naosanjuan01Die "San Juan" taucht wieder auf

Wir schreiben das Jahr 1565 und befinden uns an der Küste von Labrador, Red Bay. Das Segel- und Walfangschiff "San Juan", eine im Baskenland gebaute Galeone, liegt in der Bucht vor Anker, als ein Sturm aufkommt und das Schiff heftig schüttelt. Alle Seeleute befinden sich an Land, in der größten baskischen Walfängersiedlung Kanadas. Besorgt schauen sie auf das erst zwei Jahre vorher im gipuzkoanischen Pasaia (spn: Pasajes) vom Stapel gelaufene Schiff.

Die Galeone ist voll beladen und steht kurz vor der Rückkehr nach Euskal Herria. Monatelang haben die Seeleute auf hoher See Wale gejagt. Nun müssen sie hilflos zusehen und abwarten, was mit ihrem Schiff und seiner Fracht passiert. Doch ihre Gebete sind umsonst. Fassungslos beobachten sie, wie die Anker unter der Wucht der Wellen reißen. Ein letzter Brecher nimmt das 25 Meter lange und 7 Meter breite Schiff mit drei Decks, sieben Walfangbooten, 200 Tonnen Fracht und Platz für 60 Männer Besatzung, treibt es weg vom Ankerplatz und wirft es gegen die Felsen der Saddle-Insel.

Die Galeone "San Juan" war das größte Übersee-Schiff ihrer Zeit, in den gefährlichen Gewässern des Nordatlantiks war sie unterwegs auf der Suche nach den gefragten Rohstoffen, die Wale liefern. Zeitgenössische Spitzentechnologie des 16.Jahrhunderts sozusagen, im Dienste der ältesten Wirtschaftsaktivität des Baskenlandes. Seit unendlichen Zeiten fischten die Basken im kantabrischen Meer Glattwale, die von Aussichtsplätzen an der Küste aus gesichtet und dann mit den Txalupas genannten Walfang-Ruderboten gejagt, harpuniert und in die Häfen geschleppt wurden. Diese Walart, die auch baskischer Wal (ballena vasca) genannt wurden, waren unter den Seeleuten besonders beliebt, denn sie schwammen besonders langsam. In ihren massigen Körpern befand sich so viel Fett, dass sie sogar noch an der Wasseroberfläche blieben, wenn sie schon tot waren. So konnten sie gut abgeschleppt werden. Die Fischer entwickelten bestimmte Techniken des Fangs. Zum Beispiel konzentrierten sie ihre Jagd auf Jungtiere, denn es war klar, dass diese von den Alten nicht im Stich gelassen würden und sich in irgendeinem Moment die Gelegenheit zur Harpunierung der Alttiere ergeben würde. Alten Registern ist zu entnehmen, dass die Fischer des baskischen Küstenortes Lekeitio zwischen 1517 und 1662 immerhin 45 Wale gejagt hatten.

Doch Jahrhunderte des Walfangs reduzierten die Zahl der großen Meeressäuger und zwangen die Fischer, immer weitere Kreise zu ziehen auf der Suche nach den gefragten Rohstoffen. Erst ging es an der Küste entlang bis Galicien, dann bis Island und schließlich bis zu den Orten in der "Neuen Welt", die wir heute unter den Namen Neufundland und Labrador kennen. Dort wurde eine ganze Reihe von Siedlungen gegründet, von denen aus die Besatzungen ihre Beutezüge unternahmen und in denen die Rohstoffe gleichzeitig verarbeitetet und transportbereit gemacht wurden. Nicht wenige Historiker gehen davon aus, dass diese baskischen Walfänger in jenen Gegenden bereits fischten lange bevor Kolumbus sich zu seiner sogenannten "Entdeckungsreise" aufmachte.naosanjuan02

