wm2018 
Weltmeisterschaft in Pamplona

Weil sich die Fussball-Weltmeisterschaft und die Sanfermines-Fiesta alle vier Jahre zeitlich überschneiden, erlebte die navarrische Hauptstadt schon mehrfach Sieges-Jubel. 2018 hätte es passieren können, dass die Fiestas durch den Erfolg der „spanischen Roten“ bis zumSchluss in Mitleidenschaft gezogen würde. Doch die russischen WM-Gastgeber machten einen Strich durch diese Rechnung. Dabei war manches schon für einen ultranationalen Freudentanz vorbereitet.

 Die postfranquistische Volkspartei hatte bereits Aufkleber drucken lassen, um den linken Bürgermeister aufzufordern, die Spiele der Ungeliebten am Hauptplatz auf Großbildschirm zu zeigen. Die Aufkleber mussten vorzeitig eingestampft werden. Französische Fans verpassten den letzten Stier in der Arena,weil sie zum Pflichttermin vor die Glotze mussten, um ihre Jungs ins Finale zu schreien. Und die englischen Getreuen glaubten fest daran, dass „Fussball wieder nach Hause kommt“, endlich mal. Die einen feierten weiter die andern nicht. 1974 gewannen am zweiten Fiestatag wider Erwarten die Deutschen gegen eine holländische Supermacht mit Cruyff im Zentrum des Wirbelsturms. In Pamplona machten sich orangefarbene Hippies breit, die zur Unbill der Pamploneser*innen mitten im Park schliefen. Die WM 1978 ging hingegen spurlos an Sanerfermines vorbei, weil das Turnier bereits 10 Tage zuvor zu Ende war. Ein Fussballfest, das sich die argentinische Militärdiktatur mitsamt ihrer nationalen Auswahl auf die Fahnen schreiben durfte. Videla und Konsorten folterten und mordeten, in Navarra sprengte die Nationalpolizei Fiestas und ermordete den Demonstranten German Rodriguez.

Es kam das Jahr 1982, mit der WM zu Hause, weniger in Pamplona und mehr in Madrid. Das Finale sollte am 11. Juli stattfinden, mitten während des Fiesta-Treibens. Und natürlich sollten „die Roten“ im Finale stehen, zumindest gemäß der Hoffnung der nationalen Mehrheit. Eine ganze Reihe von Kickern aus Donostia standen in jenem Team, doch kam Förster-Deutschland dazwischen und beendete den Traum vom Wiederaufleben der spanischen Großmacht. In pamploneser Erinnerung blieb nur die feurige Italia-Fiesta nach dem Sieg gegen die Tedescos.

1986 war die WM der „Hand Gottes“ und der Maradona-Perücke. Auch sie war bereits beendet als mit dem Txupinazo die Fiestarakete gezündet wurde. Vier Jahre danach versuchte der „Pelusa“ seinen Erfolg zu wiederholen, doch waren am 8. Fiesta-Juli die Alemanes nicht zu besiegen, Brehme nagelte den Elfmeter ins argentinische Gehäuse. 1994 in den USA wurden „die Roten“ an einem Samstag 9. Fiesta-Juli von Italien aus dem Verkehr gezogen, was den Sanfermines keinen weiteren Abbruch tat. Am 12.Fiesta-Juli 1998 wurde das letzte WM-Finale des 20. Jahrhunderts nördlich der Pyrenäen angepfiffen. Zu lachen und feiern hatten die Gastgeber, die Brasilien keine Chance ließen. „Allez les bleus“ sangen die blau gekleideten Fans und ließen Zidane hochleben. Dem stand Jahre später noch ein weiteres Finale bevor.

In Korea-Japan gewann 2002 im neuen Jahrhundert Brasilien. Senegalesiche Fans feierten bei der Fiesta das gute Abschneiden ihres Teams, obwohl das Finale bereits eine Woche vor dem Txupinazo stattgefunden hatte. Das von Beckenbauer nach Deutschland gekaufte Turnier von 2006 fand wieder während der Sanfermines statt. Das Finale am 9. Juli gewann Italien im Elferschießen gegen Frankreich. In Erinnerung blieb die WM jedoch, weil sich Zidane von einem italienischen Kollegen zum Kopfstoß hatte provozieren lassen und mit diesem Spiel seiner Karriere ein denkwürdiges Ende setzte.

