combat1Combat-18 in Katalonien

Die katalanische Regionalpolizei Mossos d'Esquadra und die spanische Nationalpolizei haben am 17. Oktober 2023 den spanischen Ableger der Neonazi-Gruppe Combat 18 aufgelöst. Combat 18 rekrutiert neue Mitglieder und sammelt Geld aus dem Verkauf von Merchandising-Artikeln. Die Nazigruppe Combat 18 ist international nicht unbekannt. In der Vergangenheit hat sie versucht, verbotene Waffen zu beschaffen und gewalttätige Angriffe gegen Migranten, ethnische Minderheiten, Linke und LGTBI-Personen geplant.

Die Nazigruppe Combat 18 wurde in anderen Ländern bereits zur terroristischen Vereinigung erklärt und verboten. Combat 18 entstand in Großbritannien Anfang der 1990er Jahre, als Neonazi-Gruppen weltweit erstarkten und deren Gewalt auch in Spanien mit Hassverbrechen, die eine ganze Generation prägten, Tote und Verletzte forderte.

Combat 18 ist der bewaffnete Flügel der ebenfalls in mehreren Ländern verbotenen Organisation “Blood & Honour“ (Blut und Ehre), deren spanischer Ableger 2005 im Rahmen der “Operation Espada“ (Operation Schwert) der Guardia Civil zerschlagen wurde. In jenem Jahr wurden spanische Neonazi-Gruppen mehrfach von den Staatssicherheits-Kräften verfolgt. Die spanische Sektion der Neonazi-Organisation Hammerskin wurde ebenso zerschlagen wie die valencianische Nazigruppe “Frente Antisistema“ (Anti-System-Front, FAS), die einzige der drei Gruppen, deren Mitglieder vom Vorwurf der Verschwörung freigesprochen wurden, da der Richter der Ansicht war, dass der Verkauf von Waffen über das Internet kein ausreichender Grund sei, um ihre Telefone abzuhören, was von den Verfolgungsbehörden praktiziert worden war. (1) 

combat2Als die Abhörmaßnahmen für ungültig erklärt wurden, fielen alle anderen Argumente in sich zusammen, obwohl ein ganzes Waffenarsenal (einschließlich eines Granatwerfers der spanischen Armee) beschlagnahmt worden war und in den Telefongesprächen von Anschlägen und Plänen für weitere Verbrechen die Rede gewesen war. Dieser so genannte “Panzer-Fall“ wurde ausführlich dokumentiert von denjenigen, die den Fall von Anfang an verfolgt haben, und ist heute einer der größten Skandale der Straflosigkeit von Rechtsextremen im spanischen Staat. (Anm: Die richterliche Entscheidung zeigt nicht zuletzt die ideologische Nähe mancher Richter mit ultrarechten Gedanken; dasselbe gilt für die Beamten der Verfolgungsbehörden und der spanischen Polizei.

Obwohl die beiden wichtigsten im Staat aktiven internationalen Nazi-Organisationen (Blood & Honour und Hammerskin) aufgelöst wurden, waren viele ihrer Mitglieder weiterhin in anderen nationalen oder lokalen Organisationen unter anderen Namen oder mit wechselnden Namen aktiv, auf den Stadion-Tribünen der Ultras, im Umfeld der Fußballfelder, in Sicherheits-Unternehmen oder in rechtsextremen politischen Parteien. All das ist wohl bekannt, es ist offensichtlich, wie viele der alten Ultrarechten, die für ihre Straßenkrawalle bekannt sind, heute Anzüge tragen und ein Gehalt als Abgeordnete, Ratsmitglieder oder Berater einer bestimmten politischen Partei verdienen. (Anm: Die Rede ist von der neo-franquistischen VOX-Partei.)

Die jüngste Polizei-Operation, die sich hauptsächlich auf Katalonien konzentrierte, bei der aber auch Festnahmen in Kastilien, Galizien und Andalusien erfolgten, schließt sich an andere Festnahmen von Neonazis und Faschisten an, die im Besitz von Waffen waren und ihre Absicht bekundet hatten, einen gewalttätigen Anschlag zu verüben. Im Jahr 2020 verhafteten die katalanischen Mossos d'Esquadra in Zusammenarbeit mit der Guardia Civil zwei Neonazis in einem Dorf in Lleida (span: Lerida, 100 km westlich von Barcelona), die versuchten, Waffen für einen Anschlag zu beschaffen. Zudem hatten die Faschisten die Absicht, eine Frau unter Drogen zu setzen und zu vergewaltigen. Sie hatten mehrere Internet-Foren eingerichtet, in denen sie neofaschistische Terroristen hochleben ließen, darunter Brenton Tarrant, der in einer Moschee in Neuseeland mehr als 50 Menschen ermordet hatte, und den Norweger Anders Breivik, der 2011 auf der Insel Utoya 77 meist Jugendliche getötet hatte.

combat3Im Juni letzten Jahres wurde den Neonazis des sogenannten Antas-Klans aus Almeria der Prozess gemacht, ihnen wurde vorgeworfen, rassistische Patrouillen durchgeführt zu haben, außerdem standen sie mit den Ultragruppen der Stadt in Verbindung. Anfang September verhafteten die Mossos einen weiteren Neofaschisten in Lloret de Mar (80 km nordöstlich von Barcelona), der in seinen Netzwerken Schusswaffen und Anleitungen für deren Herstellung mit 3D-Druckern veröffentlicht hatte, sowie eine Menge rassistische und homophobe Hassreden.

