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Zum Tod von José Luis Zumeta

Das Baskenland hat mit dem Tod des Malers José Luis Zumeta nicht nur einen großen Künstler, sondern auch an Farbe verloren. Zumeta starb inmitten der Corona-Krise am 22. April 2020 in seiner Werkstatt im Donostia-Stadtteil Gros. Im Gegensatz zu der Mehrheit seiner baskischen Kolleginnen war Zumetas Stil nicht figurativ, sondern abstrakt. Trotz Ausstellungen in Europa und Amerika wurde er vor allem im Baskenland bekannt und beliebt. Zumeta war Gründungs-Mitglied der avantgardistischen Kunst-Gruppe GAUR.

José Luis Zumeta Etxeberria (19/04/1939 - 22/04/2020) war ein baskischer Maler, dessen Arbeitsstil abstrakte Malerei war. Neben der Kunst war Zumeta seit der Zeit des Franquismus in kulturpolitischen Initiativen aktiv. Bekannt wurde er im Baskenland unter anderem durch das Design zahlreicher Platten- und CD-Cover.

Drei Tage vor seinem Tod feierte Zumeta seinen 81. Geburtstag. Seine Tochter Usoa, die ihn während des Corona-Alarmzustands täglich besuchte und mit allem Lebensnotwendigen versorgte, fand ihn tot in seinem Atelier. Zumeta wurde am 19. April 1939 in Usurbil geboren, einem Städtchen mit 6.000 Einwohner*innen, zehn Kilometer von Donostia entfernt. Er selbst und seine Bilder waren und sind ein Synonym für Farbe. Lebhafte Töne waren das Hauptmerkmal seiner umfangreichen Karriere, in der er sich nicht ausschließlich der Malerei widmete.

zumeta02GAUR – Heute

Zumeta war mit dabei, als eine Gruppe baskischer Künstler im Jahr 1965 die Künstlergruppe GAUR (baskisch: heute) gründete. Der Gruppe gehörten die Künstler Amable Arias (1927-1984), Rafael Ruiz Balerdi (1934-1992), Nestor Basterretxea (1924-2014), Eduardo Chillida (1924-2002), Remigio Mendiburu (1931-1990), Jorge Oteiza (1908-2003), José Antonio Sistiaga (geb. 1932) und José Luis Zumeta an. Die Mitglieder dieser Avantgarde-Gruppe kamen mehrheitlich aus Gipuzkoa. Ihr Anliegen war, der baskischen Kunstszene neue Impulse zu geben. Es sollte eine breite Kunstbewegung geschaffen werden, mit engen Verbindungen zu sozialen, kulturellen und politischen Akteuren der baskischen Gesellschaft, die sich in den 1960er und frühen 1970er Jahren gegen die politischen und kulturellen Limitierungen der Franco-Diktatur wandten.

Bekannt machte sich die Gruppe GAUR mit einer Ausstellung am 28. April 1966 in der Galerie Barandiarán in Donostia-San Sebastián, bei der die ästhetischen Formen und künstlerischen Ausdrucksweisen jener Zeit im Baskenland in Frage gestellt wurden. Die Initiatoren der Bewegung beschäftigten sich in ihren Arbeiten mit den raschen wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen, die im späten Franquismus stattfanden. Sie prangerten die praktisch nicht vorhandene Kulturszene und die Krise der kollektiven baskischen Identität an. (1)

In den späten 1960er Jahren wurden im gesamten Baskenland verschiedene Gruppen von Künstlerinnen und Schriftstellerinnen gegründet. Ihre Gemeinsamkeit war vorsichtige Regimekritik, das Umgehen der franquistischen Zensur und der Aufbruch zu neuen Ufern. Mit Hilfe von GAUR-Mitgliedern entstand zum Beispiel die Baskische Kunstschule in Deba. Besonders bekannt wurde auch die Gruppe “Ez Dok Amairu“ (Keine Dreizehn) (2), die insbesondere im musikalischen Bereich aktiv war.

“Wir beide haben uns immer gefragt, wer von uns wohl der letzte Überlebende aus der Gruppe GAUR sein wird“, kommentierte Künstler-Kollege José Antonio Sistiaga die Todesnachricht. Er zeigte sich betroffen vom Tod seines Freundes Zumeta: “In den letzten Jahren haben wir uns nicht viel unterhalten, er war ein guter Maler und ein guter Freund. Ich stehe unter Schock“. (1)

zumeta03Biografisches

Zumeta lernte an der Kunst- und Handwerkschule von Donostia (San Sebastián). Früh entschied er sich für die Malerei und gewann im Jahr 1958 mit 19 Jahren in Madrid die “nationale Goldmedalle für junge Künstler“. Nach einem Paris-Aufenthalt ließ er sich in Hondarribia nieder (span: Fuenterrabia). Dabei teilte er sein Atelier mit Remigio Mendiburu. In den Jahren 1962 und 1963 lebte, studierte und arbeitete Zumeta in Stockholm und London.

