Léon Degrelle 1945
8. Mai 1945, Tag der Kapitulation der Nazis im 2. Weltkrieg. Dem belgischen SS-Mann, Journalisten und Nazi-Politiker Léon Degrelle gelang es, vor den Alliierten zu fliehen. An Bord des Privatflugzeugs von Albert Speer, Hitlers Architekt und Rüstungs-Minister, erreichte Degrelle den Strand der baskischen Stadt San Sebastian. In Belgien wurde er zum Tode verurteilt, der spanische Diktator Franco kam dem Auslieferungs-Antrag aber nicht nach. Degrelle starb im März 1994 im Alter von 87 Jahren in Malaga.
Léon Joseph Marie Ignace Degrelle alias José León Ramírez Reina (1906-1994) war der Führer der faschistischen belgischen Rexisten und ein Offizier der Waffen-SS, zuletzt offiziell im Rang eines SS-Standartenführers. Zeitlebens blieb er ein aktiver Nazi.
Vom 8. Mai 1945 stammt ein Fernschreiben, in dem es hieß: "Die Siebte Armee der Vereinigten Staaten hat König Leopold von Belgien und seine Ehefrau befreit. Das Königspaar und ihre Kinder sind bei bester Gesundheit. Sie wurden im Örtchen Strohl gefunden, 50 Kilometer von Salzburg entfernt. Die Informationen, die zur Entdeckung führten, stammen aus der Zivilbevölkerung". In den damaligen spanischen Zeitungen wurde diese Nachricht am nächsten Tag aufgegriffen, allerdings stand sie im Schatten der großen Weltnachricht über die Einstellung der Feindseligkeiten auf dem Kontinent, die Kapitulation der Nazis hatte in Europa das Ende des zweiten Weltkrieges bedeutet (1).
Am frühen Morgen desselben Tages erschien ein zweiter führender belgischer Politiker in den Schlagzeilen. In der Muschelbucht von Donostia kam es zur Notlandung des persönlichen Flugzeugs von Albert Speer, Minister für Rüstung und Munition des Dritten Reiches. An Bord war der belgische Naziführer Léon Degrelle, der sich unter allen Umständen der Gefangennahme durch die Alliierten entziehen wollte.
Über diesen Vorfall berichtete die gleichgeschaltete spanische Presse nicht. Die Nazis waren besiegt worden und deshalb zu unbequemen Freunden des Diktators Francisco Franco geworden. So war es nicht ratsam, die Ankunft von Persönlichkeiten, die mit dem Nazi-Regime in Verbindung standen, an die große Glocke zu hängen. In jenen Tagen warteten die Zeitungen mit Erklärungen führender Politiker der Welt auf, insbesondere der Siegermächte. Auch Admiral Karl Dönitz (2) kam zu Wort, nach Hitlers Selbstmord das letzte Staatsoberhaupt des national-sozialistischen Regimes. Er war es, der am 8. Mai 1945 die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht unterzeichnete.
Biografisches
Léon Joseph Marie Ignace Degrelle wurde als ältestes von acht Kindern eines katholischen Lokalpolitikers im französisch-sprachigen Wallonien geboren und studierte Rechtswissenschaften. Er arbeitete als Journalist eines katholischen Jugendmagazins und wurde mit nur zwanzig Jahren Leiter des Verlags Editions Rex. Nachdem er einen wohlwollenden Artikel über den antiklerikalen, faschistischen Schriftsteller Charles Maurras veröffentlicht hatte, wandten sich katholische Hochschulkreise gegen ihn. Von da an agierte er immer rücksichtsloser, auch gegen die Kirche. (3)
Aus Unzufriedenheit über die Politik der damals in Belgien führenden Katholischen Partei, die keine Lösung für den dauernden Konflikt zwischen französischsprachigen Wallonen und den damals sozial benachteiligten, niederländisch-sprachigen Flamen fand und nach Degrelles Meinung ein “Geschwür“ darstellte, begann er, sich politisch zu engagieren. Im Jahre 1936 formierte er innerhalb weniger Monate die ultrarechte Bewegung Mouvement National Rexiste.
