archi01a
Fatale Sucht nach architektonischen Wahrzeichen

Das Bilbao-Guggenheim-Modell gilt weltweit als nachahmenswert. Der ökonomische Effekt medialer Aufmerksamkeit ist für Krisen-Städte attraktiv. Exotische Objekte, die weltweit aufblitzen, machen eine langweilige Stadt zur „Kulturstadt“. Kein Zufall, dass das Paradeexemplar medialer Baukunst in Bilbao steht, das nach dem Niedergang der Schwerindustrie in die Krise kam. Doch Städte, die von unberechenbaren, zyklischen Touristen-Strömen abhängig sind, können von einer Krise in die andere schlittern.

Kritische Blicke aus der Schweiz auf den internationalen Wettlauf nach architektonischen Wahrzeichen, um Millionen anzulocken und touristische Geschäfte zu ermöglichen – der Wahn von Bilbao, Zürich, Paris, Luzern:

(1) Während Touristen mit verständnisloser Neugier den Eiffelturm bestaunen, wirft er einen Schatten auf die Stadtbürger von Paris. Sie fragen nach dem Sinn ihres Wahrzeichens, seit über einem Jahrhundert. Für Guy de Maupassant war es ein „quälender Albtraum“. So besuchte er den Turm, um ihn nicht zu sehen. Roland Barthes sah in ihm ein „stabiles Zentrum“, das im Laufe der Zeit sein „Freund“ geworden sei. Ursprünglich sollte der Eiffelturm weder das eine noch das andere bedeuten, sondern ein Denkmal der Revolution werden.

Offensichtlich ist ein Wahrzeichen weder planbar noch seine Bedeutung voraussehbar. Das gilt auch für „grosse Würfe“. Insofern ist Skepsis angebracht, wenn sie angekündigt werden. Selbst Le Corbusier begann an den heroischen Vordeutungen seiner Würfe zu zweifeln. Im reifen Alter berief er sich lieber auf seinen guten Geschmack: „Ça me plait!“ Umso mehr stellt sich die Frage: Gibt es jenseits von Geschmack und Deutungen einen Mehrwert, den Bauwerke erzeugen können, als Hintergrund oder Initialzündung für einen attraktiven, beliebten Ort?
archi01b

Centre Pompidou ist als einziges „grosses Projekt“ zum Wahrzeichen geworden, weil es sich nicht auf eine einzelne Funktion festgelegt hat

In Paris wurde von den zahlreichen „Grand Projets“ der letzten 50 Jahre nur das Centre Pompidou so etwas wie ein Wahrzeichen. Seine Besonderheit: Das Kunstmuseum ist keins. Es ist eine Stadtlandschaft, eine Raffinerie und hat den Groove der Pop-Oper „Breaking the Wall“. Grenzen von innen und aussen, von Stadt und Museum, von hoher und niederer Kultur sind geschliffen. Das Centre war 1977 auch ein Sinnbild für die Kritik am bildungsbürgerlichen Kunstbetrieb, was dem damaligen Staatspräsidenten Giscard d’Estaing unangenehm war, politisch unangenehm. Er eröffnete das Centre nur widerwillig.

Der Mehrwert der Vieldeutigkeit

Der Mehrwert des Centre Pompidou besteht in einer Erzählung, in einem „und, und, und“: Geistesgegenwart, Vieldeutigkeit, Aneignungs- und Gebrauchsmöglichkeiten jenseits einer geplanten Funktion. Auch Herr Eiffel erweiterte das Deutungsangebot seines Turms. 1889, als mangels Besucher ein Abbruch drohte, bestückte er die Turmspitze mit modernster Technik – mit Messgeräten und dergleichen. Der Eiffelturm diente nun auch der Wissenschaft und wurde erhalten.

Als 1997 das Internet aufgeschaltet wurde, waren Wahrzeichen plötzlich einem anderen Deutungsmuster ausgesetzt: Der „Ökonomie der Aufmerksamkeit“ folgend, ist das Mediale wichtiger als das Reale. Architektur-Ikonen müssen nun für den Bildschirm entworfen werden: mediale Oberflächenknaller, die in den Netzen förmlich explodieren. Noch nie gesehene Objekte, die weltweit aufblitzen, machen eine langweilige Stadt zur „Kulturstadt“. Zunächst nur in den Netzen. Aber dann – im Sog medialer Verheissungen – werden Massen dahin pilgern, wo das virtuelle Versprechen mit dem analogen Aufscheinen der Ikone eingelöst wird.