Solcherart Fälle werden vor der Audiencia Nacional (spanisches Polit-Gericht) nie als Terrorismus angeklagt (was dessen ideologische Ausrichtung und politische Nähe zum Ausdruck bringt). “Im Jahr 2022 haben wir in einem Bericht die Verharmlosung dieser Bedrohung dokumentiert, einschließlich mehrerer Fälle, die in diesem Artikel zitiert werden, und anderer Fälle, in denen bewaffnete Neonazis einer Anklage wegen Terrorismus entgingen, darunter der Scharfschütze, der versuchte, den spanischen Ministerpräsidenten Pedro Sanchez zu ermorden“, schreibt die antifaschistische Beobachtungsgruppe um Miquel Ramos.

Im Jahr 2021 interviewte der katalanische Fernsehkanal TV3 Beobachter des “Geheimdienstzentrum gegen Terrorismus und organisierte Kriminalität“ (Centro de Inteligencia contra el Terrorismo y el Crimen Organizado, CITCO). Die versicherten, dass diese Bedrohungen weder besorgniserregend seien noch besonderer Aufmerksamkeit bedürfen, ganz im Gegensatz zu dem, was Geheimdienste und Polizeikräfte in der ganzen Welt seit Jahren sagen. Die katalanischen Mossos d'Esquadra hatten jedoch schon seit einiger Zeit vor einem rechtsextremen Anschlag im spanischen Staat gewarnt, was in der Pressemitteilung betont wurde, die nach der Auflösung von Combat 18 herausgegeben wurde: "Der grenzüberschreitende und gewalttätige Extremismus (...) hat in der Vergangenheit zu terroristischen Aktionen geführt, von denen viele eine hohe Anzahl von Todesopfern forderten".

“Wer diese Organisationen und ihre Radikalisierungs-Prozesse genau verfolgt, weiß genau, dass Anschläge keine komplizierte Struktur oder gar eine Organisation erfordern. In der Regel werden sie von Einzelpersonen, den so genannten ‘einsamen Wölfen‘ verübt. Davor hat Europol, die europäische Agentur für polizeiliche Zusammenarbeit, wiederholt gewarnt, Rechtsextremismus wird als eine der größten Bedrohungen für die EU bezeichnet. Die Zerschlagung einer Neonazi-Gruppe ist daher immer eine gute Nachricht, nicht aber die Verharmlosung der Hass-Diskurse, die das Problem verschärfen. Diese Reden, der Treibstoff der Fanatiker, sind heute seriöse Meinungen, die jeden Tag im Fernsehen, in politischen Plattformen und sozialen Netzwerken zu hören sind und alle denkbaren Zielgruppen erreichen. Und deren Propagandisten leiten heute mehrere Institutionen in Spanien.“

combat4“In einer Zeit großer geopolitischer Spannungen, des Erstarkens der extremen Rechten auf der ganzen Welt und mehrerer Kriege und bewaffneter Konflikte wäre es verantwortungslos, sich keine Gedanken über die Gefahr des neofaschistischen Terrorismus zu machen. Der Krieg in der Ukraine wird uns in nicht allzu ferner Zukunft zu denken geben, wenn viele dieser Waffen, wie nach dem Balkan erlebt, in Europa und in vielen Fällen in den Händen von Rechtsextremisten landen. Beobachter wissen das, ebenso wie die rechten Freiwilligen, die dort gekämpft haben oder noch im Einsatz sind. Die Tatsache, dass die Medien oder bestimmte Polizeikräfte ihnen nicht die Aufmerksamkeit schenken, die nötig wäre, oder aus welchen Gründen auch immer im Moment nicht darüber sprechen wollen, bedeutet nicht, dass es keine solche Bedrohung gibt.“

Die Verhaftung der Mitglieder von Combat 18 bringt einmal mehr eine unbequeme Wahrheit auf den Tisch, vor der die Mossos immer wieder warnen: Es gibt bewaffnete Rechtsextremisten, die bereit sind, Anschläge zu verüben. Eine Realität, die in vielen Staaten offiziell anerkannt ist, die aber in Spanien nur anekdotischen Niederschlag findet.

Solange sich die Aggressionen der extremen Rechten gegen ihre politischen Gegner (Linke) oder gegen bestimmte Gruppen (Migrant*innen) richten, werden sie weiterhin in einer banalen und indifferenten (äquidistante) Betrachtung unterzogen und in das Terrain der Exzesse bestimmter Individuen eingeordnet. Oder die Gefahr wird wie in den 1990er Jahren als Spannungsfeld “urbaner Stämme“ (Faschisten und Antifaschisten) bezeichnet, das nicht zur Kenntnis genommen werden soll.

“Sollte es eines Tages zu einem Anschlag kommen, wie ihn die Mossos gestern in ihrer Pressemitteilung anführten, mit mehr als einem halben Tausend Toten, werden auf die Tagesordnung viele Fragen kommen, auf die wir bereits heute versuchen, einige Antworten zu finden. Wir hoffen, dass dies nie geschieht. Aber sie sollen nicht sagen, wir hätten sie nicht davor gewarnt.“

ANMERKUNGEN:

(1) Blog-Publikation des valencianischen Antifaschismus-Aktivisten und Publizisten Miquel Ramos. Titel: “ La amenaza del terrorismo de extrema derecha“ (Die Bedrohung durch den rechtsextremen Terrorismus), Internet-Tageszeitung Publico, 2023-10-18. Der übersetzte Text wurde zum besseren Verständnis an einigen gekennzeichneten Stellen ergänzt. (LINK)

ABBILDUNGEN:

(1) Neonazi-Waffen (infobae)

(2) Neonazi-Waffen (abc)

(3) Neonazi-Waffen (mossos)

(4) Mossos (onda cero)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2023-10-21)

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