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Neue Normalität oder alte Grausamkeit

Das Baskenland blickt zurück auf 99 Tage Alarm-Zustand, Einschluss, Ausgangssperre, Angst vor Ansteckung, Kollaps in Krankenhäusern, Statistik-Fälschung und Massensterben in Altersheimen. Niemand kann sagen was die „neue Normalität“ bringen wird. Begonnen hat der Kampf um die Bezahlung der entstandenen Rechnungen: Millionenverluste in Wirtschaft und bei Steuer-Einnahmen, Millionen Menschen werden verschärft in die Armut getrieben.

2020-07-04 / Post-Covid Tag (13)

CORONA-RÜCKFALL IN KATALONIEN

Nach neuen Corona-Ausbrüchen müssen in Katalonien wieder mehr als 200.000 Menschen scharfe Einschränkungen ihrer Bewegungsfreiheit hinnehmen. Erstmals seit der Lockerung der Corona-Maßnahmen im Staat ist dort wieder eine Großstadt wegen steigender Infektionszahlen unter Quarantäne gestellt worden. Wie Kataloniens Regionalpräsident mitteilte, darf niemand mehr in die Stadt Lleida und umliegende Gemeinden der Gegend Segrià reisen oder sie verlassen, außer um zur Arbeit zu gelangen. In Segrià sei ein "sehr deutlicher Anstieg" von Ansteckungen bestätigt worden.

kolu20hDie Polizei errichtete Kontrollposten an den Zufahrtsstraßen. In Segrià seien bis auf Weiteres auch wieder Treffen von mehr als zehn Menschen verboten, so die katalanische Gesundheits-Ministerin. Bewohner*innen von Altersheimen dürfen vorübergehend keinen Besuch mehr empfangen. Ein Lockdown innerhalb der Quarantänezone sei aber bisher noch nicht nötig. Geschäfte und Restaurants müssen nicht wieder schließen, die Menschen dürfen ihre Wohnungen jederzeit verlassen. Die Ministerin rief die Bevölkerung dazu auf, Versammlungen zu meiden und familiäre Feiern zu begrenzen oder zu verschieben. Die neuen Einschränkungen dauern vorläufig zwei Wochen. Seit 22. Juni lässt der spanische Staat wieder Touristen aus Europa ins Land.

Im Laufe dieser Woche waren in Segrià 365 neue Infektionsfälle registriert worden. In Krankenhäusern von Lleida würden 28 Covid-Kranke behandelt, sechs auf Intensivstationen. Die meisten Infektionen stehen mit Agrarbetrieben, Seniorenheimen und einem Wohnviertel in Zusammenhang.

KEINE ZWEITE WELLE

Die Welt-Gesundheits-Organisation sieht in den steigenden Infektionszahlen in etlichen Ländern kein Anzeichen einer "zweiten Welle". Vielmehr handele es sich um einen zweiten Höhepunkt der ersten Welle. Umso mehr müssten Hygiene-Maßnahmen konsequent weiter angewendet werden. "Sonst könnten wir eine Situation bekommen, wo das Infektionsniveau steigt". Das Potenzial einer zweiten Welle sei da, etwa im Winter, wenn wieder mehr Menschen eng in Räumen zusammen seien und das Virus sich dadurch leichter verbreiten könne als jetzt.

2020-07-03 / Post-Covid Tag (12)

RÜCKFALL TOURISMUS RÜCKFALL

Der Tourismus ist zurückgekehrt ins Baskenland. Unklar, ob definitiv oder vorübergehend. Denn die Nachrichten von lokalen Fällen von Wiederaufflammen des Coronavirus sind eine Konstante, die uns durch jede Nachrichten-Sendung begleitet: Massenansteckung in Portugal, Hunderte Infizierte in deutschem Großschlachthof, ein kompletter Wohnblock in Santander, die Zahl der Neuansteckungen in spanischen Städten steigt langsam aber beständig, laufend werden neue Fälle in Krankenhäusern im Baskenland gemeldet. An die Horrormeldungen aus Brasilien und USA haben wir uns gewöhnt, China meldet neue und gefährlichere Viren aus Peking, dazu den Beginn einer neuen Schweinegrippe. Mit dem Öffnen der Grenzen, nicht zuletzt für Tourismus, werden neue Korridore zur Wiederverbreitung der Pandemie geschaffen.

