judivg11Judimendi Vitoria-Gasteiz

Im Jahr 1492 verordneten die “Katholischen Könige“ Isabel und Fernando die Ausweisung der jüdischen Bevölkerung aus dem Königreich Kastilien. Kastilische Orte verloren damit einen wichtigen Teil ihrer Bevölkerung. In Vitoria-Gasteiz, das zu diesen Orten gehörte, schlossen die Ausgewiesenen mit den Stadtherren vor ihrem erzwungenen Auszug eine Vereinbarung, die vorsah, dass der alte jüdische Friedhof außerhalb der Stadtmauern respektiert werden und auf alle Zeiten eine Wiese oder Weide bleiben sollte.

1492 war für Kastilien und die Weltgeschichte ein entscheidendes Jahr. Dem militärischen Sieg gegen das in Granada verbliebene arabische Emirat folgte die Vertreibung der jüdischen Bevölkerung. Begleitet vom Kolonisations-Auftrag für Kolumbus, der zu einem Völkermord an Millionen von Indigenen führte.

Die Entscheidung fiel im kastilischen Herrscherhaus. Nach dem Sieg gegen die Araber in Andalusien, die fast sechs Jahrhunderte die Halbinsel beherrscht und zu kultureller und wirtschaftlicher Blüte gebracht hatten, wurde im Jahr 1492 auch die jüdische Bevölkerung verbannt. Zwischen Demütigung und Schmerz mussten die Ausgewiesenen alles aufgegeben, einschließlich der materiellen Erinnerung ihrer Vorfahren. Bevor sie jedoch abzogen, trafen sie mit den damaligen Stadtherren von Vitoria-Gasteiz eine Vereinbarung, dass ihr außerhalb der Stadtmauern gelegener alter Friedhof respektiert werden sollte und für immer als Weide oder Wiese genutzt werden sollte. (1)

judivg12Die unerbittliche Zeit sollte diese alte Vereinbarung einst verwelken lassen, und der hebräische Friedhof, der versteckt unter dem Hügel von El Polvorín schlummerte, wurde von der schweren Maschinerie des städtischen Wachstums geweckt und zerstört. Heute beherbergt der ruhige Judimendi-Park eine Skulptur, die wie der steinerne Monolith, der ihr vorausging, die Erinnerung und das Gedenken an diesen Friedhof bewahren soll.

Die jüdische Künstlerin Yael Artsi, in Marokko geboren und aus einer sephardischen Familie stammend, hat ein großes Buch aus Steinblöcken geformt, die aus einem Steinbruch stammen, der als "Berg von Jerusalem" bekannt ist. Das Buch, ein Symbol der Kultur, wird von einem ovalen Amboss begleitet, der auf die Eisenschmieden der Basken im Mittelalter verweist, sowie von drei Metallstreifen in Form eines Rings, die an die Koexistenz von Christen, Juden und Muslimen erinnern und so eine Botschaft des Friedens und der Freundschaft vermitteln sollen. Diese Botschaft wird durch die Aufnahme einer bekannten Passage des Propheten Jesaja in das Werk verstärkt: “Er wird sich nicht mehr erheben und zum Krieg rüsten. Möge es wahr sein und von allen beherzigt werden.“ Traurigerweise wissen wir heute, dass dies nicht der Realität des 21. Jahrhundert entspricht.

Etwas mehr als 500 Jahre sind vergangen, seit der Teil der jüdischen Bevölkerung von Vitoria-Gasteiz, der sich weigerte, auf seinen Glauben zu verzichten, ins Exil ging. Fünf Jahrhunderte, in denen ihre Präsenz in der Stadt aus dem kollektiven Gedächtnis verschwand und nur lose Fetzen in den Archiven und in den Köpfen einiger Gelehrter blieben. Und doch waren die Jüdinnen und Juden ein Teil dieses baskischen Volkes, sie sprachen seine Sprache, sie teilten seine Ängste in Zeiten von Krieg und Pest, sie trugen zum Wohlstand der Bevölkerung bei, sie trieben Handel und übten verschiedene Berufe aus, darunter als Handwerker, Kaufleute und vor allem Ärzte. Nicht viele gehörten zu dieser Gemeinschaft, doch Vitoria-Gasteiz hatte auch nicht viele christliche Einwohner*innen. Die Bevölkerung im Mittelalter wird auf etwa 2.000 Personen geschätzt. Etwa 20% davon waren jüdischer Herkunft, das heißt, rund 400 Personen. Das entsprach etwa 70 Familien und war genug, um eine Aljama zu bilden, ein jüdisches Viertel.

