erlaubt war, den Freispruch von Pablo Ibars Kollegen Seth Peñalver aus dem Jahr 2012 im neuen Verfahren überhaupt zu erwähnen. Die Geschworenen sollten von dieser Information „nicht beeinflusst“ werden. Ein Widerspruch mehr im ohnehin schon skandalbeladenen Verfahren.

Überraschungen nach dem Schuldspruch

Nach unerwartet kurzer Beratung wurde am 19. Januar 2019 von den Geschworenen der Schuldspruch verkündet, am Samstag Nachmittag Ortszeit. Es folgte ein langes Wochenende, weil Montag Feiertag war. Als sich nach dem Schuldspruch alle Beteiligten bereits auf die nächste Geschworenen-Sitzung zur Urteilsfindung Ende Februar eingestellt hatten, erfolgte am 22. Januar – einem Dienstag – eine sensationelle Nachricht. Ein Mitglied der Geschworenen-Jury meldete sich bei Richter Bailey, um kund zu tun, dass er sein Schuld-Votum zurückziehen wolle. Dieser „Rückzug“ ereignete sich – darauf legten alle Seiten Wert – nur fünf Minuten nach Wiedereröffnung des Richter-Büros. Um wen es sich bei dieser Person handelte, blieb zunächst ein Geheimnis des Richters Bailey. Krakenberger sollte also Recht behalten, irgendetwas war bei den Diskussionen unter den Geschworenen vorgefallen.

Gleichzeitig wurde bekannt, dass einer der sechs im Prozess anwesenden Jury-Nachrücker außerhalb des Prozesses Informationen über die Verfahrensgeschichte erhalten hatte, was den gesetzlichen Bestimmungen widerspricht. Richter Bailey informierte ordnungsgemäß sofort die Verteidigung, die umgehend Anträge stellte, um mit beiden Personen sprechen zu können. Der Antrag, das besagte Jury-Mitglied zu sprechen, wurde abgelehnt. Was den überinformierten Nachrücker „Mr. Black“ betraf, fand kurz danach ein Gespräch statt, über dessen Inhalt in der Öffentlichkeit nichts bekannt wurde. Jedenfalls wurde er vom Richter aus dem Verfahren ausgeschlossen.

pablo09Der sensationelle Rückzug wirft selbstverständlich Fragen auf, und fördert Spekulationen aller Art. Klar ist, dass der Rückzug vom Schuldspruch seine Wurzeln in den Diskussionen der Geschworenen-Jury hatte. Am vorletzten Beratungstag (Freitag, 18.1.) hatten die Geschworenen beantragt, ihre Gespräche vorzeitig beenden zu wollen, weil sie nicht mehr weiter beraten könnten. Am Samstag wurde der Schuldspruch dann nach nur 5 Minuten Beratung beschlossen und mitgeteilt. Allein diese Tatsache ist außergewöhnlich. Die Verteidigung schließt daraus, dass der Schuldspruch aus schwerwiegenden Gründen hinterfragt werden kann, weil er möglicherweise unter unzulässigem äußerem Einfluss zustande kam. Oder weil die Jury die Normen des Entscheidungsverfahren nicht befolgt hat.

In ihrem Antragschreiben vertraten Pablo Ibars Anwälte die Meinung, dass der Schuldspruch annulliert werden und die Jury erneut in die Beratung über Schuld oder Nichtschuld des Angeklagten gehen müsse. Die „Vereinigung gegen die Todesstrafe Pablo Ibar“ informierte zusammen mit der Verteidigung, dass es in der Vergangenheit Fälle gab, in denen der Rückzug eines Jury-Mitglieds Grund für die Neueröffnung des Verfahrens war, obwohl sogar schon Urteile ausgesprochen waren. In vielen anderen Fällen war dies allerdings nicht der Fall, das heißt, ein Rückzug muss nicht zwangsläufig den Verfahrensverlauf beeinflussen. (6)

