bremse11“Wie nie zuvor“

Obwohl sie bereits im März begannen, brachten die Osterferien Touristen wie nie zuvor ins Baskenland. Aus dem spanischen Staat wird gemeldet, man habe von Januar bis März 16 Millionen Touristen empfangen, ein neuer Rekord. Ob dieses fragwürdigen Rekords reiben sich die Tourismus-Betreiber die Hände. Gespalten sind die in diesem Bereich zu prekären Bedingungen Beschäftigten. Verzweifelt die Hände über dem Kopf schlugen jene zusammen, die in den besuchten Städten und Vierteln leben: Gentrifizierung!

Gipfel des Massentourismus: Kaum war der touristische Osterrummel vorbei, kündigte die Tourismus-Behörde Bilbao stolz an, im laufenden Jahr 85 Kreuzfahrtschiffe empfangen zu wollen – so viele wie nie zuvor.

Wie nie zuvor

In der Logik des Massentourismus sind nicht die Reisenden selbst wichtig, sondern allein die Ausgaben, die sie während ihrer Reise tätigen. Könnten die Verantwortlichen das beeinflussen, würden sie sicherlich 100.000 Besucher bevorzugen, die 9 Millionen Euros ausgeben, im Vergleich zu einer halben Million Reisenden, die 10 Millionen hinterlassen. Denn Touristen hinterlassen viel Müll und sorgen mit ihrem invasiven Gehabe in der Bevölkerung für Unruhe, weil sie den Eindruck eines Erlebnisparks vermitteln. “Wie nie zuvor“ ist insofern eine Feststellung, an die sich die Opfer von massentouristischer Gentrifizierung langsam gewöhnen müssen, falls sie nicht zu jenen gehören, die – wie in Venedig, oder in Florenz, oder auf den Kanaren – sagen: “Wir sind am Limit. Unser Land wird nicht verkauft“. Alles eine Frage der Zeit, hoffentlich, bevor das Kind in den Brunnen gefallen ist. Denn mit dem beleidigenden Attribut “Tourismus-Phobie“ lebt sich besser als mit Airbnb.

Bis dahin werden Bilanzen vorgelegt: Die Reisehungrigen gaben im spanischen Staat im ersten Quartal dieses Jahres 27% mehr aus als 2023, nämlich 22.000 Millionen Euro, und das, obwohl Ostern in den vielen Teilen des Landes nass und kalt ausfiel. Aber gebucht ist eben gebucht. “Für den Tourismus in Spanien gibt es derzeit keine Obergrenze. Die internationalen Besucherankünfte erreichten im vergangenen Jahr mit 85 Millionen ausländischen Touristen ein Allzeithoch, und es gibt allen Grund zu der Annahme, dass diese Zahl in diesem Jahr noch übertroffen werden wird. Allein die Daten des ersten Quartals lassen daran keinen Zweifel: Von Januar bis März – im ganzen Staat normalerweise die Nebensaison mit Ausnahme der Kanarischen Inseln – kamen 16,1 Millionen Besucher ins Land, fast 18% mehr als im gleichen Zeitraum 2023, ein bisheriger Rekord, wie aus den vom Nationalen Statistik-Institut INE veröffentlichten Daten hervorgeht.“ Wie gesagt: wie nie zuvor.

Mehr, mehr, mehr

bremse22Doch kommen wir zum springenden Punkt: Die Rekordzahl an Ankünften bringt auch einen historischen Rekord bei den Ausgaben mit sich. Im ersten Quartal gaben die Touristen, die den Staat besuchten, 27% mehr aus als im gleichen Zeitraum des Jahres 2023. “Eine sehr gute Nachricht für den Sektor, der behauptet, nicht so sehr über das Volumen der Ankünfte nachzudenken, sondern darüber, dass diese Besuche mehr Einnahmen bringen“, stellt die tourismus-freundliche Presse ehrlicherweise fest. “Obwohl die Osterwoche schlimmer war als erwartet, mit schlechtem Wetter und Regen in den meisten Regionen, sogar auf den Balearen und den Kanarischen Inseln, was zu Stornierungen führte und keine Last-Minute-Buchungen zur Folge hatte“, wie der Arbeitgeberverband der Hotelbranche Cehat mitteilte.