Aljama“ ist ein mittelalterliches Wort, das sich vom arabischen "alyama'a" oder "qahala" auf Hebräisch ableitet, von dem im Übrigen das spanische Wort "calle" (Straße) abstammt. Aljama war der formale Ausdruck der Gemeinde und umfasste neben der Synagoge eine Schule, eine Metzgerei und ein Gericht zur Beilegung von Streitigkeiten unter Juden. Vitoria-Gasteiz hatte seine eigene Aljama, ebenso wie andere Städte in der baskischen Provinz Araba (span: Alava), wie Laguardia und Labastida. In Navarra gab es bedeutende, reiche und kulturell entwickelte Aljamas in Iruñea (Pamplona), Lizarra (Estella), Tutera (Tudela) und generell in vielen Städten entlang des Jakobswegs nach Santiago de Compostela. In Bizkaia gab es nur eine Aljama in Balmaseda, in Gipuzkoa gab es keine. Es ist bekannt, dass es in den Territorien Bizkaia und Gipuzkoa in Orten wie Urduña (Orduña), Segura und Arrasate-Mondragon jüdische Bevölkerung gab, wenn auch in geringer Zahl und formal ohne eigene Gemeinde.

judivg13In Vitoria-Gasteiz gibt es noch eine Straße, die “Nueva Adentro“ (Neue Hinein), die eine Zeit lang Calle de la Judería (Straße der Jüdischen Gemeinschaft) hieß und die nach dem Weggang der jüdischen Bewohner*innen wieder ihren alten Namen bekam. "Nueva", weil sie die letzte der drei Straßen war, die zur zweiten Erweiterung des mittelalterlichen Viertels gehörten: Cuchillería, Pintoreria und Nueva Adentro. "Adentro", weil sie an der Mauer lag, die die Stadt umgab, und um sie von der “Nueva Afuera“ (Neue Hinaus) zu unterscheiden, die später außerhalb der Mauer gebaut wurde. Einige der Häuser in dieser Straße wurden von sephardischen Familien bewohnt, von denen viele nach den schrecklichen Angriffen auf die jüdischen Viertel im Jahr 1327 aus Navarra kamen. Aber es sollte noch anderthalb Jahrhunderte dauern, bis 1486 (sechs Jahre vor der Vertreibung von 1492) die Juden von Vitoria per Dekret gezwungen wurden, in dieser Straße zu leben. Das eine Ende der Straße wurde zugemauert, um sie zu zwingen, die Kontrolle des Tores zu passieren, das zum Portal del Rey führte. Außerdem wurden sie gezwungen, eine orangefarbene Schnalle an ihrer Kleidung zu tragen. Christliche Frauen durften das jüdische Viertel nicht betreten, Juden durften keine christlichen Bediensteten haben, Juden und Christen durften ihre jeweiligen Feste nicht gemeinsam feiern und keine Geschäfte abwickeln, was in den Jahren zuvor relativ normal gewesen war.

Aus Vitoria-Gasteiz gibt keine Aufzeichnungen über anti-jüdische Grausamkeiten extremer Art, wie sie während des 14. und 15. Jahrhunderts in anderen Orten wie Valladolid, Lizarra-Estella, Granada, Sevilla, Nájera, Zaragoza, Madrid, Toledo, Barcelona und vielen anderen stattfanden. Dort wurden bei Pogromen Männer, Frauen und Kinder gefoltert, massakriert und lebendig verbrannt. Auch Vitoria-Gasteiz musste die Anordnungen befolgen, die vom Herrscherhaus in Form von restriktiven Maßnahmen für einen Teil der Bevölkerung erlassen wurden. Darüber wurde viel gesagt, Tausende von Seiten wurden geschrieben und es wurde versucht, das ungerechtfertigte Verhalten aus menschlicher und humanistischer Sicht zu rechtfertigen – ein unvernünftiges und fremdenfeindliches Verhalten, das jahrhundertelang von großen Teilen der Gesellschaft, angefangen bei Päpsten und Königen, praktiziert wurde.