Unschwer zu erraten, dass die WM 2010 eine besondere Erwähnung finden muss. Nicht weil sie zum ersten Mal auf afrikanischem Boden stattfand, eher schon wegen des Waka-Waka. Die ultrarechte und korrupte Bürgermeisterin von Pamplona ließ am 11. Fiesta-Juli auf dem Hauptplatz einen überdimensionalen Bildschirm aufbauen, um das Finale Holland Spanien zu übertragen. Viele spanische Wochenend-Touristen fanden sich ein. Der Tag gestaltete sich jedoch etwas schwierig. Vor der Stierkampfarena streikten die Fiestagruppen aus Protest gegen die Regierungspolitik. Bei der Demo wurde das fiesta-traditionelle Weiß-Rot mit provokativem Orange gemischt, der Farbe der Holländer, denen man alles Gute wünschte. Nach dem Siegtor von Iniesta gab es Keilereien in der ganzen Stadt. In Erinnerung blieb Shakira, die sich neben dem Waka noch einen Weltmeister angelte.

Vier Jahre danach – in Brasilien – revanchierte sich Holland mit einem deftigen 5:1 im ersten Spiel. Die „Roten“ kamen nicht über die Vorrunde hinaus. Positive Folge war, dass Sanfermines keine Fussballgewalt erlebte und das Finale Argentinien Deutschland am 13. Fiesta-Juli in Ruhe über die Bühne gehen konnte. In diesem Jahr – 2018 – wird die Hemingway-Fiesta gerade mal 17 Stunden zu Ende sein, wenn das Finale angepfiffen wird und sich Kroatien und Frankreich gegenüber stehen. Die in vier Jahren stattfindende 22. WM der Geschichte wird der Sanfermines-Fiesta ausnahmsweise nicht nahekommen. Sie findet im Dezember statt. Wegen der Sommerhitze in Katar.

WM in Bilbao

Alle reden von Russland, nur nicht im Baskenland. Weil keine einheimischen Vertreter mehr dabei sind, interessiert das Turnier so viel wie ein Sack Reis in China. Relevant ist vielmehr, dass Athletic Bilbao das Training wieder aufgenommen hat. Derweil steht in Russland das Finale fest, ausgerechnet Frankreich gegen ausgerechnet Kroatien. Langeweile hoch zehn. Für keinen der beiden Kontrahenten Sympathie zu hegen bedeutet die Negation von Fussball. Eine Tageszeitung erinnert nostalgisch daran, dass Bilbao selbst auch schon mal WM-Luft verbreiten durfte. Damals, als der Fluss noch stank, Francos Lieche noch nicht ganz kalt war und noch niemand wusste, ob Guggenheim ein Fussballer oder ein norwegisches Holzhaus ist. Die Rede ist von 1982. In Bilbao spielten Englnd, Frankreich, Kuweit und die Noch-Tschechoslowakei. Für drei auszutragende Spiele wurde die „Kathedrale“ San Mames (das legendäre Stadion) für umgerechnet 7 Millionen Euro umgebaut. In der Altstadt wurde sauber gemacht, drei Jahre alte Wahlplakate wurden entfernt. Die wenigen damaligen Hotels waren ausgebucht, die Restaurants beschwerten sich jedoch über das Ausbleiben von Kundschaft. Die tschechoslowakischen und und kuwaitischen Fans glänzten durch Abwesenheit, die französischen kamen mit dem Bus zum Spiel und verschwanden wieder. Blieben nur die Engländer, für die jeden Tag 400.000 Liter Bier ausgeschenkt wurde. Die unerträgliche Hitze brachte manche an den Rand des Suizids, als sie sich in der Not im giftig-dreckigen Fluss zu erfrischen versuchten. Engländer und Franzosen prügelten sich auch damals schon, beim Spiel der beiden führte ein brechender Zaun zur Beinahe-Katastrophe. Am Tag jenes Spiels wurde der sog. Malvinenkrieg durch die argentinische Kapitulation beendet, was für die gipuzkoanische Strandstadt Zarautz eine handfeste Auseinandersetzung der beiden Fanszenen zur Folge hatte. Krieg ist Krieg und Fussball dessen Fortsetzung mit anderen Mitteln. Was Soldaten nicht zu Ende bringen erledigen Fussballfans. ETA verkündete, die WM in Ruhe zu lassen, die baskische Linke nutzte die Anwesenheit der Fans zur Aufklärung über Repression, Folter und andere spanische Eigenheiten. Die WM war der erste große internationale Event, der Bilbao heimsuchte. Niemand ahnte damals, dass dies 36 Jahre später zum täglichen Brot werden sollte. Auch hatte niemand eine Vorstellung davon, dass ein Jahr später die Altstadt drei Meter hoch überschwemmt werden würde. Doch das hatte nichts mit Fussball zu tun. Spanien mit sechs Basken schied aus im Viertelfinale gegen Deutschland, das im Finale gegen Italien unterlag.

