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Die unendliche Geschichte

Zwar nicht zu erwarten, aber zu befürchten war, dass die schnelle “Normalisierung“ zu einem heftigen Rollback führen würde. Die Rückkehr zum Tourismus hat die “Fünfte Covid-Welle“ ausgelöst, die wegen des Alters der Betroffenen auch “Junge Welle“ genannt wird. Die distanzlosen dafür partyreichen Klassenfahrten nach Mallorca waren tödlich. Delta ist der vierte Buchstabe des griechischen Alphabets, Lambda der fünfte, genau so heißt die Version des Tierchens, die demnächst über uns herfallen wird.

Geldgier zahlt sich nicht aus. Die vorschnelle Rückkehr zu alten Reise-Gewohnheiten hat eine neue Etappe in der Coronavirus-Pandemie losgetreten. Die Varianten geben sich die Klinke in die Hand, derweil wird kräftig an der nächsten Pandemie gearbeitet. Nichts hat sich verändert. Weder die anti-ökologische Lebensmittel-Produktion noch die Konsum-Gewohnheiten.

(2021-07-31)

LÜGEN UND FAKE

Soeben wird die überraschende Nachricht verbreitet, dass im Jahr 2022 in den Medien und Netzwerken voraussichtlich mehr Fake News als echte Nachrichten kursieren. Mit anderen Worten: Die Informationen, die wir erhalten, sind falsch oder ungenau. Ende letzten Jahres verabschiedete die spanische Regierung eine Verordnung zur Überwachung von Nachrichten und zur Verfolgung "der absichtlichen, groß angelegten und systematischen Verbreitung von Desinformationen". Ein Versuch, der zum Scheitern verurteilt ist. Kommen diese Fake News aus dem Nichts? Oder handelt es sich lediglich um eine Erweiterung des Begriffs. Für uns Baskinnen sind Fake News älter als die gemalten Bisons in den Höhlen von Santimamiñe.

kolu31a31Im März 2003 begannen die USA nach einer langen öffentlichen Kampagne mit der Invasion des Irak und lösten damit eine Eskalation aus, die bis heute anhält. Vorwand war, das Regime von Saddam Hussein verfüge über Massen-Vernichtungs-Waffen (chemische, biologische und nukleare). Die Sache war ein grober Schwindel. BBC schrieb: "Die von der Downing Street und dem Weißen Haus angeführten Fakten beruhten auf Erfindungen, Illusionen und Lügen". Fake News. Diese Super-"Fälschung" wurde von Kriegstreibern und Freunden der Waffenindustrie fabriziert, die an der Destabilisierung der Region interessiert waren. Spain-Präsident Aznar wiederholte vier Jahre lang bis zum Erbrechen: "Glauben Sie mir, ich sage die Wahrheit. Es gibt Massen-Vernichtungs-Waffen im Irak". Die Region wurde dem Erdboden gleichgemacht, Hunderttausende getötet, Aznar gefeiert. Der einstige Falangist wurde Teil der Weltelite, seine Vorträge haben ein Gütesiegel, das die meisten dieser Elite überragt.

Ein Jahr später, am 11. März 2004 kam es zu den dschihadistischen Anschlägen auf Züge in Madrid. Wieder sorgte Aznar für Schlagzeilen. Erneut gelogen, aber mit der Persönlichkeit eines Premierministers als Garantie, um der Lüge Glaubwürdigkeit zu verleihen. Die Lüge bestand in der Behauptung, ETA sei für die Anschläge verantwortlich, bei denen 193 Menschen getötet wurden. Im Baskenland Schaden zu verursachen war der Ursprung des Fake. Auch über den 11-M hinaus waren Zensur, Manipulation und Verleumdung systematisch. Lange Zeit davor waren Lügen noch kaiserlich. Bei der Eroberung des Königreichs Navarra vor 500 Jahren stützten sich die kastilischen Invasionstruppen auf eine falsche päpstliche Bulle, um die Unterstützung der Christenheit zu gewinnen. Und als Jahrhunderte später die stählernen Vögel der Nazis zurückkehrten, um das ikonische Gernika dem Erdboden gleichzumachen, bestand der Fake in der Behauptung, die Basken (und Bolschewisten) hätten die Stadt selbst angezündet. Lange vor den Sozialen Medien. Wahrheit ist das erste Opfer des Krieges. Bis heute. Trotz und wegen der unendlichen Information.

1998 täuschte ein PP-Ratsmitglied aus der spanischen Süd-Provinz Jaén seine Entführung vor. Er tauchte in Gipuzkoa wieder auf und kurz darauf war klar, die Sache war inszeniert. Doch waren zu diesem Zeitpunkt bereits Ströme von Tinte aus den folgsamen Nachrichten-Redaktionen geflossen, die ETA die Schuld an der Entführung gaben. Irgendwas bleibt immer hängen im Bewusstsein der Leserinnenschaft. Anekdoten, die auf einen Konflikt zurückgehen. Andere Arten von Fälschungen werden in den Büros der Geheimdienste vorbereitet. Die PSOE war Drahtzieherin des Schwindels über den Tod des Babys Begoña Urroz im Jahr 1960, angeblich durch eine Bombe von ETA. Die tödlichen Aktionen der baskischen Organisation sollten damit um acht Jahre vorverlegt werden: grausame Kindermörder während des Franco-Regimes.