Der ökonomische Effekt medialer Aufmerksamkeit war vor allem für krisengeschüttelte Städte vielversprechend. So war es kein Zufall, dass das Paradeexemplar medialer Baukunst nach Bilbao lockte, das nach dem Niedergang der Schwerindustrie unter hoher Arbeitslosigkeit litt. Geplant hat es der Chef der Guggenheim-Stiftung Tom Krens mit dem Architekten Frank Gehry.

Das Bildergut lieferte die Guggenheim-Stiftung. Und das verarmte Bilbao bezahlte das Museum – in der Hoffnung, mit den erwarteten Touristenströmen die hohe Arbeitslosigkeit zu mildern. Das gelang tatsächlich. Rund zwei Millionen Touristen jährlich bescherten Bilbao einen Besuch. Doch nach drei Jahren versiegte der Strom. Und der Unterhalt der blechernen Skulptur war viel teurer als gedacht. Schliesslich gaben sich Kuratoren die Klinke in die Hand, weil das Museum für Ausstellungen unbrauchbar ist.

Der Bilbao-Effekt hat sich durch Inflation selbst zerstört

archi01cDas änderte nichts daran, dass auch kleine Städte „so etwas wie Bilbao“ wollten. Über Jahre rivalisierten orakelartige Figuren im Netz. Welche übertrifft die andere an Einzigartigkeit? Der Bilderkrieg beendete sich von selbst, so wie sich der Bilbao-Effekt durch Inflation selbst zerstörte. Das Einzigartige drehte sich in einer Wurlitzer-Orgel der Form (2). Der Glaube an den Bilbao-Effekt erlosch. Selbst der Erfinder Tom Krens liess 30 seiner Projekte in der Manier von Bilbao fallen – mangels ökonomischer Aufmerksamkeit. Schliesslich folgte dem Bilbao der Wolfsburg-Effekt (3): Die Stadt hat ihr Vermögen in Architektur-Sensationen investiert, und niemand hat es gemerkt.

Die IT-Fans waren schockiert – von einer wiederkehrenden Wirklichkeit, die sich als Paradox offenbarte. Der Aufbruch ins Zeitalter neuer Medien durchkreuzt eine postmediale Erkenntnis: entweder ist der Alltag in einer Stadt eine Sensation, oder es gibt keine.

Seither kommt der Ruf nach Wahrzeichen aus Provinzstädten und nahöstlichen Wüstengebieten. Medial kann ja nach wie vor alles grossartiger erscheinen, als es ist. Doch der Bluff wird inzwischen als Fake durchschaut. Provinzielles verschwindet auch mit dem höchsten Haus der Welt nicht.

In Luzerns KKL (4) ist der „beste Konzertsaal der Welt“ oft leer, zu oft. Nun können in ihm lokale Blaskapellen üben, was die Frage erzwingt, ob eine Alphütte der Stadt-Entwicklung förderlicher gewesen wäre – allenfalls auch aus japanischer Optik.

Der narzisstische Typ ist das Wahrzeichen von sich selbst. In Kopenhagen ist es der kollektive Typ, der städtische Alltag, der Touristen magnetisch anzieht. Das macht die Stadt weniger krisenanfällig. Der Stadtforscher Walter Siebel hat festgestellt, dass Städte, die von unberechenbaren, zyklischen Touristen-Strömen essenziell abhängig sind, von einer Krise in die andere schlittern. Und sollte der CO2 tatsächlich mal reduziert werden und die Flugpreise ansteigen, dann würden Wahrzeichen nur noch digital vom Sofa aus bestaunt, was für die touristen-abhängigen Städte eine analoge Tragödie wäre.