Zumetas Anfänge waren nicht immer einfach. Weil er sich für die abstrakte Malerei von Karel Appel und Jean Dubuffet interessierte, wurden seine ersten Werke Ende der 1950er Jahre in der baskischen Kunstszene abgelehnt. In jenen Jahren benutzte er dunkle Farben, arbeitete mit groben Pinselstrichen und einem dicken Relief. Anfang der 1970er Jahre schaffte er den Sprung nach Amerika, in verschiedene Kollektiv-Ausstellungen in Mexiko und den USA. In jenem Jahrzehnt war er wenigstens dreimal in Madrid zu sehen. 1980 war er an einer Gemeinschafts-Ausstellung der Joan Miró Stiftung in Barcelona beteiligt. 1983 kam er ins süddeutsche Biberach.

Seit den 1990er Jahren hatte Zumeta auch kommerziellen Erfolg, seine Werke galten in Sammlerkreisen als gute Wertanlage. Auch wenn er auf internationaler Ebene an Ausstellungen beteiligt war, konzentrierte sich seine Bekanntheit dennoch auf das Baskenland. Nicht einmal im spanischen Staat war er besonders bekannt. 1989 widmete das Museum der Schönen Künste in Bilbao dem Maler eine Anthologie. Gleichzeitig beteiligte er sich an einer Wanderausstellung in Madrid, Valencia und Sevilla, Thema: Hommage an die Opfer des Franquismus. 1990 folgten Retrospektiven in Donostia (San Telmo Museum) und Vitoria-Gasteiz (Museum der Modernen Kunst).

1994 stellte er in Durango aus und im Jahr 2000 im alten Franco-Depot in Bilbao. Jene Ausstellung beinhaltete eine besondere Version von Picassos “Guernica“ aus dem Jahr 1999, von riesigem Format, auf vier getrennten Leinwänden gemalt. In späteren Jahren kam er erneut nach New York und war an Kollektiv-ausstellungen in Biarritz und Erandio beteiligt. 2006 stellte er seine letzte Bilderserie vor, mehr figurativ und weniger abstrakt, gezeigt in Donostia, Bilbao und Madrid.

zumeta04Reaktionen auf Zumetas Tod

Rita Unzurrunzaga, Inhaberin der Galerie Ekain in Donostia, sprach wenige Tage vor seinem Tod mit Zumeta, um ihm zu seinem Geburtstag zu gratulieren. Sie bestätigte, dass “seine gute Laune und sein Wunsch zu malen in all den Jahren unverändert geblieben sind. Seine Malerei ist nach wie vor präsent, sie spricht uns an. Das erreichen nur wenige Künstler*innen“, fügt sie hinzu. In den letzten Jahren war Zumeta zusammen mit seiner jüngsten Tochter Usoa im gemeinsamen Atelier in Usurbil zu seinen Wurzeln in der grafischen Kunst zurückgekehrt, “aber seine umfangreiche Karriere war voller Vielfalt, immer mit einer auffälligen Farbwahl und voller Freude. Genauso war er selbst, ein Mensch mit einem jungen Geist. Er wirkte viel jünger, als er tatsächlich war“, erinnert sich Unzurranzaga. (1)

Der Bildhauer Koldobika Jauregi (* 1959) (3) teilt diese Einschätzung und geht noch weiter. Er weist darauf hin, dass “Zumeta zwar in erster Linie ein Maler war, für mich war er jedoch ein umfassender Künstler. Es gibt Bildhauer, die weniger Bildhauer sind als er“, sagt er und erinnert daran, wie er als Kind auf ein Polyester-Relief des Malers aus Usurbil kletterte, bis er auf einem der Arme stand, die aus dem Werk herausragten, ohne zu wissen, dass sie zum Werk des Malers gehörten. “Mein erster Preis, den ich selbst mit 17 Jahren gewann, war ausgerechnet eine Pastellzeichnung von Zumeta“, sagt Jauregi und erinnert sich, dass er Zumeta dies einmal erzählte, als sie sich in der Altstadt von San Sebastian begegneten. (1)

