gerpal1Initiative zur Konfliktlösung

"Gernika ist eine besondere Referenz, um den Krieg in Gaza anzuprangern, diese Mobilisierung kann eine weltweite Verbreitung haben". Bereits zu Beginn des Angriffs auf Gaza hat die baskische Initiative Gernika-Palästina mit der großen Demonstration in Donostia auf europäischer Ebene einen Meilenstein gesetzt. Nun, nach fast zwei Monaten Krieg und Völkermord, mit mehr als 17.000 vorwiegend zivilen Toten und einer Vertreibung der Bevölkerung, wie die Welt sie selten erlebt hat, folgt ein zweiter Aufruf.

Gernika wurde am 26. April 1937 von denselben Nazis vernichtet, die auch den Holocaust verübten. Gernika ist seiner antifaschistischen Tradition treu geblieben und beklagt Völkermord in Hiroshima oder Kurdistan genauso wie in Gaza. Diese Verteidigung der Menschenrechte wird aus Israel als Antisemitismus diffamiert. Die Solidarität mit Palästina wird am 8. Dezember 2023 mit der Mobilisierung in Gernika erneut die Aufmerksamkeit internationaler Medien auf sich ziehen.

Gernika war im Jahr 1937 ein Symbol für den Schrecken des ersten Luftangriffs auf die Zivilbevölkerung und ist mit dieser tragischen Geschichte zum Mahnmal geworden für die Ablehnung dessen, was heute in Gaza geschieht. Internationale Medien haben die Mobilisierung zur Kenntnis genommen, die an diesem Freitag (8. Dezember 2023) stattfindet, eine Initiative, die einen starken symbolischen Charakter hat. Das Ziel von Gernika-Palästina ist es, ein riesiges Mosaik zu bilden, das vor dem Massaker warnt und eine grundlegende Lösung des Konflikts fordert. Ein Interview mit dem Oreka-TX-Musiker und Filmemacher Igor Otxoa und mit dem Palästinenser Mohamed Farajallah. (1) 

Foto-Reportage

(Bei  der Solidaritäts-Aktion in Gernika wurde auf einem großen Platz von etwa Tausend Personen mittels Regencapes und Plastikplanen ein Mosaik mit der palästinensichen Flagge dargestellt, an einem Ende wurde ein großes Stofftransparent entrollt mit einem symbolischen Ausschnitt von Picassos Guernica-Bild. Bei dieser Aktion entstand die an dieser Stelle dokumentierte Foto-Reportaje, deren Bilder öffentlich zugänglich sind.)

gerpal2Worin besteht diese Initiative Gernika-Palästina?

Igor Otxoa: Angesichts des Ernstes der Lage in Gaza wollen wir die Situation sichtbar machen und Solidarität zeigen. Wir glauben, dass es notwendig ist, den Bezug zu Gernika zu nutzen, wo (1937) die erste massive Bombardierung gegen die Zivilbevölkerung stattfand, so dass es in diesem Ort eine besondere Legitimation gibt, vergleichbare Verbrechen anzuprangern. Es wird eine sehr anschauliche Aktion sein, die das Potenzial hat, sich weltweit zu verbreiten. Wir haben bestätigt, dass Reuters vor Ort sein wird, eine türkische Agentur und Al-Jazzeera haben bereits darüber berichtet?

Was genau wird geschehen?

Igor Otxoa: Zunächst werden wir ein riesiges Mosaik-Bild an einem sehr symbolträchtigen Ort darstellen, auf dem Lebensmittel-Markt, der 1937 bombardiert wurde, weil jener Montag ein Markttag war. Danach wird es einen Akt der Solidarität geben, aber nicht nur gegenüber Palästina, im Vordergrund stehen Leute aus Palästinena zusammen mit Personen aus dem Baskenland. Wir rechnen mit der Teilnahme von Mohamed Farajallah.

Es wird verschiedene Aktivitäten geben, darunter das Lied “Gernikan, Gazan“ (In Gernika, in Gaza) von Eñaut Elorrieta (von der Gruppe Ken Zazpi), das für diesen Anlass umgeschrieben wurde. Schon bei den Aufnahmen am vergangenen Wochenende gab es viele Emotionen, weil die Namen der Verstorbenen aufgenommen wurden. Wir denken, dass es eine sehr emotionale Veranstaltung sein wird, die etwa eine Stunde dauert, von 12:00 bis 13:00 Uhr.

Was soll mit der Initiative erreicht werden?

Igor Otxoa: Wir haben festgestellt, dass die Mobilisierung abnimmt. Wir haben auch festgestellt, dass die Präsentation dieser Initiative trotz ihres Potenzials bisher keine große Wirkung gezeigt hat. Aber wir dürfen nicht zulassen, dass dieses Massaker zur Normalität wird. Alle Aktionen sind notwendig, es wird zweifellos weitere geben.

