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Streik, wenn sonst nichts hilft!

Dem Baskenland steht ein Herbst-Winter der Streiks bevor. Die Metaller wollen wieder einen Tarifvertrag, die Fußballerinnen einen Mindestlohn, die Lehrerinnen der Privatschulen bessere Verträge und die Pensionäre eine Mindestabsicherung. Reallohn geht verloren. Die Einkommens-Schere klafft immer mehr auseinander. Wo Verhandlungen scheitern ist Streik angesagt. Von Generalstreik ist die Rede. Und im März sind die Feministinnen wieder an der Reihe.

Stadt Müll Tod

Einen Streik der besonderen Art gibt es in Zaldibar, Gipuzkoa, wo vor einem Monat eine auf dem Berg situierte Müllhalde zur Hälfte ins Tal gerutscht ist. Seither vergeht kein Tag ohne neue Skandalnachrichten. Zwei Arbeiter wurden verschüttet und seither nicht gefunden, ein Brand auf dem Müllberg sorgte für die absage eines Fußball-Ligaspiels, die baskische Regierung musste vor dem Verzehr lokaler Landwirtschafts-Produkte warnen und den Verkauf verbieten. Illegaler Industrie-Müll, illegaler Giftmüll, freie Hand für die Müllbetreiber. Kommenden Mittwoch soll zwei Stunden lang das öffentliche Leben angehalten werden in Zaldibar – kaum jemand wird sich diesem Aufruf widersetzen wollen: denn Giftstoffe bedrohen klassenübergreifend. Wenn Giftmüll nicht gleich in die Dritte Welt verfrachtet wird, wird er in der Nachbarschaft illegal deponiert und ein paar Rücksichtslose verdienen sich eine goldene Nase. Sie sollten in ihrem Müllberg lebendig vergraben werden. Wie die toten Arbeiter.

fem8M1Frauen: Kampf und Streik

Weil der Tag auf einen Sonntag fiel, gab es in diesem Jahr keinen allgemeinen Streikaufruf wie in den beiden vergangenen Jahren. Dennoch gab es im Staate S. vormittags und nachmittags große Mobilisierungen und Aktionen, gegen Macho-Gewalt, für Gleichberechtigung, gegen Kapitalismus, Faschismus und Rassismus. Überall wurde auch in Kleinstädten wieder demonstriert, weshalb die Zahl der Teilnehmer*innen erneut an die Millionengrenze ging. Weil es ein Sonntag war, gab es keinen allgemeinen Aufruf zu einem feministischen Streik. In diesem Jahr konnten sich die Komitees in den verschiedenen Regionen nicht darauf einigen. Während im Baskenland nicht gestreikt wurde, hatten die Frauen in Katalonien, Aragon, Andalusien und Galizien zu einem 24-stündigen Frauenstreik aufgerufen. In anderen Regionen, wie in Madrid oder Valencia, wurde ebenfalls nicht gestreikt. In einigen Regionen, wie in Murcia, sollte darüber hinaus nicht nur am 8. März, sondern auch am 9. März gestreikt werden. Unterstützt wurden die Frauen bei ihrem Streik von kleineren Gewerkschaften wie der anarchosyndikalistischen CGT, dem katalanischen Dachverband CSC oder der CUT in Galicien und Aragon. Die großen spanischen Gewerkschaften CCOO und UGT, die auch im vergangenen Jahr nur zum zweistündigen Ausstand aufgerufen hatten, hielten sich auch dieses Jahr wieder vornehm zurück. Die katalanische Regierung beziffert die Beteiligung zum Beispiel in der Metro in Barcelona mit deutlich wahrnehmbaren 22%.

Fotoserien zu den Mobilisierungen in BilbaoVormittags (LINK) - Nachmittags (LINK)

8. März – feministischer Mobilisierungtag

Der “Internationale Tag der arbeitenden Frau“, wie der Internationale Frauentag im Baskenland genannt wird, wurde in den Jahren 2018 und 2019 zu großen Streik- und Mobilisierungstagen. Weil er in diesem Jahr auf einen Sonntag fällt, fällt der Streiktag weg, die Mobilisierung bleibt. Auf breiter Ebene. Unter dem Motto “Antolatu indarrak. Batu borroka feministara. Nos tendreis en frente. On vous fera fasse” gibt es rund um den 8. März 2020 verschiedene Aktivitäten.

Aus der Erklärung des feministischen Komittees: “Die Streiks von 2018 und 2019 haben dazu geführt, dass Tausende von Frauen sich in feministischen Gruppen organisierten, und die Diskussionen haben uns geholfen, das Konzept des Streiks zu erweitern, neu zu definieren und es auszudehnen auf unbezahlte, unsichtbare Arbeit, die zu großen Teilen von Frauen geleistet wird. Diese Streiks haben auch dazu beigetragen, gemeinsam zu reflektieren, Kräfte zu bündeln und über neue Strategien nachzudenken.“

Selbstorganisation und Straßendruck: “In diesem Jahr werden wir zurückkehren, um auf den Straßen zu sein und laut und deutlich zu sagen, dass das aktuelle Sozialmodell für die meisten Menschen, insbesondere für Frauen und von der Hetero-Normativität abweichende Personen, nicht lebbar und für unseren Planeten nicht nachhaltig ist. Dass wir dieses Jahr keinen Streik organisieren, wurde von einigen als Schwäche oder Waffenstillstand unsererseits ausgelegt. Nun, weder das eine noch das andere trifft zu. Der feministische Kampf ist heute wie vor einem Jahr genauso notwendig, und deshalb beteiligten wir uns am 30. Januar 2020 am Generalstreik in Hego Euskal Herria (Süd-Baskenland). Der feministische Streik ist ein weiteres Mittel zur Organisierung berufstätiger Frauen, aber er ist kein Ziel an sich, er ist ein Werkzeug zur Forderung eines anderen sozialen und produktiven Modells. Und in dieser transformativen Richtung setzen wir unsere Arbeit fort.“

“Wir bestehen weiterhin auf der Notwendigkeit der Selbstorganisation von Frauen in der feministischen Bewegung. In einer Welt, die sehr stark vom Neoliberalismus beeinflusst ist, der einen aggressiven und atomisierenden Individualismus fördert, müssen wir eine engagierte feministische Gemeinschaft aufbauen und die Passivität überwinden. Wir müssen den Druck auf die Straße tragen und mittels feministischer Organisierung in Gruppen, Vereinen und Versammlungen eine starke Bewegung aufbauen.“