Degrelle (3) war ein überzeugter Nazi. Von einer reaktionären katholischen Überzeugung aus hatte er sich der Doktrin Adolf Hitlers genähert, nachdem er in den 1930er Jahren die Rexismus- oder Rexisten-Bewegung gegründet hatte (4), eine belgische Faschisten-Organisation. 1936 gründete er mit finanzieller Unterstützung Hitlers die Rexistische Partei, sein Engagement für den Nationalsozialismus war total. Er unterstützte den deutschen Einmarsch in Belgien und gründete 1941 die Wallonische Legion, ein Korps belgischer Freiwilliger nach dem Vorbild der spanischen Blauen Division (5), das an der Seite der Wehrmacht gegen die Sowjetunion kämpfen sollte. Gegen Ende des Krieges wurde Degrelle von Heinrich Himmler zum SS-Brigadeführer ernannt.
Zweiter Weltkrieg
Bei Kriegsausbruch 1939 unterstützte Degrelles Partei König Leopold III. in seiner Neutralität, am 10. Mai 1940 überfiel Nazi-Deutschland Belgien. Degrelle machte Frankreich, Großbirtannien, die Freimaurerei und den jüdischen Kapitalismus für den Krieg verantwortlich. Er missbilligte zwar generell das kriegerische Verhalten des Dritten Reiches, ging aber davon aus, dass es von den Alliierten provoziert wurde. ER begrüßte den Nazi-Einmarsch in Norwegen als erfolgreiche Reaktion auf den britischen Invasionsversuch. Der Widerstand spaltete die Rexistische Partei, am 28. Mai kapitulierten die Belgier, eine neue Marionetten-Regierung wurde eingesetzt. Zuvor wurde Degrelle bereits am 10. Mai verhaftet, zusammen mit 5.000 anderen: Kommunisten, die dem Ribbentrop-Molotow-Pakt anhingen, Juden, Anarchisten, flämische Nationalisten, Rexisten. Auf Anordnung der liberalen belgischen Regierung wurden alle nach Frankreich deportiert. Die meisten seiner Mitgefangenen wurden am 20. Mai desselben Jahres von französischen Soldaten ohne Grund erschossen, möglicherweise auf Befehl des damaligen Oberst Charles de Gaulle. Degrelle wurde nach eigenen Angaben gefoltert, er blieb dort nur kurz, denn nach der Kapitulation Frankreichs wurde er am 22. Juli aus dem KZ Vernet entlassen und kehrte nach Belgien zurück, um den Wiederaufbau der Bewegung zu fördern. Am 25. August begann Degrelle in der Kollaborations-Zeitung Le Pays Réel zu veröffentlichen.
Am 1. Januar 1941 erklärte Degrelle öffentlich die Einheit der rexistischen Bewegung mit dem Nationalsozialismus und dem Faschismus. Vier Tage später bekannte er seine Bewunderung für Adolf Hitler, den er als “den größten Mann unserer Zeit“ bezeichnete. Am 21. Juni 1941, einen Tag vor dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion, schloss er ein Bündnis mit den flämischen Nationalisten. Der Zusammenschluss der europäischen Rechtsextremen zu einer gemeinsamen Front gegen die UdSSR sollte die Gelegenheit für eine engere Zusammenarbeit bieten. Nachdem er Hitler um eine Sondergenehmigung gebeten hatte, gründete Degrelle noch im selben Monat die Legion Wallonie, ein Kontingent belgischer Freiwilliger, die an der Seite der Wehrmacht gegen die Sowjets kämpfen sollten, ähnlich wie es die spanische Freiwilligendivision Blau tat.
1941 stellte die deutsche Wehrmacht einen belgischen Truppenverband in Bataillonsstärke auf, der an der Ostfront zum Einsatz kam. Die rund 1.000 Mann der “Wallonischen Legion“ trugen zunächst Heeresuniformen mit dem belgischen Wappen auf dem linken Ärmel. Sie verpflichteten sich in der Wehrmacht zunächst für zwei Jahre, mit der Option, weiterzumachen oder die Heimreise anzutreten.