Baskische Kicker in Russland

Tatsache ist, dass die hispanische Auswahl bei der WM 2018 in Russland völlig überraschend gegen den Gastgeber verlor und der großen Mehrheit des baskischen Fußball-Publikums eine große Schadensfreude bereitete. Die zu jener Auswahl zählenden Cesar Azpilicueta, Kepa Arrizabalaga, Nacho Monreal und Álvaro Odriozola hätten Gesichte schreiben können, wenn sie denn auch nur eine einzige Minute hätten spielen dürfen. Doch ihr Anteil an Turnier und Niederlage war „olympisch“: dabei sein ist alles. Hätten sie gespielt, wären sie zu Nachfolgern der ersten Kicker geworden, die bereits einmal in Russland agiert hatten. Doch daran dachte im Moment der Niederlage 2018 niemand. Denn Fußball ist zwar emotionsgeladen, aber geschichtslos, abgesehen von den ewig währenden Statistiken. Nur die allerwenigsten erinnern sich, dass schon einmal eine baskische Auswahl dort gastierte, wennauch unter völlig anderen Vorzeichen. Es lief das Jahr 1937, für das Baskenland entscheidend im Spanienkrieg, denn mit Bilbao ging die letzte baskische Bastion verloren. Vor der definitiven Niederlage am 19. Juni 1937 hatte die baskische Regierung die schmerzliche Entscheidung getroffen, Tausende von Kindern zu ihrem Schutz ins Exil zu schicken. Nach Belgien, England, Skandinavien und in die damalige Sowjetunion. Gleichzeitig beschloss die baskische Regierung, eine weitere Delegation auf die Reise zu senden: ein baskisches Fußballteam. Regierungschef José Antonio Aguirre war nicht nur Präsident im Namen der baskisch nationalistischen Partei, er hatte auch selbst eine – wennauch kurze – Fußball-Karriere hinter sich. Bei Athletic Bilbao, wo bereits damals nur Basken spielten, hatte er ein paar Jahre aktiv gespielt. Aguirre kannte die Welt des Fußball und wusste, dass dieser Sport mit seiner Begeisterungsfähigkeit auch andere Ideen transportieren und vermitteln konnte. Das hatten die Basken, die mehrheitlich der spanischen Republik treu geblieben waren, dringend nötig. Vor der Ankunft des Teams in der Sowjetunion ging die Propaganda-Reise über Paris, Prag, Marseille, Toulouse und Warschau. Im Lande Stalins standen fünf Partien auf dem Programm. Drei Aufgaben hatte Aguirre der Kicker-Delegation mit auf den Weg gegeben. Erstens sollte die Situation im Baskenland in Europa bekannt gemacht werden. Zweitens sollte um Sympathie geworben und um Hilfe gebeten werden. Und drittens sollte mit dem Geld, das über die Matches eingespielt wurde, das Krankenhaus La Roserie in Biarritz wieder aufgebaut werden. Baskische Spieler waren bereits im Vorfeld international halbwegs bekannt, in der baskischen „Selekzioa“ spielten einige von Athletic Bilbao, das in der spanischen Liga eine Reihe von Titeln geholt hatte. Die Basken traten an in Leningrad und Stalingrad, das heute wieder Sankt Petersburg heißt. Stalin nutzte in der dunkelsten Epoche seiner Herrschaft den Fußball, um von den politischen Säuberungen abzulenken. Aus sportlicher Sicht gewannen die Basken drei Partien, eine ging unentschieden aus, nur eine wurde verloren. Und wie. Sex und Alkohol sollen im Spiel gewesen sein, so die Überlieferung. Der Geheimdienst schickte Prostituierte. Im vierten Spiel verließ der Geheimdienstchef nach einem 0:3 beleidigt das Stadion. Unter dem Namen Spartak Moskau sollte im letzten Spiel eine Nationalauswahl diese Schande wiedergutmachen. Nach 57 Minuten stand es zwei zu zwei. Dann gab der Schiedsrichter einen zweifelhaften Elfmeter, worauf die Basken das Spielfeld verließen. Nach 20 Minuten Unterbrechung und einer Intervention von Minister Molotov kamen sie zurück und verloren zur Freude der Sowjets 2:6. Die russischen Spieler waren die Helden der Nation, Stalin gratulierte, Ehren-Aufmärsche wurden organisiert. Auf einem Plakat stand „Spartak 6-2 Spanien“ und in Klammern kleingeschrieben „Baskenland“. Trotz Niederlage war die Reise auch für die Basken ein Erfolg. Sie lebten wie die Könige, wohnten in den besten Hotels und bekamen alles was sie brauchten. Für einen baskischen Fußballhistoriker war die Anwesenheit der republikanischen Kriegsflüchtlinge ein Wendepunkt in der Entwicklung des osteuropäischen Fußballs, der vorher als „Opium fürs Volk“ angesehen worden war. Aguirres Vorgaben wurden erfüllt, überall erlebten die Kicker einen herzlichen Empfang. Einige kehrten in die mittlerweile installierte Franco-Diktatur zurück, andere setzten den Weg über Lateinamerika fort und blieben Fußball-Botschafter. Die ersten baskischen Kicker in Russland.