“Wir wollen nicht nur die formale Gleichheit, auch keine Gleichheit, die unbegrenzten Konsum lebt oder Menschen und Gebiete ausbeutet. Wir wollen keine neoliberalen Rezepte, die die Ausbeutung vieler Frauen in anderen Teilen der Welt und in unserer Umwelt verstärken. Wir handeln auf lokaler Ebene, aber mit einer globalen Perspektive, die es uns ermöglicht, mit unseren feministischen Schwestern auf der ganzen Welt verbunden zu sein.“

“Mit ihnen zusammen vertreten wir einen Feminismus, der dem Verlust von Rechten entgegentritt; der die ökologische Katastrophe anprangert, verheerende Kriege und Enteignungen von Gebieten bekämpft und sich wendet gegen die Vernichtung von Völkern und die Verweigerung des Selbstbestimmungsrechts. Gegen Zwangsumsiedlungen, die Menschen zwingen, ihre Häuser zu verlassen und die mit Stacheldraht, Mauern und einer todbringenden Politik empfangen werden; gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, verursacht durch die menschenverachtende Einwanderungspolitik und die extreme Rechte. Unser Feminismus stemmt sich gegen die rückwärtsgerichtete Entwicklung der sozialen und politischen Rechte, die einst mit großen Anstrengungen erreicht wurden. Mit lauter Stimme rufen wir: No Pasaran – Sie kommen nicht durch!“

“Aus all diesen Gründen werden wir am diesjährigen 8. März einen Feminismus verteidigen, der sich dem wilden und zerstörenden Kapitalismus entgegenstellt, der den institutionellen Rassismus anprangert, der eine Fragmentierung der Rechte nach Kategorien vorschlägt. Ein System, das uns den Rassismus förmlich einimpft und ihn zu einem Teil unserer Sozialisation macht. Unser Feminismus bekämpft die Vermarktung von Körpern und die Polarisierung der Geschlechterrollen, der uns in starre Modelle zwängt, die nicht die Realität widerspiegeln. Unser Feminismus verteidigt das Recht auf den eigenen Körper, sexuelle und reproduktive Rechte, die sexuelle Vielfalt und Freiheit. Wir verteidigen heute und immer einen antifaschistischen Feminismus, der die ranzige, frauenfeindliche und homophobe extreme Rechte bekämpft. Mit lauter Stimme wiederholen wir: Wir kämpfen weiter, no pasaran!“

Mobilisierungen gibt es in allen baskischen Hauptstädten: Iruñea-Pamplona: 12h dezentrale Mobilisierungen in Stadtteilen und Dörfern, 18h zentrale Mobilisierung in verschiedenen Regionen // Vitoria-Gasteiz: 17:30h Plaza de San Anton // Donostia (San Sebastian): 12h dezentrale Mobilisierungen in Stadtteilen und Dörfern, 18h zentrale Mobilisierung // Baiona (Bayonne): 11h Pausa (18 Lesseps kaia) // Bilbo (Bilbao) 13h Sagrado Corazón.

Wer macht den Dreck weg?

Schulen und Universitäten merken bereits die Folgen des Streiks der Reinigungskräfte. Die Gewerkschaften ELA, LAB, ESK und CC OO haben 1.200 “Putzer*innen“ eingeladen, fünf Wochen lang für bessere Löhne und Arbeitsbedingungen zu streiken. Dabei wollen sie nur dasselbe, was die bei der baskischen Regierung Angestellten sowieso schon haben. Der Grund für die ungleiche Bezahlung von gleicher Arbeit ist so einfach wie bekannt: die einen sind staatlich Angestellte, die andern über Sub-Unternehmen, die generell schlechter bezahlen, weil sie selbst noch Profit einstecken wollen. Einen ähnlichen Streik gab es vor Jahren beim Betreuungspersonal in Schulen (nicht die Lehrer*innen). Auch hier gab es öffentlich Angestellte und Sub-Bedienstete. Der eigentlich unsinnige Streik ging lange, obwohl die Streikenden alles Recht der Welt hatten. Denn für Ungleichbezahlung gibt es keinen vernünftigen Grund. Das Problem liegt generell in der Praxis der Privatisierung von Dienstleistungen, die in der öffentlichen Hand bleiben müssten. Allein schon, um Missbrauch zu verhindern. Dass sich der größte Anteil der tödlichen Arbeitsunfälle bei Sub-Unternehmen ereignet ist kein Zufall, sondern Ausdruck der Arbeitsbedingungen. Zurück zum Putztrupp. Die Gewerkschaften sprechen nach dem ersten Streiktag von einer Beteiligung von 70 bis 75%. In Araba und Bizkaia beteiligten sich mehr Leute aus der Universität, in Gipuzkoa lag der Schwerpunkt bei den Schulen. Da kann schon Dreck liegen bleiben. Die 1.200 Unterbezahlten, die von den Unis und dem Erziehungs-Ministerium an Sub-Unternehmen weitergereicht wurden, fordern seit 5 Jahren eine Angleichung, der Bezahlungs-Unterschied beträgt derzeit 13%. Was die Arbeitsmenge anbelangt ist der Unterschied noch flagranter: die Öffentlichen müssen 1.240 Meter reinigen, die Subs fast das Doppelte, 2.400 Meter. Und das noch an Orten mit schwierigem Zugang, wie in den Werkstätten der beruflichen Ausbildung. Die baskische Regierung schaut lieber weg, sie vergibt die Aufträge gewöhnlich an jene Anbieter, die die billigsten Angebote machen. Qualität und würdiges Auskommen spielen keine Rolle. Also auf zum Streik!

Verlängerung

fb copa

Wenn es im Fußball in die Verlängerung geht, ist dies ein gutes Zeichen, die Akteur*innen auf dem Platz sind glücklich: das Spiel ist noch nicht verloren, die Chance zu gewinnen bleibt offen. Die Verlängerung, die den Fußballerinnen im spanischen Staat nunmehr droht ist hingegen alles andere als angenehm. Einmal mehr sind sie Opfer der männerdominierten Medien- und Sportwelt geworden. Nach vielen Ultimaten hatte die Spielerinnen-Gewerkschaft AFE im November einen unbefristeten Streik ausgerufen. Doch schon nach dem ersten ausgefallenen Spieltag gingen die “Fußball-Unternehmer“ den gewünschten Kompromiss ein und versprachen einen neuen Tarifvertrag, den ersten in der Geschichte des staatlichen Frauen-Fußballs. Die Spielerinnen waren zufrieden über die Einigung.