Vater Cándidos Frustration

Vater Cándido Ibar hatte keine Hoffnung, dass der Rückzug des Jurymitglieds bei Richter Bailey zu einem Umdenken geführt haben könnte. „Da hat jemand sein Votum bereut und wir sollen nicht wissen, wer es ist und warum es geschah. Ich möchte wissen, was bei den Beratungen der Jury geschah“, sagte Pablos Vater nach der Ablehnung des Richters. Cándido war optimistisch ins neue Verfahren gegangen, weil alles bestens vorbereitet war. „Was ich beim Prozess erlebt habe und was mir andere Beobachter vermittelt haben, ließ aus meiner Sicht nur den Schluss zu, dass wir gar nicht verlieren können“. Dass es dennoch anders kam, kann er noch nicht fassen. „Nach all den Beweisanträgen, die unsere Anwälte eingebracht haben, müsste die Sachlage klar zu unseren Gunsten gewesen sein, ein Freispruch wäre logisch gewesen. Was stattdessen geschah? Ich weiß es nicht. Für alle im Saal war es eine große Überraschung“. (7)

Cándido Ibar erläutert erneut, dass die Verteidigung einen weiteren Experten vorgeladen hatte, der die Qualität und Beweiskraft des Videos in Zweifel zog. Dass die Staatsanwaltschaft im letzten Moment einen DNA-Rest vorlegte, den es offenbar 25 Jahre lang nicht gegeben hatte, müsste allen Beobachter*innen die Haare zu Berge stehen lassen. „Das ist alles ziemlich seltsam. Die Tüte mit den DNA-Resten kam offen im Labor an. Das sind Umstände, die kein normales Gericht akzeptieren kann“. Dennoch ist er vorsichtig, als er nach einer möglichen Manipulation gefragt wird. „Ich traue mich nicht, das in aller Klarheit zu sagen. Aber langsam kommt mir der Verdacht, dass etwas Ähnliches geschehen sein könnte. Oder dass jemand ein Fehler unterlaufen ist bei der Handhabung dieser Beweisstücke. Das Oberste Gericht Floridas hat uns Recht gegeben und den Prozess neu anberaumt. Dass ausgerechnet in diesem Moment neue DNA-Proben auftauchen ist schon sehr verdächtig. Vorher gab es die nicht. Was sollen wir nun denken? Sicher nichts Gutes.“

Das Zeugen-Chaos

pablo10„Der einzige Belastungszeuge, der sagte, Pablo sei der Täter gewesen, war Jean Klemenzo. Mittlerweile ist klar, dass der keinerlei Glaubwürdigkeit hat. Er ist drogenabhängig, die Polizei hat ihm 1.000 Dollar gezahlt, damit er die entsprechende Aussage macht. Die Polizei hat ihm gedroht, ihn in den Fall hineinzuziehen, wenn er nicht mitspielt. Dann dieser Jimmy, ein weiterer Zeuge, den die Polizisten bedroht haben. Eines Tages haben sie ihn an den Tatort gebracht, sie sagten sie wären die Mafia und seine beiden kleinen Schwestern könnten so enden wie die Bardamen. Dennoch blieb Jimmy standhaft und hat nicht gegen Pablo ausgesagt“.

Nachdem das Wort „Mafia“ fällt, wird Cándido direkt auf diese Version angesprochen. Denn unmittelbar nach den Morden hatte es öffentliche Vermutungen gegeben, die Mafia könnte hinter der Tat stehen. Es wurde sogar gemutmaßt, das FBI könnte alles gefilmt haben. „Stimmt. Zu Beginn wurde gesagt, die Morde seien eine professionelle Arbeit gewesen. Es gab keine Spuren. Viele Indizien sprechen für diese Version. Warum sollte dieser Sucharski sich gerade zwei Wochen vorher im Wohnzimmer Kameras montieren lassen. Der Monteur der Kameras wurde vorgeladen und sagte, in den Tagen zuvor sei der Barbesitzer ziemlich nervös gewesen. Dann gab es Drohanrufe wegen der Übergabe von Juwelen. Es gibt zumindest Anhaltspunkte, die deutlich machen, dass da Dinge geschahen, denen die Polizei nicht nachgegangen ist. Aber gehen wir mal davon aus, dass es ein Raub war. Dass zwei junge Männer ins Haus gingen und alles Wertvolle mitnahmen. Doch welchen Sinn macht es, dass sie anschließend das Fahrzeug von Sucharski verbrannten, nachdem sie damit geflüchtet waren? Ein Zeuge sagte einst vor der Polizei aus, dass er angewiesen wurde, das Auto zu verbrennen. Er sagte, mit der Tat habe er nichts zu tun gehabt, aber Anweisungen von oben erhalten. Wer sind die Personen, die diese Anweisungen gaben? Das Schlimme ist, dass der Zeuge am Tag nach seinem Bekenntnis bei der Polizei ermordet wurde“. (7)