kolu20gNoch sind es vereinzelte Reisende, die in Bilbao auf der Straße zu sehen sind, einzelne Stadt-Führungen, es wird versucht, an alte Gewohnheiten anzuknüpfen. Die Flugbewegungen werden noch in Dutzenden gezählt, nicht wie vorher zu Hunderten. Dennoch ist das Panorama alles andere als Vertrauen erregend. In der baskischen öffentlichen Verwaltung werden die Mitarbeiter*innen angehalten, jetzt im Juli Urlaub zu nehmen und nicht wie üblich im August oder später. Die Begründung: wer weiß, was im September auf uns zukommt. Diese Befürchtung, dieses Argument ist bislang nur einmal aufgetaucht, als es um die übereilige Ansetzung der Regionalwahlen im Baskenland ging. Ein großes Interesse an diesem Schachzug hatte die regierende PNV-Partei, die offenbar einen Corona-Rückfall nicht ausschließt oder sogar damit rechnet. Das schlechte Management der Pandemie-Krise ist bisher zu keinem Handicap der Regierenden geworden, ein Rückfall könnte jedoch nicht voraussehbare Folgen haben. Deshalb die Eile mit den Wahlen, deren Ausgang praktisch feststeht.

Trotz der Halb-Vorhersage eines Wiederaufflammens der Pandemie, macht die baskische Regierung den Spagat und wirbt mit allen Mitteln für einen neuen Tourismus. Einerseits werden die Grenzen geöffnet, auf der anderen Seite soll es in diesem Reisesommer – der praktisch begonnen hat – einen Tourismus zu nahen Zielen geben. Sprich: Urlaub zu Hause im Baskenland – wo es plötzlich doch so viele nette Orte gibt.

Binnen-Tourismus ist das neue Zauberwort, der Rettungsanker der Branche. Denn “die Ausländer“ werden mit Sicherheit nicht in denselben Massen anlanden wie in jüngst vergangenen Zeiten. Ab Mitte Juli sollen es nur 20% der Hotels sein, die den Betrieb wieder aufnehmen, manche wollen erst im September wieder angreifen. In der Presse ist zu lesen, dass der Sektor einen Verlust von 83 Milliarden befürchtet. Deshalb ist von einer staatlichen “Rettungsaktion“ im Umfang von 4,2 Milliarden die Rede. Das ist erstens eine Menge Geld, zweitens ein Transfer von öffentlich zu privat. Und die Unternehmen beschweren sich auch noch über die niedrige Summe. Sie fordern eine Verlängerung der ERTE-Subventionen, mit denen die Regierung Entlassungen verhindert – während gleichzeitig bekannt wird, dass mit diesen Subventionen millionenfach betrogen wird. All das ist Teil der “neuen Normalität“, die vielen gar nicht so neu erscheinen wird.

2020-06-29 / Post-Covid Tag (8)

BILBAO VERBIETET TOURISMUS-VERMIETUNG IN DER ALTSTADT

“Die Stadtverwaltung von Bilbo hat beschlossen, alle touristischen Vermietungen in der historischen Altstadt zu untersagen. Die Maßnahme beginnt am 1. Juli und bedeutet, dass alle Vermietungen über Vermittlungs-Plattformen wie Airbnb und andere ab sofort nicht mehr zulässig sind. Um Widersprüche zu vermeiden, wird der Tourismus-Konzern nicht mit Namen genannt. Erklärt wird die Maßnahme mit dem enormen Druck, den das relativ kleine Gebiet durch riesige Massen an Touristen und die entsprechenden Vermietungen erlitten hat. Über das Verbot von Tourismus-Wohnungen in der Altstadt soll die Lebensqualität vor Ort, aber auch in der ganzen Stadt wieder verbessert werden.

kolu20fDer für Urbanismus zuständige Stadtrat erklärte die Entscheidung als Folge von Studien, die von der Verwaltung in Auftrag gegeben worden waren. Darin werden die Konsequenzen beschrieben, die die einheimischen Anwohner durch die große Zahl von T-Wohnungen erleiden mussten. ‘Die Bewohner müssen in ihren Heimen in Ruhe leben können, denn auf der Straße haben sie zusätzlich mit Massentourismus zu tun. Die Maßnahme soll zu dieser Erleichterung beitragen‘. Den Daten der Stadtverwaltung zufolge hat die Vermietung von Immobilien an Touristen in Bilbao stark zugenommen, das heißt: ‘eines von 15 Gebäuden taucht in irgendeiner der digitalen Vermietungs-Plattformen auf‘. Die Nichtbeachtung dieser neuen Regeln kann zu Bußgeldern bis zu 20.000 Euro führen.