Zu den “Fußball-Unternehmern“ gehören einerseits die Clubführungen, von denen sich einige beklagen, sie hätten kein Geld – was für kleine Clubs, die keine Profi-Männerabteilung haben, durchaus zutreffen kann. Ihr Zusammenschluss ACFF forderte deshalb vom Ligaverband RFEF, dem dritten Verhandlungspartner, finanzielle Hilfe in Form von Geld aus den Einnahmen für Spielübertragungen. Die Unterschrift unter den Tarifvertrag sollte bis spätestens 15. Januar 2020 dreieinig über die Bühne gehen. War aber nichts. Die Kickerinnen warteten geduldig und machten nun in einer Vollversammlung deutlich, dass die Situation nicht länger erträglich sei. Sie kündigten an, erneut Maßnahmen zu ergreifen. Es droht eine Verlängerung, die sie selbst am wenigsten wollen.

Um welche Dimensionen von Geld es sich handelt, machte fast gleichzeitig die Publikation einer Sport-Tageszeitung deutlich. Forderung der Fußballerinnen sind jährliche Einnahmen von 15.000 bis 20.000 Euro, das wären 1.000 bis 1.600 Euro pro Monat. Im Vergleich dazu die Starkicker bei den Männern: Messi verdient pro Monat (!) 8 Millionen Euro, Ronaldo 4, der bestbezahlte Trainer 3,5 Millionen. Der Verband hat ein riesiges Guthaben und rückt nicht das Geld rüber, das den kleinen Clubs erlauben würde, ihren Spielerinnen minimal ordentliche Verträge anzubieten. Ein Club mit dem Finanzvolumen von Real Madrid könnte die gesamte Frauenliga aus der Portokasse bezahlen. Nach wie vor gibt es Leute, die nicht eingestehen wollen, dass Männer und Frauen für gleiche Arbeit ungleich bezahlt werden. Patriarchat existiert auch im Fußball.

Solidarität zum Generalstreik

Der Generalstreik am 30. Januar 2020 für “Renten, Löhne und ein würdiges Leben“ ist eine rein baskische Angelegenheit. Die zum Streik aufrufenden Gewerkschaften vertreten mehr als 70% der arbeitenden, arbeitslosen oder in Rente gegangenen Bevölkerung. Auf solche Zahlen kommt im Staate keine gewerkschaftliche Bewegung, weil die meisten dieser Organisationen stark im staatlichen Institutionalismus verhaftet sind. Dabei ist ihnen jegliche Radikalität und jegliches Klassenbewusstsein verloren gegangen. Hingegen war davon auszugehen, dass viele kleinere Gewerkschaften aus spanischen Regionen den baskischen Generalstreik seht positiv zur Kenntnis nehmen. Vielleicht auch mit einer Portion Sehnsucht. Tatsächlich hat eine ganze Reihe von Organisationen reagiert und Solidaritäts-Erklärungen ins Baskenland geschickt. Mehr noch: einige organisieren am baskischen Streiktag eigene Mobilisierungen, mit denen sie sich solidarisieren und die Streikforderungen ausdrücklich unterstützen. Denn diese Forderungen sind nicht Baskenland-spezifisch, sie gelten überall. Denn überall geht Reallohn verloren, während die Unternehmens-Profite ins Astronomische steigen.

Wer im Staate unterstützt den Generalstreik? Bislang sind dies 34 gewerkschaftliche Organisationen und 31 Gruppen, die gesellschaftliche Randgruppen oder Rentner*innen vertreten: Marsch für die Würde in verschiedenen Städten (Marchas por la dignidad) – Die Plattform zur Verteidigung des öffentlichen Rentensystems in einigen Orten (Coordinadora en defensa del sistema público de pensiones) – Die Bewegung der Rentner*innen aus Madrid (Movimiento de pensionistas de Madrid) – Die Empörten aus Móstoles y Alcorcón (Indignados Móstoles y Alcorcón) – Rentner*innen-Kollektive in Orten wie Aranjuez (Colectivos de pensionistas de pueblos como Aranjuez) – Die Flut aus Lleida (En marea de Lleida). Daneben haben 80 namhafte Gewerkschafter*innen aller gewerkschaftlichen Organisationen aus dem gesamten Staat ein Manifest veröffentlicht. In persönlicher Form solidarisieren sich mit dem Generalstreik Nines Maestro von der Roten Strömung in Madrid und Teresa Rodríguez, die Koordinatorin von Podemos in Andalusien.

Woher kommen die Grußbotschaften? Wo werden Solidaritäts-Mobilisierungen organisiert? In Galicen: A Coruña, Vigo, Compostela, Pontevedra, Ferrol, Lugo, Orense. In Aragón: Zaragoza. In Asturien: Oviedo, Gijón. In der autonomen Region Madrid: Madrid, Móstoles. In Andalusien: Granada, Cádiz, Sevilla, San Lucas de Barrameda. In den katalanischen Ländern: Tortosa, Tarragona, Lleida, Sabadell, Terrassa, Valencia, Barcelona, Palma. Auch internationale Botschaften trafen ein zum Generalstreik: von der weltweiten Gewerkschafts-Föderation und der Föderation der Pensionist*innen (Federación Sindical Mundial y la UIS de pensionistas), von der Gewerkschafts-Föderation PIT-CNT Gesundheitsbereich in Uruguay (PITCNT Federación sanidad de Uruguay), von Nicaragua Sandinista, vom Gewerkschaftsbund Unser Amerika (Encuentro Sindical Nuestra América), sowie von Reinaldo Iturriza, dem ehemaligen Staatsminister in Venezuela.

Generalstreik

In den Städten, Dörfern und Stadtteilen des Baskenlandes werden eifrig Komitees zusammengestellt, Strategien besprochen, Plakate werden verklebt, Presseerklärungen herumgeschickt. Etwas Wichtiges bahnt sich an: Generalstreik! Im Baskenland gibt es diese Form des Streiks noch. Hier gibt es keine Dachgewerkschaft, die alles in der Hand hält, kein Gewerkschafts-Gesetz, das den politischen Streik verbietet. Denn genau das ist der Streik, dem am 30. Januar möglichst viele Arbeiter*innen und Nicht-Arbeiter*innen folgen sollen. Beim U-30-Generalstreik, zu dem alle relevanten baskischen Gewerkschaften aufgerufen haben, geht es um politische Forderungen, um eine generell bessere Sozialpolitik. “Wir haben viel zu viele Gründe für den Streik“ ist das Motto. Im Mittelpunkt steht die Forderung der baskischen Pensionär*innen, die seit mehr als 2 Jahren jeden Montag in vielen Orten für die Erhöhung der Rente für alle auf 1.080 Euro auf die Straße gehen. Es geht auch um die Wieder-Herabsetzung des Rentenalters auf 65 Jahre und das Recht auf Frührente ab 61 Jahren nach 30 Arbeitsjahren, die Rente soll nach 15 Jahren Arbeit kalkuliert werden. Der Rentenfonds soll über soziale Beiträge und Steuern finanziert werden, die Rentenbeiträge allein reichen schon lange nicht mehr aus. Teilzeitarbeit soll bei der Rentenberechnung nicht mehr bestraft werden. Die regionalen Tarifverträge sollen über den staatlichen stehen, weil sie besser ausgehandelt sind.

