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Innovation als Krisenfeuerwehr

Österreich könnte vom Baskenland in Sachen angewandte Forschung und Innovation einiges lernen. Das meint das mittelständische Forschungs-Netzwerk Austrian Cooperative Research (ACR) nach einer Studienreise nach Donostia und Bilbo. Der Abschlussbericht zeigt, wie in der Autonomen Gemeinschaft nach der Krise der 80er Jahre Industrie-Förderung betrieben wurde, mit dem Schwerpunkt auf Forschung und Technologie-Entwicklung. Mit Zahlen belegt ACR, dass die Basken im europäischen Vergleich sehr gut dastehen.

Die alljährliche Studienreise des Forschungs-Netzwerks Austrian Cooperative Research (ACR) führte die Teilnehmer 2016 ins Baskenland. Vom 12. bis 16 Juni reiste die 32 Personen umfassende ACR-Delegation nach Bilbao und San Sebastián. Die Region Baskenland habe eindrucksvoll gezeigt, wie wirtschaftsnahe Forschung in kurzer Zeit viel bewegen kann, so der Präsident von Austrian Cooperative Research. Ziel war, die Forschungsstrategie der Region kennen zu lernen, Ideen auszutauschen, Kontakte zu knüpfen und sich von einzelnen Projekten inspirieren zu lassen.

Die autonome Region Baskenland ist in den 1970er und 1980er Jahren durch den Niedergang der Schwerindustrie und eine verheerende Überschwemmung in Bilbao in eine schwere Krise geschlittert. Überwunden hat man diese durch eine offenbar visionäre Politik, die sich in der Stadt-Entwicklung Bilbaos mit dem Guggenheim-Museum als Flaggschiff am sichtbarsten manifestiert. Ebenso brummend wie der Tourismus hat man durch Unternehmergeist und die Umorientierung in Richtung Hightech auch die Wirtschaft wieder flott bekommen. (1)
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Das Baskenland sei sicherlich die innovativste Region in Spanien, betonte der österreichische Wirtschafts-Delegierte in Madrid, Michael Spalek. Für Leitl hat die Konzentration auf anwendungs-orientierte Innovation geholfen, Lösungen zu finden und mit wirtschaftlichem Know-How zu paaren. Entsprechend gut stehen die Basken heute da, etwa wenn man die Arbeitslosenrate von zwölf Prozent mit jener Gesamt-Spaniens (22 Prozent) vergleicht.

Produktivitätsrate um 30 Prozent höher als EU-Schnitt

Einer der Hauptgründe dafür ist die lange Industrie-Tradition des Baskenlands, das etwa so groß wie Salzburg ist, aber rund zwei Mio. Einwohner hat und dessen Brutto-Inlands-Produkt – BIP, 2015: 66 Mrd. Euro, plus vier Prozent gegenüber 2014 – auch heute noch zu mehr als 24 Prozent von der Industrie erwirtschaftet wird. Stolz ist man dabei auf eine um 30 Prozent höhere Produktivitäts-Rate als der Schnitt der EU-Länder. Die Schwerpunkte liegen dabei vor allem in der Stahl-Erzeugung und Verarbeitung in den Bereichen Automobil- und Aeronautik, Maschinenbau, Umwelt und Energie.

Ihre Strategie fassen die Basken unter dem Schlagwort „BIGlittle" zusammen: „Wir sind ein kleines Land und versuchen groß zu sein, in dem was wir tun", erklärte Alexander Arriola, Chef der baskischen Agentur zur Förderung der Wirtschaftsentwicklung SPRI vor Institutsleitern und Mitarbeitern der ACR in Bilbao (SPRI - Agentur der baskischen Regierung zur Förderung der Wettbewerbsfähigkeit und Wirtschaftsentwicklung). Dazu gehört auch eine „intelligente Spezialisierungs-Strategie", die eine Konzentration auf die drei Bereiche Energie, moderne Fertigungs-Technologien und Bio-Wissenschaft vorsieht.

Eine wichtige Rolle nimmt dabei Forschung und Entwicklung (F&E) ein. Die Investitionen in diesen Bereichen sind mit zwei Prozent des BIP im Vergleich zur Forschungsquote Spaniens hoch (Spanien 1,24 Prozent, Österreich 3 Prozent). In der Strategie ist ein Wachstum der privaten und öffentlichen Forschungs-Ausgaben von derzeit jährlich knapp 1,5 Mrd. Euro auf knapp 2 Mrd. Euro vorgesehen. Der Anteil des privaten Sektors soll dabei leicht von derzeit 59 auf 61 Prozent wachsen, jener der öffentlichen Hand von 35 auf 31 Prozent sinken. Als Summe sind zwischen 2014 und 2020 F&E-Aufwendungen von 11,1 Mrd. Euro geplant. Insgesamt arbeiten rund 30.000 Forscher im Baskenland, 45 Prozent der jungen Basken haben einen höheren Abschluss, was bereits zu einem Facharbeitermangel führt.

