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Im Streit mit Untoten

Wenn Coronavirus zur Normalität wird, erhalten andere Nachrichten wieder größere Bedeutung. Angesichts der drohenden Wirtschaftskrise ohnegleichen regen sich neue Formen des Widerstands in der baskischen Gesellschaft. Die Techniker*innen im darnieder liegenden Kulturbereich haben eine Gewerkschaft gegründet, arme Leute kämpfen gegen Zwangsräumungen. Weitere Themen: Polizei-Rassismus, antifaschistischer Umzug in Bilbao, Hausbesetzungen und Räumungen, alternative Kultur trotz Coronavirus-Pandemie.

Baskultur.Info-Nachrichten von Oktober 2020: zwischen Antifaschismus und Pandemie, zwischen Rassismus und Wohnungsnot, zwischen neuen Gewerkschaften und Polizeigewalt.

INHALT: 

(*) Falsch ernährte Fische (*) 20% Illegale Tourismus-Wohnugnen (*) Kopflose Herrscher in Pamplona (*) Ein Baby schreibt Geschichte (*) Guardia Civil, Putschisten-Truppe (*) Kopfgeld für ETA-Aktivisten (*) Nachbau eines Walfang-Schiffs (*) Franco als Bürgermeister abgesetzt (*) Neue Gewerkschaften (*) Pelota-Streik (*) Miet-Initiative (*) Antifaschismus (*) rassistische Polizei-Gewalt (*) Franquismus-Verbrechen (*) Besetztes Sozialzentrum von Räumung bedroht (*) Fußball-Europameisterschaft

(2020-10-21)

FALSCHE ERNÄHRUNG

Sardellen, Sardinen und Meerbarben gehören zur baskischen Fischküche wie die Knödel zur bayrischen Esskultur. Insofern war das Ergebnis einer Untersuchung verschiedener ozeanografischer Forschungs-Zentren nicht gerade erbaulich für euskaldune Fisch-Liebhaber*innen. Denn 78% der untersuchten Tiere trugen Mikroplastik-Reste in sich. Zur Expertise gehörten auch Drachenfische, die jedoch keine gastronomische Relevanz haben.

ok65x17Sardellen und Sardinen liegen mit 87% an der Spitze der Plastikfresser, die Meerbarben kamen im Vergleich “nur“ auf 60%. Insgesamt holten die Wissenschaftler*innen 100 verschiedene Plastikstoffe aus den Meeresbewohnern, aus den Sardellen 25, aus den Sardinen 23, aus den Meerbarben 14 und aus den Drachenfischen 38 Varianten. Ausgewählt wurden die vier Fischarten (abgesehen von ihrem nahrungstechnischen Wert) nicht zufällig. Die ersten beiden leben (und fressen) an der Wasseroberfläche, die andern beiden haben ihre Habitat in der Nähe des Meeresgrundes, wo sie sich im besten Fall von kleinen Mikroorganismen ernähren. Aber eben nicht nur.

787 Fischmägen wurden für die Untersuchung aufgeschlitzt und geprüft. Einer der Rückschlüsse ist, dass Plastikpartikel im Meer sowohl oben wie auch unten zu finden sind. Also überall. Das bestätigte die schlimmsten Befürchtungen der Expert*innen. In Sardellen- und Sardinen-Mägen waren die Plastikreste vor allem transparent, bei den anderen beiden Spezies waren sie blau. Die Farben jener Füllgefäße eben, die die Menschheit an der kantabrischen Küste besonders gern benutzt und nicht recycelt, wie es sich gehört. Polyäthylen und Polypropylen sind die entsprechenden Fachbegriffe, kein Wunder, aus ihren besteht weltweit das meiste Verpackungsmaterial.

Was die kantabrische Küste anbelangt, der Streifen vom Baskenland bis Galicien, konzentriert sich das Plastik vor allem in der Nähe der großen Metropolen Bilbao, Avilés und A Coruña, auch das ist keine Überraschung. Offen ist die Frage, wie sich die Verschmutzung und die daraus folgende falsche Ernährung der Fische auf das nächste Glied in der Ernährungskette auswirkt: die fleischfressenden Zweibeiner. Da gibt es noch Forschungsbedarf. Dass die Fischmägen vor der Zubereitung herausgeschnitten und nicht mitkonsumiert werden, ist kein besonders großer Trost.

Jedenfalls kommt ein Teil dessen, was wir achtlos in Flüsse und Meere werfen, über die Fische zurück. Wenn der Rhythmus von Konsum und Wegwerfen gleichbleibt, ist für die Zukunft des Planeten ein düsteres Panorama zu erwarten. In zehn Jahren kommt auf drei Tonnen Fisch eine Tonne Plastik, in dreißig Jahren könnte das Volumen der Plastikmasse jenes der Biomasse an Fischen bereits übersteigen. Auf dem Spiel steht mehr als die baskische Küche.

(2020-10-18)

20% ILLEGALE TOURISMUS-WOHNUNGEN

In einem Moment, in dem fast niemand mehr von Tourismus spricht, teilt die baskische Regierung Bußgelder aus, an 47 Eigentümer von Tourismus-Wohnungen, die ohne die notwendige Lizenz vermietet hatten. Ein halbe Million Einnahmen für die Regierungskasse.

Um an Tourist*innen zu vermieten, müssen die Wohnungs-Eigentümer bestimmte Bedingungen erfüllen und sich im Register der T-Wohnungen einschreiben. Dieses Register ist öffentlich, was für alle am Thema Interessierten eine Kontrolle möglich macht. Zum einen sind Behörden-Kontrolleure auf der Suche, zum anderen sind Nachbar*innen aufgefordert, illegale Umtriebe anzuzeigen.