So ein Fußball-Glück!

Es war wie Weihnachten und Geburtstag an einem Tag! Die baskischen Fans können aufatmen und sich nun komplett auf Fußball konzentrieren. Denn „die Rote“, wie die hispanische Auswahl seltsamerweise genannt wird, ist fulminant ausgeschieden. Sogar die Form des Scheitern geht den Basken runter wie das erste kühle Bier nach dem schweißtreibenden Fitness-Training. Alles folgte einem Drehbuch, das eher Krimischreibern zuzutrauen ist als erfolgsgeilen Fußballmanagern. Zwei Tage vor Anreise nach Russland den Trainer entlassen … der neue Hilfscoach setzte auf Angsthasenfußball, ließ die Besseren draußen und stellte Langweiler auf das Grüne, die vergessen hatten, Elfmeter zu üben. Die „mitgereisten“ baskischen Akteure durften keinen Moment ran, allerbeste Voraussetzungen für ein sang- und klangloses Scheitern. Hausgemacht. Und dann die Geschichte mit dem Trikot. Aus Kommerzgründen muss zu jedem Turnier ein neues Trikot her, damit die Fans mit einem Kauf ihre blinde Treue unter Beweis stellen können. Der Designer hatte jedoch den folgenschweren Fehler gemacht, in die hispanischen Farben ein Lila einzubauen, was die gesamte spanische Ultrarechte – Fußball oder nicht – auf den Plan und zum Protest rief. Denn der Farbkomplex erhielt dadurch einen republikanischen Touch. Tagelang wurde diskutiert, ob dies gewollt sei, eine optische Täuschung und überhaupt. Die Spieler selbst behielten ihre Meinung für sich. Denn die Katalanen und Basken im Team hätten wohl nichts gegen republikanische Tönung gehabt. Den „echten Spaniern“ hingegen wäre sicher ein Falange-Symbol lieber gewesen. Vorprogrammierter Stress, dem sogar Pique und Ramos aus dem Weg gingen. Vielleicht gibt es ja einen schlauen Fußball-Analytiker, der die Vorgänge einfach so aufschreibt wie sie sich ereigneten und dem daraus folgenden Buch den Titel gibt „Wie du nicht Weltmeister wirst“. Der Publikation wäre eine große Auflage sicher, dazu Übersetzungen in alle Weltsprachen. Unterdessen werden in Euskal Herria nun entspannt die Glotzen angeknipst. Bis auf die Kleinigkeit mit der Grieszmann-Truppe darf jetzt alles begeistert geschaut werden. Die Favoriten sind eindeutig ausgemacht: Uruguay, Belgien, Kroatien und wenn es unbedingt sein muss auch Brasil. Über der Glotze hängt ein Fußball-Schal mit der Aufschrift „Euskal Selekzioa aurrera“.

Das baskische Team bei der WM

Allen Widrigkeiten zum Trotz, allen Ausschluss-Mechanismen zuwider ist es möglich, eine baskische Auswahl für die WM zusammenzustellen. Ein etwas zeitloses Team, das auf Geschichte beruht. Der Geschichte von Aus- und Einwanderung nämlich. Seit 20 Jahren ist das südliche Baskenland Einwanderungsland, vor allem für Migrant*innen aus Afrika, Asien und Südamerika. Das war nicht immer so. Vor Jahrhunderten war es umgekehrt. Viele Bask*innen verließen ihre Heimat auf der Suche nach Glück und Reichtum. Oder sie mussten flüchten wegen Krieg, Verfolgung, Armut oder Perspektivlosigkeit. Ziel waren die damaligen spanischen Kolonien in Südamerika und auf den Philippinen. Auch Nordamerika, wo sich in den Nordwest-Staaten baskische Hirten ansiedelten und Wurzeln schlugen. Manche kamen zurück, nachdem sie reich geworden waren, um diesen Reichtum in der alten Heimat zur Schau zu stellen. Die Mehrheit hatte dieses Glück nicht und blieb an der neuen Stätte. Dabei hinterliessen sie Spuren, die bis heute erkennbar sind. Wer aktuell ein Programm der Fußball-Weltmeisterschaft zur Hand hat, der oder dem sei empfohlen, einen Blick auf die Spielernamen der 32 teilnehmenden Teams zu werfen. Bei nicht weniger als neun Teams sind baskische Familiennamen zu entdecken. Zur Identifizierung ist die Kenntnis der baskischen Sprache allerdings eine Voraussetzung. Wer weiß schon, dass Ospina auf Baskisch „Essig“ bedeutet! David Ospina ist nebenbei Torhüter der kolumbianischen Auswahl. Begleitet wird der Torverhinderer von den baskofonen Mateus Uribe und Oscar Murillo. Beide Namen stehen für baskische Orte. In weiteren acht Teams sind Kicker vertreten, die ebenfalls sichtbar einen baskischen uFamilien-Usprung haben. Zu befürchten ist, dass viele andere Namensgeschichten verloren gingen, weil Frauen bei der Weitergabe ihrer Familiennamen benachteiligt werden, nach der Heirat dauert es eine weitere Generation bis ihr Name verschwindet.