Die Juden kamen im 2. Jahrhundert nach ihrer Vertreibung aus dem Nahen Osten durch Kaiser Hadrian im Jahr 135 auf die Iberische Halbinsel, lange vor den Sueben, Vandalen, Alanen, Westgoten, Franken oder Arabern. Sie waren also Teil des Völkergemischs, das sich über Jahrhunderte hinweg, in guten wie in schlechten Zeiten, im Krieg und im Frieden, in diesem Teil der Welt niedergelassen hat. Sie passten sich dem neuen Leben an, übernahmen Sitten und Sprachen, kämpften an der Seite ihrer Nachbarn, wenn die Bevölkerung angegriffen wurde, sie litten wie die anderen unter Hungersnöten und Seuchen, arbeiteten hart, um sich eine Existenz aufzubauen. Unter ihnen gab es angesehene Mathematiker, Astronomen, Philosophen, Kaufleute und Ärzte. Aber eine Tatsache bildete immer den Unterschied: die Religion.

judivg14Und gerade wegen ihrer Religion wurden sie aus der Gesellschaft ausgeschlossen und ihnen ihre Bürgerrechte verweigert. Alle Konzile der katholischen Kirche, angefangen mit dem Konzil von Elvira (Granada) im Jahr 314, verfügten ihre Ausweisung oder zumindest ihre Absonderung. Die Angriffe auf die jüdischen Viertel wurden von Klerikern unterstützt, unter denen sich Konvertiten oder Nachkommen von Konvertiten befanden, die mit der Teilnahme an den Pogromen die Glaubwürdigkeit ihrer Konversion unter Beweis stellten. Päpste erließen ebenso wie Königshäuser anti-jüdische Gesetze und Verordnungen, beide nutzten die Vorteile, die sich aus den von ihnen zu entrichtenden Sondersteuern oder den bei ihnen aufgenommenen und selten zurückgezahlten Darlehen ergaben, um Kriege zu führen oder Eroberungen zu machen.

Untermauert wurden diese Angriffe durch absurde Vorwürfe wie die Entführung christlicher Kinder zu Opferzwecken, die Vergiftung von Brunnen, der schwarzen Magie und vor allem des Wuchers. All das waren Vorwände, um Hass und Rache zu schüren. Im Fall des “Wuchers“ wurden die Kreditvergabe-Gesetze von der Krone kontrolliert, die einen Teil der Zinsen kassierte. Genau dasselbe praktizieren heutzutage die Banken, und niemand käme auf die Idee, einen Bankier lebendig zu verbrennen. Jedenfalls war die Zahl der Geldverleiher im Vergleich zu anderen Berufen minimal. Unter den Juden gab es reiche, aber auch sehr arme Leute, und die meisten von ihnen waren Handwerker.

Viele Schuldner freuten sich über das Ausweisungs-Dekret, weil sie dachten, sie würden von ihren Schulden befreit werden. Dies war ein schwerer Irrtum. Die Staatsbeamten rechneten die den Juden geschuldeten Beträge genau ab und forderten sie für die Krone ein, einschließlich Zinsen. Der wahre Grund für die Vertreibung war die Einigung, die der Westgoten-König Rekkared (559-601) bereits 587 zum Ausdruck gebracht hatte, als er den Katholizismus zur einzigen offiziellen Religion machte (3). Die Katholischen Könige (Isabella die Katholische und Ferdinand von Aragon) traten lediglich in seine Fußstapfen: ein König, ein Königreich, eine Religion. Die Befürworter der Heiligsprechung von Königin Isabella argumentieren, dass die Vertreibung von Tausenden von Menschen unter absolut prekären Bedingungen einer Staatsräson geschuldet war: die Einheit ihres Reiches zu errichten, auf der Grundlage einer einzigen Religion: des Katholizismus. Es besteht kein Zweifel daran, dass die kastilische Königin der römischen Kirche einen großen Dienst erwiesen hat, auch wenn sie dafür ihre jüdischen und muslimischen Untertanen opferte.

judivg15In Vitoria-Gasteiz gibt es auch einen Ort namens Judimendi, der von der jüdischen Gemeinde für die Bestattung ihrer Toten genutzt wurde. Im Juni 1492, als die Vertreibung stattfand, trafen die Verantwortlichen der Aljama von Vitoria-Gasteiz eine Vereinbarung mit dem Stadtrat, an den sie mehrere Grundstücke abtraten. Darunter die Synagoge, die später in ein Gymnasium umgewandelt wurde, und die Wiese, auf der sich der Friedhof befand. In diesem Fall traten sie das Land unter einer Bedingung ab: die Fläche des Friedhofs sollte respektiert werden. Die Stadt hielt sich an ihr Versprechen, bis in den 1950er Jahren Vertreter der jüdischen Gemeinde von Baiona (Bayonne) nach Vitoria-Gasteiz kamen und die Stadt von ihrer einstigen Verpflichtung entbanden.

“Heute steht an dieser Stelle ein kleines Denkmal. Ich war kürzlich dort. Der Monolith war voller Graffiti und der winzige Garten, der ihn umgab, war eine Schande. Eine Stadt, die 500 Jahre lang ihr Wort gehalten hat, sollte die Erinnerung an einige ihrer Vorfahren respektieren“, schließt die Schriftstellerin Toti Martinez de Lezo ihren 2004 verfassten Artikel für das Geschichts-Magazin AVNIA.