Zu Erinnerung: Der Widerstand gegen Tourismus-Wohnungen ist nicht einfach Neid der Nachbar*innen. Hier geht es um Lebensqualität. T-Wohnungen bedeuten nächtliche T-Partys. Sie bedeuten eine allgemeine Verteuerung der Wohnungspreise und ein Erliegen des Marktes an Mietwohnungen, weil die Vermietung an Touris deutlich mehr einbringt. Tourismus-Wohnungen provozieren die langsame Verdrängung der einheimischen Bevölkerung, die Unbezahlbarkeit des Wohnraums, den Verlust von Lebensqualität im jeweiligen Barrio und das, was Soziologinnen als Gentrifizierung bezeichnen.

ok65x16DAS UNZUREICHENDE REGISTER

Die letzte Aktualisierung des T-Registers durch die Abteilung Tourismus, Handel und Konsum ist von Ende September und dokumentiert 539 Lizenzen von kompletten T-Wohnungen in Bilbao. Die Dunkelziffer ist mit Sicherheit deutlich höher. Da wären zum Beispiel die Daten des Web-Unternehmens AIRDNA, das Wohnungs-Eigentümer über Marktpreise informiert und mögliche Immobilien-Investoren anlockt. AIRDNA geht von 641 T-Wohnungen aus, das würde bedeuten, dass 16% illegal wären. Kennerinnen des Sektors gehen von einem noch höheren Betrug aus, mehr als 20% über den offiziell Registrierten. Weil AIRDNA seine Daten nur aus den beiden großen Tourismus-Anbietern zieht: AIRBNB und VRBO (vormals Homeaway).

TOURISMUS UND PANDEMIE

Die Pandemie hat das Panorama verändert. In Abwesenheit von Reisenden haben sich nicht wenige Vermieter zur befristeten Vermietung an Normalmieter*innen entschlossen und sich zeitweise von AIRBNB zurückgezogen: besser geringere Einnahmen als gar keine. Der Tourismus-Verantwortliche der baskischen Regierung weiß von den Betrügereien, will die Zahlen aber nicht so hoch ansetzen. Er beruft sich darauf, dass manche T-Vermieter ihre Objekte mehrfach anbieten, bis zu drei Mal. Dafür sind Kontrolleure unterwegs. Ergebnis: 124 Untersuchungen eingeleitet, 47 Bußgelder von jeweils 10.000 Euros.

Ein Großteil der Sanktionen geht allerdings auf Anzeigen von Nachbar*innen zurück (von 390 ist die Rede), nicht auf die Arbeit der Kontrolleurinnen. AIRBNB hingegen legt keinen Wert auf Legalität, im Web dürfen alle werben, egal mit oder ohne Lizenz. Und der Betrug findet auf verschiedene Weise statt. Wer einen Blick wirft in die Angebote, wird feststellen, dass viele Wohnungen in oberen Stockwerken liegen – komplett illegal, weil gesetzlich nur im Erdgeschoss und im ersten Stock T-vermietet werden darf. Manche Angebote werben sogar mit besonders gutem Ausblick! Die lokalen Regelungen sind recht unterschiedlich. In Erandio gibt es keine Einschränkungen, in Mungia ist die T-Vermietung praktisch verboten.

Ein weiterer Betrugstrick ist die WG-Methode. Die Untervermietung eines Wohnungs-Zimmers ist nämlich nicht genehmigungspflichtig. Voraussetzung ist, dass der Vermieter mit in der “WG“ wohnt. Was sich leicht vortäuschen lässt. Diese “WGs“ können auch in den oberen Stockwerken liegen, ein besonderer Anreiz zum Betrug: ausgeschrieben wird ein Zimmer, vermietet wird die Wohnung, ganz easy. Zum Beweis müssen nur die Bewertungs-Kommentare der Reisenden gelesen werden, um die Täuschungen zu identifizieren.

KROKODILSTRÄNEN DER HOTELIERS

Besorgt, empört und belästigt über die Vielzahl und Illegalität der T-Wohnungen sind nicht nur Nachbar*innen und junge Leute, die den Mietmarkt in den letzten Jahren haben verschwinden sehen. Auch die Hoteliers beschweren sich. Die Konkurrenz der illegalen T-Wohnungen wird bitter beklagt, sie bedeuten reale Verluste für die legalen Hotels (die im Übrigen immer mehr werden, weil die Stadtverwaltung Neu-Genehmigungen am Fließband verteilt).

Bleibt nur, ein paar Zahlen zu nennen, die unter Beweis stellen, dass die Tourismus-Wohnungen in Bilbao trotz Pandemie und mit deutlich weniger Tourismus gut überlebt haben. Im Juli 2020 wurden 996.000 Euro eingenommen, im Vergleich zu 1,9 Millionen im Juli 2019; im August 2020 1,2 Millionen gegenüber 2,6 Millionen im Vorjahr; und im September 578.000 statt 1,8 Millionen. Nicht schlecht, wenn man bedenkt, dass überall die Armut steigt und viele ihre Jobs verloren haben.

(2020-10-14)

KOPFLOSE HERRSCHER

Der zwölfte Oktober ist im spanischen Staat Nationalfeiertag, weil an jenem Tag im Jahr 1492 Kolumbus auf seiner “Entdeckungsfahrt“ zum ersten Mal Land sah. Es war der Beginn von Kolonialismus, Imperialismus und Völkermord an Millionen von Ureinwohnerinnen des Kontinents, den wir heute Amerika nennen. Früher hieß das Fest “Tag des Rasse“, was selbst im Kreis von Ultranationalisten als zu platt empfunden wird. So wurde ein “Tag des Spanischtums“ daraus gemacht (Hispanidad) – auch nicht viel besser.

ok65x15Wie immer gibt es vor allem im Baskenland abweichende Stimmen zu diesem Genozid verherrlichenden Feiertag. In Iruñea-Pamplona hatten sich deshalb Gruppen von Migrantinnen (mit der abertzalen Linken) zusammengetan und dem Kolonialismus eine ganz besondere Note verpasst. Es wurden zwei Statuen gebastelt, eine zeigt den aktuellen König Felipe VI, die andere Christof Kolumbus (span: Colon). Denen wurde ein Seil um den Hals gelegt, mit dem sie vom Sockel gezogen und zu einer harten Landung veranlasst wurden, mit dem Ergebnis, dass die Köpfe der beiden Repräsentanten des spanischen Imperiums sich von den Körpern lösten.

Versteht sich von selbst, dass solche Bilder echte Spanier ohnmächtig wütend machen. Eine Reaktion ließ deshalb nicht auf sich warten. Von “geköpften Figuren“ war die Rede und von Hass-Veranstaltungen. Bis vor Kurzem hätte eine solche Demonstration zu Strafe oder Verurteilung geführt. Denn zumindest die Figur des Königs war unantastbar. Dann entschied ein Gericht, dass es nicht illegal ist, Bilder des Königs zu verbrennen (was in Katalonien regelmäßig geschieht).

