urzelai1Ultrarechte bestimmen in Bilbao

Jon Urzelai war 26 Jahre alt, Antifranquist und Mitglied von ETA, als er 1974 in Bilbo-Zorrotza von der Guardia Civil erschossen wurde. Die franquistische Diktatur neigte sich bereits ihrem Ende zu, tote Regime-Gegner standen dennoch auf der Tagesordnung. Bisher erinnerte in einem Bilbo-Stadtteil ein Gedenkstein an Urzelais tragische Geschichte vor 49 Jahren. Doch damit ist es nun vorbei. Nach einer Klage der ultrarechten Opfervereinigung Covite ließ der Bürgermeister den Gedenkstein entfernen.

Ein Jahr vor Francos Tod wurde der baskische Aktivist Jon Urzelai von der franquistischen Polizei in Bilbao erschossen. Ein Gedenkstein zu seiner Erinnerung wurde auf Ersuchen einer ultrarechten Opfergruppe auf Befehl des Bürgermeisters entfernt.

"Gestern wurde im Stadtteil Zorrotza von Bilbao an das ETA-Mitglied Jon Urcelay Imaz, dem Mörder des Zivilgardisten Martín Durán Grande, erinnert. Es muss Schluss sein, die Mörder zu legitimieren und die Opfer zu vergessen". Diese Worte schrieb der Opferverband Covite (Colectivo de Víctimas del Terrorismo – Kollektiv der Terrorismus-Opfer) am 12. September in einem Beitrag im sozialen Netzwerk X (ehemals Twitter). Die Vereinigung wandte sich an die Stadtverwaltung von Bilbao, die nun auf die Forderung der Covite-Vorsitzenden Consuelo Ordóñez reagierte und ankündigte, dass sie ihn "zum Schutz der Würde und Anerkennung der Opfer" entfernen werde. Dieses Opfer war Polizist und Handlanger der franquistischen Diktatur.

Begründet wurde die Entfernung des Erinnerungsobjektes damit, dass der Gedenkstein "gegen das Gesetz zur Anerkennung und Entschädigung der Opfer des Terrorismus" verstoße. Für Bürgermeister Juan Mari Aburto verschwimmen ganz offenbar die Grenzen zwischen Opfern und Tätern, zwischen Franquismus und danach. Jedenfalls kam er den Forderungen von Covite nach und hat die materielle Erinnerung an Jon Urzelai im Park der Astillero-Straße im Bilbo-Stadtteil Zorrotza entfernen lassen. In jenem Barrio war das ETA-Mitglied Urzelai am 11. September 1974 in der Endphase der Franco-Diktatur von der Guardia Civil erschossen worden.

Covite kann beileibe nicht behaupten, die Vertretung aller Opfer von bewaffneten antifaschistischen Aktionen während des Franquismus und danach zu sein. Im Gegenteil. Die Gruppe steht der postfranquistischen PP-Partei ebenso nahe wie der neofranquistischen Vox-Partei, einer Abspaltung der PP. Verfeindet ist sie mit der ebenfalls weit rechts stehenden AVT (Asociación de Víctimas del Terrorismo – Vereinigung der Opfer des Terrorismus). Die Angehörigen vieler anderer Opfer von politischer Gewalt wollen wegen deren politischer Verortung von Covite und deren fragwürdigen Ehren-Erinnerung ganz und gar nichts wissen. Die Angehörigen der Anschlagsopfer der islamistischen Anschläge von Madrid im Jahr 2004 wurden von Covite und AVT verhöhnt, weil sie sich von denen nicht vertreten sehen wollten.

Covite beansprucht für sich das Monopol der Definition, was Terrorismus ist und wer es verdient, erinnert zu werden (und wer nicht). Im Gegensatz zur baskischen Regierung, die von einem politischen Konflikt spricht und Opfer auf beiden Seiten anerkennt, sieht Covite die Sache eher einseitig. Polizeimorde werden ignoriert. Ebenso die 10.000 Fälle von Folter, die im Baskenland seit den 1960er Jahren dokumentiert sind und die die baskische Regierung zum Teil untersucht und anerkannt hat. Von der offenen Definition seiner PNV-Partei – Terrorismus und Staatsterrorismus – hat sich der Bilbo-Bürgermeister in diesem Fall jedoch opportunistisch distanziert.

Covite hatte in Bilbo bereits im Jahr 2021 eine ähnliche Beschwerde eingereicht. Damals erhielt die Gruppe allerdings keine Antwort von Aburtos Behörde. Die Stadtverwaltung selbst hat in den letzten Jahren bei verschiedenen Veranstaltungen, die im Park durchgeführt wurden, pikanterweise den Namen Jon Urzelai Park verwendet, wenn von dem Ort die Rede war.

