querstadtein1xBesuch in der versteckten Stadt

Im katalanischen Barcelona macht ein besonderes Tourismus-Projekt von sich reden: Hidden-City-Tours, Touren in der versteckten Stadt. Mit Hidden City gemeint sind jene Anteile der Stadt, die normalerweise für Touristinnen unsichtbar bleiben. Entweder, weil die Orte zu weit von den gefragten Zentren entfernt sind, weil kein Interesse besteht an ihrer öffentlichen Vorstellung oder der ihrer Bewohnerinnen. Versteckt, weil Armut und Elend keine üblichen Themen sind im Tourismus.

Für die meisten Reisenden ist die Zeit des Urlaubs heilig, denn sie wollen sich vom Stress des Alltags erholen, und mit Bildern einer bunten, angenehmen Welt auf andere Gedanken kommen. Negative Erscheinungen haben dabei keinen Platz, sie stören, vielleicht weil sie zu sehr an den Alltag erinnern, der ja vorübergehend in Vergessenheit geraten soll. Wenn Reisende sich dennoch mit Armut und Elend konfrontieren, und das auch noch freiwillig, müssen sie entweder verrückt sein oder eine besonders humanistische Ader haben. Auf Letzteres setzt in der katalanischen Hauptstadt ein Verein, der von einer Engländerin gegründet wurde. Zur thematischen Besonderheit kommt hinzu, dass die Begleiterinnen dieser Stadtrundgänge aus eigener Erfahrung sprechen. Sie alle waren in einem Moment ihres Lebens außen vor, haben entweder selbst auf der Straße gelebt, oder sind auf die eine oder andere Weise auf die sogenannte schiefe Bahn gekommen.

Wer sich die Webseite der Initiative anschaut, muss zu dem Schluss kommen, dass Stadtführungen wie die von Barcelona in jeder halbwegs größeren Stadt Europas stattfinden könnten, zwischen Lagos und Moskau, zwischen Oslo und Catania. In Bilbao oder Donostia zum Beispiel. Denn immer mehr Menschen werden aus dem Arbeitsprozess ausgeschlossen, verlieren ihre Existenz und geraten in Elendsverhältnisse, gesellschaftlich und psychisch. Immer mehr Personen leben auf der Straße. Weil sie dort das Bild stören, das Stadtverwaltungen in der Regel ihren Besucherinnen zeigen wollen, kam es wiederholt zu hässlichen und menschenunwürdigen Vorgehensweisen. Nicht nur ein Mal wurden Obdachlose einfach rausgeschmissen, um das Stadtbild von Elend zu "säubern". Bei Hidden City Tours werden die Dropouts zu Protagonisten. Sie zeigen den Besucherinnen interessante Details ihrer Stadt und vergessen dabei nicht zu erwähnen, wo Obdachlose nächtlichen Schutz finden oder wo die Armenküchen zu finden sind.hiddencity1x

Das Projekt ist ein Beispiel dafür, wie Tourismus sozialverantwortlich funktionieren kann. Wenn Tourismus-Themen auf unübliche Bereiche ausgedehnt werden, die sonst verschwiegen werden. Und wenn Menschen ihren Lebensunterhalt bestreiten können in einem Bereich, der ansonsten nur Hotelketten, Kreuzfahrtunternehmen, Modemarken und Restaurants vorbehalten ist: wir sprechen von herkömmlichem Tourismus. Doch lassen wir die außergewöhnliche Initiative selbst zu Wort kommen, die sich "Creating employment for Barcelona´s homeless" auf ihre Fahnen geschrieben hat, "Arbeit für Barcelonas Arbeitslose". Grund genug für das baskische Fernsehen EITB, die katalanische Initiative am 1.7.2014 in einer kleinen Reportage vorzustellen. In der Pressemitteilung von Hidden City Tours heißt es:

Als erste Stadt Spaniens bietet Barcelona Stadttouren der besonderen Art an, die von Obdachlosen geführt werden. Das neu gegründete, soziale Unternehmen HIDDEN CITY TOURS, befindet sich im Herzen von Barcelona und bietet eine alternative Möglichkeit, die mediterrane Groβstadt auf eine spannende Art kennen zu lernen. Interessierte Menschen werden eingeladen, die Stadt mit den Augen eines Betroffenden zu sehen, dem das Schicksal ein Leben auf der Straße erteilt hat.