Bliebe die Enthauptung, die in Wirklichkeit keine solche war. Der Hals war nur die beste Körperstelle, das Seil anzulegen, um die Figuren zu stürzen, die Köpfe entfernten sich nicht durch direkte Einwirkung, sondern durch den Aufprall auf dem Pflaster. Die Organisatorinnen hätten auch von hinten schieben können, um die Umstürze auszulösen, was weniger spektakulär gewesen wäre. Deshalb bleibt den Ultranationalisten nun die “Enthauptung“ in Erinnerung und es wäre keine Überraschung, wenn sie gerade diesen Umstand zum Versuch einer Klage nutzen sollten. “Den König zu köpfen darf nicht ungestraft bleiben“, werden sich viele denken und eine Staffel Rechtsanwälte scharrt bereits mit den Hufen, um ins Rennen zu gehen.

(2020-10-12)

EIN BABY SCHREIBT GESCHICHTE

Wer künftig am Bahnhof von Donostia-Amara vorbeikommt, kann ein in den Boden eingelassenes Schild sehen. Es stellt eine Erinnerung dar an Begoña Urroz, die an dieser Stelle vor 60 Jahren ihr Leben verlor. Begoña war gerade einmal 22 Monate alt und mit ihrer Großmutter unterwegs, als vor dem Bahnhof eine Bombe explodierte und das Baby tötete. Die franquistische Diktatur saß fest im Sattel, 21 Jahre nach Ende des Krieges, 15 Jahre vor dem Tod des Schlächters Franco.

Begoña Urroz hatte nicht nur ein bedauerlich kurzes Leben, sie wurde auch zum Politikum und von der spanischen Rechten für ideologische Zwecke benutzt. 59 Jahre lang wurde für Begoñas Tod die Untergrund-Organisation ETA verantwortlich gemacht. Obwohl Insider schon lange wussten, dass dies unwahr ist. Was führte zu diesem Politikum um die kleine Begoña?

Hilfreich ist dabei ein Rückblick in die damalige Geschichte. Knapp ein Jahr vor Begoñas Tod hatte sich die antifranquistische Organisation ETA gegründet und hatte begonnen, symbolische Aktionen zu organisieren, illegale Fahnen aufzuhängen, kleinere Sabotage-Aktionen durchzuführen. Es sollten noch ganze acht Jahre vergehen, bevor ETA den ersten tödlichen Mordanschlag machen würde (am 2.8.1968 gegen den bekannten Polizisten, Nazis und Folterer Meliton Manzanas).

ok65x14Weshalb sollte ETA also ein Attentat untergeschoben werden? Ob es nun 820 Tote waren, die die Organisation zu verantworten hat oder 821, scheint quantitativ keine große Differenz darzustellen. Historisch gesehen ist der Unterschied jedoch bedeutend. Denn für die Geschichtsschreibung macht es einen großen Unterschied, ob ETA als schießende Organisation geboren wurde, oder ob sie durch die Entwicklung (Verhaftungen und Folter) dazu getrieben wurde. Die spanische Rechte hat ein großes Interesse an der ersten Version: willkürlicher Terror gegen alle (sogar Babys).

Insofern hat die unabhängige Kommission, die den Fall über Jahre untersuchte und einen glaubwürdigen Bericht vorlegte, die Geschichtsschreibung verändert. Sie hat mit einer weiteren franquistischen und postfranquistischen Lüge Schluss gemacht (bleibt noch jene, dass Gernika 1937 von den “Bolschewiken und Basken“ angezündet wurde). Tatsächlich wurde die tödliche Bombe am 22. Juni 1960 von einer bewaffneten Gruppe gelegt, die sich “Directorio Revolucionario Ibérico de Liberación“ (DRIL) nannte und sich zusammensetzte aus aktiven Kommunisten, Anarchisten und Guevaristen. Geleitet wurde diese Gruppe wahrscheinlich von exilierten portugiesischen Militärs (in Portugal gab es von 1932 bis 1974 eine Militärdiktatur). Darunter Humberto Delgado, dessen Name heute den Flughafen von Lissabon ziert. Delgado wurde von der portugiesischen Geheimpolizei entführt und 1965 im spanischen Staat außergerichtlich exekutiert.

Ganz nebenbei lernen wir daraus, dass es in den 1950er und 1960er Jahren nicht nur eine Widerstands-Gruppe gab, die von Waffen Gebrauch machte, sondern mehrere. Ihre Existenz war die Antwort auf den grenzenlosen Terror der franquistischen Behörden und Polizei. Ein völlig legitimer Widerstand, den jedoch heutzutage die wenigsten noch verteidigen würden. Für Begoña Urrroz ändert dies nichts, nur ihre Familie weiß nun, wovon sie ausgehen muss.

Der Kampf um die Geschichtsschreibung (im Baskenland wird von “relato“ gesprochen) geht unterdessen weiter. Es geht darum, was in 10 oder 20 Jahren in den Geschichtsbüchern stehen wird. Das ist wichtiger als sich manche vorstellen können. Bei einer kürzlich unter Jugendlichen gemachten Umfrage wussten die wenigsten, wer Franco war. Zwei Generationen sind ausreichend, um die Diktatur vergessen zu machen. Das nächste große Thema ist die “relato“-Geschichtsschreibung über ETA. Spanische Historiker, Politiker und Medien arbeiten daran.

(2020-10-11)

GUARDIA CIVIL – PUTSCHISTEN-TRUPPE

Die spanische Rechtspresse ist einigermaßen aufgeregt. Mal wieder macht das baskische öffentliche Fernsehen von sich reden. Positiv für die einen, unerträglich für die anderen. Was guten Journalismus ausmacht, ist so umstritten wie die Abtreibung, die Geister scheiden sich. Was also ist der Stein des Anstoßes?

