(1) Jorge Oteiza (collage)
Mehr als ein Bildhauer

Jorge Oteiza: Erlebnisse und Meinungen von Persönlichkeiten der Kultur zu diesem baskischen Künstler, Schriftsteller, Bildhauer und Rebellen umfasst ein im Mai 2026 erschienenes Buch. Vierzig Reflexionen und Erfahrungen sind in „Oteiza kennenlernen“ zusammengefasst. Das Buch soll diese einzigartige Persönlichkeit der baskischen Kulturszene des 20. Jahrhunderts näherbringen. Es dokumentiert Stimmen aus den Bereichen Kunst, Film, Literatur und Architektur, die verschiedene Merkmale Oteizas herausarbeiten.

Jorge Oteiza (* 1908 in Orio / 2003) baskischer Bildhauer, Dichter und Essayist. Er gilt als einer der herausragendsten Vertreter der künstlerischen Avantgarde des 20. Jahrhunderts und der baskischen Bildhauer-Schule.

Werdegang und Werk

Anfänge und Avantgarde: Oteiza begann seine Karriere Ende der 1920er Jahre, beeinflusst vom Kubismus und Primitivismus. Zwischen 1935 und 1948 lebte er in verschiedenen Ländern Südamerikas, wo er literarische und bildende Werke schuf und sich mit Raum und vorspanischer Kunst beschäftigte. Innerhalb seiner experimentellen Kreativität trieb er Jahre später eine rigorose geometrische Reduktion des Raums voran und gewann 1957 den Skulpturenpreis der Biennale von São Paulo. 1959, auf dem Höhepunkt seines beruflichen Erfolgs als Bildhauer, beschloss er, die Bildhauerei aufzugeben, um sich ganz der Poesie, der Linguistik sowie ästhetischen und politischen Essays zu widmen. Sein Archiv und seine persönliche Sammlung werden in der Stiftung „Museo Jorge Oteiza“ in Alzuza, Navarra, aufbewahrt, einer Einrichtung, die für die Erforschung seines tiefgreifenden Einflusses auf die zeitgenössische Kunst und Architektur von zentraler Bedeutung ist.

Der Initiator des Projekts erklärt, das Ziel sei didaktischer Natur. Der Beitrag, der diesem Ziel am ehesten gerecht werde, stammt von dem Maler Jesús Mari Lazkano. In nur einem Absatz liefert der Künstler und Dozent zwanzig Beinamen für den Protagonisten. Sie weisen bereits darauf hin, dass es unmöglich ist, Oteizas Leben und Schaffen auf einfache Kategorien zu reduzieren. Unter anderem bezeichnet Lazkano ihn als „klarsichtig“ und „analytisch“, aber auch als „vulkanisch“ und „unterirdisch“, als „ein schwarzes Loch, das alles anzieht, aber auch alles wieder ausstößt“. (1)

Der Essay „Quousque tándem“, den Oteiza 1963 verfasste, gilt als eines seiner wichtigsten Bücher und zweifellos als Meilenstein in der baskischen Kulturszene seiner Zeit, wegweisend für die nachfolgenden Generationen. Das Werk leistete einen wesentlichen Beitrag zum kulturellen und künstlerischen Wiederaufbau des Baskenlandes zum Ende und nach dem Franquismus in den 1960er- und 1970er-Jahren, einer Zeit des Wandels und des Paradigmenbruchs, die das Buch scharfsinnig analysiert.

Die von Oteiza ausgehende Anziehungskraft ist unbestreitbar. Alle Lesenden spüren die Atmosphäre der Bewunderung und des Respekts gegenüber einer Persönlichkeit, der ein messianischer Charakter zugeschrieben wird. Es ist nicht leicht, sich von seiner Persönlichkeit leiten zu lassen, ohne über Vorkenntnisse zu verfügen, die einen gewissen Überblick über den Protagonisten dieser Studie verschaffen.