Die Gründerin von HIDDEN CITY TOURS ist die Britin Lisa Grace, die seit mehr als zehn Jahren Barcelona zu ihrer Wahlheimat erklärt hat. Ihr Sozialprojekt wurde inspiriert von ähnlichen Projekten, wie „Querstadtein" in Berlin und „Unseen Tours" in London, die sehr positive Resonanz erfahren.

HIDDEN CITY TOURS beschäftigt obdachlose Menschen aus Barcelona. Menschen, die sich in einem bestimmten Moment ihres Lebens gezwungen sahen, auf der Straße unter den verschiedensten Umständen zu leben. Anhand ihrer geschulten Erfahrung bietet sich den Teilnehmern die einzigartige Möglichkeit, das Herz Barcelonas mit dem gotischen Viertel und dem Raval auf andere Art zu entdecken.

In Barcelona gibt es zum einen mehr als 6.000 obdachlose Menschen, auf der anderen Seite gehört Barcelona zu den meistbesuchten Städten der Welt. Um diese beiden Kontraste miteinander zu verbinden und deren Potenzial zu nutzen kam Lisa Grace die Idee, Gutes zu tun und Arbeitsplätze zu schaffen. Sie selbst wurde im Jahre 2012 wie so viele andere in Spanien Opfer der Krise und verlor ihren Job als Marketingberaterin. "Wenn Sie die Arbeit verlieren, erkennen Sie, wie verletzlich Sie sind. Ich hatte das Glück, auf den Anspruch einer Familienförderung zurückgreifen zu können. Diejenigen jedoch, die auf keine Unterstützung staatlicher oder familiärer Seite zählen können, für die stellt am Ende die Straße eine plausible Realität dar, und das macht Angst."

Lisa Grace, die Gründerin und Förderin der Initiative, erklärt, dass bei HIDDEN CITY TOURS Reiseleiter durch verschiedene Stiftungen Barcelonas ausgewählt wurden. Zusammen mit einem Heimatforscher bildete sie selbst ein Team von sieben Stadtführern aus. Die Gründerin fügt hinzu: "für mich ist es ein komplett neues und sehr lohnendes Gefühl, Managerin eines so spannenden und facettenreichen Teams zu sein. Unsere Stadtführer haben erstaunliche Kenntnisse der Geschichte der Stadt und eine einzigartige Perspektive in Bezug auf die soziale Realität Barcelonas. Diese Mischung eröffnet eine sehr neue und spezielle touristische Erfahrung in dieser Stadt".

Hidden City Tours organisiert thematische Stadtführungen auf Deutsch, Englisch und Spanisch, die in kleinen Gruppen von maximal 15 Personen durch die Stadt gehen. Preise, weitere Informationen und Reservierungen sind zu finden unter hiddencitytours.com. Es bleibt zu hoffen, dass die Initiative Nachahmerinnen findet, in möglichst vielen Städten dieser ausgrenzenden Welt. Auch in Gasteiz, Bilbao, Donostia.

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Querstadtein Berlin

Werfen wir außerdem einen Blick nach Berlin auf die Entstehungsgeschichte des geistesverwandten Projekts "querstadtein", auf das sich Hidden City Tours beruft:

Angefangen hat alles mit der Idee unserer zwei Gründerinnen Katharina Kühn und Sally Ollech, einmal „etwas ganz Konkretes" in Berlin auf die Beine zu stellen und zu handeln, wo man sonst nur darüber nachdenkt und doch nichts tut. Auf dem Weg ins Büro und im Stadtbild fallen immer wieder obdachlose Menschen auf. Einigen von ihnen begegnet man tagein, tagaus, in der U-Bahn oder auf der Straße. Die Kluft aber, die zwischen den Obdachlosen und dem Rest der Gesellschaft besteht, fiel uns ins Auge. Hier wollen wir aktiv werden und einen Raum für Begegnung, Austausch und Achtsamkeit schaffen.