“Euskal Irrati Telebista“ (dt: Baskisches Radio-Fernsehen) hat seit etwa einem Jahr ein Programm mit dem Namen “360 Grad“. Damit ist nicht Hitze gemeint, sondern gesellschaftlicher Weit- oder Rundblick. Die bisherige Erfahrung hat gezeigt, dass dieser offene Blick regelmäßig die üblichen Grenzen eines mittelmäßigen Journalismus überschreitet, wie er in den US-amerikanischen und europäischen Mainstream-Medien schon längst zur Gewohnheit geworden ist. Guter Journalismus der alten Schule, den institutionell nur noch BBC gelegentlich praktiziert.

ok65x13Zum Thema: EITB sendet am heutigen Sonntag eine 360-Grad-Folge, die sich mit der para-militärischen Polizeitruppe Guardia Civil auseinandersetzt. “Keine andere staatliche Institution zieht so viel Verehrung und gleichzeitig Ablehnung und angst auf sich“, beschreibt die Programm-Direktorin Eider Hurtado. Ob die Guardia Civil “einen Staat im Staat“ darstellt oder nicht, gilt es zu klären. Für die “Benemerita“ genannte Truppe ist eine solche Sendung sowohl ungewöhnlich wie auch unangenehm – in spanischen Gefilden wäre das nicht passiert.

360-Grad gibt ganz unterschiedlichen Persönlichkeiten das Mikro in die Hand. Ultrarechten, geläuterten Sozialdemokraten, Organisatoren von Staatterror, Ex-Guardias, kritischen Journalist*innen und politischen Beobachter*innen. Arnaldo Otegi sieht in der Guardia einen “tiefen Staat“, was ihre polizeilichen Manöver anbelangt, die im Staat niemand so recht kontrollieren kann (oder will). Am deutlichsten wird der ehemalige baskische Justiz-Senator Joseba Azkarraga (von der sozialdemokratisch-nationalistischen Partei EA). Er spricht von “einer Regierung innerhalb der Regierung“ und von einer “Truppe von Putschisten, die kontinuierlich gefoltert hat“.

Die Rede ist auch, so die Vorankündigung, von der neuen neo-franquistischen oder faschistischen Partei Vox und ihrem Wurmfortsatz in der Guardia Civil, der sogenannten Gewerkschaft Jusapol. Wahlanalysen haben mehrfach deutlich gemacht, dass die neue Partei stark auf die Unterstützung durch die Guardia Civil baut. In der Umgebung ihrer Kasernen steigen bei Wahlen die Vox-Prozente auf 10 bis 15%. Zu Wort kommen verschiedene Folteropfer der Guardia und Journalist*innen, die davon sprechen, dass dieser Polizeikörper eine ausgeprägte und von demokratischen Instanzen schwer kontrollierbare innere Hierarchie aufweist, die “Korruptions-Untersuchungen“ behindert. Nicht zuletzt deshalb, weil sie selbst am organisierten Verbrechen (Drogenhandle) beteiligt ist.

Exklusiv im baskischen Fernsehen EITB, nur in Katalonien wäre Vergleichbares noch denkbar. In den Verräter-Provinzen.

(2020-10-10)

KOPFGELD

“Würde und Gerechtigkeit“ – im spanischen Original “Dignidad y Justicia“ hört sich gut an, nach Menschenrechten, Humanismus, nach sozialem Diskurs vor dem Hintergrund einer Pandemie, die viele Menschen hart trifft, und die deutlich gemacht hat, dass ein viele Male gekürztes und privatisiertes Sozialsystem in Härtefällen kein ausreichendes Auffangnetz darstellt.

“Dignidad y Justicia“ nach spanischem Modell hat andere Vorstellungen von Justiz und Humanismus. Auch wenn die spanischen Behörden derzeit andere Sorgen haben, werden sie von “Würde“ dringend aufgefordert, alles Denkbare zu unternehmen, um untergetauchte ETA-Mitglieder zu finden. Viele davon seien in Venezuela oder Kuba verschwunden (Tatsache ist, dass bis vor 30 Jahren viele dorthin verbannt wurden).

Dignidad macht sich Sorgen um “378 von ETA begangene Verbrechen“, die von der Justiz noch nicht aufgeklärt wurden. Und stellt einen Zusammenhang her zu den im Exil lebenden Ex-ETA-Leuten, von denen die große Mehrheit sicher nicht das geringste Interesse hat, wieder ins Baskenland bzw. nach Spanien zurückzukehren, weil sie “auswärts“ eine neue Existenz aufgebaut haben.

ok65x12Der Präsident von Dignidad ist ein gewisser Portero, dessen Vater (General-Staatsanwalt von Andalusien) von 20 Jahren von ETA umgebracht wurde (ein aufgeklärter Fall). Um der spanischen Justiz Druck zu machen und gleichzeitig die Bevölkerung zu aktivieren, hat “Würde und Gerechtigkeit“ ein ganz neues Register gezogen. Angeboten werden 1.000 Euro Kopfgeld für die letzten sechs untergetauchten ETA-Leute (wobei unklar bleibt, ob dies pro Kopf gemeint ist, oder im Paket). Tatsächlich gehen die staatlichen Sicherheitskräfte von dieser Zahl von Ex-Aktivisten aus, die in der Illegalität vom Ende ihrer Organisation überrascht wurden und sich einen Ort zum definitiven Untertauchen suchen mussten.

Das Thema des “letzten halben Dutzend“ hat in den vergangenen 10 Jahren nicht gerade die Titelseiten gefüllt. Weil die spanischen Regierungen nie bereit waren, über derartige “technische Details“ des Endes des bewaffneten Kampfes zu verhandeln, bzw. diesen sechs Verdammten einen Weg zurück anzuzeigen, hat sich Dignidad nun eine Anleihe aus dem Wilden Westen geholt und fordert Aufklärung.

Eine komplett einseitige Aufklärung übrigens, wenn auch nicht überraschend. Denn “Würde und Gerechtigkeit“ fordert NICHT die Aufklärung des Verbleibs von baskischen Polit-Aktivisten wie Naparra, Pertur oder anderen, die vor 40 Jahren spurlos verschwanden … nicht aufgeklärt werden soll, wer den Busfahrer Mikel Zabaltza in der Guardia-Civil-Haft von Intxaurrondo zu Tode gefoltert hat … kein Interesse an der Aufklärung der Morde an dem Politiker Josu Muguruza oder dem Kinderarzt Santi Brouard … oder welcher hohe PSOE-Politiker die GAL-Todesschwadronen organisiert hat. Offenbar verdienen sie keine Würde und keine Gerechtigkeit – ein eher mangelhaftes Verständnis von Menschenrechten.