Und: Die Entrechtung der Arbeitenden durch die sog. Arbeitsmarkt-Reform der Rajoy-Regierung soll zurückgenommen werden. “Viel zu viele Gründe für einen Streik!“. Deshalb rufen ELA, LAB, STEILAS, ESK, HIRU, ETXALDE und EHNE zum Generalstreik. Unterstützt wird der Ausstand durch die anarcho-syndikalistischen CNT und CGT, die ebenfalls dazu aufrufen, massenhaft der Arbeit fern zu bleiben. Nicht aufgerufen haben die ehemals kommunistische, heute eher sozialdemokratische Gewerkschaft CCOO und die UGT, beide spanienorientiert. Die übernehmen die Rolle der Streikbrecher und kritisieren den Aufruf, sprechen von Spaltung. Dieselbe Kritik kommt von den bürgerlichen Parteien: PNV, PP, PSOE, die keine Gründe für Streik sehen und einen politischen Streik ablehnen. In diese Ablehnungsfront reiht sich interessanterweise auch die Protestpartei Podemos, die sich bei Neoliberalen und Postfranquisten offenbar heimischer fühlt als bei linken Gewerkschaften. Tatsache ist, dass Podemos-Anhänger mehrfach versucht haben, die Einheit der Pensionär*innen zu zerschlagen. Unter anderem als sie im Oktober einen “Marsch nach Madrid“ organisierten, der mediales Aufsehen erregen sollte, aber zum Flopp wurde. Somit ist die linksliberale baskische EH Bildu die einzige politische Kraft außerhalb der Gewerkschaften, die den Generalstreik unterstützt. Den Streik für den es viel zu viele Gründe gibt. Im Baskenland und Navarra.

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Streik im Norden

In Bayonne wird gestreikt, in Biarritz wird gestreikt, im Nordbaskenland wird gestreikt. Aber nicht nur. Überall im Staat wird gestreikt, gegen den Versuch, das komplizierte System in Frankreich mit mehr als 40 Rentenkassen zu vereinheitlichen. Das hört sich an wie ein Schritt gegen zu viel Bürokratie. Doch unterm Strich – wen wunderts – kommt für die Rentenempfänger*innen weniger heraus. Deshalb wird seit Wochen gestreikt, auch im Baskenland. Umstrittenstes Element des neuen Gesetzes ist das “Renteneintrittsalter“, das erhöht werden soll. Was eine längere Lebensarbeitszeit bedeuten würde. Und wer will schon länger ausgebeutet werden. Also Streik. In mehreren Städten gab es erneut Proteste, maskierte Demonstranten warfen Schaufensterscheiben ein und Gegenstände in Richtung Polizei, die setzte Tränengas ein. In Fronkreisch ging es schon immer etwas radikaler zu. Ob die Gewerkschaften des Ministers Angebot schlucken, das “Renteneintrittsalter“ aus dem Paket zu nehmen, bleibt abzuwarten. Bisher fordern die Gewerkschaften einen vollständigen Rückzug der Pläne.

Streiken lohnt sich!

Dass Kapitalisten freiwillig keine Kohle herausrücken, ist eine alte Weisheit. Deshalb gibt es Gewerkschaften. Und deshalb gibt es Streiks. Denn auch die besten Argumente zu den existenziellen Notwendigkeiten von Arbeiter*innen werden vom Tisch gefegt, wenn es um eine Reduzierung der Unternehmens-Profite geht. Dass Streik letztendlich der ultimative Weg zur Erreichung ökonomischer und arbeitsrechtlicher Ziele ist, haben die Metall-Arbeiter*innen in Bizkaia zuletzt erlebt.

Ihren Streik mussten sie nicht einmal richtig antreten, weil ihre entschlossene Ankündigung bereits deutlich machte, was auf dem Spiel stand: massiver Produktionsverlust. Bereits im letzten Jahr erfolgreich waren die Pflegerinnen und Pfleger in Altersheimen, bei ihnen ging es gegen private und halböffentliche Arbeitgeber, die am falschen Ort zu sparen versuchten. Ihre Mobilisierung dauerte lange, bevor die Arbeitgeber einlenkten. Ähnliches erlebten im Herbst 2019 die Lehrer*innen der Privatschulen. Ihre Ankündigung eines einmonatigen Streiks machte den Tarifabschluss ganz plötzlich möglich.

Ein extra Druckmittel ist es, wenn Streiks den Transport betreffen, insbesondere an Tagen, an denen mehr Menschen als üblich unterwegs sind. Weihnachten zum Beispiel. Daran dachten die Eisenbahn-Beschäftigten ebenso wie die Bediensteten am Flughafen, die für die Gepäckverladung zuständig sind. In die zweite Streikrunde gehen die Angestellten von Sportanlagen, ihnen geht es nicht nur um Geld, sondern um mehr Arbeitszeit und weniger Stress. In Gipuzkoa sind die Pfleger*innen von Altersheimen auf den Spuren ihrer Kolleg*innen aus Bizkaia. Auch die (im vergangenen Kolumnen-Beitrag beschriebene) Streikandrohung bei Volkswagen in Pamplona war erfolgreich. Noch nicht an Streik denken die baskischen Feuerwehrleute. Sie mobilisieren noch verbal. Ihnen geht es nicht um Geld, sondern um komplettes Ersatzpersonal in Krankheitsfällen. Im vergangenen Jahr haben sie es abgewendet, dass ihre Aufgaben mehr und mehr an private Unternehmen abgegeben werden sollten. Und im Januar des neuen Jahres 2020 wartet auf die baskische Gesellschaft “die Mutter aller Streiks“, wie es in Gewerkschaftskreisen heißt. Dann sollen alle Räder stillstehen.

