atoch1ETA oder Islamisten

Das Bomben-Massaker am 11. März 2004 gegen die Vorstadtzüge in Madrid-Atocha hatte verheerende Folgen. Ein politisches Erdbeben löste im direkten Anschluss die PP von Regierungschef Aznar aus, als sie die baskische Organisation ETA für die Serien-Explosionen von zehn Sprengsätzen in vier Zügen verantwortlich machte. Obwohl es Hinweise auf islamistische Attentäter gab, beschuldigte Aznar die Basken. Der die Lüge prallte zurück, ihre Folge war eine soziale Revolte und die Niederlage der PP bei den Wahlen.

Ohne die Atocha-Bomben und die Aznar-Lüge hätte die postfranquistische PP die Parlamentswahlen haushoch gewonnen. Doch verkehrte sich die Stimmung in nur vier Tagen und machte José Luis Rodriguez Zapatero zum neuen Regierungschef.

Wie der Journalist Ramón Sola in einer Chronik zum zehnten Jahrestag des Massakers erinnerte, gehörten die Tage vom 11. bis zum 14. März 2004 (Donnerstag bis Sonntag) zu den intensivsten in den ersten fünfzehn Jahren der neu gegründeten Tageszeitung GARA (die Vorgänger-Zeitung EGIN war von der spanischen Justiz verboten worden). Alle Funktionen eines unabhängigen Journalismus wurden auf die Probe gestellt. Die Aufgabe bestand darin, inmitten von Lügen die Wahrheit zu finden, die verworren wirkenden Ereignisse richtig zu interpretieren und einem enormen menschlichen Drama Raum zu geben. Die Katastrophe begann in Madrid und ging weiter in Iruñea und Hernani. In einem Klima voller Emotionen.

Vier Anschläge auf Pendlerzüge, in denen die Bewohner*innen der Außenbezirke Madrids auf dem Weg zu ihren Arbeits- und Studienorten waren, forderten 193 Tote und 1.500 Verletzte. Zehn Explosionen sprengten am 11. März 2004 zwischen 7.35 und 7.42 Uhr fast gleichzeitig und ohne Vorwarnung Konvois voller Arbeiter*innen und Studierenden in die Luft und lösten Panik aus. Die Bahnhöfe El Pozo del Tío Raimundo, Atocha und Santa Eugenia waren die Schauplätze des Massakers.

atoch2Mitten in der Aufregung, während die Rettungskräfte noch versuchten, die Leichen der Opfer zu bergen, machte Innenminister Ángel Acebes um 13.32 Uhr die baskische Untergrund-Organisation ETA für die Anschläge verantwortlich. Ohne dafür auch nur einen einzigen Beweis zu liefern. Eine halbe Stunde zuvor hatte die baskische Linke das Gegenteil behauptet. Bei einem Auftritt in Donostia sagte Arnaldo Otegi, dass "die abertzale Linke nicht einmal als bloße Hypothese in Betracht zieht, dass ETA mit den Ereignissen in Madrid zu tun hat". "Weder aufgrund der Ziele noch des Modus Operandi kann jemand behaupten, dass die ETA dahinter steckt", versicherte er.

Viel früher, gegen 9.30 Uhr, hatte der baskische Lehendakari Juan José Ibarretxe (Ministerpräsident) in einer ersten Einschätzung keinerlei Zweifel, dass die ETA die Verantwortung trägt. "Diejenigen, die diese Gräueltaten begehen, sind keine Basken, sondern einfach nur Ungeziefer und Mörder", sagte er und fügte hinzu, dass "jedes Mal, wenn ETA einen Anschlag verübt, die Herzen der Basken in tausend Stücke gebrochen werden". Einen Tag später, als er sich seines immensen Fehlers bewusst wurde, erklärte er, dass er der Version der Regierung Aznar Glauben geschenkt hatte und "in gutem Glauben" gehandelt habe.

In einem Auftritt aus dem PNV-Parteisitz Sabin Etxea erklärte Josu Jon Imaz, damaliger Präsident der baskisch nationalistischen Partei, dass "dieses Massaker der maximale Ausdruck dessen ist, was die ETA darstellt, ein Generator von Schmerz sowie eine Bedrohung für die Demokratie und das Zusammenleben". Drei Tage vor den Parlamentswahlen beendeten die Parteien ihren Wahlkampf. Tausende von Menschen versammelten sich an jenem Nachmittag schweigend in Bayonne, Bilbao, Donostia und Gasteiz, um ihre Solidarität mit den Opfern zu bekunden. Es sollte die erste einer Reihe von Mobilisierungen sein.

Mehr als zwölf Stunden nach den Anschlägen gab PP-Minister Acebes bekannt, dass in Alcalá de Henares, wo die angegriffenen Züge durch- oder abfuhren, ein Lieferwagen mit einer Kassette mit Koranversen und sieben Sprengsätzen gefunden wurde. Ausgerechnet mit diesen Hinweisen wurde die These, dass ETA verantwortlich sei, weiter genährt. 75 Minuten später meldete die in London erscheinende arabische Tageszeitung "Al-Quds al-Arabi", dass Al-Qaida die Verantwortung für den Anschlag übernommen habe. Diese Information ließ die Kurse der New Yorker Börse noch vor Handelsschluss einbrechen.