Im Jahrhunderte langen baskisch-spanischen Konflikt hat sich niemand humanistische Lorbeeren verdient. Es war (und ist) ein Krieg, der einmal mit diesen, einmal mit jenen Waffen ausgefochten wird. Ein Konflikt, an dem immer zwei Seiten beteiligt waren und sind. Wer von Terrorismus spricht, darf über Staats-Terrorismus nicht schweigen. Wer die Aufklärung von Verbrechen fordert ist ein “demokratischer“ Geist. Wer nur die Hälfte der Verbrechen aufgeklärt haben möchte, ist ein “demokratischer“ Amokläufer.

(2020-10-09)

TRAUM EINER WALFANG-GALEONE

Schiffsbau wie im 16. Jahrhundert: Der baskische Schiffsbauer Xabier Agote interessiert sich für Marinegeschichte und betreibt eine Museumswerft. In der Hafenstadt Pasaia, keine zehn Kilometer östlich von San Sebastián (Donostia) am Golf von Bizkaia gelegen, befindet sich Albaola, eine Schiffswerft, die in ein “lebendes Museum“ umgewandelt wurde. Im Innern beherbergt es ein Stück Geschichte. Im Jahr 2010 kaufte der Zimmermann Xabier Agote, der sich leidenschaftlich für Marine-Geschichte interessiert, das seit Jahrzehnten ungenutzte Werftgebäude, um seinen Traum zu verwirklichen: den Bau einer Walfang-Galeone. Seit 2013 baut das Werftmuseum Albaola (dt: Welle der Morgenröte) eine Nachbildung der Nao San Juan, eines baskischen Walfängers, der 1565 vor Kanada sank und im Hafen von Pasaia, damals einer der wichtigsten im Golf von Bizkaia, gebaut worden war. Sieben Jahre nach Beginn des Wiederaufbaus sind die drei Decks des “Schiffs des heiligen Johannes“ fertiggestellt, man hofft, dass die Galeone bis Ende 2021 zu Wasser gelassen werden kann.

ok65x11“Sehen Sie sich das an: Es hat drei Decks; das war damals eine Neuigkeit in ganz Europa. Amerika war gerade erst entdeckt (!) worden, die trans-ozeanischen Reisen begannen, und Schiffe mit viel mehr Kapazität wurden benötigt. Die Schiffsbesatzung fuhr für neun Monate nach Neufundland. Sie transportierten Proviant, Lastkähne mit Walfang-Geräten und Material zum Aufstellen der Öfen, in denen sie den Tran schmolzen, und kehrten mit etwa 1.000 oder 2.000 Barrel Öl zurück. Jedes wurde für umgerechnet 5.000 Euro verkauft“, sagt Ane Larrun, eine Touristenführerin.

ANWEISUNGEN DES LETZTEN SEILMACHERS

In Pasaia wurden auch Galeonen für die “Carrera de Indias“ (den Wettlauf um die Ausbeutung der Reichtümer des Subkontinents) in den goldenen Jahren der spanischen Eroberung Amerikas gebaut. “Ich vergleiche es mit dem Weltraum-Rennen im 20. Jahrhundert. Kastilien war das mächtigste Reich und hatte sein Zentrum maritimer Technologie an der baskischen Küste. Diese Werften waren sozusagen die NASA, der Hafen von Pasaia war Cape Canaveral. Hier kamen die Raketen der damaligen Zeit für amerikanische Waren heraus“, erklärt Ane Larrun.

“Das Besondere an diesem Projekt ist, dass man genauso wie vor 500 Jahren arbeitet, die gleichen Verfahren und Materialien verwendet.“ Zwei Frauen flechten beispielsweise Seile mit der von ihnen entworfenen Kurbel- und Ritzel-Maschine nach den Anweisungen des letzten Seilmachers in Pasaia. “Das ist ein Schüler unserer Schiffs-Zimmermann-Schule, der das Baumharz aufstreicht, das wir auf einem Karren aus Quintanar de la Sierra mitgebracht haben, um die Galeone abzudichten“, sagt Ane Larrun.

Besitzer Agote überwacht dies alles: “Für mich, als ich neun Jahre alt war, war der Hafen der Zugang zu einem anderen Universum. Die Boote, die mit Sardellen, Thunfisch und Seebarschen zurückkehrten, der Fischmarkt, die Netze, der Geruch der Sardinen, das Treiben. Ich ging mit meiner Angelrute und schaute mir alles an. Diese alten Boote, die niemand wollte und die verrotteten, ich liebte sie.“

Mit 18 Jahren sah er einen Bericht des französischen Fernsehens über eine Schule für Marineschreinerei in Maine. Plötzlich wusste er, was er wollte. Er arbeitete, sparte Geld, studierte Englisch und wanderte im Alter von 23 Jahren aus seinem Dorf Pasaia aus, um drei Jahre lang den Beruf des Schiffs-Zimmermanns zu erlernen, den niemand mehr brauchte. In Maine wurden alte Schiffe nicht nachgebaut, um sie in Museen auszustellen, sondern um mit ihnen zu segeln. Eines Tages, so dachte Agote, würde er die Nao San Juan bauen und über den Atlantik segeln. Diese Galeone hatte ihn seit 1985 fasziniert, als er ihr Wrack auf dem Cover sah, das National Geographic den baskischen Walfängern widmete.

DIE SAN JUAN SANK WÄHREND EINES STURMS

Fast ein Jahrhundert lang trafen jeden Frühling Dutzende von Galeonen an den Küsten von Neufundland und Labrador ein. Tausende von Seeleuten errichteten Lager, jagten Wale und schmolzen deren Speck, in Zusammenarbeit mit den einheimischen Mi’kmaq, Innu und Beothuk. Sie unterhielten sich in einer algonquinisch-baskischen Mischsprache. Die San Juan sank während eines Sturms in der Red Bay. Das eisige Wasser hielt sie in einem außergewöhnlichen Zustand, bis sie 1978 von Unterwasser-Archäologen der kanadischen Regierung entdeckt wurde. Acht Sommer lang bargen sie sie Stück für Stück. Agote erhielt die notwendigen Hinweise, um die Galeone zu bauen, von der er so lange geträumt hatte. Schon 1997 hatte er den Albaola-Verein gegründet, um Zimmerleute auszubilden und traditionelle Boote nachzubauen. 2004 gab ihnen die öffentliche Agentur Parks Canada die Informationen, um eine Nachbildung eines der Walboote zu bauen, die die San-Juan-Galeone transportierte.