Aber der Reihe nach. Vier der fünf baskischen Vertreter in der spanischen Aktiv-Delegation haben unverwechselbar euskaldune Namen: Arrizabalaga, Azpilicueta, Odriozola und Lopetegui. Dass bei Ägypten keine baskischen Namen zu finden sind überrascht wenig, auch wenn die People aus Bilbao bekanntermaßen selbst entscheiden, wo sie geboren werden. Bei Uruguay bestechen die Namen Arrascaeta und Urretaviscaya, auch wenn sie auf dem Spielfeld bisher nichts verloren hatten: sie sind so baskisch wie es irgend nur geht. Auffällig ist, dass beide mit „C“ geschrieben werden, obwohl das „C“ im baskischen Alfabet gar nicht mehr vorkomnmt. Was darauf hindeutet, dass die familiäre Auswanderung vor vielen Jahren stattfand, lange vor der Schreibreform des Euskara, das nun entschieden auf „K“ statt „C“ setzt.

Auch Peru hat baskofone Töne zu bieten. Miguel Trauco und Nilson Loyola vertreten nicht nur weiß-rot, sondern namentlich auch grün-rot-weiß. In der gleichen Gruppe stellen bei Frankreich Alphonse Areola und Trainer Didier Deschamps die baskische Vertretung, bei letzterem jedoch nicht am Namen erkennbar. Dass Argentinien bei 44 Mio. Einwohner*innen und einer immensen Azahl von baskischen Einwander*innen „nur“ zwei baskische Familiennamen aufweist, kann nur daran liegen, dass sich baskische Frauen bevorzugt mit italienischen Männern verheiratet haben. So gesehen könnten Messi, Tagliafico, Ansaldi, Biglia, Fazio, Armani und Lanzini ebenfalls baskischer Herkunft sein. Aber beschränken wir uns angesichts der italiensichen Migrations-Übermacht auf das Realistische, nämlich Gonzalo Higuain und Nicolas Otamendi. Bei Costa Rica finden wir Cristian Gamboa, bei Mexiko Hugo Ayala, Oribe Peralta und Guillermo Ochoa. Auch Panama hat einen Murillo mit Vornamen Michael und zudem afrikanischen Vorfahren. Diese Namens-Auswahl würde wohl kaum einen großen Titel erreichen, schon gar nicht Fussball-Weltmeister werden. Das haben – ganz nebenbei - schon fünf Basken geschafft: Didier Deschamps, Bizente Lizarazu, Xabi Alonso, Fernando Llorente und Javi Martinez. Nicht schlecht, wenn die Auswahl noch nie dabei sein durfte.

Durchhalteparolen

Es hat nicht sollen sein, die Fußball-WM bleibt für baskische Fans ein Trauerspiel. Trotz unerwartet schlechten Leistungen qualifizierten sich die beiden Zentralstaaten nördlich und südlich der Pyrenäen für die erste Zwischenrunde. Mehr Glück als Verstand, sagen die einen. Ich werfe meine Glotze aus dem Fenster, die anderen. Spätestens jetzt ist es aus psychologischer Sicht überlebensnotwendig, sich Favoriten zu suchen. Dabei auf Russland zu setzen – nur weil sie die ersten sind, die den baskischen Traum einer WM ohne Spananien realisieren könnten, wäre zu kurz gegriffen. So weit geht der Hass dann doch nicht. Eher schon Argentinien, denn Messi und Company könnten zumindest den nördlichen Teil des Baskenlandes von Fußball-Nationalismus befreien. Für die Wahl zum baskischen Favoriten sprechen viele historische und familiäre Bande zwischen Euskal Herria und den Gauchos. Brasilien eignet sich überhaupt nicht, eher was Kleines sollte es sein. Island war ein gutes Argument für die baskische Teilnahme an offiziellen Turnieren. Wenn ein Staat von 300.000 Peoples es zur WM schafft – das wäre die Bevölkerungszahl von Bilbao – warum dann nicht auch 3 Millionen Bask*innen. Belgien käme ebenfalls in Frage, mit zweifellos vielversprechendem Team und zuletzt mit einer Justiz, die sich der spanischen Allmacht widersetzt und keine Katalan*innen ausgeliefert hat. Oder Kroatien mit 4,5 Millionen Einwohner*innen. Doch ist das zu wenig Basis für mehr als Sympathie. Auch nicht für das kleine Dänemark, dass schon mal das Meisterstück geschafft hat, trotz Nachnominierung den EM-Titel zu holen. Bleibt nur … Uruguay. Kleinstes Land auf dem Subkontinent, Einwanderungsland für viele aus Euskal Herria. Montevideo wurde vom Konquistador Zabala aus Durango gegründet, im dortigen Basken-Zentrum Euskal Etxea wird baskische Sprache unterrichtet und baskische Kultur vermittelt. Zwei aus dem WM-Team haben zudem baskische Namen, Giorgian de Arrascaeta und Jonathan Urretaviscaya. Es klingt übertrieben, aber mit seinen internationalen Titeln – 15 Mal Amerika-Meister und 2 Mal Weltmeister – ist Uruguay das erfolgreichste Land im Fußball überhaupt. Ausgezeichnet und euskaldun – als baskische Ersatz-Identifikation also bestens geeignet.

