carguera1Frauenarbeit in Bizkaia

Nicht selten vermittelt die Geschichts-Lektüre den Eindruck, dass allein Männer Geschichte gemacht haben, Frauen hingegen mit Ausnahmen nicht vorkamen. Sokrates, Napoleon, Stalin, die Liste ist unendlich. Ähnliches geschieht in der Bilbo-Geschichte des Eisenerz-Bergbaus: Hauer und Bergarbeiter – Frauen kommen hierbei fast nicht vor. Nur als Haushälterinnen und Prostituierte. Doch waren es Frauen, die das Erz aus den Minen transportierten, es waren Frauen, die die Eisenerz-Schiffe be- und entluden.

Die Vergessenen und Unsichtbaren der Geschichte: Frauen haben in der Industrie-Geschichte Bizkaias eine wichtige Rolle gespielt. Zum Beispiel als Treidlerinnen und Frachtarbeiterinnen im Hafen, als Trägerinnen im Bergbau.

carguera2Als es noch keine Fotografie gab und die Schiffe noch keine Motoren hatten, mussten die Segelkähne mit Fracht durch die lange Nervion-Ría in den Hafen von Bilbo gezogen werden. Denn obwohl die Stadt 13 Kilometer vom Meer entfernt liegt, erlebt sie die Gezeiten. Die alten Schiffe konnten unter diesen Bedingungen nicht selbständig manövrieren, sie mussten gezogen werden. Diese ultraharte Arbeit – baskisch: Sirgerak, deutsch: Treidlerinnen – war Frauen vorbehalten. Woanders wurde diese Arbeit mit Ochsen-Gespannen gemacht, nicht so in Bilbo. Mit der zynischen Begründung, Frauen wären billiger als Zugtiere. Weil man sich nach der Arbeit nicht mehr um sie kümmern musste und sie schlecht bezahlt einfach nach Hause gingen. Nur wenig erinnert an die Sirgerak, erst vor wenigen Jahren wurde eine Straße nach ihnen benannt und an der Promenade Richtung Guggenheim ein Monument aufgestellt.

Im Laufe der Geschichte blieb die Arbeit der Frauen in der amtlichen Dokumentation weitestgehend unsichtbar, selbst wenn es sich direkt und für alle sichtbar um von Frauen ausgeführte Arbeiten handelte. Verstärkt wurde dieser Prozess im 19. Jahrhundert mit dem Aufkommen des bürgerlichen Konzepts des "Engels im Haushalt", indem Frauen auf ihre Rolle als Ehefrau, Fürsorgerin und Haushälterin reduziert wurden. Sicher kein Zufall, der Begriff stammte aus der bürgerlichen Welt, in der Frauen eine andere Rolle zukam. Mit der Folge, dass von diesem Zeitpunkt an die Arbeit außerhalb des Hauses, vor allem wenn sie körperlich war, nur noch wenig Beachtung fand, obwohl sie üblich, verbreitet und für alle erkennbar war. (1)

Daher wissen heute noch viele Menschen nicht, dass ihre Vorfahren körperliche Arbeit verrichteten, die üblicherweise als männliche Arbeit identifiziert wird. Wie zum Beispiel als Treidlerinnen (Schiffs-Schlepperinnen), die die Boote in den Fluss zogen, als Arbeiterinnen in den zahlreichen Fabriken Bizkaias, im Bergbau als Schlepperinnen von Körben, die mit Erz-Bruchstücken gefüllt waren, oder als Baserritarras (Landfrauen, Bäuerinnen), die auf den Feldern und in der Viehzucht arbeiteten.

Eine aktuelle Ausstellung konzentriert sich auf die Frachtarbeiterinnen (span: cargueras), jene Frauen, die Waren von den Schiffen auf- und abluden, wenn diese an den Hafen-Molen nahe der Altstadt Bilbo anlegten. Frauen, die mit ihrer Kraft und Hartnäckigkeit, ohne sich darüber bewusst zu sein, zu Schlüsselfiguren in der kommerziellen und wirtschaftlichen Entwicklung von Bilbo und Bizkaia wurden.

Notwendig und prekär

Seit jeher wird die Verladearbeit in Häfen und Minen mit Frauen in Verbindung gebracht. In Balmaseda und Muskiz wurden Frauen bereits im 16. Jahrhundert beim Verladen von Steinen und anderen schweren Material dokumentiert. Ein Jahrhundert später finden wir sie im Hafen von Bilbao beim Be- und Entladen von Fisch, Wollballen und Waren aller Art.

carguera3Das Laden war eine harte und schlecht bezahlte Arbeit, die zudem zu Konflikten unter den Frauen führte oder mit den Behörden. Denn auch nur einen einzigen Tag nicht arbeiten zu können oder zu dürfen, konnte Hunger und Elend bedeuten. Im 19. Jahrhundert wurden die Frachtarbeiterinnen, verbunden mit einem negativen Image für die damalige bürgerliche Gesellschaft, sogar von öffentlichen Plätzen verscheucht, wo sie ihre Zeit mit dem Warten auf die Ankunft eines neuen Schiffes verbrachten. Es war eine Arbeit, die trotz ihrer Bedeutung mit Armut verbunden war.