“Im Gegenzug verlangten sie absolute Treue in den Details, im Material und in den Werkzeugen. Wie im 16. Jahrhundert zu arbeiten ist schwierig, aber es ist der beste Weg, die Technologie unserer Vorfahren zu verstehen.“ Vor sieben Jahren begannen sie, die Nao San Juan zu errichten. “Die Galeone wird spektakulär, für uns am wichtigsten ist der Bauprozess, das Erlernen der Berufe.“ 2018 besuchten 63.000 Menschen das Museum, sahen der Arbeit der Schreiner, Schmiede und Seilmacher zu, besichtigten die Ausstellung über die Walfang-Odyssee und das wachsende Skelett der Galeone.

(2020-10-06)

FRANCO AUSGEBOOTET

Das Städtchen Elgoibar liegt an der Grenze zwischen Bizkaia und Gipuzkoa und hat der baskischen Medienwelt kürzlich eine kleine Schlagzeile geliefert: “Franco ist nicht mehr Bürgermeister von Elgoibar“. Das war er mehrere Jahrzehnte lang, genau 71 Jahre. Nicht gerade erster Bürgermeister, aber seit 1949 doch ehrenhalber.

ok65x9aSehr wahrscheinlich war der Putschist, Massenmörder und Baskenhasser in halb Spanien Bürgermeister, denn die Verwaltungen vieler Orte bemühten sich um franquistisches Wohlwollen. Da war ein Ehrentitel ein wichtiges Medium. Doch mit der Zeit wurden diese Honorierungen vergessen. In Elgoibar sozusagen bis gestern. Sogar nachdem die “Demokratie“ in spanisch-baskische Lande einzog. Interessanterweise waren es nicht die abertzal-nationalistischen Kräfte, denen dieser Anachronismus auffiel (oder aufstieß), sondern die der Protestpartei Podemos (Wir können), die sich in Madrid mittlerweile die Regierungs-Sessel teilen mit den Sozialdemokraten von P. Sanchez. Die Abstimmung über den Entzug der Ehrenrechte gegenüber Francisco Franco Bahamonde fiel einstimmig aus. Weil im Ort die post-franquistische spanische Rechte (PP, Vox) nicht vertreten ist.

Die antifranquistische Memoria-Gruppe “Elgoibar 1936“ beglückwünschte sich zu der Entscheidung, stellte aber gleichzeitig fest, “dass es noch viel zu tun gibt“. Dieses Jahr wurden bereits die Plaketten der falangistisch-faschistischen Wohnbau-Gesellschaft entfernt (45 Jahre nach Francos Tod), sowie Symbole der “Vertikalen Gewerkschaft“ der Franquisten. Entfernt wurde der Name eines Wohnblocks, denn der Namensgeber – Pedro Muguruza (baskischer geht es bei Familiennamen eigentlich nicht!) – war kein anderer als der leitende Ingenieur des Franco-Mausoleums “Valle de los Caidos“ in der Region Madrid. Doch nach wie vor ist eine Allee (Avenida) in der Stadt nach diesem Franquisten benannt.

“Wir arbeiten weiter“, lässt Elgoibar 1936 verlauten. “Pedro Muguruza war nicht nur Chef der Falange-Architekten, er war auch (designierter) Abgeordneter im Kongress und ist weiterhin Ehrenbürger der Stadt. Dann gibt es da noch das Morkaiko-Kreuz zum Andenken an die Requetés (navarrische Faschisten)“. Arbeit bleibt auf jeden Fall. Bliebe nur die Frage, warum die franquistische Reinigung in Elgoibar nicht komplett in einem Aufwasch erledigt wurde. Eine Antwort: Die baskische Rechte ist in der Frage Muguruza noch unentschieden. Es sei noch nicht geklärt, ob er wirklich ein Faschist gewesen sei. Selbst Wikipedia sieht dies anders.

(2020-10-04)

ok65x1NEUE GEWERKSCHAFTEN

Neue, durch die Coronavirus-Pandemie verschärfte Probleme bei Arbeit und Beschäftigung erfordern neue Organisations-Modelle. Die Bühnenbauer, Musik- und Theater-Techniker*innen (Teknikariak) sind seit dem Wegfall von Fiestas und Kulturveranstaltungen weitgehend ohne Aufträge und Arbeit. Nach dem Modell anderer Städte haben sie nun eine Gewerkschaft gegründet, mit der sie ihren Interessen Ausdruck verleihen wollen. Die allerwenigsten hatten feste Jobs, die große Mehrheit lebte von Werkverträgen oder jobbte als “falsche Selbständige“ für eine einzige Einrichtung. Den fast durchweg prekär Beschäftigten drohen nun lange Arbeitslosigkeit und Armut.

Auch die vielen kleinen Gaststätten, insbesondere in Bilbao, werden von den Maßnahmen gegen die Pandemie hart getroffen. Die Reduzierung der Klienten-Zahlen bedeutet weniger Einnahmen, in der Kneipe darf nur noch im Sitzen konsumiert werden, was im Baskenland völlig unüblich ist. Dazu hängt diesem Gewerbe der Ruf nach, ein Covid-Verbreiter zu sein, wegen der Nichtbeachtung der Distanzvorschriften. Mit der Gründung einer Interessenvertretung – vor allem kleiner und linker Gaststätten – sowie mit regelmäßigen öffentlichen Auftritten und viertelstündigen Servierstreiks soll die Rücknahme der Einschränkungen erreicht werden. Im Sommer konnte das Kneipenleben noch halbwegs auf der Straße stattfinden, bei schlechtem oder kaltem Wetter bleibt nur der Rückzug ins Innere. Nur haben viele dieser Lokale wenig mehr als einen Tresen und drei Hocker zu bieten, was die Existenz bedroht.

ok65x2PELOTA-STREIK

Baskische Pelota ist einer der wenigen Sportarten in Euskal Herria, der der Totalherrschaft des Fußballs etwas entgegensetzen kann. Hand-Pelota (Esku Pilota) wird wöchentlich Live im baskischen Fernsehen übertragen und hat guten Zulauf. Im Allgemeinen zeichnet sich Sport bekanntlich durch Teams aus, die nach Städten, Regionen oder Ländern sortiert sind. Nicht so Pelota. Hier sind zwei “Unternehmen“ am Ball, die sich das Geschäft teilen und die besten 20 Pelotaris unter Vertrag halten.