WM-Kanalarbeiter

„Los canaleros“ werden sie genannt, die Spieler des mittelamerikanischen Kleinstaates Panama, von dem wir den Kanal kennen und den Drogenhändler Noriega, der es zum Präsidenten brachte, bevor er an die USA ausgeliefert wurde. Zum ersten Mal konnte sich die Landesauswahl für eine Fußball-WM qualifizieren und dabei einen ungeahnten Erfolg feiern. Gegen England mit sechs zu eins zu verlieren mag wie eine Höchststrafe aussehen. Doch als beim Stande von sechs-null ein gewisser Felipe Baloy das erste WM-Tor in der panamanesischen Geschichte erzielte, starben einige Fans vor Freude fast an Herzversagen. So nett kann Fußball sein, wenn selbst in der Niederlage noch das Positive gesehen wird. Drei Mal dürfen die Kanalis ihre Hymne hören bevor sie wieder nach Hause fahren. Wahrscheinlich ist, dass die Kicker keine Ahnung haben, wem sie diesen Song zu verdanken haben: schließlich werden sie fürs Spielen bezahlt und nicht für Geschichtsworkshops. Im Jahr 1889 – vor 129 Jahren also – wanderte der Kapellmeister Santos Jorge Amátrian aus dem heimatlichen Navarra in den Schmalstaat aus, der damals noch keinen Kanal kannte. Der 1870 im südnavarrischen Peralta – baskisch: Azkoien – geborene Amátrian war in Madrid ausgebildet worden und übernahm in seiner neuen Heimat erst die musikalische Leitung einer Kathedrale und später einer Militärkapelle. Acht Jahre nach seiner Ankunft komponierte er ein Musikstück, dem er den Namen „Patriotische Hymne“ gab. Das Lied wurde 1906, drei Jahre nach der Unabhängigkeit Panamas von Kolumbien, provisorisch zur Hymne erklärt und 1941 als solche bestätigt. Den pathetisch-schwülstigen Text zur Hymne schrieb mit Jerónimo de la Ossa ein echter Panamanese – zum Glück schlicht genug, dass sogar geschichtslose Kicker den Text abspulen können. Bleibt nachzutragen, dass Michael Murillo seinem Team einen baskischen Familiennamen beisteuert. Einmal mehr wird deutlich, dass Basken aus diesem Fußball-Spektakel einfach nicht wegzudenken sind.

Baskische WM-Torjäger

„Endlich ein baskisches Tor!“ oder „Erste baskische Beteiligung an WM-Tor“, so oder ähnlich könnten die Schlagzeilen lauten, die sich auf ein Ereignis des 12. Spieltages der Fußball-Weltmeisterschaft beziehen: Der Japaner Takashi Inui erzielte gegen Senegal das Tor zum eins zu eins ausgleich. Ein Japaner?? Ja, einer der bei SC Eibar spielt, ein Wahlbaske sozusagen. Das sind die kleinen Details der WM , die baskischen Fans vermitteln könnten oder sollten, dass sich nicht ganz ausgeschlossen sind vom Spektakel. Letztlich eine Randerscheinung, alles ist relativ. Auch der japanische Torjäger. Er spielt künftig in Sevilla, denn die gipuzkoanische Waffenstadt ist für viele Kicker nur ein Durchlauferhitzer auf dem Weg zu großen berühmten Clubs, oder sogar zu einer internationalen Meisterschaft. Der circa ein Meter achtundsechzig große Inui hat es geschafft. Mit seinem Abgang wird das japanische Medieninteresse an Eibar wieder nachlassen und gegen Null tendieren. Auch die Erinnerung an das „baskische Tor“ wird verblassen, schneller als ein Teebeutel aus dem heißen Wasser gezogen wird. So funktionieren eben Strohhalme. Außer, er würde im Finale das Siegtor machen. Da würde sogar an Eibar ein Goldstreifen hängen bleiben. Dabei hat der Club schon zwei Welt- und Europameister. Denn Xabi Alonso wurde von Real Sociedad in jungen Jahren dahin ausgeliehen, bevor sein großes Talent an der Concha, in Liverpool, bei Real und Bayern zur Entfaltung kam. Und wer weiß noch, dass David Silva ebenfalls eine Saison in Ipurua verbrachte, bevor Valencia und Manchester riefen.

