huegun1Mit Stockholm-Syndrom

Im September 2023 jährte sich zum zwanzigsten Mal die Entführung von sieben Personen im Dschungel des nördlichen Kolumbien. Neben vier Israelis, einer Deutschen und zwei Engländern betroffen war der Baske Asier Huegun aus Donostia, entführt von der ELN-Guerrilla. Die baskische, spanische und internationale Presse widmete der Geschichte damals viel Aufmerksamkeit. Die Gruppe war auf dem Weg zur “Verlorenen Stadt“, einer archäologischen Stätte in der Sierra Nevada de Santa Marta, nahe der Karibik.

Die Entführung von acht Dschungel-Touristen im Herbst 2003 in Kolumbien machte weltweite Schlagzeilen. Vor allem deshalb, weil die Entführer der ELN-Guerrilla für die Freilassung spezifisch “baskische“ Forderungen stellten.

Wie nach jener Entführung am 12. September 2003 nicht anders zu erwarten war, wollte die israelische Regierung sofort ihre Kavallerie in Bewegung setzen, um auf der Suche nach ihren Staatsbürgern mit Unterstützung Washingtons den kolumbianischen Dschungel zu durchkämmen. Der Brite Tony Blair und der spanische Hardliner José María Aznar, die mit George Bush Jr. Soeben das Azoren-Abkommen zur Invasion und Zerstörung des Irak unterzeichnet hatten, waren überraschenderweise etwas vorsichtiger. Die Kampagne "Nein zum Krieg" füllte die Straßen Großbritanniens und des spanischen Staates, und beide Regierungschefs sahen den Ausweg in Verhandlungen über die Freilassung ihrer Landsleute. Der deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder, der im Jahr 2000 in Hernani zur Zielscheibe von ETA geworden war, hatte hingegen die genaue Gegenposition.

Für den kolumbianischen Präsidenten Álvaro Uribe, von baskischer Abstammung und Freund von Todesschwadronen und Staatsterror, war die Entführung eine heiße Kartoffel. Er war seit einem Jahr im Amt, versprach ein hartes Durchgreifen, einschließlich der Ausweitung der Vereinigten Kolumbianischen Selbstverteidigungs-Einheiten (AUC, Autodefensas Unidas de Colombia), dabei handelte es sich um paramilitärische Gruppen. Dazu kam eine Offensive der Ersten Division der kolumbianischen Armee unter der Führung von Mario Montoya, die gegen die Guerrilla-Organisationen FARC und ELN gerichtet war und dafür den Dschungel der Sierra Nevada durchkämmte, wo die acht Entführten festgehalten wurden. Die ELN-Aktion löste einen regelrechten Sturm aus.

Forderung der Entführer

huegun2Die Forderung der ELN (Ejercito de Liberación Nacional – Nationale Befreiungs-Armee, die bis heute aktiv ist) als Gegenleistung für die Freilassung der acht Touristen war keine Kleinigkeit. Nach ihren Vorstellungen sollte eine internationale Kommission die Übergriffe des kolumbianischen Militärs und der parallel operierenden Paramilitärs gegen die indigene Landbevölkerung in dem fraglichen Gebiet untersuchen. Diese Forderung hatte einen erstaunlichen baskischen Beigeschmack. Eine entsprechende Untersuchungs-Kommission sollte sich aus drei Basken zusammensetzen: Joseba Álvarez (von der eben illegalisierten baskischen Linken), Joseba Egibar (von der christdemokratischen baskischen Regierungspartei PNV) und Sabin Intxaurraga (vom Koalitionspartner EA). Die Ergebnisse der Kommission sollten beglaubigt werden von der linken baskischen Tageszeitung GARA, vom öffentlichen baskischen Fernsehen EITB und von Radio Euskadi. Im Gegenzug sollte der entführte Baske Asier Huegun "als Geste der Solidarität mit dem Volk, das für seine Souveränität und Unabhängigkeit kämpft" freigelassen werden. Álvaro Uribe lehnte dies rundum ab, mit der Begründung, er werde "keine internationale Einmischung in eine innere Angelegenheit" zulassen.

Angesichts von Druck und äußeren Umständen lenkte Uribe jedoch ein und gestattete der katholischen Kirche mit Darío Echeverri, Priester von baskischer Herkunft, mit der ELN zu verhandeln; mittels zweier Gefangener der bewaffneten Organisation, Francisco Galán (Kriegsname von Gerardo Antonio Bermúdez) und Felipe Torres (Carlos Arturo Velandia). Francisco Galán wurde in während des Verhandlungs-Prozesses aus dem Gefängnis entlassen, in der letzten Phase nahmen auch die ELN-Leute Antonio García (Eliécer Herlinto Chamorro) und Gabino (Nicolás Rodríguez) an den Verhandlungen über die Freilassung der übrigen sieben Geiseln teil, nachdem einem von ihnen, Mathew Scott, die Flucht gelungen war.

