lemoiz001Das Ende von Lemoiz

Das Kernkraftwerk Lemoiz (span: Lemóniz) war ein Projekt des Franquismus, das im Baskenland der 1970er Jahre die Geburtsstunde der Ökologie-Bewegung markierte. Der 1972 begonnene Bau wurde von Hinderten von Sabotagen begleitet, bei Anschlägen gegen das Projekt wurden neun Menschen getötet. Letztendlich wurde dieses fertig gestellte AKW-Projekt nicht in Betrieb genommen, weil es gesellschaftlich nicht durchsetzbar war. Drei weitere Atomkraft-Projekte im Baskenland wurden gar nicht erst begonnen.

Die Entführung von José María Ryan am 29. Januar 1981 markierte für die Zukunft des Kernkraftwerks Lemoiz einen Wendepunkt. Die Mobilisierung der baskischen Gesellschaft und die bewaffneten Aktionen von ETA setzten den AKW-Plänen von Iberduero ein Ende.

Gebaut wurde das Kraftwerk in der kleinen Bucht von Basordas, an der Bizkaia-Küste zwischen Lemoiz und Bakio (daher wird es im Volksmund auch als Kernkraftwerk Basordas bezeichnet). Durch einen Damm wurde die Bucht geschlossen und entwässert. Lemoiz befindet sich 30 Straßenkilometer von Bilbao entfernt, Luftlinie 15 Kilometer. Mit dem Bau wurde 1972 im Rahmen eines nationalen Elektrizitätsprojekts begonnen, das unter der Diktatur von Francisco Franco durchgeführt wurde.

lemoiz002Im Hintergrund der ehrgeizigen Atomkraft-Pläne des faschistischen Regimes stand im Baskenland der enorme Energieverbrauch der Region. Aufgrund ihrer starken Industrialisierung wies die Region einen hohen Energiemangel auf, die Industrie verbrauchte deutlich mehr Energie als die Region produzierte. Dieses Defizit sollte durch vier AKWs ausgeglichen werden. Das Projekt wurde gebaut von der Elektrizitätsgesellschaft Iberduero S.A., die nach der Fusion mit dem Unternehmen Hidroeléctrica Española im Jahr 1992 in Iberdrola umbenannt wurde. Als die Arbeiten abgeschlossen waren und für die Inbetriebnahme nur noch der Kernbrennstoff fehlte, wurde es gestoppt und in den folgenden Jahrzehnten teilweise abgebaut.

Das Kernkraftwerks-Projekt Lemoiz sollte aus zwei Blöcken von je 1.000 Megawatt Leitung bestehen, ebenso wie die beiden anderen an der baskischen Küste und in Navarra geplanten Anlagen Deba (Deva) und Tutera (Tudela) in Nafarroa. Die vierte geplante Anlage hingegen, nahe Lemoiz in Ispaster (Bizkaia), sollte sechs Meiler von je 1.000 MW umfassen. Für den Bau dieses Energie-Monuments in Lemoiz kamen 1.000 Tonnen Eisen und 200.000 Kubikmeter Stahlbeton zum Einsatz.

ETA mischt sich ein

Am 29. Januar 1981 entführten ETA-Militärs José María Ryan, den Chef-Ingenieur des Kernkraftwerks Lemoiz. Durch einen Anruf wurde die Tageszeitung EGIN informiert, einen Tag später veröffentlichte die bewaffnete Organisation ETA ein Kommuniqué, in dem sie den Abriss der in der Bucht von Basordas errichteten Anlage innerhalb von einer Woche forderte. "Davon hängt die Freilassung von Ryan ab", hieß es in der Warnung. (1)

In den folgenden sieben Tagen kam es zu einer Reihe von gegensätzlichen Kommuniqués und Mobilisierungen, die in ein Klima der Spannung eingebettet waren, verschärft durch die Erwartung des Besuchs des im Baskenland vehement abgelehnten spanischen Königs Juan Carlos de Borbón. Die soziale, gewerkschaftliche und politische Reaktion stand im Gegensatz zum Schweigen des Unternehmens Iberduero, dem Eigentümer des Atomkraftwerks, das im Mai 1980 durch seinen Sprecher Pedro Areitio noch verkündet hatte, dass "das Atomkraftwerk Lemoiz um jeden Preis fertiggestellt und in Betrieb genommen werde".

Trotz einer großen Demonstration in Bilbo, die die Freilassung des Ingenieurs forderte, verstrich das Ultimatum ergebnislos. Am 6. Februar wurde die Leiche von Ingenieur Ryan zwischen Zaratamo und Arkotxa gefunden. ETA veröffentlichte ein Kommuniqué, in dem sie seinen Tod bekannt gab und eine "neue Aktionsfront ankündigte, die alle leitenden Angestellten und Manager des Unternehmens Iberduero betrifft, die mit dem Kraftwerk von Lemoiz in Verbindung stehen". Lange nicht alle in der Anti-Lemoiz-Bewegung waren mit dieser Intervention von ETA einverstanden. Viele empfanden das als “Einmischung“ in die Bewegung und befürchteten eine zusätzliche Kriminalisierung.

Doch hatte die Verwicklung von ETA in den Atomkonflikt schon viel früher begonnen, genauer gesagt vier Jahre zuvor im Jahr 1977 mit dem Angriff auf einen Posten der Guardia Civil in Lemoiz. Der aus Plentzia stammende Aktivist Daniel Álvarez Peña wurde durch Polizei-Schüsse schwer verwundet und starb zwei Monate später. Doch nicht nur ETA ging militant gegen das AKW-Projekt vor. Dutzende von Aktivisten hatten sich über die Jahre in die Bau-Belegschaft eingeschleust und für andauernde Sabotage gesorgt.