Soziales Engagement

Der Einsatz Zumetas für Euskal Herria beschränkte sich nie auf die Kunst. Er wurde zu einem bekannten sozialen Aktivisten, indem er soziale und politische Initiativen unterstützte und seine Pinselstriche für Plakate und Wandbilder beisteuerte. “Mit seinem Schaffen war er ein Aktionskünstler. Er war perfekt in die baskische Gesellschaft integriert und in der Lage, dieses Engagement auch in seinem Werk zum Ausdruck zu bringen“, erklärt der Kunstspezialist Fernando Golvano. “Zumeta war Kraft und Wärme, aber er war ein zurückhaltender Mann, der nicht viel redete. Bis zu einem gewissen Grad introvertiert, aber immer mit einem enormen gesellschaftlichen Bewusstsein“, sagt der Kunstkritiker Edorta Kortadi. (1)

Für Koldobika Jauregi war Zumeta “offen und zugänglich. Er hatte ein gutes Verhältnis zu den Leuten und war auf sozialer Ebene sehr engagiert. Man kann nicht über das Baskenland sprechen, ohne über ihn zu sprechen. Sein politischer und sozialer Einsatz ging weit über seine Arbeit hinaus, das rief Bewunderung hervor“, sagt er. “Er hat sich nie nach dem Kanon eines Künstlers verhalten, er war immer allen gegenüber offen. Das kann man in seinen Bildern sehen“. Die Anerkennung für sein kulturelles und soziales Engagement spiegelt sich auch auf institutioneller Ebene wider. Markel Olano, der Provinz-Präsident von Gipuzkoa schreibt, sein Tod hinterlasse “eine Spur von Farbe und Leben unter uns allen“, während für den Kultursenator Harkaitz Millán “mit Zumeta ein einzigartiger und persönlicher Stil in seinem Werk von uns geht, genau das was einen großen Künstler definiert und charakterisiert“. (1)

zumeta05Sein künstlerisches Schaffen

Im Laufe seiner langen Karriere hat Zumeta sowohl den abstrakten Expressionismus als auch die figurative Kunst kultiviert. Im Alter von 28 Jahren gewann er 1967 mit seiner “Homenaje al Guernica de Picasso“ (Hommage an das Gemälde Guernica von Picasso) den ersten Preis eines baskischen Malerei-Wettbewerbs. Von diesem Moment an blieb sein künstlerisches Schaffen über die Höhen und Tiefen des Marktes hinaus bekannt, seine Arbeiten wurden in Deutschland, Frankreich, der Tschechischen Republik, in New York sowie in zahlreichen spanischen Städten ausgestellt. Einzelne Werke sind in den wichtigsten Museen des Baskenlandes zu finden: im Museum San Telmo in Donostia-San Sebastian, im Museum der Schönen Künste in Bilbao und im Artium in Vitoria-Gasteiz. Weit über die Szene der Kunstliebhaber hinaus bekannt wurde Zumetas Werk durch die farbenfrohe Gestaltung der Plattencover, die er für die Musikalben seines Freundes Mikel Laboa (1934-2008) anfertigte, einer der großen baskischen Liedermacher. (4)

Zumetas Werk, persönlich und unverkennbar, zeichnet sich durch den Einsatz lebhafter Farben aus. “Das Spiel mit der Farbe fällt mir nicht schwer, es kommt aus mir heraus, ich denke nicht darüber nach“, sagte er in einem Interview anlässlich einer seiner letzten großen Ausstellungen in Irun im Jahr 2016. “Ich bin eher träge, aber weil mir das Malen gefällt, arbeite ich diszipliniert. Wenn ich aufhöre zu malen, werde ich depressiv“, bekannte er bei dieser Gelegenheit. Erstaunlich, bei der überwältigenden Produktion, die bis zum letzten Moment andauerte. (5)

Eigenbeschreibungen

Zumeta war einer der wenigen baskischen Maler, die nicht figurativ arbeiteten und dennoch Erfolg hatten. Dieser Erfolg erklärt sich einerseits durch die herzlich auffälligen Farben seiner Werke, zum anderen durch die Plattencover für Mikel Laboa. Auch in seinen letzten Lebensjahren war er überaus aktiv, seine Arbeiten waren in verschiedenen Ausstellungen zu sehen. Die letzte in Donostia wurde im Sommer 2019 in der Galerie Ekain gezeigt. Dort waren dreizehn Ölgemälde, sechs Gouachen und vier Aquarelle zu sehen. In all diesen Gemälden, die Zumeta als “Frucht des Augenblicks“ definierte, manifestierte sich erneut seine Neigung zu leuchtenden Farben und jenen Schwarztönen, mit denen er die abstrakten Formen markierte. “Alle Werke sind verschieden, aber der Stil ist derselbe. Es ist meine persönliche Note“, erklärte der Maler in der Präsentation der Ausstellung. (5)

