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Kein Frühstück für Negros

Einhundertfünfzig Migranten und eine Migrantin aus Afrika frühstücken Sonntag Vormittag auf dem Platz eines Stadtteils von Bilbao. Organisiert wird das Essen von einer Gruppe von freiwilligen Nachbar*innen, die einspringen mussten, weil sich die lokalen Behörden nicht – einen Dreck – um die Notlage der Flüchtlinge kümmern. „Es gibt Basken, die haben Hunger – und ihr gebt das Essen den Schwarzen“, sagt eine Stimme deutlich vernehmbar. Der das ausspricht ist kein Politiker. Auch kein frustrierter Bürger. Und kein Neonazi, der versuchen könnte, seine rassistische Propaganda unter die Leute zu bringen.

Der das sagt ist ein Junkie, der sich bei seinem Rundgang durch die afrikanischen Frühstücksreihen bückt, um Zigarrettenstummel vom Boden aufzulesen. Ist er das, was Marx einst das Lumpenproletariat nannte? Vielleicht nicht das Paradeexemplar, aber auch nicht so weit entfernt. Den ausgesprochenen Satz hat unserJunkie nicht selbst erfunden. Schon häufig wurde er geschrieben und mündlich wiederholt. Ohne dadurch besser zu werden. Wenn Faschisten, Rassisten, WASPs oder Klan-Männer solche Töne von sich geben, ist es schlimm genug. Wenn die Geschundenen und Verdammten dieser Erde die Botschaft wiederholen, klopfen sich die Trumps und Berlusconis auf die eigenen Schultern, um zu feiern, dass die Botschaft über alle Gegensätze hinweg beim Klassenfeind gelandet ist. Seit ganze Arbeiterviertel Front National oder die Republikaner wählen ist vollends klar, dass der Marxismus eine Erneuerung braucht. Denn es ist nicht mehr das Sein, dass das Bewusstsein bestimmt. Neid und Konkurrenz sind es, die gleichfalls Impulse liefern. Es gibt immer einen, dem es noch schlechter geht. Solange sich die Verdammten solidarisieren, haben die Unterdrücker Bauchschmerzen. Niemand hätte einen Ton gesagt, wenn der Junkie sich an einen der vielen Frühstücks-Tische gesetzt hätte um mitzuessen. Chance verpasst. Mit dem Rassisten-Spruch hat er sich auf die Seite der Salvinis und AFDs gestellt. Dabei sind gerade jene die letzten, die etwas mit ihm zu tun haben wollen. Post Scriptum: Die beim Frühstück anwesenden Afrikaner plus Frau haben den Spruch nicht verstanden, die meisten sprechen nur Französisch und verstehen kein Spanisch.

Antwort auf Massentourismus

Touristen – die zahlungrskräftigen, nicht die papierlosen – sind für allerlei spassige Umtriebe bekannt, die bei Einheimischen nicht gerade auf viel Gegenliebe stoßen. Nackt in den Supermarkt gehen zum Beispiel, oder in Privatwohnungen nächtelang Party machen, wenn andere schlafen wollen-müssen. Urlaub scheint der Moment zu sein, in dem das praktiziert wird, was zu Hause verboten ist. Chaos im Zeichen der Anonymität und der Sicherheit, als zahlender Gast willkommen zu sein, ein Hauch von Narrenfreiheit inklusive.Auch Balkoning ist so eine Untugend. Sie besteht darin, vom Hotelbalkon im x-ten Stock in den Pool zu springen. Geil! Zu Hause macht das niemand! Die Hoteliers finden das nicht so lustig, vor allem, wenn das Bassin verfehlt wird und die Putztruppe schon nachts beauftragt werden muss. Im massen-tourismus-geplagten Barcelona sind heuer Plakate aufgetaucht, die zum Balkoning einladen. „Tourist, balconing is fun!“ ist da zu lesen. Sicher keine Kampagne der katalanischen Hoteliers. Auch nicht gegen sie gerichtet. Eher ein Versuch, die Reisehorden von einer freiwilligen Eigen-Reduzierung zu überzeugen. In Bilbao haben unsichtbare Hände auf das Werbeplakat der Regierung geantwortet, auf dem es hieß: „Here Ongi Etorri means Welcome. Welcome to the Basque Country“. Dieses Willkommen gilt jedoch nur für zahlende Gäste, nicht für illegale Afrikaner*innen, die ebenfalls an die Tür der Stadt klopfen. In der gesprühten Antwort heißt es „Here Turistak Pikutara means Tourist go home“. Kein normalsterblicher Tourist wird wissen, was Pikutara bedeutet: in etwa wo der Pfeffer wächst. Der englische Teil des Satzes ist leichter zu erschließen. Es handelt sich um eine Botschaft, die an immer mehr Orten Europas die Runde macht. Denn Massentourismus ist folgenreich, unträglich und widerlich. Überall.