Druck auf die Geschworenen

Nach dem Sickerprinzip gelangten weitere Informationen an die Öffentlichkeit. Offenbar hat das später „Collins” genannte Jurymitglied sich nicht nur vom Schuldspruch distanziert, sondern sich auch im Internet zum Verlauf der Geschworenen-Beratungen geäußert – was streng verboten ist. Richter Bailey lud „Collins“ deshalb (am 28. Januar) vor, um zu prüfen, ob es sich bei Rückzug und Internet um dieselbe Person aus der Jury handelt. Über die Internet-Geschichte ist nur so viel bekannt, dass eine Person um Rat fragte, was zu machen sei, wenn auf Geschworene eines Prozesses „Druck“ ausgeübt werde.

Unterzeichnet waren die Posts mit „wickerstar“ und „humanhero“. Der Schreiber beklagte sich, dass er sich „unglaublichem Druck“ und „unabsichtlichem Bullying“ ausgesetzt sah und unter diesem Druck seine Zustimmung gab zu einem Urteil „in einem besonders schweren Fall“. Im Profil des Schreibers heißt es, er sei Techniker in einer Software-Firma, das entspricht dem Beruf des Jury-Mitglieds „Collins“, das sich vom Schuldspruch distanziert hatte. (8)

Der Richter in Aktion

Mittlerweile hat der Richter richtungsweisende Entscheidungen getroffen. Neben dem Reserve-Jurymitglied wurde auch der Rückzieher „Collins“ aus dem Verfahren ausgeschlossen – eine Stimme weniger pro Pablo Ibar. Auf Antrag der Staatsanwaltschaft dürfen Pablo Ibars Raub und Hausfriedensbruch aus einem vorhergehenden Fall als erschwerende Argumente in die Urteils-Beratungen eingeführt werden. Im ganzen Prozess durfte nicht über die Tatsache gesprochen werden, dass ein neben Pablo Ibar ehemaliger Mitangeklagter und für den Mord Mitverurteilter – Seth Peñalver – mittlerweile freigesprochen wurde und in Freiheit lebt. Dieser Seth Peñalver hatte sich zu Aussagen angeboten, was vom Gericht abgelehnt wurde. Klar ist somit, dass die Staatsanwaltschaft voll auf Todesstrafe setzt. In Anbetracht der Wirren nach dem Schuldspruch hat der Richter die Geschworenen-Beratung zum Urteil auf den 15. Mai 2019 verschoben.

Urteilsfindung

pablo11Vom 15. Mai an müssen die Geschworenen des Ibar-Falls wieder in Klausur gehen und nach einem einstimmigen Urteil suchen. Zur Auswahl stehen die Todesstrafe oder Lebenslang. Dass die Entscheidungsfindung eine ganz besondere sein wird, ist nach den Jury-Ausschlüssen klar. Was die Außenwelt wohl nie erfahren wird: Wie reagieren die übrigen elf Jury-Mitglieder auf den „Verrat“ des zwölften? Erfahren sie überhaupt davon?

Die Entscheidung muss einstimmig sein. Egal wie sie ausgeht, die Verteidigung von Pablo Ibar wird in Berufung gehen. Fest steht schon lange, dass in den Vereinigten Staaten nur diejenigen Recht bekommen können, die über ausreichend finanzielle Mittel verfügen. Noch nicht einmal das ist eine Garantie, wie das Verfahren gegen Pablo Ibar in 25 Jahren gezeigt hat. In den vergangenen Jahrzehnten konnten sich aufmerksame Beobachter – wie Andrés Krakenberger– ein Bild machen von der Ungerechtigkeit innerhalb der US-amerikanischen Justiz und der Unsinnigkeit der Todesstrafe, die wie das Recht auf eine Schusswaffe zum American Dream gehören.

Alptraum US-Justiz

Wie US-Polizei und US-Justiz funktionieren hat das Vorgehen gegen die Bürgerrechts-Bewegung der 1960er und 1970er Jahre mehr als deutlich gezeigt. COINTELPRO hieß das Programm, das auf die wenig demokratische, dafür mediale und physische Liquidierung jeglicher Opposition abzielte. Die bis heute inhaftierten politischen Gefangenen Leonard Peltier und Mumia Abu-Jamal sind beste Beispiele für die US-amerikanische Klassen- und Rassen-Justiz.