zumeta06Der Maler aus Usurbil verwies dabei auch an seinen eigenen “roten Faden, der viel mit dem Zufall und dem Augenblick zu tun hat. Es gibt keine vorhergehende Idee oder ein Konzept, es gibt keine Botschaft, das Bild entsteht Schritt für Schritt, es entwickelt sich, füllt und ordnet sich, und irgendwann zeigt sich ein Weg, dem ich folge. Fast immer ist es die Arbeit selbst, die mir den Weg weist. Alles ist spontan und irgendwie subjektiv und zufällig“. (5)

Für Zumeta ist jedes seiner Bilder anders. “Alle Arbeiten, die ich mache, sind unterschiedlich. Der Stil ist derselbe, weil ich ihn nicht variieren kann. Der Stil macht den Künstler aus. Ohne Stil gäbe es keinen Unterschied zwischen den Malern, Rembrandt wäre genauso wie Velázquez. Man muss immer nach der persönlichen Note suchen, und nach so vielen Jahren ist meine Note definiert“, sagte er.

“Es spielt keine Rolle, was ich in dem Bild sehe. Alle sehen was sie sehen wollen. Eine Erklärung über das Bild abzugeben, ist hinfällig. Ich bin nicht in der Lage, zu rationalisieren, was ich mit einem Gemälde meine“, erklärte Zumeta einmal. Bei jener Gelegenheit, im Alter von 80 Jahren, erzählte er auch, dass er gewöhnlich mit der Farbpalette arbeite und dass die Nutzung neuer technologischer Hilfsmittel schwierig für ihn sei. “Das Wenige, was ich benutze ist das iPad, mit dem ich Skizzen oder Ideen vorbereite. Aber ich bin sehr ungeschickt, bei diesen Dingen komme ich nicht mehr mit“, erklärte er. (5)

ANMERKUNGEN:

(1) Zitate aus dem Artikel “Agur al pintor del color de Euskal Herria“ (Abschied vom Maler der Farbe des Baskenlands) von Alex Zubiria (LINK)

(2) Ez Dok Amairu – Baskische Liedermacher (LINK)

(3) Koldobika Jauregi (geb 1959 in Alkiza, Gipuzkoa), ist aktuell einer der bedeutendsten baskischen Bildhauer. 1978 begann er seine ersten Skulpturen zu kreieren und sich autodidaktisch weiterzubilden. Im selben Jahr stellte er beim Jugendwettbewerb in Donostia-San Sebastián ein Werk vor und gewann den ersten Preis. Seitdem hat er ein umfangreiches Werk in Stein, Holz und Eisen geschaffen. Viele seiner Skulpturen sind in öffentlichen Räumen zu sehen.

zumeta07(4) Mikel Laboa (1934-2008) war ein baskischer Liedermacher und Gitarrist. Er studierte Medizin und blieb auch während seiner Musikerkarriere Arzt. 1958 sang er auf einem Benefiz-Konzert in Iruñea (Pamplona) zum ersten Mal vor Publikum. Seit den 1960er Jahren trat er regelmäßig im Baskenland auf. Bekannt wurde er durch moderne Interpretationen traditioneller baskischer Lieder. In den 1960er Jahren gründete er zusammen mit anderen baskischen Künstlern die Gruppe "Ez Dok Amairu" (baskisch für: "Es gibt keine Dreizehn", mit Bezug auf die Unglückszahl 13), die das Ziel verfolgte, die durch das Franco-Regime unterdrückte baskische Kultur wiederzubeleben. Dabei wurde besonderen Wert gelegt auf die Förderung und Würdigung der baskischen Sprache. Innerhalb dieser Gruppe wurde Laboa zum bedeutendsten Vertreter des sogenannten Neuen Baskischen Gesangs. (Wikipedia)

(5) Artikel in Tageszeitung Diario Vasco: “Fallece Zumeta Pintor Guipuzcoano“ (Der Maler Zumeta aus Gipuzkoa ist tot) von Alberto Moyano, 24. April 2020. (LINK)

ABBILDUNGEN:

(1) Zumeta (eitb)

(2) CD-Cover (elkar)

(3) Zumeta (sala dalmau)

(4) Zumeta (wikipedia)

(5) Zumeta: Gernika

(6) Zumeta: Laboa

(7) CD-Cover (elkar)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2020-04-30)

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