Wo Zweckloses Raum findet

archi01dDennoch: das alles spricht nicht grundsätzlich gegen Wahrzeichen – wie etwa die Bahnhofhalle in Zürich. In ihr passiert Banales, Aufsehenerregendes und auch nichts. Sie steht 60 Tage im Jahr leer. Improvisation und immaterieller Luxus sind Zürich eigentlich fremd, wo sonst jeder Quadratmeter kontrolliert und verwertet wird. Es handelt sich also um ein Wahrzeichen ex negativo – um eine Anreicherung des Alltäglichen. Die Halle ist ein urbaner Ort, wo Überraschendes und Zweckloses Raum findet.

In unmittelbarer Nähe ist das Gegenstück, die Europaallee: Flughafen-Shopping ohne Flughafen – nach Ladenschluss tot. Trostlos. Das Allerwelt-Programm mit ausschliesslich teuren Wohnungen richtet sich erbarmungslos gegen lokale Besonderheiten und verbindet „Öffentlichkeit“ ausschliesslich mit Konsum.

Im Vergleich dazu ist der Prime Tower, das höchste Haus der Stadt, ein grossstädtisches Versprechen. Doch er vereinsamt mit sich selbst. In der Bar am immer leeren Tower-Vorplatz wird man fürstlich bedient, weil man nicht selten der einzige Gast ist. Damit ein Hochhaus zur Stadt gehört, muss eine Voraussetzung erfüllt sein – so die alte, metropolitane Chicago-Schule: Mindestens die unteren sechs Geschosse dienen der Öffentlichkeit, damit sich eine „vertikale Stadt“ entfalten kann.

Wo Stadtluft frei macht

In Zürich gibt es eine anhaltende Sehnsucht nach der Metropole. Das Versprechen wird wachgehalten, aber nie eingelöst. Zum Glück: Der Frust produziert urbane Energie. In der Nähe des Prime Tower gibt es eine kleine Garage-Bar, die mehr Urbanität generiert als der ganze Turm. Das gelingt auch dem Kiosk auf der Allmend Brunau. Und vielen unbekannten Schuppen auch.

Schattenereignisse sind die unsichtbaren Wahrzeichen. Nicht nur in Zürich. Wo sich urbane Schwärme finden und verlieren, dort, wo „das Abenteuer um die Ecke“ stattfinden kann, wo Stadtluft frei macht, lebt eine Stadt als Stadt. Die Vorstellung „wir wollen auch so etwas wie einen Eiffelturm“ ist nicht nur naiv, sondern entpolitisiert das Alltägliche. So wie die Vorstellung, dass ein alter Kran, der am Limmatufer stand, „als Kunstwerk provoziere“. Er provozierte nicht, er stand nur im Weg.

Was in Bilbao noch niemand gemerkt hat:archi01e

„Bauliche Wahrzeichen sind ein Triumph für den Augenblick – ein in sich erlöschendes Feuerwerk. Urbane Dauerbrenner geben einer Stadt ihren Glanz und ihre Patina – sie entstehen in sich selbst und langsam.“

P.S. Auch spanische Städte haben versucht, sich in den vergangenen 15 Jahren mit Wahrzeichen auszustatten. Architektonische Projekte, die in erster Linie völlig überteuert waren, in zweiter Linie der korrupten Bauindustrie als einfache Verdienstquelle dienten und drittens meist zu infrabenutzten Geldfressern wurden: Santiago de Compostela (Ciudad de Cultura), Zaragoza (Kongress-Zentrum), Valencia (Gastronomie-Zentrum im Hafen, Flughafen Castello), Castilla La Mancha (Flughafen Ciudad Real) und eine lange Liste.