Unser Ausgangspunkt. In Städten wie beispielsweise Hamburg, London und Kopenhagen gibt es bereits Stadtführungen, die von (ehemals) Obdachlosen angeboten werden. In Berlin konnten wir ein solches Angebot allerdings nicht finden – und das, obwohl hier bundesweit die meisten obdachlosen Menschen leben. Bei unseren Kontakten zu sozialen Trägern in Berlin zeigte sich, dass es ein solches Angebot tatsächlich noch nicht gibt. Die Resonanz auf unsere Idee war sehr positiv und wir begannen, unser Projekt zu konkretisieren. Im Zuge einer Bewerbung bei startsocial, einem Businessplanwettbewerb für soziale Projekte, im Juli 2012 brachten wir unsere Ideen zu Papier und verfassten die ersten Projektpläne. Das Projekt entwickelte sich langsam, aber stetig – parallel zu unseren Vollzeit-Jobs.

Erste Schritte ... Nach langer Namenssuche war die Geburtsstunde von 'querstadtein – Obdachlose zeigen ihr Berlin'. Es wurden Kooperationen mit Trägern wie der GEBEWO, der Stadtmission und dem strassenfeger auf- und ausgebaut. Die Idee der Stadtführungen begeisterte nicht nur uns, sondern immer mehr Freunde und Bekannte, sodass wir Anfang 2013 ein ehrenamtliches Projektteam aufgebaut hatten – was das Projekt sehr bereichert und erst möglich gemacht hat!

Im Februar 2013 ging die erste Version unserer Website online und querstadtein machte seine ersten Schritte in den sozialen Medien. Zahlreiche positive Rückmeldungen bestätigten uns umso mehr, dass ein Angebot wie querstadtein in Berlin bisher gefehlt hat! Ende März 2013 gründeten wir mit 13 Gründungsmitgliedern den gemeinnützigen Verein Stadtsichten, bei dem querstadtein als erstes Projekt angesiedelt ist. Zur gleichen Zeit lernten wir über den Seeling Treff der GEBEWO unseren ersten Stadtführer Carsten Voss kennen. Gemeinsam entwickelten wir im April und Mai die erste querstadtein-Stadtführung durch Schöneberg.

... erste Touren! Am 4. Juni 2013 ging es dann mit der ersten Tour richtig los! Die Resonanz übertraf bei weitem unsere Erwartungen. Wir konnten uns über eine breite mediale Aufmerksamkeit freuen und unsere Stadtführungen waren durchweg im Voraus ausgebucht. Im Juni 2013 lernten wir über die Caritas unseren zweiten Stadtführer Uwe Tobias kennen, der sein Berlin-Mitte zeigen wollte. Nachdem auch diese Tour gemeinsam entwickelt war, gab es am 5. Oktober 2013 die Premiere der zweiten querstadtein-Führung – auch hier ist der Andrang groß. So haben wir im ersten Jahr über 160 Touren durchgeführt und insgesamt etwa 3.000 TeilnehmerInnen erreicht!

Wir haben uns über das schnelle Wachstum natürlich sehr gefreut, gleichzeitig aber auch gemerkt, dass es nicht möglich ist, querstadtein auf Dauer ehrenamtlich zu betreuen und weiterzuentwickeln. Daher haben wir uns nach Möglichkeiten einer Stellen-Finanzierung umgesehen und dank der Auerbach Stiftung mit Sandra Rasch seit März 2014 eine Projektkoordinatorin in Vollzeit!

Und wie soll's weitergehen? querstadtein entwickelt sich seit Gründung in regelmäßigen Treffen, Arbeitsgruppen und im Austausch mit (ehemals) Wohnungslosen sowie Projektpartnern weiter und profitiert sehr von den unterschiedlichen Hintergründen und Netzwerken der Teammitglieder. Kontinuierlich werden weitere Stadtführer gesucht und gecoacht. Es sollen verschiedene Touren erarbeitet und weitere Teilnehmerzielgruppen erschlossen werden und wir haben auch noch viele Ideen für weitere Formate, die über das Thema Obdachlosigkeit informieren und Austausch und Begegnung möglich machen!

Querstadtein organisiert Rundgänge durch verschiedenste Stadtteile Berlins, jeweils mit sozialen Schwer- und Brennpunkten. Information zu Querstadtein sind zu finden unter: querstadtein.org/de.

(Fotos: Hiddencitytours, Querstadtein)

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