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Vom Boom der Ein-Tages-Verträge

Nach dem Ende des industriellen Booms in den 80er Jahren setzten Regierungen und Verwaltungen stark auf Dienstleistung, insbesondere auf Tourismus. Bilbao mit seinem Guggenheim-Projekt ist ein Paradebeispiel dafür. Feste und relativ gut bezahlte Arbeitsplätze in der Produktion wurden ersetzt durch schlecht bezahlte, befristete Arbeitsverhältnisse. Sogenannte „Arbeitsmarkt-Reformen“ räumen den Arbeitgebern mehr Spielraum bei Verträgen ein – die Situation der Beschäftigten hingegen verschärft sich.

Die Zahl der Ein-Tages-Verträge hat sich in den vergangenen zehn Jahren fast verdoppelt, die Sektoren Gastronomie und Hotelgewerbe stechen dabei besonders ins Auge. Im Baskenland haben 80% der neuen Arbeitsverträge eine Dauer von weniger als einem Monat.

Zeitarbeitsverträge werden immer kürzer, gleichzeitig sind es immer mehr Arbeitsverhältnisse, die am selben Tag aufhören, an dem sie begonnen haben. Das ist die Schattenseite eines Arbeitsmodells, das die spanische Rechts-Regierung der Gesellschaft verordnet hat. Der Tourismus spielt darin eine bedeutende Rolle, wenn wir den Daten folgen, die die sozialdemokratische Gewerkschaft UGT vorgelegt hat. Nach dem Beginn der weltweiten Krise des Kapitalismus ist die Laufzeit von neuen Zeitarbeits-Verträgen im Durchschnitt um 32% gesunken, konkret auf die Zahl von 53 Arbeitstagen, so der UGT-Bericht. Besonders stark gestiegen ist die Zahl der Verträge von weniger als einer Woche. Die in diesen Bereich fallenden Ein-Tages-Verträge haben sich in den vergangenen Jahren verdoppelt, bei dieser Entwicklung spielt das Hotel- und Gaststätten-Gewerbe eine besonders fatale Rolle. (1)

Denn genau in diesem Dienstleistungs-Sektor wurde auf spanischer Ebene fast ein Drittel der Ein-Tages-Verträge des zweiten Quartals 2016 unterzeichnet: 13.000 von insgesamt 43.500. Auch Handel und Verwaltungs-Sektor haben großen Anteil an diesen Minimal-Verträgen, deren Zahl sich seit 2007 fast verdoppelt hat, vor neun Jahren wurden weniger als 25.000 solcher Verträge abgeschlossen. Insbesondere seit 2012, dem Zeitpunkt der rechten Regierungsübernahme und der „Sozialreformen“, hat sich diese Entwicklung beschleunigt. Vor der Krise stellten Ein-Tages-Verträge 0,5% aller neuen Verträge dar, heutzutage liegt ihr Anteil bei 1%, so die Untersuchung der Gewerkschaft UGT.

Juli und August sind die Monate des Sommergeschäfts, dies ist der Zeitraum, in dem der Tourismus die stärksten Spuren auf dem Arbeitsmarkt hinterlässt. In den Monaten davor, zwischen April und Juni 2016, wurden 127.000 Verträge abgeschlossen, deren Dauer sich zwischen einem Tag und einem Monat bewegte, das sind 3% der Gesamtverträge, im Jahr 2007 waren es noch 2% gewesen. Das bedeutet auch, dass die Ein-Tages-Verträge ein Viertel der Verträge von weniger als einem Monat ausmachen.

Dienstleistung und Industrie

Ein Großteil der prekären Arbeitsverhältnisse spielt sich im Bereich von Dienstleistung und Handel ab. Doch auch im Gesundheits-Sektor, im Primärsektor Landwirtschaft, in der verarbeitenden Industrie und in der öffentlichen Verwaltung wurde eine große Zahl von Verträgen von weniger als einem Monat festgestellt. Die Industrie der Rohstoff-Förderung, das Bankwesen und das Immobiliengeschäft weisen in dieser Hinsicht die niedrigsten Zahlen auf.
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Die Gewerkschaft stellt fest, dass die Prekarität immer mehr in sogenannten Werksverträgen ihren Ausdruck findet, dabei machen die Verträge von weniger als einer Woche bereits 11% aus, jene von weniger als einem Monat 15%. Problematisch ist, dass in der Mehrzahl dieser Art von Verträgen die Dauer nicht angegeben ist, weil sie von der Fertigstellung einer bestimmten Dienstleistung oder eines konkreten Arbeitsprojekts abhängig ist: ist das „Werk“ fertig, endet der Vertrag (daher der Name Werks-Vertrag).

Unter den Gelegenheits-Verträgen, in denen zum Zeitpunkt der Unterzeichnung ein Ende angegeben ist, machen Verträge unter einer Woche 44% aus, vor der Krise waren es 28%; die Verträge mit Laufzeit von weniger als einem Monat erreichen die Quote von 70%.