Streik bei Volkswagen

Die Produktion von Volkswagen im Werk Pamplona wird kurz vor Weihnachten bestreikt. An fünf Tagen, vom 17. bis 23. Dezember werden die Bänder stillstehen. Grund dafür ist die Entscheidung der Betriebs-Leitung, einfache Krankschreibungen aus der Kompetenz öffentlicher Ärztinnen und Ärzte herauszunehmen und sie künftig von einer privaten Versicherung kontrollieren zu lassen.  

Die Initiative zum Streik geht von der links-nationalistischen Gewerkschaft LAB aus, der Betriebsrat des Großbetriebs hat dem Antrag zugestimmt und den Streik abgesegnet. Seit Langem beklagt LAB die Strategie von verschiedenen spanischen Regierungen, die öffentliche Krankenversorgung durch private Unternehmen zu ersetzen. “Volkswagen Navarra hat sich dieser Strategie angeschlosssen. Sie sprechen von Absentismus und Betrugsversuch der Arbeiterinnen.“ LAB schlägt vor, mehr Wert auf Prävention zu legen und die Qualität von Gesundheit und Leben der Arbeiterinnen zu verbessern. “Stattdessen wollen sie mehr Kontrolle und Druck, damit wir Beschäftigten krank zur Arbeit gehen.“ LAB erinnerte an die Entlassungen wegen Krankschreibungen, die es bereits gegeben hatte im Zusammenhang mit dem Artikel 52d der Arbeitsreform der Rajoy-Regierung. Deshalb ruft die Gewerkschaft nun zum Streik auf und fordert vom Unternehmen die Rücknahme der Entscheidung. “Hier geht es um einen Angriff auf die Rechte der Arbeiterinnen und auf das öffentliche Gesundheits-System. Das können wir nicht hinnehmen."

Die letzten Sklavinnen

Sie sind die letzten in der letzten Reihe, ihre Berufsgruppe gehört zu den letzten verbleibenden Sklavinnen der bürgerlichen Gesellschaft, schlechter bezahlt als Prostituierte und mit weniger Rechten. Hausangestellte kommen täglich, um verschiedenste Arbeiten aufzuführen. Oder sie wohnen gleich in der Wohnung der Auftraggeber. Gesinde hieß das früher – heute Hausangestellte. Die immense Mehrheit sind Frauen. Darunter viele Ausländerinnen. Nicht wenige sind illegal beschäftigt unter widrigsten Verhältnissen. Auch sexistische Übergriffe gehören zu den Erfahrungen der Hausangestellten.

Was in Deutschland die Polinnen, Lettinnen oder Estinnen, sind im Baskenland die Latinas. Seit Jahren kämpfen sie um Anerkennung und Rechte. Und um eine Erneuerung ihres Tarifvertrages. Weil die Verhandlungen keine Fortschritte bringen, stehen nun Streiks an. Das Kollektiv besteht in Bizkaia aus 1.500 Hausangestellten, die mehr als 10.000 meist alte Personen betreuen.

Sie fordern eine Arbeitsgarantie und die Möglichkeit einer besseren Dienstleistung. Vertreten werden sie von den Gewerkschaften LAB, ELA, UGT und USO. Der alte Tarifvertrag lief 2015 aus und hat bislang keine Erneuerung gefunden. Auch um Arbeitsgesundheit geht es, denn nicht einmal die im Arbeitssektor vorhandenen Studien kommen zur Anwendung. “Die Hausangestellten haben deutlich an Kaufkraft verloren“, sagte eine Gewerkschafterin nach einer Demonstration. Deshalb soll es demnächst erneut einen Teilstreik geben, zwischen sieben und elf Uhr morgens, danach folgt Ende des Monats ein eintägiger Streik.

Kein Frauen-Fussball!

"Voller Erfolg des Streiks im Frauen-Fußball“ lautete eine Überschrift am Montag nach dem Streikwochenende. Alle Partien der ersten spanischen Liga fanden wegen des Ausstands nicht statt. Weil die Verhandlungen um minimale Forderungen der Spielerinnen seit mehr als einem Jahr ergebnislos geblieben waren, hatten die Spielerinnen zum letzten Mittel gegriffen: dem Streik. Geplant war ein Spieltag, doch auch eine Fortsetzung war möglich.

“Der Frauen-Fußball erlebte den Startschuss zum ersten unbefristeten Streik in seiner Geschichte, der zu 100% befolgt wurde. Nach 21 Verhandlungsrunden beschlossen die Spielerinnen zu streiken und versprachen sogleich, dass der Ausstand fortgesetzt werde, wenn es in der laufenden Woche zu keiner Einigung kommt“. So schrieb ein kostenloses Blatt, das jeden Tag vor den Metrostationen verteilt wird. Die größeren Zeitungen, links wie rechts, fanden es nicht wert, den Streik überhaupt zu erwähnen. Die Streikdrohung zeigte umgehende Wirkung.

Kein einziges Match wurde am vergangenen Wochenende ausgespielt, das eigentlich den 9. Spieltag darstellen sollte. Die Entschlossenheit zum Streik war derart deutlich, dass selbst die Clubs, die auswärts hätten antreten sollen, gar nicht erst die Koffer packten, sondern zu Hause blieben: Tacón, Barcelona, Atlético und Logroño. Der Club Athletic aus Bilbao ging sogar noch einen Schritt weiter und erklärte über die Presse: “Die Fußballerinnen von Athletic und Tacón haben beschlossen, dem Streikaufruf der Gewerkschaften zu folgen. Der Streik stützt sich auf den Artikel 28 der Verfassung, der den Arbeitnehmerinnen zur Wahrung ihrer Interessen das Streikrecht einräumt. In diesem Sinn bewertet die Direktion von Athletic Club die Solidarität seiner Spielerinnen mit den Kolleginnen aus anderen Clubs als außerordentlich positiv.“

Zum Verständnis dieser Arbeitgeber-Haltung in Bilbao ist es hilfreich zu wissen, dass der Club die Streikforderungen der Spielerinnen-Gewerkschaft schon längst erfüllt hatte. Ohne Streik. Der Club ist neben Barcelona und Atletico aus Madrid nicht einmal im Arbeitgeber-Verband der Liga-Clubs vertreten. Die Kickerinnen aus dem Baskenland hätten also eigentlich gar keinen Grund zum Streik gehabt … außer dem Grund der Solidarität mit den übrigen Spielerinnen, die das Präsidium hervorgehoben hatte.