1852 publizierte die Hafenbehörde eine Liste mit Löhnen für die jeweiligen Ladearbeiten, die Rede war allerdings nur von Männern. Es ist davon auszugehen, dass bestimmte Arbeiten dieser Liste den Männern vorbehalten waren und andere den Frauen, wodurch eine Ungleich-Bezahlung möglich gemacht wurde.

Aus dem Jahr 1844 stammt eine vom Rathaus Bilbao formulierte Klage, die dokumentiert, dass sich verschiedene Bürger über die rauhe und obszöne Sprache der Frachtarbeiterinnen beschwerten, die sich an verschiedenen Punkten der Stadt aufhielten. Auch, dass es gelegentlich zu körperlichen Auseinandersetzungen käme, die die peinliche Aufmerksamkeit von Zuschauern nach sich ziehe. Weshalb es nötig sei, den Arbeiterinnen den Aufenthalt an bestimmten Orten zu verbieten.

Einige dieser Cargueras sind vor allem unter ihren Spitznamen bekannt: La Sañuda, María la Caporala, Pepa Lapur (Diebein Pepa), Siente-delantales, Marilumo, La Señorita Caramelo, La Gallarda, Ojo de perdiz (Auge des Rebhuhns), San Roque, Chalopinchalo, Marota, Llaverita, Peregil, La de Navo, Ulari, Mardaras – die meisten davon sind nicht übersetzbar.

Klassenbewusstsein

Im 20. Jahrhundert organisierten die Frachtarbeiterinnen Kundgebungen und Streiks. 1903 gründeten sie die Gesellschaft der Hafen-Arbeiterinnen und kurz darauf die Gesellschaft der Be- und -Entladerinnen in Häfen. Doch die Arbeit war nach wie vor hart, schlecht bezahlt und unansehnlich, ausgeführt von schlecht gekleideten und abgemagerten Frauen, die alles andere als einem Schönheitsideal entsprachen. So verschwanden sie auf Beschluss der Faschisten nach dem Ende des Spanienkriegs 1939 von den Hafenmolen und arbeiteten weniger sichtbar als Ladekräfte auf den Märkten und Großmärkten von Bilbo, allerdings unter denselben schlechten Bedingungen wie ihre Vorgängerinnen.

Das 21. Jahrhundert brachte einige Veränderungen, und obwohl sie heute nur 5% der Hafen-Ladekräfte ausmachen, fand 2017 das erste Treffen der Frauen dieser Berufsgruppe statt, an dem Frauen aus Málaga, Bilbo, Valencia, Tarragona, Castellón, Barcelona und Cádiz teilnahmen. Um wieder einmal für ihre Sichtbarkeit und ihre Rechte zu kämpfen.

Arbeit und Armut

carguera4Wie es bei der Eröffnung der Ausstellung “Cargueras“ hieß, besteht das Ziel dieser Ausstellung darin, "den wirklichen Beitrag der Frauen in unserer Geschichte zu würdigen und ihnen eine Sichtbarkeit zu geben, die sie seit Jahrhunderten nicht hatten", so die Vertreterin der Provinz-Verwaltung. Diese Frachtarbeiterinnen waren "für die Wirtschaft Bizkaias unverzichtbar", obwohl ihre Arbeit "trotz ihrer Bedeutung immer mit Armut verbunden war".

Frauen waren Arbeitskräfte, die unter extrem harten Bedingungen ausgebeutet wurden. Die Presse des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts, die sich darum bemühte, ihre Realität widerzuspiegeln – oder anzuprangern – berichtete über zahlreiche Arbeitsunfälle. Ertrinken in der Flussmündung kam häufig vor, auch körperliche Misshandlungen. Überliefert sind Fälle, in denen Frachtarbeiterinnen von ihren Arbeitgebern zu Tode geprügelt wurden. Daneben gab es miserable Löhne. Denn – wie dies bis heute der Fall ist – wurden Frauen für dieselbe Arbeit schlechter bezahlt als Männer.

Zudem wurden Frachtarbeiterinnen im Hafen als eine Art soziales Ärgernis betrachtet. Sie waren schmutzig und wirkten wenig weiblich, aber sie waren unverzichtbar, denn die Schiffe mussten entladen werden. Aber ihre Haltung war nicht passiv. "Die Frauen waren davon besessen, ihre wirtschaftlichen und Arbeitsbedingungen zu verbessern", erklärten die Historikerinnen Amaia Apraiz Sahagún und María Romano Vallejo. “Sie organisierten sich und gründeten eine Art von Gewerkschaft, die entlang des Nervion-Flusses verschiedene Sektionen hatte, in Erandio, in Deusto, in Bilbao".

Die Ausstellung "Cargueras. Un trabajo a reivindicar", ist im Ausstellungssaal der Generalversammlung von Bizkaia (Juntas Generales Hurtado de Amezaga, 6) zu sehen. Die Ausstellung wird bis zum 24. Mai geöffnet sein. Eine Fotoserie zur Ausstellung findet sich unter diesem Link.

ANMERKUNGEN:

(1) Information und Zitate aus: “El trabajo duro y olvidado de las cargueras” (Die harte und vergessene Arbeit der Hafen-Laderinnen), Tageszeitung El Correo, 2024-03-04 (LINK)

ABBILDUNGEN:

(1) Frachtarbeiterinnen (diputacion)

(2) Frachtarbeiterinnen (diputacion)

(3) Frachtarbeiterinnen (diputacion)

(4) Treidlerinnen, Bilbo (flickr)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2024-03-20)

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