Nachbarschafts-initiative

urzelai2Ende der 70er Jahre schufen die Einwohner*innen des Arbeiter-Stadtteils Zorrotza einen Park an einem Ort, an dem bis dahin zwischen Schutt und Spritzen nur Ratten zu sehen waren. In Nachbarschafts-Arbeit wurde die Grünfläche gestaltet, man einigte sich darauf, ihn nach dem toten ETA-Aktivisten Jon Urzelai zu benennen, um ihn im Viertel als Opfer des Franco-Regimes in Erinnerung zu behalten. "Das war im Viertel ein Konsens. Er wurde in der Franco-Diktatur ermordet, so dass es in der Nachbarschaft nie ein Problem gab", erinnert sich eine Person aus der Nachbarschafts-Initiative.

Der Gedenkstein kam später dazu, vor nunmehr 18 Jahren (2005). In dieser Zeit (ETA war aktiv bis 2011) gab es keinerlei Einwände seitens der Stadtverwaltung. Obwohl die Gedenktafel mehr als einmal verschwand, sorgten die Bewohner*innen immer dafür, sie zu ersetzen und die Erinnerung aufrecht zu halten.

Mit der Entfernung des Gedenksteins hat der Bürgermeister der Bizkaia-Hauptstadt den Opferstatus von Urzelai in Frage gestellt. Es ist nicht das erste Mal, dass der PNV-Führer im Alleingang Entscheidungen trifft, die eigentlich besser von Gerichten getroffen werden sollten. Im Juni 2021 verweigerte er die Erlaubnis, im städtischen Kulturzentrum La Bolsa einen Vortrag über Txabi Etxebarrieta zu halten, ebenfalls ein Opfer der franquistischen Guardia Civil, obwohl der Oberste Gerichtshof eine Klage der ultrarechten Organisation “Dignidad y Justicia“ (Würde und Justiz) abgewiesen hatte. DyJ hatte die Richter aufgefordert, den Vortrag über den ETA-Führer Txabi Etxebarrieta zu verbieten Trotz Ablehnung durch das Gericht griff der Bürgermeister selbst zum Verbot. Txabi Etxebarrieta war der erste Tote bei ETA und wurde nach seiner Entdeckung nachweislich regelrecht hingerichtet.

Schießerei oder Hinterhalt

Zurück zum Fall Urzelai. In den damaligen Chroniken der Tageszeitungen ABC, Diario Vasco und La Voz de España (im Franquismus alle gleichgeschaltet) war von einer "Konfrontation zwischen ETA-Aktivisten und der Guardia Civil" im Inneren eines Gebäudes in Zorrotza die Rede. Die antifaschistische Erinnerungs-Stiftung Euskal Memoria stellt die Ereignisse jedoch anders dar. Am 11. September 1974 wurde Bilbao im Morgengrauen von der Polizei besetzt. Zahlreiche Häuser wurden durchsucht, es gab Kontrollen an den Ein- und Ausfahrten der Stadt. An einem dieser Kontrollpunkte kam es zu einer Schießerei, bei der der Guardia Civil Martín Durán Grande verwundet wurde, der vier Tage später starb.

Dieser Tod wurde willkürlich Jon Urzelai zugeschrieben. Zusammen mit Andoni Campillo, einem weiteren ETA-Mitglied, versuchte er, sich in einen Unterschlupf in der Straße Astillero de Zorrotza zu flüchten. Die Guardia Civil war jedoch bereits im Haus: als die beiden Aktivisten die Tür öffneten, schossen die Zivilgardisten auf Urzelai, der sofort tot war. Campillo konnte entkommen und starb ein Jahr später bei einer ähnlichen Polizei-Aktion in Barcelona (ebenfalls noch im Franquismus, zwei Monate vor dem Tod des Putschisten und Massenmörders Franco).

Fiesta-Liebhaber und Aktivist

Jon Urzelai wurde 1948 in Donostia geboren und verbrachte seine Kindheit in Arano, Nafarroa und Ataun, Gipuzkoa. Im Alter von 17 Jahren kehrte er nach einer Ausbildung in einer Priesterschule aus Tolosa zurück, wo er viel über die baskische Kultur erfahren hatte. Zu Beginn beteiligte er sich an der Organisation kultureller Aktivitäten und fuhr mit seinen Nachbarn aus Etxarri-Aranatz in Navarra Radrennen. In der Zwischenzeit setzte er seine Ausbildung als Elektrotechniker fort und fand Arbeit.

Gleichzeitig machte er sich einen Ruf als "Partylöwe", was ihm als Deckmantel für seine beginnende Militanz bei ETA dienen sollte. In der Tat kamen viele Leute in sein Haus, in Gruppen von drei oder vier Personen und immer in anderer Kombination. "Alles Freunde aus der Militärzeit", pflegte seine Mutter zu sagen. Im Jahr 1970 bestimmte der Burgos-Prozess gegen 16 ETA-Aktivist*innen die Tagesordnung der gesamten sozialen und politischen Aktivitäten im Baskenland, und der junge Urzelai konnte sich dem nicht entziehen. Er musste seinen Militärdienst in der spanischen Enklave Ceuta auf dem afrikanischem Kontinent ableisten. Oder besser gesagt, er entschied sich dafür, ihn zusammen mit drei Freunden abzuleisten, "damit sie nicht getrennt würden". Seine Angehörigen gehen davon aus, dass er sich zu diesem Zeitpunkt bereits der ETA verpflichtet hatte".

