88 Jahre danach
Viele machen Reisen, andere legen sich im Urlaub an einen anonymen Massenstrand. In Nafarroa gibt es ein Projekt der besonderen Art, mit historischer Erfahrung: Dreißig junge Menschen folgen dem Weg des republikanischen Exils, der Flucht vor den siegreichen Faschisten. “Die Route ins Exil“ ist ein Sensibilisierungs-Projekt aus Nafarroa. Im Laufe von 15 Tagen besucht die Gruppe die wichtigsten Orte Navarras und überquert anschließend die Muga (Grenze) nach Urepel und zum Konzentrationslager Gurs.
Auf den faschistischen Militäraufstand vom 18. Juli 1936 folgten Krieg und Repression. An unterschiedlichen Orten war der Krieg zu unterschiedlichen Zeiten zu Ende: Im Staat 1939, in Bizkaia 1937 und in Nafarroa 1936. Kriegsende bedeutete tödliche Repression.
Viele Geschichtsbücher machen bei der Beschreibung des Militäraufstands und der folgenden Repression unrichtige Angaben: sie datieren den Beginn des Exils von Freidenkern, antifaschistischen Kämpfern und ihren Familien auf das Jahr 1939. Dabei übersehen sie die Bestialität der franquistischen Unterdrückung in Nafarroa (Navarra). Dort mussten diejenigen, die dem Regime kritisch gegenüber standen und sich nicht verteidigen konnten, fliehen und sich verstecken (sogar in einer Uhr). Diese Repression begann in jenem Moment, als Putschisten-General Emilio Mola im Juli vor 88 Jahren von der Hauptstadt Navarras zum Staatsstreich aufrief (Mola war unter den Putschisten für den Norden zuständig). Im Laufe einer historischen Reise von zwei Wochen lernen etwa dreißig junge Menschen diese bittere Wahrheit auf einzigartige Weise kennen.
Nafarroa ist für die alternative Sommergruppe der Beginn einer zweiwöchigen Reise, auf der sie die franquistische Unterdrückung und die republikanische Flucht kennenlernen werden, über die Etappen in Nafarroa, Iparralde, dem französischen Staat und Katalonien. Das Abenteuer mit dem Namen “Route ins Exil“ ist eine Initiative, die vom Jugend-Ministerium in Madrid und den Verwaltungen von Nafarroa (einschließlich des Erinnerungs-Instituts) und Katalonien finanziert wird. „Wir haben bereits vier dieser Sommerreisen durchgeführt und starten in diesem Jahr zum zweiten Mal in Navarra“, erklärt Anna Pastor, die pädagogische Koordinatorin der Initiative.
„Wir sind in diese Region gekommen, damit die Teilnehmerinnen und Teilnehmer verstehen, dass die Unterdrückung in Navarra nicht auf die gleiche Weise erfolgte wie in Madrid oder Barcelona. In Navarra war die Unterdrückung vom ersten Tag an immens. Und man muss verstehen, wie diese Unterdrückung aussah, um den Charakter des Krieges und später des Franquismus zu verstehen“, fährt diese besondere Lehrerin fort.
Die dreißig Jugendlichen, die an dieser “Route ins Exil“ teilnehmen, wurden ausgewählt, nachdem sie sich mit einem Video beworben hatten, in dem sie sich und ein kreatives Projekt vorstellten, das sie während der Reise durchführen wollten. Zur Gruppe gehört auch Miren Lekue aus Bilbo, sie schlug vor, eine Art von Tagebuch mit Gedichten und Bildern zu erstellen.
“Natürlich wissen die meisten, was der Bürgerkrieg war, aber im Grunde wissen wir gar nichts. Nur das, was einem erzählt wird. Wenn wir hier in Iruñea (Pamplona) spazieren gehen und die Orte sehen, an denen sich die Konzentrationslager befanden, spüren wir es ganz nah“, versichert Miren Lekue.
Ausbrecher-Spuren nach Urepel
Die junge Frau aus Bizkaia hat sich mit dem Plan auf den Weg gemacht, die Grenze wie die Mugalaris (Grenzpendler) zu überqueren. Als sie darüber sprach, wusste sie noch nicht genau, wie sie es anstellen sollte. Die Organisator*innen der “Route des Exils“ haben Überraschungen in der Hinterhand und halten die Teilnehmer*innen bis zum letzten Moment in Spannung. Sie wissen bis zum Vorabend nicht, was sie am nächsten Tag erwartet, manchmal sogar erst später.