Gute und schlechte Touristen

„Here Ongi Etorri means welcome. Welcome to the Basque Country“ – das steht in großen Lettern auf einer 25 Meter langen Werbewand am Fluss von Bilbao. Auf Deutsch: „Ongi Etorri bedeutet hier Willkommen. Willkommen im Baskenland“. Unwissende fragen sich, auf wen sich dieses Willkommen bezieht. Etwa auf die mittlerweile 100 afrikanischen Migranten, die keine 100 Meter von der Wand entfernt in einer unwürdigen Notunterkunft leben und von den Behörden komplett ignoriert werden? Wohl kaum. Worauf bezieht sich dann die wohlwollende lilafarbene Werbewand der baskischen Regierung?Sie ist Ausdruck einer Werbekampagne der baskischen Behörden. Mit zwei Zielen. Einmal soll der negative Eindruck korrigiert werden, der entstanden ist, weil im vergangenen Jahr aus der Bevölkerung starke Kritik am Modell des Massentourismus laut wurde. Kritik ist nicht erwünscht, wenn es um bare Münze geht, auch wenn sie nüchtern und rational daherkommt. Zweites Ziel der Werbekampagne sind neue touristische Zielgruppen. Dabei haben die Werbe-Strategen die sensible Gruppe der Hundebesitzer*innen ausfindig gemacht. Nicht in jeder Reisestation werden Vierbeiner zugelassen. Aus gutem Grund. Im Kampf um Marktanteile wird das Baskenland deshalb als besonders hundefreundlich dargestellt, um diese Zielgruppe an Land zu ziehen. Fazit: zahlungskräftige Tourist*innen und Hundebesitzer*innen statt flüchtenden Afrikanern. Ein Kreis schließt sich. Jene, die unter den Folgen des Tourismus zu leiden haben, kümmern sich um die ungeliebten Afrika-Touristen, die ohne Geld und Papiere gelandet sind – während die Regierung alles unternimmt, um noch mehr zahlungskräftige Reisende ins Land zu locken und die Mieten weiter steigen zu lassen. Willkommen im Kapitalismus, willkommen im Neokolonialismus. Ongi Etorri bedeutet …

Sommerthema Flüchtlinge

Migrant*innen aus Afrika gibt es im Baskenland seit fünfzehn Jahren. Nicht so viele aber überall sichtbar. In Bilbao leben sie vor allem in den alten Arbeitervierteln wie San Francisco. Seit Ende Juni hat sich die Situation geändert. Das Sommerwetter hat viele Afrikaner zum Sprung über die Meerenge motiviert. Die Flüchtlingsblockade der neuen Ultra-Regierung in Italien und der sozialdemokratische Regierungswechsel in Madrid haben die Fluchtlinien verändert. Auf dem Landweg über Melilla klettern andere Afrikaner unter Todesgefahr über den Stachelzaun. Das Rote Kreuz in Andalusien sieht sich angesichts der Zahl der Ankommenden überfordert und gibt Bustickets in den Norden aus. Weil die Flüchtlinge „sowieso nach Mitteleuropa wollen“. Frankreich, Belgien, Deutschland, vielleicht Gorßbritannien. Ende Juni kamen ein paar verlorene afrikanische Flüchtlinge am Busbahnhof Bilbao an, niemand kümmerte sich um sie. Das Rathaus ist zwar auf Tourist*innen eingestellt, aber bitte doch nicht solche! Nachbarschaftshilfe musste einspringen. In Schulen, besetzten Häusern oder unter dem Dach einer offenen Sporthalle wurden die Leute versorgt. Notdürftig. Die Verantwortlichen im Rathaus waren im Urlaub oder taten so. Keine Hilfe, keine Reaktion, keine Unterstützung für die Freiwilligen, die sogar das Essen aus der eigenen Tasche bezahlen und Matratzen und Teppiche über Solidaritäts-Aufrufe organisieren. Zum Glück ist Sommer, viele haben Zeit und Lust, sich auf das Abenteuer einzulassen. Nicht alle sind mit der karitativen Strategie einverstanden. Die öffentliche Hand glänzt bisher völlig mit Abwesenheit, wo die Betreuung eigentlich ihre Aufgabe ist. Über politischen Druck müssten die unwilligen Bürokraten zur Einmischung genötigt werden. Müssten. Aber die Helfer*innen denken in eher humanitären und keinen politischen Kategorien. Zwanzig Afrikaner waren es zu Beginn. Unter dem Sportdach waren es schon fünfzig. Nach drei Wochen im Sozialzentrum sind es 150. Die Zahl steigt, die Helfer werden nicht müde, neue Mini-Schlaflokale ausfindig zu machen. Noch ist August, Ferien- und Fiesta-Monat. Alle haben Zeit. Doch der September droht, mit Regen, Arbeit und Alltags-Verpflichtungen. Ende von Caritas. Dann könnte die Polizei den Rest erledigen.

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