Vor dem Vermietungs-Verbot wurde die Bevölkerung der Stadt befragt, 780 äußerten sich zum Thema. ‘Mehr al 75% sprachen sich für das Verbot aus, manche davon wollten das Verbot auf die ganze Stadt ausgedehnt sehen. Doch das geht nicht angesichts der bestehenden Gesetzgebung‘, so die Erklärung der Verwaltung.“

Wie gerne würden wir eine solche Nachricht lesen und zur Kenntnis nehmen, dass sie wirklich eine baskische Stadt betrifft, Bilbao, San Sebastián, egal. Was für eine Erleichterung wäre damit für die Bewohner*innen der betroffenen Städte oder Stadtteile verbunden. Das anfangs Beschriebene hat sich nämlich nicht in Bilbao ereignet, sondern in der holländischen Hauptstadt Amsterdam. Im vergangenen Monat April (in den Niederlanden gab es keinen Lockdown wie im spanischen Staat), als die Maßnahme noch in der Diskussion war, beeilte sich Airbnb mit der Feststellung, man wolle alles unternehmen, um die entstehenden Belästigungen zu verringern. Danach wechselte der Touri-Multi den Ton und zeigte sich besorgt “über die Pläne, die illegal sein und fundamentale Rechte der Bevölkerung verletzten können, weil ihre Einnahmen in diesen schwierigen Zeiten reduziert werden“. Die alte Leier der Plattform-Kapitalisten: wenn ihre Milliarden-Gewinne begrenzt werden sollen, holen sie das Argument von der netten internationalen Wohngemeinschaft aus der Mottenkiste.

Gestern berichtete die lokale Presse, dass in Bilbo und Donosti wieder erste Touristinnen gesichtet wurden. In beiden Städten (und anderen) gibt es immer mehr Menschen, die alles dafür tun, um einen Massentourismus (Overtourismus) wie vor der Pandemie für immer zu verhindern und für eine angenehmere Wohn- und Lebens-Situation zu sorgen.

2020-06-28 / Post-Covid Tag (7)

RUHE AUF DER AUTOBAHN

Im Sommer wird es auf baskischen Autobahnen etwas ruhiger zugehen – die einheimische Bevölkerung wird sicher dankbar sein dafür! Wer ihnen dieses ökologische Geschenk vermittelt hat? Der autokratische Sonnenkönig von Marokko, der ansonsten nur dann auffällt, wenn er die Berber*innen und Sahara-Bewohner*innen foltern oder massakrieren lässt. Doch die Angst vor einem Rückfall in die offene Pandemie, sowie die Tatsache, dass niemand richtig vorbereitet ist auf diese gigantische Völkerwanderung, hat zur Entscheidung geführt, die Operation „Meerengen-Übergang“ in diesem Jahr platzen zu lassen, oder zumindest nicht in der bisherigen Form zu praktizieren.

kolu20eBetroffen sind vor allem marokkanische Arbeitsmigrant*innen, die irgendwo in Mitteleuropa leben und arbeiten und in der Sommerzeit üblicherweise in ihre Heimat fahren. Bei dieser Massen-Bewegung wurden im Jahr 2019 immerhin 3.340.045 Personen und 760.215 Fahrzeuge gezählt, die zwischen dem 15. Juni und dem 15. September die Meerenge zwischen Afrika und Europa kreuzten. Das war Rekord. Dem Rekord, sicher auch bei den Einnahmen für Autobahn-Gebühren durch die baskischen Behörden, folgt nun der Absturz.

Normalerweise quält sich diese Menschen- und Blechmasse, egal aus welchem Land genau kommend, durch den baskischen Grenzübergang Biriatu, zwischen Hendaia und Irun, um dann über die baskische Hauptstadt Gasteiz und weiter über Madrid zum Fähranleger Algeciras zu kommen. (Manche Reisende werden sich vielleicht schon einmal gefragt haben, weshalb die baskischen Autobahnen in arabischer Schrift beschildert sind – hier ist die Erklärung).