Vor diesem Hintergrund von demonstrierter Entschlossenheit unter den Frauen kam es bei der Verhandlungsrunde am Montag zu einer überraschenden Einigung. Details wurden vorerst nicht bekannt gegeben. Beide Seiten verpflichteten sich jedoch, bis zum 20. Dezember offene Fragen anzugehen. In jedem Fall wurden die Forderungen der Kickerinnen im Wesentlichen erfüllt.

Ein Erfolg von Streik und Solidarität. Werfen wir erneut einen Blick auf die Forderungen der Spielerinnen, so entsteht ein krasses Gefühl der Peinlichkeit. Denn die Forderungen sind derart minimal, dass es kaum vorstellbar ist, wie die Frauen bisher professionell Sport betrieben haben: halbtags, nebenberuflich. Es geht um Jahresverdienste von 20.000 Euros, die männliche Spitzenverdiener in weniger als einem Tag einsacken. Fußball und Kapitalismus – Kapitalismus und Fußball. Lichtjahre entfernt von der Gleichstellung von Männern und Frauen.

Heavy Metal

Nicht erst seit heute, schon länger sind die 50.000 Metaller und Metallerinnen der baskischen Provinz Bizkaia am Streiken. Seit 10 Jahren haben sie keinen neuen Tarifvertrag mehr. Während der Krise wurden sie vertröstet, nun haben die Arbeitgeber – wie nicht anders zu erwarten – kein Verhandlungs- Interesse. Bereits vor dem Sommer kam es zu Warnstreiks, im Frühherbst erneut. 10 Tage insgesamt. Ein Streik war schon geplant für Ende Oktober. Dann kam es zu einer neuen Verhandlungsrunde, die den zehntägigen Streik verhindern sollte. Der findet nun nicht am Stück statt, sondern bis Ende Dezember verteilt. Denn die Verhandlungen ergaben keine Fortschritte.

Der Streik verspricht. Nicht oft ist es der Fall, dass sich alle vorhandenen Gewerkschaften in ihrem Ziel einig sind. Denn in baskisch-spanischen Gefilden gibt es keinen allumfassenden Gewerkschaftsbund, sondern ideologisch orientierte Richtungsgewerkschaften, die nicht immer derselben Strategie folgen. In diesem Fall sind alle dabei: ELA, CCOO, LAB, UGT, ESK, CGT, USO und die CNT.

Weitere Besonderheit des Streiks: die aufrufenden Gewerkschaften – von sozialdemokratisch bis anarchistisch – haben vereinbart, dass der Streik nur mit einem Beschluss von allen gemeinsam beendet werden soll. Denn oft genug geschah es, dass ein Teil der mobilisierenden Gewerkschaften mit einem Arbeitgeber-Angebot zufrieden war und die übrigen im Stich ließ. Diesmal nicht. Die versprochenen Streiktage versprechen Bewegung und Fantasie. Denn gerade die Metaller und wenige Innen sind bekannt dafür, dass sie nicht nur marschieren gehen und Transparente hochhalten, sondern dahin gehen, wo es weh tut. Sie besetzen Fabriken oder blockieren den Sitz der Arbeitgeber. Streikbrecher sind nicht besonders beliebt.

Warum nur in Bizkaia gestreikt werde, fragte ich einen der Aktivisten. Nun, in Gipuzkoa gibt es Unternehmen, die betriebsinterne Tarifverträge abschließen, die den Forderungen der Arbeiter*innen entgegenkommen. Da wird selbstverständlich nicht gestreikt, die Streikfront ist geschwächt. In der traditionellen Industrieprovinz Bizkaia hingegen sind alle unter einem Arbeitgeber-Dach, also beste Voraussetzungen für einen Streik. Solange die Gewerkschaften sich einig sind.

Private Lehrer*innen streiken!

Ein Streik der ganz besonderen Art hat am 7. November im Baskenland begonnen: die vier großen Gewerkschaften, in denen Schulangestellte von Privatschulen organisiert sind, haben 9.000 Lehrerinnen und Lehrer zum Streik aufgerufen. Der Streik soll 21 Tage dauern, im Schulbetrieb bedeutet das mehr als einen Monat. Betroffen sind 107.000 Kinder und Jugendliche in Kindergärten, Grundschulen, Gymnasien und Berufsschulen. Der Unternehmerverband der privaten Schulen sieht keinen Grund, den 10 Jahre nicht erneuerten Tarifvertrag zu ändern oder zu verbessern.

Im Vergleich zu anderen Ländern, in denen das Schulsystem in öffentlicher Hand ist, machen Privatschulen im Baskenland (und noch mehr im spanischen Staat) einen deutlich größeren Anteil aus. Die Hintergründe für diesen hohen Anteil liegen im Franquismus, damals gab es keine öffentlichen Schulen, die Erziehung lag allein in der Hand der katholischen Kirche, bekanntermaßen eine tragende Säule des spanischen Faschismus. Nach dem Tod Francos und der angeblichen Demokratisierung, die dem Baskenland die Kompetenz im Erziehungssystem einräumte, gründete die Regierung viele öffentliche Schulen, deutlich umfangreicher als dies im Staat geschah.

Private Schulen sind jedoch nicht nur in kirchlicher Hand. Auch Elterninitiativen haben Schulen begründet, bereits im zu Ende gehenden Franquismus. Diese “Ikastola“ genannten Einrichtungen gibt es praktisch nur im Baskenland, sie sind bekannt für ihre guten Schulergebnisse. Die Lehrer*innen dieser Privatschulen sind am aktuellen Streik nicht beteiligt, weil die Schulen die Forderungen der Gewerkschaften bereits erfüllt haben. Nicht gerührt haben sich bisher die katholischen Schulen, die sich im Unternehmerverband Kristau Eskola zusammengeschlossen haben. Daneben gibt es eine Reihe kleinerer Verbände, die ebenfalls bestreikt werden.

Viele katholischen Schulen sind Relikte aus dem Franquismus. Dort tut man sich schwer mit der Koedukation, viele würden am liebsten Geschlechtertrennung wieder einführen, Schuluniformen sind Pflicht, manche werden von der ultrarechten katholischen Sekte Opus Dei geführt. Gerne würden einige auch den Unterricht der baskischen Sprache einstellen, doch all dem hat die baskische Regierung einen Riegel vorgeschoben. Wer bestimmte Minimalstandards nicht erfüllt – gemischte Klassen, Baskisch – kriegt keine staatlichen Zuschüsse.