Im Vergleich dazu ist Pablo Ibar ein kleiner Fisch. Sein Fall ist nicht mit politischen Elementen behaftet. Er hatte das Pech, in einem spektakulären Mordfall das schwarze Schaf spielen zu müssen. Entweder, weil die Polizei zu realer Untersuchung nicht in der Lage war; oder weil sie sich an die wirklichen Mörder aus dem Umfeld der Mafia nicht herantraute. Politisch unbeleckt zu sein könnte für Pablo Ibar bei künftigen Berufungen und Revisionen ein Vorteil sein. Allein die nüchterne Betrachtung des Falles müsste ausreichen, sich auf Pablo Ibars Seite zu schlagen und aktiv beizutragen, ein weiteres Wild-West-Schicksal zu verhindern. Pablo Ibar darf nicht in der Todeskammer sterben.

Pablo Ibar: Chronologie eines skandalösen Verfahrens

Für Pablo Ibar war der jetzt zu Ende gegangene Prozess bereits der vierte, seit er 1994 wegen eines dreifachen Mordes in Florida (USA) inhaftiert wurde. Im Januar 2019 wurde er erneut schuldig gesprochen. Der heute 46-jährige Ibar (mit baskischem Vater und kubanischer Mutter) hat sein halbes Leben im Gefängnis verbracht, einschließlich 16 Jahre im Todestrakt. Die Chronologie seines Lebens liest sich wie das Drehbuch zu einem Film –einem überaus US-amerikanischen Film. (9)

27. Juni 1994 / In einer Nachtclub-Wohnung von Miramar in Florida werden die Leichen des Unternehmers Casimir Sucharski und der beiden Frauen Sharon Anderson und Marie Rodgers gefunden.

25. August 1994 / Pablo Ibar und sein Freund Seth Peñalver werden wegen Raubes und Hausfriedensbruch festgenommen und beschuldigt, die drei Miramar-Morde begangen zu haben. Ibar behauptet, zur Tatzeit in der Wohnung seiner Freundin gewesen zu sein.

25. Januar 1998 / Erstes Verfahren. Der Richter erklärt den Prozess für ungültig, nachdem sich die Geschworenen nicht auf einen einstimmigen Schuldspruch einigen konnten.

11. Januar 1999 / Beginn des zweiten Prozesses. Während der Auswahl der Geschworenen wird Pablo Ibars Pflichtverteidiger wegen sexistischer Gewalt festgenommen. Der Verteidiger beantragt, vom Prozess entbunden zu werden, gleichzeitig soll das Verfahren vertagt werden. Das Gericht hält am Verteidiger fest und vertagt den Prozess. Der Prozess gegen Seth Peñalver wird abgetrennt, er wird zum Tode verurteilt. Im Dezember 2012 wird er in einem erneuten Verfahren freigesprochen und freigelassen.

17. April 2000 / Der dritte Prozess beginnt. Am 14. Juni wird Pablo Ibar schuldig gesprochen, am 28. August wird er wegen dreifachen Mordes zum Tode verurteilt und in den Todestrakt gebracht.

Februar 2001 / Pablo Ibars Familie reist nach Europa, um Geld zu sammeln für die Verteidigung und ein neues Verfahren.

27. Dezember 2001 / Der spanische Ministerrat beschließt, Pablo Ibar die spanische Staatsangehörigkeit zu bewilligen.

Dezember 2003 / In Gegenwart von sechs spanischen Senatoren legt Pablo Ibars Verteidigung vor dem Obersten Gericht in Florida Berufung ein wegen „zahlreicher Unregelmäßigkeiten“ während des Verfahrens im Jahr 2000.

7. September 2006 / Das Oberste Gericht Floridas lehnt die Forderung nach einem neuen Verfahren ab.

Oktober 2008 / Pablo Ibars neuer Anwalt, Benjamin Waxman, fordert formal die Neueröffnung des Verfahrens mit dem Argument, dass sein Klient während des ersten Verfahrens keine angemessene juristische Begleitung hatte.