Bis 10. Juli ist die Grenze gemäß marokkanischer Entscheidung sowieso geschlossen. Die Ursprungs- und Transitländer Holland, Belgien, Deutschland, Frankreich und Spanien sind vor dem Hintergrund nicht unglücklich über die Entscheidung in Rabat, dieser zahlenmäßig brutalen Stampede große Hindernisse in den Weg zu legen. Denn ein Reiseverbot bedeutet der Entschluss nicht. Wer sich einer Quarantäne von neun Tagen aussetzen will, und gleichzeitig zwei negative Tests vorlegen kann, darf die marokkanische Heimat dennoch genießen. Geschätzt wird jedoch, dass darauf nur 20 bis 30% der üblicherweise Reisenden zurückgreifen. Zudem besteht das Risiko, dass bei einem Wiederaufflammen des Coronavirus die Grenzen ganz schnell wieder geschlossen werden und niemand zurückkehren kann an den mitteleuropäischen Arbeitsplatz.

Der spanische Pandemie-Oberguru Fernando Simón dankte den marokkanischen Behörden “für die große Sorgfalt“. Dem schließen wir uns von dieser Stelle aus bedingungslos an. Denn so wird die Luft über den baskischen Bergen in diesem Sommer nicht ganz so strapaziert wie sonst, die Unfallzahlen werden sinken und die Maut-Säckel bleiben etwas leerer, was uns aber nicht sonderlich zu beschäftigen hat. Denn wichtiger denn je ist das gute Durchatmen.

2020-06-26 / Post-Covid Tag (5)

NEUES STADT-MODELL GEFORDERT

Verschiedene sozial-politische Gruppen haben in Bilbao von der Stadtregierung ein Umdenken gefordert. Die Vereinigung der Nachbarschafts-Initiativen, eine Ökologie-Gruppe, ein Verein zur Förderung der Radkultur und die Bewegung Pro Flüchtlinge (unter anderen) haben ihre Lehren gezogen aus dem Lockdown und dem sozialen Notstand, der in der Folge in vielen Bereichen deutlich wurde. “Wir wollen ein gerechteres und nachhaltiges Bilbao für alle Bewohner*innen“. Sie fordern ein Umdenken bei den Verantwortlichen der Gemeinde-Verwaltung. Die Basisgruppen sind der Ansicht, dass die neue Situation nach dem Coronavirus eine Gelegenheit darstellt, anzuhalten und über neue Entwicklungsmodelle für die Stadt nachzudenken.

kolu20dFußgänger*innen und Radfahrer*innen ohne Bewegungsfreiheit, Kinder ohne Bewegungs-Möglichkeiten in den Parks – das waren die gewohnten Bilder der vergangenen Monate. Die immer gut genutzten städtischen Sportzentren mussten beim Lockdown zu Notunterkünften für Obdachlose umfunktioniert werden, weil diese nicht (wie üblich) auf der Straße bleiben konnten. Allein in Bilbao geht die Zahl dieser Obdachlosen in die Hunderte. Die Situation hat gezeigt, dass die Verwaltung nicht ausreichend vorbereitet war und ist auf das Elend der Leute ohne Wohnung.

Die Initiativ-Gruppen sprechen sich für ein neues Stadt-Modell aus, in dem beim Entwurf des öffentlichen Raums die Bewohner*innen und deren Bedürfnisse im Mittelpunkt stehen sollen. Ein Modell, welches das Recht auf eine würdige Wohnung garantiert und niemand auf der Straße lässt, nur weil manche keine Wohnadresse angeben können. Ein Modell, das auf würdigen und ökologischen Werten basiert. Ein Modell, das Kultur und Freizeitangebote für alle Stadtteile garantiert.

Die Basisgruppen heben hervor, dass während des Lockdowns mehr denn je die Bedeutung nachbarschaftlicher Strukturen deutlich wurde, soziale Netze, die in der Lage sind, gegenseitige Hilfe vor allem in den armen Stadtteilen zu organisieren. Die Gruppen kritisieren, dass sie während der akuten Krise als wichtige Faktoren im Nachbarschafts-Alltag von der Verwaltung nicht angehört wurden, dass ihre geäußerten Vorschläge nicht ernst genommen wurden.

Von Tourismus, dessen Förderung in den vergangenen zwanzig Jahren bei der Verwaltung alle anderen Prioritäten übertraf, war bei der Pressekonferenz nicht die Rede. Doch die bisher praktizierte Ausrichtung auf Tourismus, Millionen-Investitionen, internationale Events und Spektakel drängen die Bedürfnisse und Notwendigkeiten vieler Bewohner*innen und vieler Stadtteile in den Schatten. Der öffentliche Raum wird zunehmend dem Tourismus unterworfen. Tourismus musste während der Pandemie auf Null gefahren werden und wird eine Zeit brauchen, bis er wieder Niveau erreicht. Das macht einerseits die Abhängigkeit von der Monokultur Tourismus deutlich, gleichzeitig fehlende Strukturen und Mittel für die Einheimischen, allen voran die Ärmsten der Armen.