Es ist nicht der erste Streik, den die Lehrer*innen und Schulangestellten seit einem Jahr durchführen, bis zur Sommerpause waren es vier einzelne Streiktage mehr, um Druck zu machen. Ohne Erfolg. Deshalb sahen die beiden großen baskischen Gewerkschaften LAB und ELA, die baskische Lehrerinnen-Gewerkschaft STEILAS und die spanische CCOO nur den Weg über einen massiven Streik (nur die sozialdemokratische UGT fehlt in der Liste). Es sind auch nicht nur Lehrer*innen, die sich für den streik entschieden haben, auch Büroangestellte und Serviceleute ziehen mit.

Ziemlich besorgt sind selbstverständlich die Eltern der betroffenen Schüler*innen, denen einerseits ein ganzer Monat Lernstoff verloren geht. Andererseits arbeiten viele Vollzeit und können sich tagsüber nicht um ihre Kinder kümmern. Eine Notlage, die sicher zu einer erhöhten Krankmeldungsziffer unter den Eltern führen wird. Doch der Alarmruf der Eltern, dass sich beide Seiten doch schnellstmöglich einigen sollen, verhallte in der Wüste. Auch der vom baskischen Erziehungs-Ministerium berufene Schlichter konnte daran nichts ändern. Der letzte Vorschlag der Arbeitsgeber enthalte zwar kleine Verbesserungen, sei aber noch lange nicht konsensfähig.

Klar auf eine Seite geschlagen hat sich die baskische Regierung. Er sehe keinen Grund für einen solchen Streik, sagte der Ministerpräsident, den sicher andere Sorgen plagen, als jeden Monat über die Runden zu kommen und mit großen Klassen konfrontiert zu sein. Wie in Streiks üblich, hat seine Regierung Minimaldienste angeordnet. Nicht jedoch im üblichen Maße, sondern doppelt so viele und teilweise das Dreifache an Personal (das somit Streikverbot erhält). Die aufrufenden Gewerkschaften sehen darin einen Versuch der Regierung, den Streik von Beginn an in die Knie zu zwingen. Von Neutralität keine Spur, die besten Freunde einer neoliberalen Regierung sind immer die Unternehmer. Dennoch sprechen die Gewerkschaften von einer Beteiligung von 70 bis 75% am Streik. Die Kristau Eskola hingegen will nur 19% im Ausstand gesehen haben.

Worum geht es? Die Schulangestellten wollen ihren 10 Jahre alten Tarifvertrag aktualisieren. Sprich: sie haben seit 10 Jahren keine Lohnerhöhung erhalten. Deshalb soll der Tarif nun über die Vorgaben der baskischen Regierung erhöht werden, um halbwegs einen Ausgleich zu schaffen. Zweite Forderung ist, den wegen geburtsschwachen Jahrgängen entlassenen Lehrer*innen neue Jobs zu verschaffen, und drittens die Arbeitsbelastung zu senken. Die Schulunternehmer fordern deshalb von der Regierung mehr Zuschüsse, doch die winkt ab. Sie zeigt sich nur zur Übernahme der abgewickelten Lehrer*innen bereit.

Der Erfolg des Streiks wird sicher weniger von den Verhandlungen mit dem Schulverband abhängen, als davon, wie gut die Gewerkschaften es schaffen, die Eltern auf ihre Seite zu ziehen. Denn Lehrerinnen und Eltern zusammen sind unschlagbar.

Schwimmbäder geschlossen!

Wenn alle streiken, bleiben die Bäder geschlossen und die Schwimmkurse fallen aus. Und das bereits zum 10. Mal, bis zum 10. November werden weitere vier Streiktage folgen. Beschlossen haben dies die Angestellten von öffentlichen und privaten Sportkomplexen, die im Baskenland Polikiroldegi genannt werden: Mehrfach-Sport-Ort. Zum Streik aufgerufen haben die vier größten im Baskenland aktiven Gewerkschaften, die baskischen ELA und LAB, sowie die spanischen CCOO und UGT.

Am Streik beteiligen sich Kursleiterinnen, Empfangspersonal, Hausmeisterinnen und Rettungsschwimmerinnen. Die Sportzentren werden entweder von normalen Unternehmen geführt, oder von solchen, die aus dem öffentlichen Dienst ausgegliedert wurden. Das heißt, Stadtverwaltungen gründen Unternehmen, die die eigentlich öffentliche Dienstleistung übernehmen, in deren Aufsichtsrat die Verwaltungen aber die Mehrheit behalten.

Eine mittlerweile alte Strategie, das öffentliche Personal so gering und prekär wie möglich zu halten. Diese halböffentlichen Unternehmen geben die Arbeitsaufträge dann weiter an Subunternehmen, den Zuschlag erhalten in der Regel diejenigen, die das billigste Angebot machen. Auf dem Rücken der Beschäftigten. Deren Namen sind Guedan, Emtesport und Sport Audio, oft sind es Trittbrettfahrer von bürgerlichen Parteien, die solche Unternehmen gründen, weil sie wissen, das hier Geld zu machen ist.

Viele Sportzentren blieben aus Personalmangel geschlossen, andere wurden teilgeöffnet, weil sich das prekär angestellte Personal nicht zu streiken traute. Wer nur stundenweise als Aushilfe angestellt ist, kriegt leicht keinen neuen Vertrag mehr. Manche nennen das Erpressung.

Die Streikenden gingen auf die Straße, um ihre Forderungen publik und vor den Sitz des Unternehmerverbands CEBEK, um Druck zu machen. Insgesamt 2.000 Personen werden nach dem geltenden Tarifvertrag bezahlt, 80% davon haben Zeitverträge. Ihre Forderungen sind: Lohnerhöhungen über der Inflationsrate; Reduzierung der Arbeitsstunden pro Jahr; Vertragsstabilität; Anerkennung der Vorbereitungszeit für Kurse als Arbeitszeit; die zeitliche Entzerrung der (anstrengenden) Kurse mit Kindern; Bezahlung der Arbeitskleidung. Während der Streikzeit kam es wiederholt zu Drohungen gegen Streikende, einige wurden mit Disziplinarstrafen belegt, andere entlassen, Aushilfskräfte werden einfach nicht mehr angerufen.

Die Streikenden gehen schwarz gekleidet und mit weißen Masken auf die Straße. Wie üblich gehen die Angaben über die Streikbeteiligung diametral auseinander. Die Gewerkschaften sprechen von 85 bis 90% Beteiligung, die Arbeitgeber von gerade mal 15% - angesichts der vielen geschlossenen Zentren sicherlich ein Witz. Die letzte Verhandlungsrunde blieb ohne Ergebnis. Die Gewerkschaften warten auf ein neues Angebot der Arbeitgeber. Die behaupten, die Gewerkschaften wollten gar nicht verhandeln. Schöne Aussichten.