ANMERKUNGEN:

(1) Artikel „Ein gebrochenes Zürcher Versprechen. Die Sehnsucht nach der Metropole in Zürich wird nie eingelöst: Zum Glück“ im Tagesanzeiger vom 14.02.2017 aus der Schweiz. Der Autor, Ernst Hubeli, ist Mitinhaber des Büros Herczog Hubeli in Zürich und Professor für Städtebau und Architektur (Quelle)

(2) Die amerikanische Rudolph Wurlitzer Company baute von 1914 bis etwa 1940 Kino- und Theaterorgeln. Der größere und bekanntere Typ The Wurlitzer-Hope-Jones Unit Orchestra, bekannt als The Mighty Wurlitzer, wurde von Robert Hope-Jones entworfen und als „Ein-Mann-Orchester“ zur Untermalung von Stummfilmen hergestellt. Der kleinere Typ war eine damals übliche Kombination von kleiner Orgel und Klavier, auf der der Spieler die Instrumente während des Spielens wechseln konnte. Klanglich und technisch waren die Instrumente von Wurlitzer in jener Zeit in Deutschland führend. Spielbereite Instrumente finden sich im Musikinstrumenten-Museum Berlin und im Deutschen Filmmuseum in Frankfurt. (Wikipedia)

(3) Wolfsburg: Ohne auf den nationalsozialistischen Hintergrund einzugehen schreibt die Stadt Wolfsburg ihre Erfolgsgeschichte selbst: „Mit seiner Gründung im Jahr 1938 ist Wolfsburg eine der ganz wenigen neuen Städte des 20. Jahrhunderts. Am 1. Juli 1938 gegründet, war die Stadt (…) vielfach Vorreiter städtebaulicher Trends der jungen Bundesrepublik (…) Beispiel einer geplanten Stadtentwicklung, in ihrer Geschichte eng mit den konjunkturellen Entwicklungen des Automobilkonzerns verknüpft. So kann Wolfsburg beinahe als Museum für städtebauliche Ideen des 20. Jahrhunderts gelten und vereint eine Vielzahl spannender Einzelbauten. / Wegweisende Kulturbauten: Seit Mitte der 1950er Jahre entstanden Alvar Aaltos Kulturhaus, der Theaterbau Hans Scharouns, das Kunstmuseum und die Autostadt. Bis hin zum phæno wurde hier praktisch alle zehn Jahre ein wegweisendes Kulturprojekt realisiert, das als Pionierbebauung Impulse setzte. / Architekturvermittlung in Wolfsburg: Der Tatsache, dass in der 'neuen´ Stadt Wolfsburg Städtebau und Architektur besonderen Parametern folgen und die Außendarstellung prägen, trägt die Stadt Rechnung, indem sie 2001 ein eigenes Ressort geschaffen hat für das Thema Architektur-Kommunikation und Architektur-Vermittlung: das Forum Architektur. Ziel ist einerseits die bewusste Profilierung Wolfsburgs als Architekturstadt, andererseits die baukulturelle Basisarbeit für die Bewohnerinnen und Bewohner dieser Stadt“. (Link)

(4) Kultur- und Kongresszentrum Luzern (kurz KKL): multifunktionaler Bau in Luzern mit Konzertsaal, der für hochkarätige Akustik geschätzt wird, gebaut nach den Plänen des Architekten Jean Nouvel, 1998 eröffnet. Der Konzertsaal gilt als einer der besten Säle für klassische Konzerte. Wikipedia: „Aufgrund der einmaligen Lage am Europaplatz an der Luzerner Seebucht des Vierwaldstättersees suchte der Architekt die Verbindung mit dem Wasser. Die drei Gebäudeteile beherbergen den Konzertsaal, den multifunktionalen Luzerner Saal, das Kunstmuseum Luzern und Konferenz- und Tagungsräumlichkeiten. Hinzu kommen diverse gastronomische Einrichtungen. Philosophie des Hauses: Unter dem einen grossen Dach finden verschiedenste Anlässe statt, nicht nur einzeln, sondern miteinander“. Die Baukosten beliefen sich auf 226,5 Millionen Franken, finanziert mittels einer Public Private Partnership: öffentliche Hand und private Investoren.

FOTOS:

(1) Guggenheim Bilbao (F: importancioso.wordpress)

(2) Centre Pompidou (F: parisdigest.com)

(3) Prime Tower Zürich (F: primetower.ch)

(4) Wolfsburg Phaena (F: phaena.de)

(5) KKL Luzern (F: wikimedia)

Für den Betrieb unserer Webseite benutzen wir Cookies. Wenn Sie unsere Dienstleistungen in Anspruch nehmen, akzeptieren Sie unseren Einsatz von Cookies. Mehr Information