Mitte des 16.Jhds. war das Baskenland eine führende europäische Seemacht, viele baskische Küstenorte lebten vom Fischfang und der zusätzlich an Land erforderlichen Arbeit. Diese Orte lebten insbesondere von den wertvollen Produkten, die die Wale lieferten. Zuerst die Walbarten, ein elastisches, flexibles und dauerhaftes Material, das den Walen als eine Art Kiemen dazu diente, Nahrung aus dem Wasser zu filtern. Dieser Rohstoff war zur damaligen Zeit konkurrenzlos, er wurde genutzt zur Herstellung von Korsetts und Damenkleidern. Danach die Knochen, aus denen verschiedenste Möbel gezimmert wurden. Schließlich das Fleisch, das zwar auf der iberischen Halbinsel wenig beliebt war, auf dem französischen Markt jedoch gut verkauft wurde. Und nicht zuletzt das Fett, das in ganz Europa gefragt war, weil es ein ausgezeichnetes Lampenfett darstellte und somit zur Beleuchtung diente, ohne Rauch und schlechten Geruch zu verbreiten. Walfett wurde für die baskischen Schiffsbesitzer zum zentralen Rohstoff, sie ließen an der kanadischen Atlantikküste ein ganzes Netz von kleinen Manufakturen zur Verarbeitung der Wale bauen. Jedes Jahr liefen um die 15 Walfangschiffe Richtung Neufundland aus, jedes konnte sechs bis neun der Meeres-Säugetiere jagen. In den kanadischen Siedlungen warteten die Fischer darauf, dass die Wale vorbeizogen, um sie dann zu verfolgen, an die Küste zu schleppen, zu enthäuten und das Fett herauszuholen. Dieses erbeutete Fett wurde flüssig gemacht und in Fässer geladen. Nach einer Jahresproduktion von mehreren Tausend Fässern dieses Wal-Petroleums fuhren sie von Kanada zurück nach Europa. Dieses Geschäft brachte den Reedern derart viel Gewinn, dass sie einigen der Seeleute in der Red Bay anboten, den Winter über in der Walfang-Siedlung zu bleiben, um im Schiff Platz zu schaffen für zwei oder drei Fässer mehr.

Der Unterwasserschatz

Zurück nach 1565. Die hohen Wellen reißen die San Juan von der schützenden Küste weg und schleudern sie an die Felsen der Insel am Ende der Bucht, nur wenige Seemeilen von der Siedlung mit dem Namen Wal-Bucht (Balea Baia) entfernt. An den Felsen brechen die eichenen Spanten, der Rumpf wird aufgeschlitzt, das stolze Schiff sinkt in wenigen Minuten. Mit auf den Meeresgrund gerissen werden tausend Fässer mit tierischem Fett, Walfett, die bereits unter Deck verstaut worden waren. Der Untergang der Galeone bedeutet einen enormen wirtschaftlichen Verlust von umgerechnet 7 Millionen Euro im heutigen Wert. Doch auch wenn die Ladung die Lampen von halb Europa nicht mehr erhellen konnte, warf der Untergang des Walfangschiffs doch ein Licht auf bisher unbekannte Aspekte der Geschichte der Schifffahrt.

1978 entsandte die Organisation Parcs Canada, die sich dem Schutz des natürlichen und kulturellen Erbes Kanadas widmet, ein Team von Archäologen unter Leitung von Robert Grenier an die Küste von Red Bay. In zehn Meter Tiefe entdeckten sie das Wrack des baskischen Schiffs. Die niedrigen Temperaturen der kanadischen Gewässer hatten die Einzelteile der Galeone erstaunlich gut konserviert. Das Expertenteam befand sich vor einem der wertvollsten archäologischen Unterwasserschätze der Welt. Nach ungefähr 14.000 Tauchstunden im eiskalten Wasser und einer mehr als dreißig Jahre dauernden und umfangreichsten wissenschaftlichen Forschungsarbeit, die jemals einem Schiff gewidmet worden war, waren die Wissenschaftler in der Lage, die offenen Fragen zu beantworten, die der Untergang dieses Schiff aufgeworfen hatte. Ihre Entdeckung stieß in der Welt der Wissenschaft auf großes Interesse: das Wrack wurde zum Symbol der Unterwasser-Archäologie und als UNESCO-Weltkulturerbe katalogisiert. Im Fischerdorf Red Bay im Süden Labradors gibt es heute ein Museum, das den baskischen Walfängern gewidmet ist, ein Zeichen dafür, dass die großen Heldentaten oft in der Ferne mehr Beachtung finden als unter den Nachfahren der Protagonisten im Heimatland.naosanjuan03