Die städtischen Basisgruppen benutzten in ihren Ausführungen auch nicht die Begriffe Kapitalismus, Neoliberalismus und Privatisierung. Vielleicht aus Vorsicht, um niemanden zu erschrecken. Dabei sind diese drei Säulen der bestehenden Ordnung das Bermuda-Dreieck für die Interessen der großen Mehrheit der Bevölkerung.

2020-06-24 / Post-Covid Tag (3)

VERFLUCHTE RADFAHRERINNEN

Es bleibt abzuwarten, ob die Pandemie-Erfahrung in der Bevölkerung und ihrem Bewusstsein pädagogische Spuren hinterlassen hat, was das Verhältnis zu Gesundheit und natürlicher Lebens-Umgebung anbelangt. Jede Epidemie oder Pandemie ist nicht nur irgendein Virus, der auf uns hereinbricht wie ein Gewitterblitz. In jedem Fall sind sie menschengemacht, die Folge eines brutalen und rücksichtlosen Umgangs mit der Umwelt. Ob es sich um Privatisierung-Kapitalisierung von Altersheimen handelt oder um Massentierhaltung, um das Einpferchen von ausländischen Arbeiter*innen in Schlachthöfen oder die Brandrodung im Amazonas, um Fracking oder die Schaffung von riesigen Plastik-Inseln im Ozean. Eine unendliche Geschichte in vielen Kapiteln, die ihre Konsequenzen hat in unkontrollierbaren Katastrophen und Pandemien.

kolu20cDer Lockdown war eine brachiale Zäsur, zumindest theoretisch eine Gelegenheit, über die kapitalistische Lebens- und Konsum-Praxis nachzudenken. In der Zeitung ist zu lesen, dass die neoliberale Provinz-Verwaltung Bizkaia in den nächsten drei Jahren die aktuell 400 Kilometer Radwege verdoppeln will. Ein erster Schritt. Die Stadtverwaltung Bilbao, bis in die Portokasse in den Massentourismus verliebt, will den Autoverkehr in Zukunft behindern. Ja, richtig gehört: behindern ist die Redewendung, um die Nutzung von Motorfahrzeugen unattraktiv zu machen. Noch ein Schritt, nachdem während des Alarmzustands bereits ein Geschwindigkeits-Limit von KM-30 eingeführt (wenn auch nicht kontrolliert) wurde. Plastiktüten und Plastik-Geschirr soll verboten werden, in absehbarer Zeit, lässt eine Regierung wissen. Morgen wäre der richtige Moment, oder besser noch gestern.

Derweil werden tiefgründige Witze gemacht über umweltverträgliche Fahrrad-Benutzung. “Radfahrer*innen sind eine Katastrophe für die Wirtschaft eines Landes. Sie kaufen keine Autos, nehmen keine Kredite auf zum Kauf derselben, sie schließen keine KFZ-Versicherung ab und kaufen kein Benzin und Motoröl. Sie bringen keine Fahrzeuge zur Reparatur in den Werkstätten, zahlen keine Parkgebühren, verursachen keine schweren Unfälle, brauchen keine vielspurigen Autobahnen und haben kein Übergewicht. Verflucht nochmal! Gesunde Personen sind für die Wirtschaft unnötig und überflüssig. Sie kaufen keine Medizin, gehen nicht in Krankenhäuser und zu Ärzten. Sie tragen nichts zum Brutto-Sozial-Produkt des Landes bei.

Auf der lobenswerten anderen Seite schafft jeder neue McDonalds-Laden mindestens dreißig Arbeitsplätze: zehn Herzspezialist*innen, zehn Zahnärztinnen, zehn Spezialistinnen zur Gewichtsabnahme. Dazu kommen selbstverständlich die gut bezahlten Angestellten bei McDonalds. Über die Entscheidung Radfahren oder McDonalds sollte also wirklich gut nachgedacht werden.“

Übrigens-1: Spaziergänger*innen sind noch schlimmer. Die kaufen noch nicht einmal Fahrräder.