16. März 2009 / Vor dem Bezirksgericht Broward in Florida, das Pablo Ibar zum Tode verurteilte, unterstreicht Ibars Anwalt die defizitäre Arbeit des Pflichtverteidigers im ersten Prozess. Der wichtigste Beweis der Anklage – ein unklares und pixeliertes Foto, das einem Video entnommen wurde – sei überaus zweifelhaft, außerdem seien die Fingerabdrücke am Tatort nicht die von Pablo Ibar.

13. Februar 2012 / Richter Levenson vom Bezirksgericht Broward lehnt den Berufungs-Antrag der Verteidigung ab, die eine Annullierung des ersten Verfahrens und die Wiederholung des Prozesses forderte, bei dem die Todesstrafe verhängt wurde.

8. April 2014 / Die Verteidigung von Pablo Ibar wendet sich an das Oberste Gericht Floridas und beantragt ein neues Verfahren.

4. Februar 2016 / Das Oberste Gericht Floridas annulliert die Todesstrafe gegen Ibar und setzt ein neues Verfahren an.

9. Juni 2016 / Pablo Ibar wird vom Todestrakt in ein normales Gefängnis im Norden von Florida gebracht.

21. Juni 2016 / Die Staatsanwaltschaft des Bundesstaates Florida erklärt, dass auch in einem neuen Verfahren wieder die Todesstrafe gefordert werden wird.

19. September 2016 / Die Staatsanwaltschaft behauptet, dass die DNA-Spuren an einem Hemd, das von einem der Mörder benutzt wurde, teilweise mit der DNA von Ibar übereinstimmt. Das DNA-Material kommt allerdings offen im Labor an.

26. November 2018 / Unter dem Vorsitz von Richter Dennis Bailey beginnt die mündliche Phase des vierten Prozesses gegen Pablo Ibar.

21. Dezember 2018 / Die erste Phase des neuen Verfahrens endet mit dem Plädoyer der Verteidigung. Sie stellt fest, dass die Geschworenen die von der Staatsanwaltschaft eingebrachten neuen genetischen Proben nicht als beweisfähig anerkennen sollen.

17. Januar 2019 / Nach den Plädoyers von Verteidigung und Staatsanwaltschaft ziehen sich die Geschworenen zur Beratung über den Schuldspruch zurück.

19. Januar 2019 / Die zwölf Geschworenen erklären Pablo Ibar für schuldig des dreifachen Mordes im Jahr 1994. Am 25. Februar 2019 sollen sich die Geschworenen erneut versammeln, um zu entscheiden, ob wieder die Todesstrafe verhängt werden soll oder eine lebenslange Strafe. Die Verteidigung von Pablo Ibar kündigt an, das Urteil – welches auch immer – erneut anzufechten.

23. Januar 2019 / Einer der Geschworenen (8 Frauen, 4 Männer) präsentiert dem Gericht bei der ersten Gelegenheit nach Schuldspruch eine Erklärung, mit der er sein Schuld-Votum zurückzieht. Er gibt zu verstehen, dass bei der Geschworenen-Entscheidung Druck von außen im Spiel war.

31. Januar 2019 / Der Richter verfügt die Entlassung des Geschworenen, der sich öffentlich über äußere Einflussnahme beklagte, weil solche Bekundungen in einem laufenden Verfahren nicht zulässig sind. Zudem wird ein weiterer, bisher nicht aktiver Reserve-Geschworener ausgeschlossen, weil er Zugang zu öffentlicher Information über den Fall hatte.

15. Februar 2019 / Der Richter entscheidet auf Antrag der Staatsanwaltschaft, dass die Verhaftung von Pablo Ibar wegen Raub und Hausfriedensbruch (in einem anderen Fall) bei der Urteilsfindung im vorliegenden Mordfall als erschwerendes Element berücksichtigt werden soll. Pablo Ibars Chancen auf ein für ihn positives Urteil schwinden. Die Staatsanwaltschaft setzt auf Todesstrafe.

24. Februar 2019 / Richter Bailey verschiebt die entscheidenden Sitzungen für die Urteilsfindung durch die Geschworenen-Jury vom 25. Februar auf den 15. Mai 2019, möglicherweise auf Drängen der Verteidigung. Erneut sollen beide Seiten Argumente und Beweise vorbringen dürfen, es geht jedoch nur noch um die Frage: Todesstrafe oder Lebenslang. Die Staatsanwaltschaft setzt auf die Höchststrafe.