Bei einem dieser “Unternehmen“ ist nunmehr Feuer unterm Dach - ein Streik wurde ausgerufen. Die Spieler beklagen sich, dass sie unmenschlich behandelt und beschissen bezahlt werden. Wirklich gut leben von diesem Sport können – trotz der medialen Attraktion – nur die Turnier-Gewinner. Der “Unternehmens-Eigentümer“ mit feudalistischer Mentalität entlässt Spieler und will den anderen den ohnehin schmalen Lohn kürzen, “weil die Pandemie zu Einbußen geführt hat“. Die Spieler haben sich nun organisiert, fürs erste unter dem Dach einer großen Gewerkschaft, eine eigene Interessen-Vertretung ist in der Diskussion. Die vier Entlassenen sollen neue Verträge bekommen, die Wirtschaftlichkeit des Unternehmens soll transparent und der Umgang menschlich werden. Für ihre Forderungen wollen die Pelotaris nun streiken, zwölf Spieltage lang, über vier Wochenenden. Damit sind zwei Turniere bedroht, falls es nicht zu einer Einigung kommt. Denn im so geliebten Pelota-Sport herrschen Zustände wie im alten Rom.

ok65x3MIET-BERATUNG

Die Gruppe AZET (Alde Zaharreko Etxebizitza Taldea), eine Wohnungs- und Miet-Initiative aus der Altstadt, nennt bezeichnet sich zwar ebenfalls als Gewerkschaft, ist aber eher eine solidarische Rechtsberatung für Personen, die zur Miete wohnen und Probleme mit den Vermieter*innen haben. Der durch viele Tourismus-Wohnungen ohnehin angespannte Mietmarkt erhielt durch die Pandemie weitere Schläge. Vor allem informell Beschäftigte verloren ihre ohnehin unzureichende Existenzgrundlage und konnten ihre Miete nicht mehr bezahlen. Viele haben sich deshalb zu Besetzung von leerstehenden Wohnungen entschlossen, was wiederum gravierende juristische Probleme aufwirft (Schätzungen sprechen von 7.500 solcherart Besetzungen während des laufenden Jahres im ganzen Staat). Besonders betroffen sind Migrant*innen. Diesem Problem widmet sich AZET mit Rechtsberatung und Mobilisierungen auf der Straße, wenn Zwangsräumungen drohen.

Im bilbainischen Stadtteil San Francisco macht derzeit eine Mehrfach-Eigentümerin von sich reden, der mafiöse Vorgehensweisen vorgeworfen werden. In mehr als 10 ihrer Wohnungen “leben“ bis zu 11 Personen auf 70 Quadratmetern, viele bekommen keinen Vertrag. Für den Abschluss eines Vertrags wird extra kassiert, ebenso für eine rechtmäßige Anmeldung bei der Meldebehörde. Bei Nichtbezahlung der Miete droht sie mit Abmeldung, entzieht die Waschmaschine, lässt Abwasserrohre zerstören und Lampen entfernen. Personen, die ausgezogen sind, werden erpresst mit der Drohung, sie abzumelden, dazu kassiert sie Teile der Sozialhilfe der Leute. Zudem provoziert sie Streit unter den Armen, indem Einzelzimmer “billiger“ vermietet werden, wenn die Betreffenden im Gegenzug Spitzeldienste leisten und Kontrolle ausüben.

ok65x4ANTIFASCHISTISCHER UMZUG

Weil am 12. Oktober 1492 die Kolumbus-Expedition in Amerika zum ersten Mal Land entdeckte (was einen Völkermord an 70 Millionen Indigenen nach sich zog) war dieser Tag in der Vergangenheit im spanischen Staat der “Tag der Rasse“. Nun wird er etwas vornehmer aber nicht weniger verheerend “Tag der Hispanität“ genannt. Viele Bask*innen ignorieren deshalb diesen “Feiertag“, gehen arbeiten oder protestieren gegen den hispanischen Ultra-Nationalismus. Eine Alternative in Bilbao haben unorganisierte Linke ins Leben gerufen. Zum zweiten Mal organisieren sie einen “Antifaschistische Parade“ genannten Marsch durch die Innenstadt, bei dem die verschiedenen baskischen Bataillone zur Verteidigung der Republik 1936 in Originalkleidung dargestellt werden. Damit soll an die Verteidiger des Baskenlandes und an die Opfer des Krieges und des Franquismus erinnert und ein Zeichen gesetzt werden gegen Neofaschismus und die Nichtaufarbeitung der Diktatur. Alarde Antifaxista ist der Name der Veranstaltung, an der mehr als 200 Personen die ideologisch unterschiedlichen Bataillone darstellen: baskische Nationalisten, Republikaner, Sozialisten, Kommunisten, Anarchisten (in ihrer großen Mehrheit Männer).

ok65x5POLIZEI-BRUTALITÄT IN SAN FRANCISCO

Im bilbainischen Stadtteil scheint die Polizei bei ihrem Vorgehen freie Hand zu haben. In diesem von einer großen Zahl von Migrantinnen bewohnten Barrio kommt die antirassistische Gruppe “SOS Rassismus“ kaum hinterher, die Polizei-Übergriffe zu dokumentieren und öffentlich zu denunzieren. Während des Lockdowns kam es mehrfach zu unwürdigen oder brutalen Behandlungen von Bewohner*innen, die allein durch ihre Hautfarbe auffallen. Letztes Opfer war ein 19-Jähriger, der von der Stadtpolizei brutal verprügelt wurde, weil er sich schlichtend in einen Streit einmischen wollte. Im Gefängnis unternahm er einen Suizid-Versuch, wurde ins Krankenhaus gebracht und kam wieder zurück in die Zelle. SOS Rassismus macht deutlich, dass von der Polizei fast ausschließlich als Migrant*innen erkennbare Personen kontrolliert und eingeschüchtert werden, Weiße haben praktisch nichts zu befürchten. Nachbarschafts-Initiativen sind seit Jahren damit beschäftigt, in dem früher als Arbeiter-, Prostitutions- und Drogen-Viertel bekannten Stadtteil für Koexistenz zu werben und Xenophobie bei der Polizei und einem Teil der Bevölkerung anzuklagen.

ok65x6ANTIFASCHISTISCHE ERINNERUNG IN NAVARRA

Bis heute ist unklar, weshalb die schwangere Juana Josefa Goñi Sagardia, damals 38 Jahre alt, mit sechs ihrer sieben Kinder nahe des Ortes Gaztelu in Navarra nach dem franquistischen Militärputsch 1936 in eine Felsspalte geworfen und umgebracht wurde. Ein politischer Hintergrund konnte nie aufgedeckt werden. Dennoch war es eines der scheußlichsten Verbrechen der Franco-Faschisten. Nur der Ehemann und der älteste Sohn überlebten das Massaker, weil sie von den Aufständischen an die Front geschickt worden waren. Erst 2016 wurden die Reste der Leichen aus der im ganzen Dorf berüchtigten Felsspalte geborgen. Nun hat das Parlament in Pamplona beschlossen, den Ort als “besonderen Erinnerungs-Ort“ zu titulieren, ihn ordentlich zugänglich zu machen und die Geschichte jenes Verbrechens gegen die Menschlichkeit kommenden Generationen zu vermitteln.