Nach dem Ausweisungs-Dekret zogen einige weg, aber die meisten blieben an dem Ort, an dem ihre Eltern und Großeltern geboren worden waren, an dem sie selbst und ihre Kinder geboren wurden. Gezwungen, ihren Besitz gegen ein altes Pferd und einen Wagen einzutauschen, ohne Geld oder Gold mitzunehmen, in ein fremdes Land zu gehen, dessen Sprache sie nicht kannten, ohne Sicherheit und in Angst vor einer ungewissen Zukunft, mit alten Menschen, schwangeren Frauen, Kindern – vor diesem Hintergrund entschlossen sich viele, die christliche Taufe anzunehmen und in ihren Häusern, in ihrer Stadt und in ihrem Land zu bleiben. Sie taten es und bewahrten heimliche Erinnerungen, verbotene Erinnerungen, verdeckte Traditionen, bis der Lauf der Zeit alle Spuren verwischte und nur noch wenige Spuren an ihre Anwesenheit übrigblieben.

ANMERKUNGEN:

(1) “La Judería de Vitoria“ (Das jüdische Viertel von Vitoria), Geschichts-Magazin AVNIA, Nr. 9, Jg. 2004/2005. Autorin: Toti Martinez de Leza, Fotografien: Juanjo Hidalgo-Foat

(2) Sephardim, deutsch Sepharden oder Sefarden, ist die Bezeichnung für Juden, die sich nach ihrer Vertreibung von der Iberischen Halbinsel (Spanien 1492 und Portugal ab 1496) zum größten Teil im Herrschaftsgebiet des Osmanischen Reiches und in Nordwestafrika (Maghreb) niederließen. Ein kleiner Teil siedelte sich auch in Nordeuropa an sowie in den Seehandelsstädten der Niederlande, in Norddeutschland und England, Frankreich und Italien, in Amerika, Indien und Afrika. Ihre Kultur und Sprache beruhen auf ihrer iberischen Geschichte und unterscheiden sie von den mittel- und osteuropäisch geprägten Aschkenasim. Im Jahr 2019 wurde die Anzahl der Sephardim auf 3,5 Millionen geschätzt. Wikipedia (LINK)

(3) Westgoten-König Rekkared (559-601) Rekkared war der jüngere der beiden Söhne des Königs Leovigild. Die Königsfamilie bekannte sich damals noch nach westgotischer Tradition zum arianischen Glauben, während die Reichsbevölkerung mehrheitlich katholisch war. 579 wurde Hermenegild von seinem Vater nach Sevilla geschickt, von wo er über den südlichen Teil des Westgotenreichs herrschen sollte. Dort trat Hermenegild zum Katholizismus über. Er begann einen Aufstand gegen seinen Vater, der niedergeschlagen wurde. Der Geschichtsschreiber Gregor von Tours berichtet, dass Rekkared seinen Bruder, der in eine Kirche geflohen war, dazu bewog, aufzugeben. Hermenegild blieb in Gefangenschaft und wurde 585 ermordet. Damit fiel Rekkared die Rolle des Thronfolgers zu. 586 konnte Rekkared die Nachfolge antreten. Wie sein Vater erstrebte er die religiöse Einheit des Reichs; er erkannte, dass der Arianismus als Minderheits-Konfession diese Funktion nicht erfüllen konnte, und entschied sich, 587 zum Katholizismus überzutreten. Darauf kam es zu Verschwörungen arianischer Kreise. 589 berief der König das 3. Konzil von Toledo ein, das unter seinem Vorsitz tagte und dessen Themen er bestimmte. Den arianischen Bischöfen wurde zugesagt, dass sie beim Übertritt zum Katholizismus ihre kirchlichen Ämter behalten durften. Das Konzil erkannte die maßgebliche Rolle des Königs in der Kirche weitgehend an, was seine Macht stärkte. Nach oströmischem Vorbild bezeichneten die Konzilsväter Rekkared als “rechtgläubigen König“ (in Analogie zum “rechtgläubigen Kaiser“); sie nannten ihn “allerheiligsten Fürsten“, “von göttlichem Geist erfüllt“. Zu den Konzilsbeschlüssen gehörten auch Maßnahmen gegen die Juden, ihnen wurde unter anderem verboten, christliche Frauen zu heiraten oder christliche Konkubinen zu haben, und Kinder aus solchen bereits bestehenden Verbindungen mussten getauft werden. (LINK)

ABBILDUNGEN:

(*) Jüdische Kultur (avnia)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2024-03-31)

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