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Mindestlohn für Kickerinnen

Am diesjährigen 8. März, dem Internationalen Tag der arbeitenden Frauen, gingen im zweiten Jahr in Folge Hunderttausende von Frauen in den Ausstand. Im November gibt es nun einen zweiten Frauenstreik. Profi-Fußballerinnen sind es, die diesen zweiten Ausstand ausgerufen haben und sie haben gute Gründe. Einen Mindestlohn von 20.000 Euro pro Jahr fordern sie, doch das wollen ihnen die Patriarchen der Club-Arbeitgeber nicht zugestehen. 20.000 Euro sind lächerlich, in Anbetracht der Summen, die männliche Kicker pro Jahr verdienen, darunter einige, die diesen Mindestlohn an einem einzigen Tag verdienen und bekanntlich hat das Jahr 365 davon.

Nach einem Jahr ergebnisloser Verhandlungen hat die Gewerkschaft der Spielerinnen die Schnauze voll. Die Vereinigung Spanischer Spielerinnen (Asociación de Futbolistas Españoles - AFE) hat ihre Forderungen herabgesetzt. Der Verband der Clubs im Frauenfußball (Asociación de Clubes de Fútbol Femenino - ACFF) auf der anderen Seite hat sich keinen Millimeter bewegt. Die Verhandlungen zwischen der Gewerkschaft und dem Arbeitgeber-Verband begannen am 4. Oktober 2018, beteiligt waren auch die große sozialdemokratische Gewerkschaft UGT und Futbolistas ON, bei denen ebenfalls Kickerinnen organisiert sind.

Der Frauen-Fußball im spanischen Staat erlebt einen erstaunlichen Höhenflug. Zu Lokalderbys zwischen Real Sociedad und Athletic Bilbao kamen 40.000, das Pokal-Viertelfinale zwischen Athletic und Atletico sahen 50.000. Barca gegen Atletico wollten 55.000 sehen. Die Zahlen sind keine Ausnahmen, insbesondere im Baskenland sind Besuchszahlen von mehr als 20.000 keine Seltenheit. Die im Sommer veranstaltete Frauen-Fußball-WM war spielerisch und medial ein Hit. In den vergangenen Jahren sind große Clubs wie Barcelona, Atletico Madrid, Real Madrid und Valencia in die Erste Liga eingestiegen. Nur die ökonomische Anerkennung der Spielerinnen auf breiter Basis fehlt.

Die Frauen wollen als Profispielerinnen akzeptiert werden, die Clubs bieten Teilzeitarbeit, um die Bezahlung herunterzuhandeln. Deshalb gehen die Kickerinnen für den ersten Tarifvertrag in der Geschichte des Frauenfußballs in den Ausstand. Anfang November. Für Streik gestimmt haben 93% der 189 Spielerinnen, die sich kürzlich in Madrid versammelt hatten.

Den Vorsitz bei der Fußballerinnen-Gewerkschaft hat ein Mann, David Aganzo. “Die Kolleginnen brauchen sofort einen Tarifvertrag. Sie brauchen einen Vertrag, der ihnen Gleichheit und Würde garantiert sowie die Anerkennung dessen, was sie für den Sport leisten“. Sprecherin des Frauen-Kollektivs ist die Torhüterin von Athletic Bilbao, die 30-jährige Ainhoa Tirapu. “Was wir fordern ist ein Minimum, angeboten wurde uns Teilzeit“, begründet sie den Streik. Wenn schon Teilzeit, dann sollen es wenigstens 75% sein bei einer Bezahlung von 20.000 Euro pro Jahr. Weil die Verhandlungen in den letzten Monaten stagnierten, haben sich die Frauen zu diesen “drastischen Mittel“ entschlossen. “Es ist der Moment für den Frauen-Fußball, wir kämpfen für uns und für alle, die nach uns kommen“.

Wer macht den Dreck weg?

Schulen und Universitäten merken bereits die Folgen des Streiks der Reinigungskräfte. Die Gewerkschaften ELA, LAB, ESK und CC OO haben 1.200 “Putzer*innen“ eingeladen, fünf Wochen lang für bessere Löhne und Arbeitsbedingungen zu streiken. Dabei wollen sie nur dasselbe, was die bei der baskischen Regierung Angestellten sowieso schon haben. Der Grund für die ungleiche Bezahlung von gleicher Arbeit ist so einfach wie bekannt: die einen sind staatlich Angestellte, die andern über Sub-Unternehmen, die generell schlechter bezahlen, weil sie selbst noch Profit einstecken wollen. Einen ähnlichen Streik gab es vor Jahren beim Betreuungspersonal in Schulen (nicht die Lehrer*innen). Auch hier gab es öffentlich Angestellte und Sub-Bedienstete. Der eigentlich unsinnige Streik ging lange, obwohl die Streikenden alles Recht der Welt hatten. Denn für Ungleichbezahlung gibt es keinen vernünftigen Grund. Das Problem liegt generell in der Praxis der Privatisierung von Dienstleistungen, die in der öffentlichen Hand bleiben müssten. Allein schon, um Missbrauch zu verhindern. Dass sich der größte Anteil der tödlichen Arbeitsunfälle bei Sub-Unternehmen ereignet ist kein Zufall, sondern Ausdruck der Arbeitsbedingungen. Zurück zum Putztrupp. Die Gewerkschaften sprechen nach dem ersten Streiktag von einer Beteiligung von 70 bis 75%. In Araba und Bizkaia beteiligten sich mehr Leute aus der Universität, in Gipuzkoa lag der Schwerpunkt bei den Schulen. Da kann schon Dreck liegen bleiben. Die 1.200 Unterbezahlten, die von den Unis und dem Erziehungs-Ministerium an Sub-Unternehmen weitergereicht wurden, fordern seit 5 Jahren eine Angleichung, der Bezahlungs-Unterschied beträgt derzeit 13%. Was die Arbeitsmenge anbelangt ist der Unterschied noch flagranter: die Öffentlichen müssen 1.240 Meter reinigen, die Subs fast das Doppelte, 2.400 Meter. Und das noch an Orten mit schwierigem Zugang, wie in den Werkstätten der beruflichen Ausbildung. Die baskische Regierung schaut lieber weg, sie vergibt die Aufträge gewöhnlich an jene Anbieter, die die billigsten Angebote machen. Qualität und würdiges Auskommen spielen keine Rolle. Also auf zum Streik!

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