Unsere Jungs in Russland

Es ist ein müßiges Diskussionsthema, ob die eine baskische Fußball-Auswahl bei der WM eine gute Rolle spielen könnte oder nicht. Tatsache ist, sie sind nicht dabei. Aber stimmt das wirklich? Beim genaueren Hinschauen ist Gegenteiliges zu entdecken. Zumindest auf individueller Basis. Im spanischen Team durfte zwar bisher kein baskisches Bein aktiv werden, dafür kommt den mitgereisten Ersatzleuten beim Torjubel eine entscheidende Rolle zu, wenn die Torschützen erdrückt werden wollen. Sie sorgen für Bewegung auf der Bank. Die Zeiten von Xabi Alonso oder Jose Angel Iribar sind halt vorbei. Ansonsten können sie nur auf Verletzung des Stammpersonals hoffen, bei Tunesien wäre sicher schon mal einer zum Einsatz gekommen, nach dem Ausfall von vier Spielern. Eine zentrale Rolle hingegen spielt ein anderer Baske, von der anderen Seite der Grenze und in anderer Funktion. Der darf als Übungsleiter des Frankenteams entscheiden, wer spielt und wer nicht. Wenig bekannt ist, dass Ex-Weltmeister Didier Deschamps in Baiona (Bayonne) geboren wurde und deshalb einen baskischen Pass beantragen könnte, wenn es eines Tages einen gäbe. Er entschiedet alle paar Tage, ob der Wahlbaske Antoine Griezmann – mit hessischen Vorfahren übrigens – einen Karriereschritt machen darf oder nicht. Den anderen Wahlbasken, Aymeric Laporte, bis vor Kurzen bei Athletic tätig, hat er gar nicht erst mitgenommen. Kein schöner Zug vom Trainer. Ein dritter Wahlbaske mit dem unschwedischen Namen John Guidetti, konnte heute nicht verhindern, dass sein Team in der 95. Minute dummerweise noch gegen die germanische Auswahl verlor – alter Schwede! Dafür kann er sich bald wieder auf seinen Arbeitgeber Alaves in Gasteiz konzentrieren. Auch dort geht es gegen den Abstieg. Erfolgreicher läuft es beim Exbasken Carlos Vela: heute einen Elfer verwandelt und den Deutschen ebenfalls schon in den Arsch getreten, das lässt sich sehen für einen Ex-Realisten. Vor Monaten gab er den Job an der Concha-Bucht auf, um nach Los Angeles zu wechseln und dort Soccer zu spielen. Das Kicken hat er dadurch nicht verlernt. Doch letztendlich sind das alles Brosamen, die baskische FB-Fans nicht wirklich interessieren. Verzweifelt suchen sie nach alternativen Identifikationsteams und Ersatzfavoriten. Richtig entspannt verfolgen können sie das russische Spektakel erst, wenn die iberischen Roten ins Gras beißen, am Besten gefolgt von den Bleus. Dann beginnt Fußball in Bilbao und umzu.