Allein im Energiesektor gibt es 350 Unternehmen im Baskenland mit 68.000 Beschäftigten und Forschungs-Ausgaben von 400 Mio. Euro bei einem Umsatz von 44 Mrd. Euro. Mit 470 Mio. Euro bei einem Umsatz von 13 Mrd. Euro noch höher sind die Forschungs-Aufwendungen der rund 350 Firmen der baskischen Automobilindustrie, die 35.000 Personen beschäftigen. Um die Wettbewerbs-Fähigkeit der baskischen Automobilindustrie zu verbessern, wurde mit 100 Mio. Euro öffentlicher Förderung 2009 das „Automotive Intelligence Center" (AIC) eröffnet. Nach dem Konzept „Open Innovation" haben rund 30 Unternehmen ihre Forschungs-Abteilungen in das AIC ausgelagert oder kooperieren auf Projektbasis mit den 750 Mitarbeitern des Zentrums.
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Zwei große F&E-Plattformen

Abgesehen von diesem Spezialisten – und dem Grundlagenforschungs-Bereich mit einer staatlichen und vier privaten Universitäten, sowie acht Exzellenz-Forschungszentren – konzentriert sich die angewandte, wirtschaftsnahe Forschung im Baskenland auf zwei große F&E-Plattformen: da ist einerseits „IK4", ein Dachverband von neun privaten baskischen Forschungsinstituten, die eng mit Unternehmen verbunden sind, mit rund 1.300 Mitarbeitern; andererseits „Tecnalia", ein Forschungszentrum, das 2011 aus dem Zusammenschluss von acht Instituten hervorgegangen ist und 1.400 Mitarbeiter hat. Der Umsatz der beiden Einrichtungen liegt jeweils bei über 100 Mio. Euro, beide erwirtschaften mehr als 50 Prozent davon im privaten Sektor.

Dazu kommen drei Technologieparks, wo insgesamt 430 Hightech- und Forschungs-Unternehmen angesiedelt sind, und – wie der Park Gipuzkoa in San Sebastian zeigt – Europas Forschung gar nicht alt aussieht: immerhin erschließen dort drei autonom fahrende Mini-Busse auf einer 2,5 Kilometer langen, auch für Individualverkehr offenen Strecke den Park. Entwickelt wurden sie u.a. von „Tecnalia" in einem EU-Projekt, derzeit laufen Gespräche mit San Sebastian über eine Erweiterung des Testgebiets in das Stadtgebiet.

„Die Spitze ist der halbe Weg“

Ein Projekt, von dem man sich durchaus inspirieren lassen kann, ist etwa City Mobil 2, ein selbstfahrender Minibus, der am Gelände des Technologieparks Gipuzkoa bei San Sebastián seine Runden dreht. Entwickelt werden die autonomen Minibusse unter anderem im Industrielabor des renommierten baskischen Forschungszentrums Tecnalia. Das von der EU geförderte Projekt entwickelt Prototypen für ein automatisiertes Straßen-Transportsystem. Die Testfahrt mit dem Minibus war neben der Besichtigung des Guggenheim Museums eines der Highlights der Reise, die den Delegierten ein straffes Informations- und Besuchsprogramm quer durch die baskische Forschungslandschaft bot.

Der Kleinbus rollt mit zwölf Stundenkilometern die Gerade entlang. Wo sonst der Fahrer sitzt, ist ein Sensor montiert, die Navigation funktioniert über GPS. Niemand steuert, das Fahrzeug lenkt autonom und visiert schließlich eine Verkehrsinsel an, um darauf zu parken. Doch zwei Räder bleiben auf der Straße, es gerät in Schieflage, und der Begleiter muss eingreifen. „Das ist uns noch nie passiert“, sagt er auf Englisch mit starkem spanischem Akzent. Und die zehn österreichischen Fahrgäste aus unterschiedlichen Bereichen der angewandten Forschung schmunzeln. „Das sagen wir auch immer“, scherzt einer.

Dass eine neue Entwicklung nicht immer gleich funktioniert, überrascht nicht. Forschung bedeutet, Neues auszuprobieren, und dazu gehört auch, dass etwas nicht so klappt, wie gedacht – und damit Raum für Verbesserungen aufzeigt. Was vielleicht mehr erstaunt, ist der Ort, an dem der Prototyp des autonomen Busses seine Testfahrten unternimmt: der Technologiepark Gipuzkoa bei San Sebastián. Der spanische Teil des Baskenlandes nahe der französischen Grenze ist vielen Österreichern bislang wohl eher als Tourismus-Destination und weniger als europäische Innovations-Region bekannt.