85 Millionen Touristen besuchten den spanischen Staat im vergangenen Jahr 2023, die fast doppelte Zahl im Vergleich zur einheimischen Bevölkerung, ein neuer Rekord – wie nie zuvor! – und die Prognosen für 2024 deuten auf eine weite Steigerung hin. Der Platz vor der Sagrada Familia wird eng, im Guggenheim Bilbao muss Monate vorher gebucht werden, aus der Altstadt von Donostia (San Sebastian) wird stockender Verkehr gemeldet.

Stolz wie Spanier

Wie nie zuvor! Aus diesem Grund betonte der spanische Minister für Industrie und Tourismus, Jordi Hereu, nach Bekanntwerden der Daten, dass “dieses erste Quartal des Jahres 2024, das in der Vergangenheit traditionell als Nebensaison galt, sich als das Beste in unserer gesamten Tourismus-Geschichte erwiesen hat, mit einem herausragenden Wachstum der Ausgaben am Reiseziel und der durchschnittlichen Ausgaben internationaler Touristen, was den Wandel des Tourismusmodells perfekt widerspiegelt“.

Allein im März, der mit Ostern zusammenfiel, besuchten mehr als 6,3 Millionen ausländische Touristen den Staat, 21% mehr als im März des Vorjahres. “Außerdem brachten in jenem Monat 8,6 Milliarden in die Kassen, fast 30% mehr als im Vorjahr. Im Durchschnitt gab jeder Besucher insgesamt durchschnittlich 1.363 Euro aus, 7% mehr, mit täglichen Ausgaben von 180 Euro, 5% mehr als vor einem Jahr. Darüber hinaus stieg die durchschnittliche Aufenthaltsdauer leicht auf 7,6 Tage pro Tourist an.“

Die Reisenden kamen hauptsächlich aus Großbritannien, Deutschland und Frankreich, die zusammen mehr als die Hälfte der Besuche im März ausmachten. Besonders bemerkenswert war der Anstieg der Touristenankünfte aus Belgien und Irland, die im März 2023 unter den Spanienbesuchern 22% mehr ausmachten. Spitzenreiter unter den Reisezielen waren die Kanarischen Inseln (die am 21. April “Jetzt reicht es“ sagten) mit 4,3 Millionen Besuchern, ziemlich genau die doppelte Zahl der Einheimischen. Auf den unglücklichen nächsten Plätzen landeten am Mittelmeer Katalonien und die Valencianische Gemeinschaft. Die größten Zuwächse gab es in der Region Valencia und in Madrid mit 20% mehr Touristen als im März 2023.

Keine Gegenbesuche

bremse33Übrigens: Die immense Mehrheit der im Tourismus-Sektor beschäftigten Personen – sei es in den Unterkünften oder in der Gastronomie – können es sich nicht leisten, in der Herkunftsländern der Reisenden Gegenbesuche zu machen. Dazu reicht das Geld einfach nicht. Denn erstens ist die Bezahlung in diesem Arbeitsbereich so schlecht und zweitens sind durch den Massentourismus in Zusammenarbeit mit Airbnb die Mieten derart gestiegen, das viele dieser prekär Beschäftigten die Hälfte oder mehr ihrer bescheidenen Einkünfte in die Mieten stecken müssen. Anstatt über eine Reise in die Karibik nachzudenken, machen sich viele eher Sorgen, wie lange sie sich noch in ihren angestammten Stadtteilen halten können. Denn nachdem in den Zentren so gut wie alle verfügbaren Wohnungen für den Tourismus-Gebrauch flott gemacht wurden und der Immobilienmarkt somit zum Stagnieren kam, drängen Airbnb und Konsorten in die umliegenden Viertel und sorgen auch dort für Preisschübe, bei denen die Schwächsten nicht mehr mithalten können. Tourismus ist nicht nur Vergnügen, es ist auch Ausbeutung und Verdrängung, Gentrifizierung. Wie nie zuvor!

ANMERKUNGEN:

(1) Die Zahlen wurden entnommen aus: “Turismo sin freno: España recibe 16 millones de turistas de enero a marzo, récord histórico” (Tourismus ohne Bremse: Spanien empfängt 16 Millionen Touristen von Januar bis März, ein historischer Rekord), Tageszeitung El Correo, 2024-05-03 (LINK)

ABBILDUNGEN:

(1) Tourismus-Schatten (efe)

(2) Tourismus-Rekorde (elcorreo)

(3) Tourismus-Rekorde (el periodico

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2024-05-03)

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