Der ganze Ort wusste 1936, was mit der Familie geschehen war, aber niemand traute sich Fragen zu stellen oder hatte ein Interesse an Aufklärung. Denn die Verhältnisse nach dem Sieg der Franquisten (die in Navarra nicht einmal einen Krieg brauchten, weil sich die Behörden freiwillig ergaben) waren geprägt von absoluter Straflosigkeit, sprich: die Sieger konnten sich Verbrechen leisten, wie sie wollten. Jegliche Opposition oder Dissidenz wurde mit einem neuen Mord beantwortet. Deshalb fragte 80 Jahre niemand nach Juana Josefa Goñi Sagardia, Joaquín (16 Jahre), Antonio (12), Pedro Julián (9), Martina (6), José (3) und Asunción (18 Monate). Erst 84 Jahre nach dem Verbrechen beginnt die offizielle Erinnerung an diese von Armut gezeichnete Familie.

ok65x7REKALDE, GAZTETXE, FABRIKBESETZUNG

Einen Moment lang wurde der Arbeiter-Stadtteil Bilbo-Rekalde im Jahr 2011 bis nach Mitteleuropa bekannt, als die 11 Jahre zuvor besetzte und als Stadtteil-Zentrum genutzte Fabrik Kukutza III geräumt wurde. Solidarische Leute aus verschiedenen Ländern fanden sich ein, um gegen die willkürliche Maßnahme des Bürgermeisters zu protestieren. In den folgenden Jahren wurden im selben Stadtteil (in dem es bis 2018 bis zu seiner Räumung auch noch das anarchistische Zentrum Izar Beltza, Schwarzer Stern, gab) zwei neue Besetzungs-Projekte organisiert: den feministischen Squad OihuK (baskisch: Schrei) und im Jahr 2014 das Zentrum Etxarri. Letzteres soll per Gerichtsurteil nun geräumt werden.

Besetzt wurde das Jahrzehnte lang leerstehende Gebäude im Juli 2014. Der baskischen Tradition folgend, dass besetzte Zentren keine subkulturellen Inseln sein sollen, sondern gemeinschaftlich genutzte Räume, wurde das Gaztetxe von Beginn an zur Nutzung durch die Bevölkerung geöffnet. Angeboten wurden alternative Freizeit-Aktivitäten, politische Bildung, Kino, Volksessen und Konzerte. Die reaktionäre Stadtverwaltung bekämpfte das Projekt und behauptete, es erfülle nicht die Sicherheits-Standards, mit diesem Argument wurde Etxarri 2016 geräumt. Und zwei Jahre später wieder besetzt, um die Arbeit fortzuführen.

Per Gerichtsbeschluss soll erneut Schluss sein mit der populären Nutzung der Räumlichkeit. Die Besetzungs-Versammlung Etxarri erklärte, die Stadtverwaltung habe sich nicht einmal direkt in Verbindung gesetzt, lediglich das Gerichtsurteil sei zugestellt worden. Mit dieser angekündigten Räumung droht ein weiterer gewaltsamer Konflikt in Bilbo. Denn mit solchen Manövern beauftragt wird üblicherweise die Ertzaintza, die baskische Polizei, die wegen ihrer Schlägertrupps überall einen äußerst schlechten Ruf hat und 2012 ohne Not und Konflikt einen Fußballfan mit Gummigeschossen tötete. Von der Kukutza-Räumung ist in Erinnerung, dass viele jener Einsatzkräfte offenbar unter Drogen standen, was ihre Gewaltausübung erheblich erleichterte.

ok65x8EUROCOPA

An dem wegen der Pandemie von Juni 2020 auf Juni 2021 verschobenen sportlichen Großereignis Fußball-Europameisterschaft in Bilbao wird langsam und lange vor seiner definitiven Umsetzung wieder geköchelt. Noch kann niemand sagen, wie sich Corona entwickelt, da beschließt der Stadtrat, dass alle Besucher*innen des in der Bevölkerung mehrheitlich abgelehnten und tourismus-fördernden Events die öffentlichen Busse Bilbaos kostenlos nutzen sollen. Für Einheimische gilt das nicht. Nach der erklärten Steuerfreiheit für den veranstaltenden Fußball-Verband und der Genehmigung zur Anwerbung von Hunderten von kostenlosen freiwilligen Helfer*innen ist dieser Beschluss ein weiterer Bückling gegenüber dem millionenschweren multinationalen Konzern UEFA. Zur Erinnerung: Bilbao ist einer von 12 Standorten der Eurocopa, die verhasste spanische Auswahl soll hier drei Spiele absolvieren.

ABBILDUNGEN:

(0) Francos Abzug (naiz-afp)

(1) Technik-Gewerkschaft

(2) Pelota-Streik (naiz)

(3) Miet-Initiative (FAT)

(4) Alarde (FAT)

(5) Polizeigewalt (ecuador etxea)

(6) Kriegs-Massaker Navarra (naiz)

(7) Hausbesetzungen (ecuador etxea)

(8) Eurocopa (FAT)

(9) Franco Elgoibar 

(10) Iruña Veleia

(11) Walfänger San Juan Nachbau

(12) Kopfgeld gegen ETA

(13) Guardia Civil im Zwielicht

(14) Begoña Urroz, Donostia

(15) Schlinge am Hals des Königs (navarra.com)

(16) Tourismus-Wohnungen (elcorreo)
 

(ERST-PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2020-10-04)

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