Baskisches Kulturerbe

Der Widerhall dieser Entdeckung erreichte auch Euskal Herria und fand besonderes Interesse bei der Stiftung Albaola (3), die sich den Erhalt des Kulturerbes der baskischen Schifffahrt zur Aufgabe gemacht hat. Diese Stiftung stellte im Jahr 2005 in traditionell handwerklicher Bauweise Stück für Stück den Nachbau einer der Schaluppen fertig, die die Walfänger bei der Jagd auf Wale benutzt hatten. Diese "Butus" genannte Schaluppe mit ihren acht Metern Länge und zwei Metern Breite, hergestellt aus massiver Eiche und versehen mit dreißig Quadratmetern Segel, ist eine Kopie der Schaluppen, die im 16.Jahrhundert zusammen mit der Galeone "San Juan" in Red Bay untergingen. Der Nachbau diente als Feuerprobe für das kolossale Projekt des Nachbaus der untergegangenen"San Juan", originalgetreu, Rippe für Rippe, Nagel für Nagel, den traditionellen Konstruktionstechniken folgend und gemäß der von "Parcs Canada" minutiös aus dem Vergessen geretteten Vorlage. (4)

Im Juni 2013 fiel der Startschuss. An den Kaimauern von Ondartxo in Pasaia, dem Heimathafen des Walfangschiffs, begann der für Zuschauer und Interessierte offen zugängliche Konstruktionsprozess. Aus den Wäldern des Sakana-Tals in Navarra wurden die 200 Eichen geliefert, die zum Bau nötig waren. Der Ort Quintanar de la Sierra in der Provinz Burgos sollte den unentbehrlichen, aus Kiefernholz hergestellten Teer beisteuern, um das Holz zu schützen und die Verbindungen abzudichten. So schlossen sich nah und fern gelegene Orte dem Projekt an. Am 25.Juni 2014 wurde in einer symbolischen Zeremonie der erste Grundstein gelegt, in diesem Fall aus Holz. Es handelte sich um den Kiel aus Buchenholz, das Kernstück des Schiffs, von dem die gesamte Struktur des Schiffs ausgeht.

Seitdem sind in den Werften Ondartxos vierzehn im Nachbau von antiken Schiffen erfahrene Schreiner mit der Unterstützung von Freiwilligen dabei, dem Schiff Gestalt zu geben. Nach der Formgebung der gigantischen Baumstämme mit Hilfe von Schablonen, die jedes einzelne Teil des Schiffs darstellen, konnten die Schreiner bereits das Skelett vollenden, das aus Steven, Planken, Spanten und Decksbalken besteht. Das Sägen, Spalten und Formen des Holzes stellt neben der beruflichen Erfahrung auch eine enorme körperliche Herausforderung dar.naosanjuan04

Wie vor vier Jahrhunderten

Der Präsident der Stiftung Albaola, Xabier Agote, wird von Zuschauer oft bewundert, wenn er geschickt mit der Axt hantiert. "Uns geht es darum, Geschichte lebendig zu machen, sie aus den Museen auf die Straße zu holen. Die Menschen sollen über die Bewunderung archäologischer Reste in Glasvitrinen hinaus sehen und verstehen, wie hier im Fall der Galeone "San Juan" früher gearbeitet wurde, was die Techniken ausmachte", erklärt er. Sein Traum, dem Schiff neues Leben zu geben, nimmt von Tag zu Tag mehr Gestalt an. "Wir sind uns nicht kaum vorstellen, welche tiefgehenden Kenntnisse die damaligen Architekten des Schiffbaus hatten", stellt er weiter fest. Seiner Meinung nach werden "Geschichten wie die des Schiffs San Juan zu wenig bekannt gemacht", sagt der Handwerker, der alle Aspekte des Projekts voller Illusion betrachtet. Die Segel, die Hanfseile, die Masten aus Fichtenholz des Irati-Waldes in den Pyrenäenausläufern, alles wird kunsthandwerklich und originalgetreu hergestellt. Die jeweils optimalen Materialien zu erhalten, ist bisweilen nicht einfach.