Die Anschläge lösten eine vorher unbekannte Reaktion der höchsten Institutionen des spanischen Staates aus. Die Exekutive und die Judikative sahen sich gezwungen, außerordentliche Maßnahmen zu ergreifen, die Einberufung eines Krisenkabinetts durch Noch-Regierungschef José María Aznar war der deutlichste Ausdruck davon.

ETA widerspricht

Einen Tag später gab eine Person im Namen von ETA in Anrufen bei GARA und dem baskischen Fernsehen EITB bekannt, dass die Organisation "keine Verantwortung" trage. Trotzdem beharrte Innenminister Acebes ein drittes Mal darauf, den Anschlag in einer ersten Hypothese ETA zuzuschreiben. Dabei ignorierte er die Stellungnahmen von immer mehr Experten, die auf eine islamistische Täterschaft verwiesen.

Acebes französischer Amtskollege Nicolas Sarkozy erklärte bereits, ETA sei nicht mehr die "vorrangige Hypothese", auch das Weiße Haus vermied es, auf die baskische Organisation anzuspielen. Später bedauerte der US-Präsident laut BBC, dass "Spaniens bedingungslose Unterstützung" für die Invasion und Besetzung des Irak den Anschlag von Madrid verursacht habe.

Die Vorsitzenden der sozialdemokratischen PSOE und der Vereinigten Linken IU, José Luis Rodríguez Zapatero und Gaspar Llamazares, sowie der Lehendakari Ibarretxe forderten die spanischen Regierungsbeamten auf, die Ermittlungen zu beschleunigen, um die genaue Täterschaft zu ermitteln, worauf Aznar antwortete, dass "keine Ermittlungslinie" verworfen werde, um "völlige Transparenz" zu garantieren.

Soziale Revolte

atoch3In der Folge kam es zu massiven Demonstrationen im ganzen spanischen Staat, bei denen verlangt wurde, vor den Wahlen zwei Tage danach (am 14. März) die Wahrheit zu erfahren. Die gesellschaftliche Ablehnung der "Lügen" der Regierung Aznar wuchs. Im Baskenland kam es nach einem Aufruf der Gewerkschafts-Mehrheit zu Solidaritäts-Kundgebungen mit den Arbeitern in Madrid. Einige der in Bilbao Versammelten trugen Plakate mit Slogans wie "PP-Aznar schuldig", "Nein zur Invasion" oder "Ibarretxe Aasfresser". Die Demonstrationen dauerten bis zum Vorabend der Wahlen an.

Zwei Tage nach den Ereignissen in Madrid erklärte ETA in einem Kommuniqué, das am Samstag an GARA geschickt wurde, dass die Anschläge mit der Außenpolitik Aznars zusammenhingen, der die Invasion im Irak befürwortet und unterstützt hatte. Angeprangert wurde die von der PP ausgehenden Manipulationen, kritisiert wurden die Erklärungen von Lehendakari Ibarretxe sowie die der Parteien PNV, EA und Aralar.

Berrueta und Sanchiz, weitere Opfer

Am selben Tag erschoss ein spanischer Polizist in Iruñea (Pamplona) den Bäcker Angel Berrueta, nachdem sich das Opfer geweigert hatte, in der von ihm betriebenen Bäckerei ein Plakat gegen ETA aufzuhängen. Sofort versammelten sich Nachbar*innen und Freund*innen am Tatort, wo es zu starken Spannungen kam. Die Polizei griff wiederholt an, auch am Eingang zur Leichenhalle.

In Hernani (Gipuzkoa) starb Kontxi Sanchiz an einem Herzinfarkt, als die baskische Ertzaintza-Polizei sie bei einer Demonstration gegen den Tod in der Hauptstadt Navarras angriff. Die Familie bat um Hilfe, aber ein Polizist antwortete: "Das interessiert mich nicht". Die Hexenjagd der PP hatte zwei weitere Opfer gefordert. In diesem Szenario straften die spanischen Wähler die PP für ihre Manipulationsversuche ab und machten die Sozialdemokraten zu den Wahlsiegern. Die Angriffe und die Lügen der Regierung Aznar hatten in wenigen Tagen eine unvorstellbare Wende herbeigeführt und José Luis Rodríguez Zapatero zum Präsidenten der spanischen Regierung gemacht.

ANMERKUNGEN:

(1) “Una masacre en Madrid que provocó un terremoto” (Das Massaker in Madrid, das ein Erdbeben verursachte”, Tageszeitung Gara, 2024-03-11 (LINK)

ABBILDUNGEN:

(1) Atocha-Massaker (naiz)

(2) Atocha-Massaker (razon)

(3) Tödliche Folgen (naiz)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2024-03-12)

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