Verfilmung der Geschichte

Der spanische Schauspieler Miguel Ángel Silvestre mimt in einer künftigen Fernsehverfilmung Pablo Ibar. Es handelt sich um eine Produktion mit dem Titel „Im Todestrakt” (En el corredor de la muerte). Die Verfilmung soll auf realen Tatsachen basieren und auf dem Roman, den der Schriftsteller Nacho Carretero über den Fall geschrieben hat. In vier Episoden von je 50 Minuten soll der Fall fernsehtechnisch aufgerollt werden. „Wir wollen die Wahrheit des Falles Pablo Ibar zeigen, danach können sich die Zuschauer selbst ein Urteil machen“, heißt es von Seiten der Produktoren. Die Dreharbeiten sollen noch 2019 beginnen. (5)

 

Dieser Artikel bei Baskultur.info wird aktualisiert, sobald es wesentliche Neuigkeiten oder Entscheidungen zum Fall Pablo Ibar gibt. Spätestens dann, wenn die Geschworenen-Jury nach Beratung das neue Urteil verkündet.

 

(Publikation Baskultur.info 2019-02-28)

 

ANMERKUNGEN:

(1) Cesta Punta (ohne Übersetzung) ist eine der vielen Varianten des traditionellen baskischen Pelota-Spiels. Gespielt wird auf einem ca. 40 Meter langen, vorne und links abgeschlossenen Fronton-Spielplatz, mit einem Schläger, der aus einem gekrümmten Korb besteht und an der Hand des Pelotaspielers (Pelotari) festgebunden ist. Cesta Punta gilt als schnellstes Ballspiel der Welt, die Bälle erreichen Geschwindigkeiten von mehr als 200 h/km.

(2) Sportzeitung Marca „Pablo Ibar, un pelotari en el corredor de la muerte” (Pablo Ibar, ein Pelotaspieler im Todestrakt) Alberto R. Barbero 2018-09-30 (LINK)

(3) José Manuel Azpiazu Ibar „Urtain” wurde 1943 in einer Bauernfamilie in Gipzuzkoa geboren. Zu seinem Hobby und später Beruf wurden verschiedene baskische Kraftsport-Arten wie Steineheben, Stierrennen oder Baumstamm-Spalten. Als Boxer hatte er eine spektakuläre Karriere, die ihm nationale und Europa-Titel eintrug. Urtain ließ sich vom Franquismus als Aushängeschild benutzen, geriet in schlechte Gesellschaft und stürzte sich 1992 schließlich in die Tiefe.

(4) Tageszeitung El Correo: „Ibar no es culpable” (Ibar ist nicht schuldig) von Andrés Krakenberger, ehemaliger Chef von Amnesty International Spanien zwischen 1993 und 2001 (LINK)

(5) Tageszeitung El Correo „La nueva lucha de los Ibar” (Der neue Kampf der Familie Ibar) 2019-01-22 (LINK)

(6) Tageszeitung El Correo: „Pablo Ibar: se retracta uno del jurado” (Pablo Ibar: ein Jurymitglied zieht seine Entscheidung zurück) 2019-01-23 (LINK)

(7) Tageszeitung El Correo. „El padre de Ibar: Empiezo a sospechar que se han podido manipular algunas pruebas contra mi hijo” (Ibars Vater: Mir kommt der Verdacht, dass Beweisstücke gegen meinen Sohn manipuliert worden sein könnten) Javier Peñalba, 2019-01-26 (LINK)

(8) Tageszeitung GARA: „El juez del caso Pablo Ibar convoca a un miembro del jurado para saber si denunció presiones” (Der Richter des Falls Pablo Ibar lädt einen Geschworenen vor, um zu prüfen, ob er Einflussnahme beklagt hat) 2019-01-29 (LINK)

(9) Internet-Tageszeitung El Periodico: Chronologie des Falles Pablo Ibar 2019-01-19 (LINK)

 

ABBILDUNGEN:

(1) Pablo Ibar Collage (fat)

(2) Pablo Ibar (razón)

(3) Pablo, Cándido, Urtain

(4) Pablo Ibar, Rechtsanwälte (efe)

(5) Pablo Ibar mit Sheriff

(6) Pablo Ibar (efe)

(7) Cándido und Pablo Ibar (efe)

(8) Ibar-Prozess (efe)

(9) Pressekonferenz (deia)

(10) Briefe Pablo Ibar (sexta)

(11) Ibar-Prozess (efe)

 

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