Schließlich durchquerten sie die Muga (Grenze zwischen Spanien und Frankreich) wie es Jovino Fernández gemacht hatte. Er war von denen, die im Mai 1938 den großen Ausbruch aus der Gefängnis-Festung Ezkaba vor den Toren Pamplonas schafften, bei dem fast 800 Gefangene entkamen. Tragischerweise wurden alle bis auf drei wieder gefangen, entkommen konnten nur Jovino Fernández, Valentín Lorenzo und José Marinero. Die übrigen 221 wurden in den Bergen gejagt und nach ihrer Festnahme sofort exekutiert.
Nach ihrer Ankunft in Urepel (knapp drei Kilometer hinter der Grenze) besuchten die Teilnehmer des Exil-Weges die Statue, die das Erinnerungs-Institut Navarra diesem Gefangenen aus León gewidmet hat. Inar Fuentes, aus dem navarrischen Ort Lizarra (Estella) sagte, dass sie trotz der emotionalen Härte der Reise auch Spaß haben und dass in der Gruppe, die sich eben zusammengefunden hatte, “eine gute Atmosphäre besteht“.
“Da ich aus Navarra komme, ist mir alles ein bisschen vertrauter, aber wir wissen vieles nur oberflächlich kennt und kennen keine Details“, sagt er. Er geht davon aus, dass später, am Ende des Weges in Katalonien, vieles anders sein wird. Auf jeden Fall hat ihn der ersten Besuch in Iruñea beeindruckt. “Ich war gerade bei den Sanfermin-Fiestas. Jetzt sehe ich die Straßen mit anderen Augen. Alles ist seltsam, fremd geworden“, gesteht der junge Mann.
Der Besuch in der Hauptstadt Navarras, wo man in diesen Tagen immer noch dabei ist, die Straßen nach dem Sanfermin-Spektakel zu säubern, umfasste Orte wie das Konzentrationslager La Merced, ein Kloster, das in der Zwischenzeit abgerissen wurde und von dem nichts übrig geblieben ist außer Dutzenden von “Stolpersteine“ - auf Spanisch Tropezones, der volkstümliche Name für die auf das Kopfsteinpflaster geschraubten Tafeln mit den Namen der von den Aufständischen Ermordeten, die in der Alde Zaharra (Altstadt) in den Boden eingelassen sind. Das Verschwinden des Klosters und vorübergehenden Konzentrationslager La Merced bedeutete nicht nur das Verschwinden eines Gebäudes, es führte auch zu einer Erinnerungslücke.
Deshalb nutzten die Teilnehmer*innen dieses Verschwinden, um über die Abwesenheit von Erinnerung nachzudenken. Passanten wurden befragt, ob sie etwas über die in La Merced begangenen Grausamkeiten wüssten. Dabei stellten sie fest, dass die überwiegende Mehrheit der Befragten keine Ahnung hatte.
Als sie dann die Carlos-III-Passage entlang gingen, die große Fußgängerzone von Iruñea, wurden sie konfrontiert mit dem krassen Gegenteil der Abwesenheit von Erinnerung: am Ende der Passage, hinter einem Wasserbassin, steht protzig das so genannte “Denkmal für die Gefallenen“. Bereits der Name – er stammt aus dem Franquismus – ist ein Euphemismus, denn es geht nicht um die Gefallenen aus dem krieg, sondern um eine Begräbnisstätte für franquistische Prominenz. Hier waren die Putschisten-Generäle Emilio Mola und Jose Sanjurjo (und weitere sechs) begraben, bevor sie nach schwierigen Verhandlungen mit dessen Familie und der katholischen Kirche in eine private Gruft umgebettet werden konnte. Im Inneren des 1942 gebauten Palastes sind die Namen aller auf der “National-Katholischen Seite“ gefallenen Soldaten eingraviert, mehr als 4.500.
An jenem franquistischen Denkmal begann die Debatte darüber, ob das Gebäude abgerissen werden sollte oder nicht – dieselbe Diskussion wird seit Jahren in der Stadt selbst geführt. Zudem ging es darum, was es für eine Stadt bedeutet, wenn ein Gebäude zur Erinnerung an den Faschismus einen derartig großen Platz im öffentlichen Raums einnimmt.