Außergerichtliche Hinrichtungen werden in Erschießungen umgewandelt, aus dem Verschwinden von politischen Personen wird eine Abrechnung, systematische Folter wird in Selbstverletzung von Gefangenen umgedeutet. All das sind Beispiele für Fake News, die von den höchsten Ebenen der Macht entworfen und über die Befehlskette nach unten weitergegeben werden, um die kriminellen Umtriebe des Staates zu verschleiern.

Die baskisch-sprachige Tageszeitung "Egunkaria" wurde nicht von ETA dirigiert, die katalanische CDR hatte nicht alle Fäden des Referendums in der Hand, in Altsasu gab es keine gegen die Guardia Civil gerichtete Strategie aus den Bunkern des separatistischen Widerstands; und Moskau finanzierte niemals die Strategie der baskischen Befreiungs-Bewegung. Außerdem leben wir nicht in der Steinzeit, obwohl das Atomkraftwerk in Lemoiz abgerissen wurde. Fake News? Nichts Neues unter der Sonne in einer bekämpften Region, seit sie den Kampf um ihre Unabhängigkeit aufgenommen hat. (Information aus: Gara, Iñaki Egaña: “Fake News“)

UND SONST … Der einsetzende Regen hat mehr Besäufnisse verhindert als ein Dutzend Polizeieinsätze. Die Zahl der Neuansteckungen bleibt hoch bei 1.300, die Inzidenz liegt bei 400. Die Versuche mit einem spanischen Impfstoff wurden gestoppt, der Grund bleibt geheim.

(2021-07-25)

DOSEN FÜR DIE REICHE WELT

Jeweils 66% der Bevölkerung in Euskadi und Navarra haben zwei Impfungen erhalten, 67% bzw. 65% bisher eine. Diese Zahlen liegen knapp über dem spanischen Durchschnitt (54% / 64%), Madrid und die Balearen liegen am Ende (48% / 58%). Bekanntermaßen reicht diese stattliche Zahl nicht aus, die Pandemie in den Griff zu bekommen. Die 14 Tage-Inzidenz streut sich zwischen 193 in Kastilien La Mancha und 888 in Katalonien, ganz wie es der Tourismus diktiert, Euskadi und Navarra liegen mit 468 und 494 im beunruhigenden Mittelfeld. Wir sind also komplett mit der fünften Welle beschäftigt und der deutlich sichtbar zunehmende Tourismus setzt keine guten Zeichen für die Zukunft. Ähnlich sieht es in anderen europäischen Staaten aus. Doch die Ungleichheit bei der Immunisierung weltweit ist das größte Hindernis auf dem Weg zur Beendigung der Pandemie, warnt die WHO: die ungleiche Verteilung von Impfstoffen wird die Pandemie verewigen.

kolu31a25bNUR DIE REICHEN LÄNDER

Zwar haben 27,1% der Weltbevölkerung haben mindestens eine Impf-Dosis erhalten, 13,6% sind vollständig geimpft. Doch nur 1,1% der Menschen in Ländern mit niedrigem Einkommen haben mindestens eine Dosis. Die Rede ist von der sog. “Dritten Welt“. Sie ist im reichen Norden nur interessant, wenn es um die Ausbeutung von Rohstoffen geht, um Kleiderproduktion durch Frauen unter feudalen Bedingungen, um den Verkauf von Waffen aus zweiter Hand, um umweltschädliche Produktionsformen oder um Sex-Tourismus.

Impfung wird fast nur in der nördlichen Hemisphäre praktiziert. In der EU sind 57% teil- und 46% vollgeimpft, in Nordamerika 46% / 36%, in Südamerika 40% / 17% und in Asien 27% / 10 %. In Afrika hat der Impfprozess jedoch kaum begonnen, in der Demokratischen Republik Kongo wurden nur 0,09 Dosen pro 100 Menschen verabreicht. Im Gegensatz dazu die Vereinigten Arabischen Emirate (116 Dosen pro 100 Einwohner), Malta (166), Island (138), Bahrain (132), Chile (129) und Israel (127). Die hohe Zahl in Israel kollidiert jedoch mit Daten aus Palästina, wo nur 19 Dosen pro 100 Einwohner verabreicht wurden. Was zeigt, dass die Verteilung von Impfstoffen von politischen, wirtschaftlichen, sozialen und diplomatischen Zwängen bestimmt wird.