Die Vielfalt der im Buch versammelten Ansätze belegt diese Vielschichtigkeit. Alle Beiträge sind kurz gehalten und sorgen für einen angenehmen Lesefluss. Schnell erkennen die Lesenden die kreative Kraft eines Mannes von enormem Talent und Ehrgeiz. Der erste Beitrag des von José Julián Bakedano (2) zusammengestellten Werkes stammt von Juan Manuel Bonet, geboren 1953 in Paris. Er ist Kunst- und Literaturkritiker, Historiker der zeitgenössischen Kunst, Dichter, Ausstellungs-Kurator und Museologe. Er liefert den chronologischen Rahmen und einen Überblick über den Porträtierten, während der nachfolgende Beitrag von Elixabete Ansa Goicoechea von seiner Lateinamerika-Reise berichtet. Elixabete Ansa, geboren in Donostia-San Sebastian, ist Doktorin der Philosophie (Kulturwissenschaften und Literatur) der Indiana University. Im Jahr 2012 absolvierte sie ein Postdoktorat am Institut für Kunsttheorie der Universität von Chile, wobei sie sich auf die Analyse der künstlerischen Avantgarde spezialisierte und dabei interdisziplinäre Verbindungen zwischen Kunst, Film, Literatur und den politischen Entwicklungen der 1960er Jahre herstellte.

(2) Oteiza in Arantzazu (memeka)

Die Leser*innen finden Zeugnisse aller Art. Der Beitrag von Txomin Badiola ist einer der interessantesten, da ihm stets eine außergewöhnliche Nähe zu dem Meister aus Orio zugeschrieben wurde. Der 1957 in Bilbao geborene Bildhauer Badiola erklärt, dass sein Kontakt zufällig zustande kam, dass er aufgrund seines anfänglichen Interesses an den amerikanischen Minimalisten auf Oteiza aufmerksam wurde und in einer alten Ausgabe der Zeitschrift „Triunfo“ auf einen Artikel stieß, in dem eine „Caja Vacía“ (Leere Schachtel) abgebildet war.

Die systematische Auseinandersetzung mit dem Werk Oteizas mündete 1988 in die Organisation der Ausstellung „Oteiza. Propósito experimental“ (Oteiza. Experimentelles Ziel), die für seine spätere Bekanntheit von entscheidender Bedeutung war. Der Text ist zwar kurz, offenbart jedoch die Höhen und Tiefen einer Beziehung, über die er mit schonungsloser Ehrlichkeit berichtet. Der damals junge Künstler Badiola räumt ein, dass seine Reise durch die Welt des Künstlers Oteiza schwierig war, mit Verhaltensweisen, die zwischen Unsicherheit und Ausbrüchen selbstbewusster Überheblichkeit schwankten. Er erklärt, Oteiza habe „niemals eine bestimmte Rolle aufgegeben, die sich mit zunehmendem Alter noch verstärkte und hinterließ seinen Nachfolgern eine gewaltige kritische und – warum nicht – entmystifizierende Aufgabe, um das Beste seines Vermächtnisses zur Geltung zu bringen“.

Oteiza war weit mehr als ein Bildhauer. Der aus Orio in Gipuzkoa stammende Künstler interessierte sich stark für Architektur, sein Beitrag zum Bergkloster von Arantzazu verschaffte ihm Kontakte zu bedeutenden Fachleuten. Der Architekt Rafael Moneo (Tudela, Navarra, 1937), erster spanischer Architekt, der 1996 mit dem Pritzker-Preis für Architektur ausgezeichnet wurde, hebt die Forschung Oteizas rund um Formen im Raum hervor, auch wenn Oteizas metaphysisch geprägte Auseinandersetzung diese von den konkreten Anforderungen der Disziplin loslöst. Der Text enthält zudem Aussagen des Architekten Francisco Javier Sáenz de Oiza (Madrid,1918-2000), in denen er auf die Notwendigkeit hinweist, die Räume zu verdunkeln, in denen Werke wie die Kreide-Zeichnungen ausgestellt werden, damit das künstliche Licht expressive Effekte erzeugt.