Das Buch

Nach der Entführung stellt Asier Huegun ein kleines Buch zusammen, in Form eines Tagebuchs, das 2012 das veröffentlicht wurde: "Kolonbian bahituta. 74 egun ELNren esku", (Entführt in Kolumbien. 74 Tage in den Händen der ELN; Txalaparta-Verlag). Es handelt sich um ein Werk, in dem der Baske sein anfängliches Erstaunen und seine starken Differenzen mit den Israelis offenbart. Diese Spannungen hatten die ELN während der Entführung dazu veranlasst, die Entführten in zwei getrennte Gruppen aufzuteilen: Asier Huegun und die Deutsche Reini Weigel in einer Gruppe, der Rest in der anderen. Tatsächlich wurden Huegun und Weigel nach 74 Tagen Gefangenschaft freigelassen, die Israelis Beni Daniel, Orpaz Ohayon, Ido Joseph Guy und Erez Altawill zusammen mit dem Engländer Mark Henderson nach 101 Tagen.

Der Film

Durch einen Film, den Mark Henderson, jetzt Filmemacher, gedreht hat, ist das Ereignis wieder in die Nachrichten gekommen. Der Streifen trägt den Titel "My Kidnapper" und erzählt die Odyssee von vier der Entführten (weder Asier Huegun noch zwei der Israelis waren bereit, an dem Dokumentarfilm mitzuwirken) am Ort des Geschehens, einschließlich der Hütte, in der sie die ersten Nächte verbrachten. Der Film kann kostenlos auf YouTube angesehen werden.

Nicht im Film enthalten sind jedoch die Entwicklungen der letzten Jahre, insbesondere die direkten Konsequenzen der Entführung. Die Mikrogeschichten werden von der großen Geschichte jenes Augenblicks überdeckt. Anstelle einer Vorgeschichte verdient das Ereignis eine Nachbearbeitung. Es stellte sich heraus, dass der von General Montoya geführte Feldzug auf der Suche nach den Geiseln Dutzende von Leichen hinterließ: Mitglieder der FARC und der ELN sollen es gewesen sein. Auch die Selbstverteidigungs-Trupps, die das Militär der Untätigkeit bezichtigte, trugen ihren Teil dazu bei.

Falsche Positive

huegun3Heute wissen wir, dass die meisten der Toten keine Guerrilleros waren, sondern sogenannte "falsche Positive", die auf behelfsmäßigen Friedhöfen in aller Eile begraben wurden. Bei diesen “falschen Positiven“ handelt es sich um Zivilisten, die von der Armee oder Paramilitärs umgebracht wurden mit der Behauptung, es handele sich um Guerrillas. Nach der Regierungs-Übernahme durch Gustavo Petro wurde dies von offiziellen und von Militärkreisen bestätigt. Viele der "falschen Positiven" stammen vom Oktober 2003, als die kolumbianische Armee mehr als 150 Razzien durchführte, bei denen sie angeblich FARC- und ELN-Guerillas gefangen nahm und tötete.

Francisco Galán und Felipe Torres, die die ELN verließen, wurden 2020 "wieder gefangen genommen" und kurzzeitig inhaftiert. Der Priester Darío Echeverri wurde zum Sekretär der Nationalen Versöhnungs-Kommission ernannt. Antonio García ist derzeit der oberste Kommandant der ELN im Dschungel und Nicolás Rodríguez war der Sprecher der ELN bei den Friedens-Gesprächen in Kuba, wo er sich derzeit aufhält. “Antonio" und "Camila", die für die ELN die Entführung organisierten, sind heute wie vom Erdboden verschluckt. Möglicherweise gingen sie ins Exil.

Stockholm-Syndrom

Für die Deutsche Reini Weigel hatte die Entführung die deutlichsten Folgen. Schon nach ihrer Entlassung wurde ihr das "Stockholm-Syndrom" vorgeworfen, weil sie wie auch Asier Huegun Verständnis für die Entführer gezeigt hatten. Jahre später wurde sie in Leipzig vor Gericht geladen, um die Kosten für den Hubschrauber zu zahlen, der sie aus dem Dschungel geflogen hatte. In der ersten Instanz war sie erfolgreich, doch die deutsche Regierung legte Berufung ein und Weigel musste schließlich mehr als 12.650 Euro zahlen. Die deutschen Argumente, um Weigel zur Zahlung zu zwingen, waren, dass sie sich aus eigenem Willen in ein gefährliches Gebiet begeben hatte und dass ihr nur die minimalen Kosten in Rechnung gestellt würden, die der Staat bei der Bearbeitung ihres Entführungsfalles aufgewendet hatte. Die Geschichte wurde zu einem Präzedenzfall, die deutsche Regierung stellt all ihren entführten Bürgern nun die Verwaltungskosten für ihre Freilassung in Rechnung.

ANMERKUNGEN:

(1) “Secuela de un secuestro“ (Narben einer Entführung). Tageszeitung Gara, Autor: Iñaki Egaña, Historiker. 2024-03-02 (LINK)

ABBILDUNGEN:

(1) Asier Huegun (collage)

(2) ELN (tagesschau)

(3) ELN (anf)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2024-03-03)

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