Nach seiner Rückkehr aus Ceuta lebte er in Beasain. Häufig war er abwesend, angeblich bei irgendwelchen Festen. So lebte er bis zum 6. März 1973, mitten im Karneval von Tolosa. Urzelai aß mit mehreren Kollegen seines Kommandos in einer Bar zu Abend, als einer ihrer Mäntel zu Boden fiel. Aus der darin befindlichen Pistole löste sich ein Schuss, der eine Kellnerin verletzte. Nach diesem Vorfall wurden im Goierri-Tal bei Tolosa zahlreiche Verhaftungen vorgenommen. Es traf auch Urzelai, er wurde in Isolationshaft gehalten, gefoltert und im Donostia-Gefängnis von Martutene inhaftiert.

Der Tod von Genossen

urzelai3Im Gefängnis gab Urzelai anderen Gefangenen Sportunterricht und war für sein Interesse an einer guten körperlichen Verfassung bekannt. Am 28. November desselben Jahres erhielt Urzelai die Nachricht vom Tod von Joxe Etxeberria "Beltza", der im Alter von 22 Jahren starb, weil der vorbereitete Sprengstoff zu früh explodierte. Auch sein Freund Jon Pagazartundua starb an diesem Tag. Diese Nachricht traf Urzelai schwer, wie ein Zellengenosse in einer kurzen Biografie schilderte. Dem jungen Mann aus Gipuzkoa drohte eine Haftstrafe von 27 bis 30 Jahren. Der erwähnte Zellengenosse, der das Gefängnis Martutene nach acht Monaten verlassen konnte, erinnert sich: "Jon blieb dort und versicherte, dass er nicht den Rest seines Lebens hinter diesen Mauern verbringen würde".

Am 6. Juli 1974 ließ er sich in das Provinzkrankenhaus von Gipuzkoa einliefern, "obwohl er bei guter Gesundheit war". Von dort schaffte er mit Hilfe von außen die Flucht. "Wir überprüften die Informationen, die wir hatten, und waren im Krankenhaus“, erinnert sich ein Genosse in der genannten Biografie. “Wir hatten das Einverständnis der Organisation (ETA) für den Fluchtversuch und teilten Jon den Tag und die Uhrzeit unserer Ankunft mit. Er sollte bereit sein, in Straßenkleidung. Zur vereinbarten Zeit fuhren wir dorthin, aber Jon trug noch seinen Pyjama. Wir mussten uns in Donostia verstecken, das einzige Problem bestand darin, Jon mitten am Tag und im Schlafanzug aus dem Auto zu bekommen."

Nachdem die Flucht geglückt war, musste Jon Urzelai in Bizkaia in die Illegalität abtauchen. Am 2. September 1974 nahm er an einem Raubüberfall auf die Firma Tubacex in Laudio teil, der den Vorwand für den Polizeieinsatz am 11. September in Bilbao lieferte, wo er schließlich von der Guardia Civil erschossen wurde. Oktober 2023, 49 Jahre danach, ist Bürgermeister Aburto der Forderung des rechten Opferverbandes Covite nachgekommen und hat den Gedenkstein zum Gedenken an das Opfer der Franco-Polizei entfernt. Gleichzeitig wird Martín Durán Grande, ein Agent der franquistischen Guardia Civil, mittlerweile zu den Opfern gezählt.

Dabei sollte nicht vergessen werden, dass die Ereignisse von damals nicht von der Justiz der Diktatur geklärt und durch absolute Straflosigkeit gedeckt wurden. Als wäre das nicht genug: die franquistischen Morde und andere Verbrechen gegen die Menschlichkeit, wie es die Vereinten Nationen definieren, wurden nach Francos Tod auch noch mit einer Amnestie belohnt. Franquistische Handlanger wie der Polizist Durán Grande kamen nach 1975 in der folgenden “Demokratie“ zu allen Ehren – kein einziger von ihnen, was auch immer sie getan hatten, wurde je auch nur vor Gericht gestellt, geschweige denn verurteilt. Kein einziger. Dem Antifranquisten Jon Urzelai hingegen soll, nach dem Willen der Franco-Nachfolger, die Erinnerung entzogen werden.

ANMERKUNGEN:

(1) “Aburto obedece a Covite y quita el monolito de Jon Urzelai, muerto en 1974 por la Guardia Civil” (Aburto gehorcht Covite und lässt den Gedenkstein für Jon Urzelai entfernen, der 1974 von der Guardia Civil getötet wurde), Tageszeitung Gara, 2023-10-04 (LINK)

ABBILDUNGEN:

(*) Jon Urzelai (euskal memoria)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2023-10-07)

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