Agote hatte die Hoffnung, das Schiff im Jahr 2016 vom Stapel laufen lassen zu können, zeitgleich zu den Feierlichkeiten San Sebastians (bask: Donostia) als Kulturhauptstadt Europas. Als Ehrung für die Vorfahren, ihre Lebensform und alle Schwierigkeiten, denen sie ausgesetzt waren. Auch wenn bereits feststeht, dass die Galeone nicht rechtzeitig fertig werden wird, tröstet sich der Vorsitzende von Albaola mit der Hoffnung, dass seine Arbeit Schritt für Schritt aufzeigen wird, wie vor vierhundert Jahren ein Schiff dieser Größenordnung gebaut wurde. "Die Aufgabe umfasst eine gigantische Arbeit, die von Interessierten täglich beobachtet werden kann. Allein der Gedanke daran, dass dies im 14.Jhd. möglich war, erscheint mir verrückt."naosanjuan05

Erfolg oder Tod

Wenige Monate vor dem Untergang der "San Juan" hatte sich die Besatzung, alles abgehärtete und wackere Seeleute, auf die Suche nach dem Glück in Übersee begeben. Eine gefährliche Herausforderung, über das stürmische Meer zu segeln, hin zu trostlosen Küsten, um dort auf Walfang zu gehen, mit wenig mehr Ausstattung als einer armseeligen Schaluppe und einer Harpune. Monatelang ernährten sie sich von Kabeljau, nur ab und zu auch von anderen Fängen. Auf der langen Rückreise galt es, den allgegenwärtigen schleimigen Geruch nach Fischfett auszuhalten, der vom gesamten Schiff Besitz nahm. Apfelwein war ihr bestes Hilfsmittel gegen das gefürchtete Skorbut. Für diese weitverbreitete Krankheit waren vor allem Seeleute anfällig, weshalb empfohlen wurde, täglich drei Liter dieses vitaminreichen Getränks zu sich zu nehmen.

Im Sommer lebten auf der Halbinsel Labrador bis zu 1.500 Basken. Ihre Arbeit war extrem hart und gefährlich, die Überlebenden konnten immerhin mit einer großen Belohnung rechnen, sodass die große Herausforderung weit mehr wog als die Angst vor dem Scheitern oder dem Tod.naosanjuan06

ANMERKUNGEN:

(1) Der Text basiert im Wesentlichen auf Informationen des Artikel "El San Juan emerge del mar" (Die San Juan taucht aus dem Meer auf), erschienen in der Tageszeitung El Correo vom 2015.05.24

(2) Parcs Canada ist eine kanadische Regierungsbehörde mit Hauptsitz in Ottawa, deren Aufgabe der Schutz und die Präsentation von national bedeutsamem Kulturbesitz und Naturerbe ist. Sie soll deren Verständnis und Würdigung in der Öffentlichkeit auf umweltverträgliche Weise und mit Blick auf deren Unversehrtheit und Vollständigkeit fördern. Parcs Canada wurde 1911 als dem Innenministerium unterstellte Dominion Parks Branch gegründet und war die weltweit erste Nationalparkverwaltung. (wikipedia)

(3) Stiftung Albaola: Link
www.albaola.com/es

(4) Bericht bei Pasaiabai.com: Link

FOTOS:

(1) Schiffsabbildung. FAT – Foto Archiv Txeng
(2) bei Gernika aus einem Fluss geborgenes altes Schiffswrack, ausgestellt im Archäologie Museum Bilbo. FAT – Foto Archiv Txeng
(3) Schiffswrack am Lea-Fluss. FAT – Foto Archiv Txeng
(4) Schiffswrackam Nevion-Fluss, Bilbao. FAT – Foto Archiv Txeng
(5) Darstellung eines Fangschiffs. FAT – Foto Archiv Txeng
(6) Ausschnitt einer Fischer-Darstellung. FAT – Foto Archiv Txeng

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