Film, Pädagogik und Design sind weitere Facetten, die den interdisziplinären Anspruch Oteizas belegen, wie der Architekt Santos Zunzunegui und die Professorin Jaione Apalategi berichten. Das Buch konzentriert sich zudem auf bestimmte Phasen seiner Laufbahn, wie beispielsweise seinen Aufenthalt in Bilbao oder seine Zeit in Irún, die nach Ansicht des Architekten Fernando García Nieto besonders fruchtbar war und in der er den Keim für die Erneuerung der baskischen Kunstschule sieht. Seine Beziehung zum Bildhauer Eduardo Chillida, einem weiteren Wegbereiter der Erneuerung, ist das Thema, das Bakedano selbst und auch Fernando García Nieto gewählt haben.

Der literarische Aspekt spiegelt sich in den Beiträgen des spanischen Schriftstellers, Essayisten und Romanautors José Manuel Caballero Bonald (1926–2021) und dem 1951 geborenen baskischen Autor Bernardo Atxaga wider. Ersterer erinnert sich an Oteizas Leben in Madrid und beschreibt ihn als einen „waghalsigen Steinheber, der darauf versessen war, unüberwindbare kulturelle Lasten zu bewältigen“. Atxaga hingegen schildert den amüsantesten Moment, der sich während eines Vortrags des Bildhauers Remigio Mendiburu – Protagonist des Films „Nortasuna“ (deutsch: Identität) von Pedro Sota – im Teatro Gayarre in Pamplona ereignete. Während Mendiburu vor einem fachkundigen Publikum über sein Werk philosophierte, fragte ein etwa zwölfjähriger Junge: „Und was wollten Sie mit dem Film eigentlich sagen?“ Als nach einer kurzen Antwort das Gespräch wieder aufgenommen werden sollte, stand Oteiza auf. „Bringt den Jungen nicht zum Schweigen! Er hat die Wahrheit gesagt! Ich habe auch nichts verstanden!“

Es bedarf verschiedener Ansätze, um das ethische und ästhetische Erbe Oteizas zu würdigen, wie Lazkano fordert. Autor*innen aus dem baskischen Kulturkreis, die sich auf außergewöhnliche Weise in einem Projekt vereinen. Wie Alejandro Jodorowsky sagte: Was wir über andere sagen, sagt auch etwas über uns selbst aus. Dieser Spiegeleffekt kommt in „Para conocer a Oteiza“ in zahlreichen Facetten zum Tragen. (3)

Oteiza bei Baskultur

Im Portal baskultur.info sind zwei weitere Publikationen zu finden, die sich mit dem Bildhauer und Philosophen Jorge Oteiza befassen: „Bildhauerei und Philosophie / Der Querdenker Jorge Oteiza“ vom 30. Juli 2014 (LINK); und „Oteiza, Chillida, San Telmo – Kreativer Dialog zweier Giganten“ vom 12. April 2022 (LINK)

ANMERKUNGEN:

(1) Information aus „Wege zu Oteiza“ (Originaltitel: Los caminos que conducen a Oteiza), Tageszeitung El Correo, Übersetzung:08/08/2026 (LINK)

(2) José Julián Bakedano (Durango, Bizkaia, 1948) ist ein baskischer Schriftsteller und Filmemacher. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften und der Architektur widmete er sich der Welt der Kultur. Er verfasste Literaturkritiken, Kunstkritik sowie Filmkritik, hat Bücher herausgegeben und Kunstausstellungen organisiert. Außerdem war er Leiter des Dokumentar- und Kurzfilm-Wettbewerbs von Bilbao (1968–1972) und ab 1983 Leiter der Abteilung für audiovisuelle Medien am Museum der Schönen Künste in Bilbao.

(3) “Para conocer a Oteiza” (deutsch: Oteiza kennenlernen). Das Buch ist im Mai 2026 auf Spanisch beim Verlag Pamiela erschienen. ISBN: 978-84-9172-477-3. Verkaufspreis: 23 Euro.

ABBILDUNGEN:

(1) Jorge Oteiza (collage)
(2) Oteiza in Arantzazu (memeka)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2026-08-10)

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