Auch die baskische Gewerkschaft ELA hat Daten vorgelegt, danach dauern 6 von 10 befristeten Verträgen (60%) weniger als eine Woche, 80% erreichen nicht die Monatsgranze. ELA bezieht sich insbesondere auf die Zahlen vom baskischen Arbeitsmarkt, bei dem ebenfalls eine starke „Arbeits-Rotation“ festgestellt wird. Laut Arbeitsmarkt-Observatorium (Concejo de Relaciones Laborales), ein öffentlicher Organismus (besetzt mit Regierung, Gewerkschaften und Arbeitgebern), unterschreiben im Baskenland alle Personen, die sich auf dem Arbeitsmarkt bewegen, pro Jahr im Durchschnitt drei Verträge von kurzer Dauer.

„Die Verkürzung der Laufzeiten der Arbeitsverträge ist eine Erscheinung, die in direktem Zusammenhang steht mit zunehmender Prekarisierung in der Arbeitswelt. Sie ist vor allem seit 2010 zu beobachten und hat zu tun mit gesetzlichen Neuregelungen, die den Unternehmern mehr Spielraum bei Verträgen und Entlassungen eingeräumt haben“, klagt die UGT in Bezug auf die Arbeitsreformen der beiden letzten spanischen Regierungen (Zapatero und Rajoy). Der Großteil dieser Regelungen betrifft alle Regionen im Staat. Die christdemokratische baskische Regierung hat diese Gesetze zwar mehrfach als unsozial kritisiert, gleichzeitig liegt sie mit den Privatisierungen von öffentlichen Dienstleistungen durchaus im Trend. Dabei werden über Sub-Unternehmen Arbeitsbedingungen, Arbeitsplatz-Sicherheit und Bezahlung ausgehebelt, zuletzt exemplarisch zu sehen am Beispiel der Guggenheim-Beschäftigten: 19 bei einem Sub-Unternehmen angestellte wurden „kalt“ entlassen, indem der Sub-Vertrag nicht verlängert wurde.

Dass die Gewerkschaft UGT – zusammen mit der post-kommunistischen CCOO (Comisiones Obreras) – ihren Anteil von Verantwortung trägt an den fatalen Regelungen auf dem Arbeitsmarkt, wird in derartigen Lageberichten gerne unterschlagen. Bei den „Reformen“ der sozialdemokratischen Regierung mit Zapatero hatten die beiden großen spanischen Gewerkschaften zähneknirschend klein beigegeben, um die Regierung aus dem eigenen politischen Lager nicht in Bedrängnis zu bringen. Als die folgende Rechts-Regierung von Rajoy mit ihrer „Arbeitsmarkt-Reform“ dann erneut zu einem noch derberen Schlag ausholte, waren die Gewerkschaften dennoch bereit, in einen Sozialdialog zu treten, „um das Schlimmste zu verhindern“, so die gängige Formulierung in solchen Situationen. Dass sie mit dieser Beteiligung dem arbeitnehmer-feindlichen Gesetzes-Paket ihre Legitimierung gaben, davon wollen sie heute ungern hören. Die großen baskischen Gewerkschaften – ELA und LAB – lehnen diese Art von Dialog grundsätzlich ab, weil außer unwesentlichen Kleinigkeiten nichts zu erreichen ist, sie riefen vielmehr zum Generalstreik gegen die Maßnahmen der Zentral-Regierung auf. Besonders zynisch ist die Tatsache, dass die UGT in den eigenen Reihen ebenfalls auf befristete Arbeitsverträge zurückgreift und somit alles andere als mit gutem Beispiel vorangeht.
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Die Gewerkschaft fordert, den Missbrauch im Bereich der befristeten Beschäftigung zu kontrollieren und zu verfolgen. Dafür schlägt sie vor, die konkrete Anwendung von mit Produktions-Umständen begründeten Werks- und Zeitverträgen zu überprüfen und gleichzeitig Kontrollen und Überwachung durch die Arbeits-Inspektion zu verstärken, um betrügerische Praktiken offenzulegen. Die Sanktionen sollen erhöht werden, die ungerechtfertigte Nutzung von befristeten Arbeitsverträgen soll härter bestraft werden.

Die Gewerkschaft hält es für notwendig, dass Unternehmer die Gründe darstellen müssen, weshalb sie Verträge von weniger als einer Woche anbieten, gleichzeitig sollen spezielle Obergrenzen festgelegt werden, wieviele Zeitverträge in Folge unterschrieben werden dürfen. Momentan liegt die zeitliche Grenze bei 24 von 30 Monaten, das sei jedoch nicht anwendbar auf Verträge, die nur eine Woche dauern, so die Gewerkschaft.

ANMERKUNGEN:

(1) Information und Zitate aus dem Artikel „El turismo dispara los empleos de un día en España”, (Der Tourismus lässt die Ein-Tages-Beschäftigung in die Höhe schnellen) in der Tageszeitung Deia vom 4.10.2016

FOTOS:

(*) Prekäre Arbeitsbedingungen erhöhen die soziale Unsicherheit (Foto Archiv Txeng)

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