Wie Mohamed Farajallah mehrfach gesagt hat: wir müssen handeln. Es kann nicht sein, dass wir immer noch über das Recht Israels auf Selbstverteidigung sprechen, wenn der Staat Israel der Besatzer und der Henker ist. Das ist eine verkehrte Welt. Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem es keine Schande mehr ist, Kinder, Krankenwagen und Krankenhäuser, UN-Mitarbeiter, Journalisten zu bombardieren? Ich bin auch Vater, und wir können unseren Nachkommen keine Welt unter solchen Vorzeichen hinterlassen.

gerpal3Mohamed, wie lautet deine Geschichte?

Mohamed Farajallah: Ich wurde zur Zeit der ersten Intifada geboren. Von null bis neun Jahre habe ich eine Intifada miterlebt, Steine gegen Panzer. Von 1996 bis 2000 hatte ich eine gewisse Ruhe, wir konnten wenigstens den Tag ohne Angst leben, wenn auch ohne Ressourcen, die wir genießen konnten. Im Jahr 2000 begann eine weitere Intifada, die bis 2007 andauerte, all das in meiner Jugend.

Ich habe oft Gefahren erlebt. Meine Cousins und ich wurden mehr als einmal auf der Straße erwischt. Einmal warfen sie eine Bombe auf uns, und wir dachten: "Das ist das Ende der Geschichte". Es waren drei Sekunden, in denen wir dachten, wir würden sterben. Wir rannten weg und zum Glück war es nur eine Schallbombe. Zum Erzählen der übrigen Geschichten würde der heutige Tag nicht ausreichen ... Von den 37 Jahren, die ich erlebt habe, habe ich nur von 1996 bis 2000 ohne Angst gelebt und in der Zeit, die ich hier im Baskenland verbracht habe.

Wann merkt ein palästinensisches Kind, dass es sich in ständiger Gefahr befindet?

Mohamed Farajallah: Wenn du ein Jahr alt bist musst du nur laufen und sprechen können. Denn deine Familie sagt dir immer: Geh nicht raus, sei vorsichtig. Die Gefahr gehört zum Alltag. Dann bekommst du von Jahr zu Jahr mehr Informationen. Ich habe einen Sohn, der hier geboren wurde. Wir haben einen Besuch gemacht in Gaza, als er drei Jahre alt war, wir hatten eine schreckliche Zeit, sie taten uns alles Mögliche mit uns gemacht, er sah bewaffnete Soldaten, und seine Frage war immer “warum, warum“. Wenn du jetzt meinen Sohn fragst, wird er die gleiche Antwort geben wie ich, denn er hat bereits alles gesehen.

Was in Palästina geschieht, ist “kein Leben“, nicht einmal ein Minimum. Auch von hier aus betrachtet ist es sehr schwer, heute haben wir den ganzen Tag auf den Prozess gegen meinen Onkel gewartet, der 70 Jahre alt ist, wir sind ziemlich besorgt.

Was können wir von hier aus tun?

Mohamed Farajallah: Der palästinensischen Sache eine Stimme geben. Wir wollen nicht eine Zahl von Toten darstellen. Wir sind kein Trend, wir sind eine politische Angelegenheit. Wir brauchen Taten, das ist alles, wir wollen nicht, dass die Leute immer nur reden. Ohne konkrete Aktionen wird der Völkermord nicht aufhören. Ich habe mit einem Freund aus Gaza gesprochen, und er sagte: "Wir werden uns nur dann wiedersehen, wenn das alles eines Tages aufhört". Und das wird nur aufhören, wenn wir etwas tun: diese Veranstaltung am 8. Dezember, der Boykott Israels, Demonstrationen ... Wenn die Bevölkerung voranschreitet, können die Machthaber bewegt werden.

Ich messe der Gernika-Aktion eine große Bedeutung bei. Hoffen wir, dass viele Menschen kommen und dass sie Hoffnung und Licht verbreiten. Wenn wir von Palästina aus sehen, dass sich Menschen für uns mobilisieren, dann ist das Hoffnung, auch wenn es nur ein Tropfen Hoffnung ist. (1)

ANMERKUNGEN:

(1) “Gernika es una referencia especial para denunciar Gaza, puede tener difusión en el mundo” (Gernika hat eine besondere Bedeutung um den Gaza-Krieg anzuprangern, das kann eine weltweite Verbreitung haben) Tageszeitung Gara, 2023-12-06 (LINK)

ABBILDUNGEN:

(1) Gernika-Palästina (collage)

(2) Gernika-Palästina (naiz)

(3) Gernika-Palästina (naiz)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2023-12-07)

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