Übrigens-2: In meinem Mail-Postfach war heute die Werbung eines Autoverleihs mit der Überschrift “Vermeide den öffentlichen Transport … mit einem Leihwagen“, und weiter heißt es: “Mit einem Leihwagen kannst du gefährliche Massenansammlungen vermeiden“. Jeder versucht eben auf seine Art, aus den Kollateralschäden seinen Profit zu ziehen. Uns sei es noch so perfide.

2020-06-23 / Post-Covid Tag (2)

ZURÜCK INS FUSSBALLSTADION!

Blöde Frage: “Wer hat Lust, wieder ins Stadion zu gehen und Fußball live zu erleben?“ Alle schreien hier! Auch die gut bezahlten Funktionäre dieses menschlichen Grundbedürfnisses haben sich ernsthafte Gedanken gemacht und sind zu folgenden Schlüssen gekommen.

kolu20bSelbst die Dauerkarten-Besitzer müssen sich bei Athletic Bilbao vorher in Listen einschreiben, Schutzmasken sind Pflicht, der Zutritt erfolgt in fünf Zeitetappen. Die erste beginnt eineinhalb Stunden vor dem Spiel, im Abstand von 15 Minuten werden Gruppen von Fans ins Stadion San Mamés geschleust. Risikogruppen betreten die Arena als letzte 15 Minuten vor Anpfiff. Dauerkarten-Besitzer müssen sich in eine Interessierten-Liste eintragen, damit der Club “die genaue Zahl von Personen erfahren kann, die zur Auswahl für die verfügbaren Sitzplätze für ein Spiel in Frage kommen. Die Fans müssen bei der Einschreibung persönliche Kontaktdaten angeben. Der Verband überlässt es dem Club Athletic, Kriterien aufzustellen, um unter den interessierten Fans eine Auswahl zu treffen.

Vor dem Eintritt wird bei allen Fans die Temperatur gemessen, sollte sie höher sein als 37,5° wird vorerst der Zugang verwehrt, nach 10 Minuten wird die Temperatur erneut gemessen. Sollte sie wieder zu hoch sein, ist der Zutritt ausgeschlossen. Am Eingang werden die Daten des vorgelegten Ausweises überprüft. Für alle Sitzplätze sind spezielle Zugangszeiten festgelegt und ein bestimmtes Eingangstor, durch das der Eintritt zu erfolgen hat. Das Tragen eines Mundschutzes ist absolute Pflicht. Der Verkauf von Essen und Getränken im Stadion ist verboten. Aus diesem Grund erhalten alle Fans beim Zutritt ein Minimum von zwei Flaschen Wasser von 33cl. Die Zuschauerinnen bleiben während des gesamten Spiels auf dem zugeteilten Sitzplatz, sowohl vor wie auch nach dem Spiel. Das Verlassen des Stadions erfolgt in Kolonnen, geordnet und überwacht.

Stellt sich erneut die Frage: “Wer hat Lust, wieder nach San Mamés zu gehen und Athletic live zu erleben?“ Stellen wir uns einen sonnigen Tag im September vor. Nach glücklicher Vorauswahl sind wir in die erste Zeitzone zum Eintritt eingeteilt. Pünktlich 90 Minuten vor Beginn des Matchs stehen wir am Eingang und werden auf die Plätze geleitet. Dort verharren wir bis Spielbeginn. Womöglich sind die beiden Wasserfläschchen bereits bei Anpfiff konsumiert. Das Spiel dauert mit Unterbrechungen zwei Stunden. Bei Abpfiff haben wir also schon dreieinhalb Stunden hinter uns. Der Sonnenbrand tut weh und die Blase drückt wie lange nicht. Nun heißt es Warten auf den geordneten Abmarsch. Nach gut vier Stunden relativer Bewegungslosigkeit auf der Sitzschale betreten wir wieder ziviles Terrain und entspannen uns. Also: “Wer hat Lust, wieder ins Stadion zu gehen und Fußball live zu erleben?“

Nachspiel: Sollte einer der Tausende von Zuschauern in den folgenden Tagen positiv auf Coronavirus getestet werden, haben die Behörden den Vorteil, sofort zu wissen, welche weiteren Fans in unmittelbarer Nähe saßen, weil die Tribüne ja wie ein Schachbrett mit Namen aufgeteilt war. Wundere dich also nicht, wenn eine Woche später die Polizei in deiner Tür steht und dich zum C19-Test im Krankenhaus auffordert. Was tun wir nicht alles für den Fußball. Was tun wir nicht alles, um Epidemien zu vermeiden.


(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2020-06-23)

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