Dieses Motto trägt man auch hinaus in die Region: „The top is half of the way“ – „Die Spitze ist der halbe Weg“ steht etwa in großen Lettern an der Wand des riesigen Industrielabors von Tecnalia in San Sebastián, wo die autonomen Minibusse entwickelt werden. Ehrgeizig soll es auch künftig weitergehen. Klappt alles, sollen die autonomen Minibusse schon demnächst im Stadtgebiet von San Sebastián fahren dürfen. Derzeit laufen noch Gespräche für die Genehmigung. Doch wie steht es – ebenfalls an der Laborwand bei Tecnalia – geschrieben? „Eine Person kann alles, was sie sich vorstellen kann, Wirklichkeit werden lassen.“ Das treibt die Basken offenbar an.
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ACR wünscht sich mehr Unterstützung der öffentlichen Hand

Von einer öffentlichen Basisfinanzierung von jeweils 17 Prozent der beiden baskischen Forschungszentren können die österreichischen kooperativen Forschungszentren nur träumen, die Basisfinanzierung der ACR beträgt vier Prozent ihres rund 60 Mio. Euro-Umsatzes. Hier wünscht sich Leitl mehr Unterstützung der öffentlichen Hand, vor allem auch angesichts der „herausragenden" Evaluierungsergebnisse der ACR und der im Vorjahr verabschiedeten Forschungsstrategie der ACR, die stark auf Internationalisierung setzt.

Denn diese Internationalisierung ist ob der Kleinheit der meisten ACR-Institute gar nicht so einfach umzusetzen. Während etwa „IK4" und „Tecnalia" an zahlreichen EU-Projekten beteiligt sind, würden viele ACR-Institute an den dafür erforderlichen Eigenmitteln scheitern, sagte ACR-Geschäftsführer Johann Jäger. Durch Kooperation mit internationalen Partnern wie etwa „Tecnalia" versuche man sich hier anzunähern. Abgesehen von der Konzentration auf die angewandte Forschung hat Jäger der Zug der Basken zum Markt imponiert: „Dort werden Innovationen gemacht, um Brutto-Inlands-Produkt zu kreieren, das muss auf den Markt", sagte er. Tecnalia-Chef Iñaki San Sebastian hat das für sein Forschungszentrum so formuliert: „Wir verwandeln Technologie in BIP".

Besonders beeindruckt hat die Teilnehmer der Studienreise, wie viel der Fokus auf wirtschaftsnahe Forschung in kurzer Zeit bewegen kann. Das Baskenland gilt heute als die innovativste Region in Spanien. Das war jedoch nicht immer so. Nach dem Niedergang der Schwerindustrie, ETA-Terror und verheerenden Überschwemmungen in den 70er und 80er Jahren schlitterte das Baskenland in eine handfeste Krise. Mit vereinten Kräften schafften die Basken jedoch den Turnaround, seitdem setzt die autonome Region stark auf Forschung und Entwicklung in Verbindung mit der Reindustrialisierung des Landes. Es gibt eine Strategie der Spezialisierung auf die Bereiche neue Fertigungs-Technologien (Industrie 4.0), Energie und Biowissenschaften, sowie eine klar strukturierte Clusterpolitik. Als Motto gilt: „Try to be big in what you do!"

Heute steht die Region sehr gut da, der Industrieanteil am Brutto-Regional-Produkt beträgt 25 Prozent, die Arbeitslosenrate liegt mit 12 Prozent deutlich unter dem spanischen Schnitt von 22 Prozent, das Ausbildungsniveau ist sehr hoch, die Produktivitätsrate liegt 30 Prozent über dem EU-Schnitt und die Forschungsquote hebt sich mit 2 Prozent auch deutlich vom Rest Spaniens ab.
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Was sich die Österreicher noch abschauen könnten? Neben der höheren Förderung der Forschungs-Einrichtungen (17 Prozent Basisfinanzierung erhalten sowohl IK4 als auch Tecnalia) ist es vielleicht die Einstellung. Da werden Innovationen gemacht, um einen Beitrag zum Brutto-Inlands-Produkt zu leisten. Alle sind stolz darauf, wieviel sie der Gesellschaft zurückgeben.

Die ACR-Studienreise ins Baskenland wurde vom österreichischen Außenwirtschafts-Center in Madrid, allen voran durch den Wirtschafts-Delegierten Michael Spalek und seine Mitarbeiterin Monika Wall, tatkräftig unterstützt. Seit 2010 organisiert die ACR jedes Jahr eine Studienreise in ein europäisches Land, um sich ein Bild von dessen Forschungslandschaft und Innovationssystem zu machen, Ideen zu holen und Synergiepotentiale mit internationalen Partnern zu erschließen. Teilnehmer sind die Leiter der ACR-Institute, Vertreter von Ministerien und Interessen-Vertretungen sowie Fachjournalisten. Die bisherigen Destinationen: Belgien (2010), Türkei (2011), Schweden (2012), Frankreich (2013), Luxemburg (2014), Dänemark (2015).

ANMERKUNGEN:

(1) Der vorliegende Artikel ist eine Zusammenfassung von drei Artikeln über eine ACR-Studienreise ins Baskenland. A. „ACR war auf Studienreise im Baskenland“ (Link/ B. „Forschung kurbelt die Wirtschaft an“ (Link/ C. „Im Baskenland fahren auch die Busse autonom“ (Link).

FOTOS:

(*) alle Abbildungen sind der Presse-Fotogalerie ACR entnommen (Link)

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