PATENT-LIBERALISIERUNG

Die WHO warnt, dass die ungleiche Verteilung von Impfstoffen dauerhafte Auswirkungen auf den sozio-ökonomischen Aufschwung in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen haben wird. Die langsamere Impfung in diesen Ländern macht sie anfälliger für die ansteckendsten Varianten und erhöht die Möglichkeit für neue "gefährlichere" Mutationen. Um den “Armen“ einfacheren Zugang zu Impfstoffen zu ermöglichen, haben Indien und Südafrika einen Antrag an die Welt-Handels-Organisation (WTO) gestellt, Impfstoff-Patente vorübergehend auszusetzen. Der Vorschlag wird von 63 WTO-Mitgliedern unterstützt, aber neben der EU wehren sich auch Großbritannien, Australien, Japan und die Schweiz gegen die Aussetzung der Patente. Die Pandemie-Gewinnler aus Pharma-Branche sind völlig dagegen, es geht um Milliarden.

UNBEZAHLBAR

Die WHO kalkuliert, dass die “armen“ Länder ihre Gesundheits-Ausgaben um 57% erhöhen müssen, um 70% der Bevölkerung zu impfen, während Länder mit hohem Einkommen nur um 0,8% erhöhen müssen. Eine 70%-ige Durchimpfung in den “armen“ Ländern würde 49 Milliarden Dollar kosten, bei einem Preis von 16 Dollar pro Dosis. Das Bild ist düster. Mehr als 8 Milliarden Dollar (die Hälfte des für 2021 prognostizierten BIP-Wachstums) werden benötigt, um 70% der Bevölkerung zu impfen, verglichen mit nur 0,4% des prognostizierten Wachstums in den reichen Ländern. Im Sudan, so die WHO, würden die Kosten für Impfstoffe die Staatsverschuldung im Jahr 2021 um mehr als 562 Millionen Dollar erhöhen, in Mosambik um 367 Millionen Dollar. (OLATZ)

UND SONST … Massenbesäufnisse in Küstenorten enden mit Schlägereien, die Polizei zeigt sich machtlos. In einzelnen Stadtteilen Bilbaos werden wieder legale Fiestas gefeiert, mit Versuchen von Distanz, aber viel Nähe.

(2021-07-23)

WER SIND WIR GEWORDEN?

Achtzehn Monate Pandemie, Lockdown und Restriktionen haben uns verändert. Dabei wissen wir noch nicht einmal genau, in welche Richtung. Wir suchen uns die Freunde genauer aus; müssen auf ein Rathaus-Dokument zwei Wochen warten; erhalten keinen persönlichen Termin mehr bei Hausarzt; lassen uns spritzen wie Versuchskaninchen; sind in einem Jahr nur 2.000 Kilometer mit dem Auto gefahren; steigen ungerne in die Metro; leiden unter Zärtlichkeitsverlust in der Öffentlichkeit; sind froh, in die Nachbarstadt fahren zu dürfen; und tragen die Maske, obwohl sie nicht mehr Pflicht ist.

kolu31a23bAuch wenn es schwer fällt: wir müssen uns eingestehen, dass sich unsere Gewohnheiten verändert haben. Wir fassen uns weniger an und gehen seltener auf den Platz, in die Kneipe. Und wenn, dann verabreden wir uns wie die Engländer oder die Deutschen. Bitte keine unübersichtlichen Gruppen, von Massen ganz zu schweigen. Schlange stehen ist zur Gewohnheit geworden, weil beim Bäcker oder im Tabakladen nur eine Person zugelassen ist. Beim Gang durch die Gemeinde sehen wir alle 10 Meter eine achtlos weggeworfene Maske. Sondermüll, haben wir gelernt. In einem Jahr sammelt sich das Zeug in der schwimmenden Müllinsel im Nord-Atlantik.

Vor genau einem Jahr haben wir zum letzten Mal von den Zoonosen gelesen, die verantwortlich sein sollen für den Ausbruch der Pandemie. Weil der Lebensraum der wilden Tierwelt mit ihren ungefährlichen Virus-Tierchen immer kleiner wird, kommt es immer mehr zu Überschneidungen mit der unzivilisierten Zivilisation. Und plötzlich sind die ungefährlichen Virus-Tierchen gar nicht mehr so ungefährlich. Dazu kommt die industrielle Art der Fleisch-Produktion, in Käfigen mit künstlicher Nahrung und Antibiotikum, dass die geschundenen Viecher nicht krank werden. Mit unserem individuellen Konsum schließt sich der Kreis. Weder in der baskischen Öko-Bewegung, noch bei den Gewerkschaften existiert ein Diskurs, diese Zustände zu ändern. Wir wandern “friedlich in die Katastrophe“. (OLATZ)

UND SONST … Der baskische Coronavirus-Krisenstab hat beschlossen … die Sperrzeit wieder auf ein Uhr nachts vorzuziehen, den Zugang zu Kneipen, Kinos und Kulturveranstaltungen wieder auf 35% zu reduzieren, Stadien nur 20%. Im Westen nichts Neues. Die Gesundheits-Ministerin sieht eine dritte Impfung kommen. Durch die Reaktivierung der Wirtschaft sinkt die Arbeitslosigkeit auf 10,3%. In Tokio werden die sommerlichen Pandemie-Spiele eröffnet. 

ABBILDUNGEN:

(23-07) Collage FAT
(23-07) Zoonosen-Übergriffe
(24-07)

(ERST-PUBLIKATION 2021-07-23)

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