Böhmische Dörfer

Der Ausdruck „böhmisches Dorf“ ist eine alte aber gebräuchliche Redensart für etwas ganz und gar Unbekanntes. Asteasu war bisher so ein böhmisches Dorf, vom dem nicht einmal die Mehrheit der Bask*innen wusste, wo es liegt. Das hat sich geändert. Denn seit Kurzem macht der ohnehin schon bekannteste Sprößling des Ortes Schlagzeilen in aller Welt. Als erfolgreicher Trainer der spanischen WM-Auswahl stand der Baske Julen Lopetegi seit 2 Jahren im Rampenlicht und machte dem Literaten Bernardo Atxaga den Ruf als bekanntestem Asteasutarra streitig. In die Geschichte hätte er eingehen können, wenn er mit der „Roten“ den Titel geholt hätte. Doch bekam er offenbar den Hals nicht schnell genug voll. Trotz laufenden Vertrages ließ er sich vom bekannt-verhassten Königsclub der Hauptstadt abwerben. Die Neuigkeit wurde laut in die russische Medienwelt posaunt und hatte einen glatten Rausschmiss zur Folge. Denn der Verband wollte sich das nicht bieten lassen. Der Eintrag in die Geschichtsbücher ist somit bereits gesichert. 48 Stunden vor WM-Beginn hat bisher noch keiner seinen Rausschmiss provoziert. Ein Rekord mehr für die baskische Fußballgeschichte. Übrigens: Die Redensart entstammt ursprünglich der Habsburgermonarchie, zu der ab 1526 auch das Königreich Böhmen gehörte. In den Randgebieten, Deutschböhmen oder später Sudetenland genannt, wurde Deutsch gesprochen, im Kernland jedoch Tschechisch und Böhmisch. Für deutschsprachige Durchreisende waren sowohl die Ortsnamen als auch die Bewohner*innen unverständlich. Eine Parallele zum Baskenland drängt sich förmlich auf. Auch hier sind x-beliebigen Reisenden weder Namen noch die alte Sprache zugänglich. In Böhmen selbst sprechen die Tschechen bei gleicher Gelegenheit kurioserweise vom „spanischen Dorf“. Allseits bekannt ist auch der Satz „Das kommt mir spanisch vor“, was allerdings nicht Unverständlichkeit bedeutet, sondern eher Befremdung zum Ausdruck bringt. Wer wollte zum Beispiel verstehen, weshalb es so dringend notwendig war, den Namen des neuen Trainers so kurz vor dem Weltereignis in die Gegend zu schreien. Verantwortlich sind die Königlichen, deren Arroganz und Egoismus keine Grenzen kennen. Sollte das Roja-Team vorzeitig ausscheiden, ist die Schuldfrage bereits geklärt. Die baskischen Fans lachen sich einen Ast. Den von Asteasu. PS: Asteasu Gipuzkoako erdialdeko udalerri bat da, Tolosaldea eskualdekoa. Ekialderantz begira dagoen haran batean dago, Oria ibaiaren adar Asteasu errekaren haranean hain zuzen, eta irteera naturala Amasa-Villabonarantz du. Tolosatik 10,5 kilometrora eta Donostiatik 23 kilometrora dago errepidez.

Fussball-Weltmeisterschaft

Nur alle vier Jahre bekommen Fußballfans nach der anstrengenden Kicksaison noch ein Sahnehäubchen geliefert. Dabei ist das Vergnügen unterschiedlich. Die einen dürfen sich vertreten fühlen, die anderen nicht, je nach Erfolg bei der Qualifikation. Entsprechend die Pulsschläge. Die nicht dabei sind, suchen sich frei Schnauze einen Favoriten aus; die übrigen sind zur nationalen Treue verurteilt. Basken sind – als spanische Staatsbürger –zweifellos vertreten beim größten Kickevent der Neuzeit. Den meisten geht diese Vertretung dennoch am … Augapfel vorbei. Rein formal gesehen sind es genau fünf baskische Sportler, die die baskische Vertretung in Moskau sichern: Botschafter aus Ondarroa, Iruñea, Asteasu, Donostia und Pamplona. Doch selbst dieser beachtliche Anteil von immerhin 20,83% der nach Russland geschickten Aktiv-Delegation reicht nicht aus, um eine wahrhaft emotionale Verbindung zum Ereignis herzustellen. Die Identifikation ist praktisch unmöglich: das Team hat erstens den falschen Namen und trägt zweitens die falschen Farben. Vielmehr schaut die Mehrheit der Basken sehnsuchtsvoll auf „Länder“ wie Schottland, Wales, Puerto Rico oder Nordirland. Die könnten dabei sein. Sind sie aber nicht. Weil sie sich nicht qualifiziert haben. Aber sie könnten und waren auch schon mal. Dabei sind das gar keine Länder. Wie die Basken. Dabei hätte sich die baskische Selekzioa sicher qualifiziert. Rein sportlich gesehen. Aber sie konnten nicht, weil sie nicht durften. Das verhindern die Schwarzen von der „Roten“. Auf die Frage nach dem Interesse oder einem Favoriten werden Bälle ins Seitenaus geschossen. Mann hat andere Probleme, renoviert gerade die Wohnung, konzentriert sich auf die sommerlichen Pelota-Turniere oder hat sich sowieso noch nie für Fußball interessiert. Diese WM, wie alle vorher auch, wird für die Euskaldunes zu einer wahren Leidenszeit. Was sie sich wünschen? Dass die „Roten“ schon in der Vorrunde ausscheiden. Das wäre eine Basis für ein entspanntes Verfolgen des WM-Turniers.

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