Sehen und lernen
“Eine der wichtigsten Lektionen, die man auf dieser Reise lernen kann, ist für mich, dass der Krieg nicht nur eine physische Vernichtung gebracht hat, sondern auch eine ideologische Vernichtung“, erklärt die pädagogische Begleiterin Anna Pastor. “Das Verschwinden von Arbeiter-Bibliotheken, von feministischen Organisationen, von ganz unterschiedlichen radikalen Alternativen zum Kapitalismus: Anarchismus, Kommunismus. Es gab im Krieg nicht nur die eine oder die andere Seite. Innerhalb dessen, was von den Siegern zum Verschwinden gebracht wurde, gab es unzählige verschiedene Vorstellungen“.
Um diese Erfahrung zu machen, hat die Gruppe noch einen langen Weg vor sich. Nach dem Besuch der Gefängnisse von Iruñea, der Todesgrube von Legarrea in Gaztelu (in die sieben ermordete Mitglieder der Familie Goñi geworfen wurden) und der Jovino-Route über die Grenze und einem Aufenthalt in Arazuri und Bera fuhren die dreißig Teilnehmer weiter zum Flüchtlingslager Gurs in Iparralde, dem französischen Baskenland (19 Kilometer von der Zuberoa-Hauptstadt Maule (frz: Mauleon) entfernt.
In Iparralde soll die Anarchistin Kasilda Hernáez geehrt werden. Danach geht die Reise nach Katalonien, erst in nördlichen französischen Teil, dann in den südlichen spanischen. Durch Katalonien und über die Grenze nach Süden führt der Weg, den so viele Exilanten zurückgingen, die vorher über die kantabrische Küste oder die West-Pyrenäen geflüchtet waren, um sich erneut auf der Seite der Republik am antifaschistischen Kampf zu beteiligen.
In Nord-Katalonien (frz. Staat) soll das ehemalige Konzentrationslager Rivesaltes besucht werden (40 Kilometer nördlich der Staatsgrenze), in dem von 1939 bis 1942 republikanische Flüchtlinge eingesperrt waren. Das Lager hatte eine Kapazität von 8.000 Gefangenen, tatsächlich wurden dort 20.000 Personen festgehalten, Jüd*innen, Roma und Republikaner*innen. In Süd-Katalonien (span. Staat) steht die Gedenkstätte des Exils (Museo Memoria en el Exilio, MUME) auf dem Besuchsprogramm, in La Jonquera, in Mittelmeer-Nähe (46 Kilometer südlich von Rivesaltes). Dazu sind Treffen und verschiedene Workshops mit Experten vorbereitet zu Fragen der antifaschistischen Erinnerung. Auf der nördlichen Seite der Route wird die Gruppe die Vereinigung der Nachkommen jener Republikaner*innen treffen, die sich nach dem Sieg der faschistischen Seite im französischen Staat niedergelassen haben.
Wanderweg Ezkaba – Urepel
Der Wanderweg GR-225 (Gran Recorrido – Langer Wanderweg) folgt den Spuren der Beteiligten an der Massenflucht aus der Gefängnis-Festung Ezkaba vom 8. Mai 1938. Es handelt sich um einen Bergweg, der von der navarrischen Regierung in Zusammenarbeit mit Memoria-Gruppen und Wandervereinen konzipiert wurde. Der Weg führt gut beschildert über 53 Kilometer von Ezkaba (Pamplona) nach Urepel im französischen Baskenland. Er ist aufgeteilt in vier Etappen: Ezkaba – Olabe (13,8 km), Olabe – Saigots (14,1 km), Saigots – Sorogain (15,4 km) und Sorogain – Urepel (9,8 km). Die Beschilderung umfasst historische und touristische Inhalte, die auf fünf Großtafeln zu sehen sind. Der mit Hilfe von vielen Freiwilligen angelegte Weg geht an verschiedenen Flüchtlings-Gräbern vorbei, aus denen die Leichen mittlerweile exhumiert wurden. Ein paar Eindrücke über die Festung, die Ausgrabungen und den Weg vermittelt ein Video.
Besuche
Die genannten Gedenkorte sind alle öffentlich zugänglich und können besucht werden. Für Besuche (mit Ausnahme der Orte in Katalonien) bietet der baskisch-deutsche Kulturverein Baskale sowohl Information wie auch Begleitung an (This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it.).
ANMERKUNGEN:
(1) “Treinta jóvenes siguen la pista al exilio republicano” (30 junge Menschen folgen dem Weg des republikanischen Exils) Tageszeitung Gara, 2024-07-21 (LINK)
ABBILDUNGEN:
(1) Exil (biblio.deportacion)
(2) Exil Erfahrungsprojekt (gara)
(3) Exil (arxiu nacional)
(4) Exil (e-xiliados)
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2024-07-21)