Francos Pläne: vier Werke im Baskenland

lemoiz003Der Bau der Anlage in Lemoiz begann 1972 im Rahmen des “Nationalen Energieplans des Franco-Regimes“, der den Bau von 41 Kernkraftwerken vorsah, davon vier im Baskenland: zwei in Bizkaia (Lemoiz und Ispaster), eines in Gipuzkoa (Deba) und ein weiteres in Süd-Nafarroa (Tutera).

Diese Pläne des spanischen Regimes stießen in der baskischen Bevölkerung auf starke Ablehnung. Viele begannen, sich in Nachbarschafts-Verbänden zu organisieren, aus denen die 1973 gegründete “Kommission für die Verteidigung einer nicht-nuklearen baskischen Küste“ hervorging. Im August 1976 organisierte die Kommission die erste Groß-Demonstration, an der sich Zehntausende von Menschen beteiligten, auf einem Marsch zwischen Plentzia und Gorliz. Ein Jahr später, im Juli 1977, demonstrierten in Bilbao Massen gegen die Kernenergie. Nach Angaben staatlicher Medien strömten damals 200.000 Menschen in das Stadtzentrum.

Der Erfolg wiederholte sich ein Jahr später, am 12. März 1978, mit einer Kundgebung vor der Baustelle in Lemoiz. "Nach vielen Jahren des Kampfes sind die Menschen in Lemoiz wieder vereint und bringen ihren festen und unumstößlichen Willen zum Ausdruck, den Versuch zu verhindern, das Baskenland in ein nukleares Pulverfass zu verwandeln", erklärten die “Kommission für die Verteidigung einer nicht-nuklearen baskischen Küste“ und die “Koordinations-Plattform der Anti-Atom-Komitees“ in einem gemeinsamen Kommuniqué.

In demselben Kommuniqué fanden sie Worte des Gedenkens an Álvarez, der "sein Leben für das Baskenland gegeben hat. Er wird uns allen immer in Erinnerung bleiben". Fünf Tage später, am 17. März, verübte ETA einen erneuten Anschlag auf das Werk. Zwei Arbeiter starben, Andrés Guerra und Alberto Negro.

1979: Tod von Gladys del Estal

Iberduero hielt an seinen Plänen für das Kernkraftwerk fest und die sozialen Mobilisierungen gingen weiter. Mit einem wichtigen Ereignis in Tutera (Tudela, Nafarroa), wo am 3. Juni der Internationale Aktionstag gegen die Kernenergie organisiert wurde. Die Guardia Civil nahm die Stadt Navarra in Beschlag und tötete die junge Öko-Aktivistin Gladys del Estal, die an einem friedlichen Protest teilgenommen hatte. Wie EGIN berichtete, erschoss der Zivilgardist José Martínez Salas die Aktivistin aus nächster Nähe. Der Uniformierte kam nicht ins Gefängnis, sondern wurde 1982 und 1992 auch noch ausgezeichnet.

lemoiz004Die Öffentlichkeit reagierte schnell auf die Geschehnisse in Tutera, mit Protesten und dem Aufruf zum Generalstreik. Auch ETA reagierte mit einer neuen bewaffneten Aktion in Lemoiz. Am 13. Juni meldeten zwei Anrufe, dass im Bereich der Turbinen eine Bombe platziert worden war. Trotz dieser Warnung kam bei der folgenden Explosion Ángel Baños ums Leben, ein Arbeiter von Tamoin.

Die Mobilisierungen wurden verstärkt, da die Elektrizitäts-Gesellschaft beabsichtigte, das Kraftwerk 1981 in Betrieb zu nehmen. Es war ein Jahr, das von Blut und Feuer geprägt war, mit ETA-Aktionen und Märschen zum Kraftwerk, das von der Guardia Civil in einen Bunker verwandelt worden war. Am 29. Januar 1981 entführte die ETA Ryan, am selben Tag starb der linke Aktivist José Ricardo Barros in Tutera bei einer militanten Aktion gegen ein Umspannwerk von Iberduero.

Ein kostspieliges Moratorium

Nach Ryans Tod wurden die Arbeiten eingestellt, die spanischen Behörden übernahmen die Kontrolle der Anlage und sprachen sich für die Fortführung des Projekts aus. Doch ETA mischte sich erneut ein und tötete im Mai 1982 auch Ángel Pascual Múgica, den Ingenieur, der Ryan ersetzt hatte. Kurz darauf, im Juni, wurde der zehnjährige Junge Alberto Muñagorri durch eine Bombe in einem Iberduero-Büro in Orereta (Renteria) verletzt.

Die Iberduero-Beschäftigten berichteten von einer "unerträglichen Situation", das Unternehmen setzte die Verträge zur Ausführung der Arbeiten aus. Das Ende von Lemoiz wurde durch das Atom-Moratorium markiert, das die sozialdemokratische PSOE nach ihrem Wahlsieg bei den spanischen Parlaments-Wahlen im Oktober 1982 verkündete. 1984 wurden die Arbeiten definitiv eingestellt und hinterließen im Küstengebiet Basordas zwischen Lemoiz und Bakio die Leiche eines Betonriesen, der die öffentlichen Kassen 2,23 Milliarden Euro kostete. Ein Betrag, der bis heute steigt.

ANMERKUNGEN:

(1) “Ryan, Lemoiz y la intervención de ETA” (Ryan, Lemoiz und die Intervention von ETA”, Tageszeitung GARA 2024-01-29 (LINK)

ABBILDUNGEN:

(1) Gegen Lemoiz (flickr)

(2) Lemoiz (gara)

(3) Lemoiz zerstören (eldiario)

(4) Ryan ist tot (egin)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2024-01-30)

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