Mit der Vorstellung von einem “Gemeinsamen Europa“ – bezogen auf ein Mitspracherecht der Wallonen in den nationalsozialistischen Europa-Plänen nach dem “Endsieg“ – schlug Degrelle zunächst Himmler, dann Hitler selbst eine Beteiligung von Wallonen im Rahmen der Wehrmacht vor, unter der Bedingung, dass diese Beteiligung nur im “Osten“, also gegen den Kommunismus erfolgen solle. Nach der Zerschlagung der Wallonischen Legion an der Ostfront wurden deren Reste und alle anderen nichtdeutschen Freiwilligen in die Waffen-SS überführt, reorganisiert und zur SS-Sturmbrigade Wallonien umgebildet. Degrelle wurde im April 1944 zum SS-Sturmbannführer ernannt und übernahm die politische Führung.
Degrelle 1944
Ende August 1944 wurde Degrelle von Adolf Hitler mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet und so zu einem der höchstdekorierten Ausländer in der Wehrmacht. Die Einstellung der Kriegshandlungen überraschte den belgischen Naziführer in Norwegen. Während sich die deutschen Befehlshaber im skandinavischen Land auf die Kapitulation einstellten, bereitete Degrelle seine Flucht vor. In einem Text mit dem Titel "Von Stalingrad nach San Sebastian" berichtet er von seinem Abenteuer in der Luft: "Im norwegischen Sektor, den wir nach einem Jahr ununterbrochener Kämpfe erreicht hatten, entlang der Ostsee, von Estland bis Dänemark, fanden wir ein aufgegebenes Flugzeug".
Es handelte sich um eine Heinkel 111 HE 22, einen zweimotorigen Bomber, der eine Flug-Geschwindigkeit von mehr als 440 Stundenkilometern erreichen konnte. Seine Reichweite betrug mehr als 2.300 Kilometer. Das Flugzeug, das Degrelle und seine fünf Begleiter bestiegen (darunter der Pilot Albert Duhinger), war das persönliche Flugzeug von Albert Speer, der in Deutschland geblieben war und am 30. Mai 1945 von britischen Truppen verhaftet wurde.
"Wir nahmen Benzin mit, wo immer wir konnten", so Degrelle. "Wir mussten ein Land wie Spanien erreichen". Francos Regime war zwar neutral geblieben, sympathisierte aber mit den Kriegs-Verlierern. "Wir wussten, wir würden während unseres Fluges von mehr als 2.000 Kilometern über feindlichem Gebiet beschossen werden, von der Flugabwehr-Artillerie, von den Stützpunkten ihrer Jagdstaffeln. Aber all das war uns lieber als die Kapitulation", so der belgische Nazi.
Die Flucht
"Mitten in der Nacht vom 7. auf den 8. Mai 1945 starteten wir im Lichtschein der alliierten Geschütze über ganz Europa". Am 8. Mai, erreichte das Flugzeug im Morgengrauen den Golf von Bizkaia. "Unsere Motoren kämpften, die Treibstoff-Reserven waren erschöpft. Aber das Flugzeug schaffte die Reststrecke. Wir konnten ein letztes Mal aufdrehen." Am Ende musste für den Bomber ein Landeort gesucht werden. "Wir hatten keine Zeit mehr. Mit 300 kmh setzten wir auf dem Wasser auf, der Rumpf des Flugzeugs bremste ab und zerbrach, stürzte in der Nähe des Strandes in die Muschelbucht von Donostia, zum Entsetzen der Morgen-Spaziergänger und einiger Zivilgardisten".
Die Folgen: Gebrochene Knochen und blutige Körper. “Aber keiner von uns war tot oder lebensgefährlich verletzt". Das Wrack des Flugzeugs, ein Haufen Schrott, wurde zum Flugplatz nach Logroño gebracht. Von der Bruchlandung sind nur wenige Fotos erhalten geblieben, die das Wrack der Heinkel umgeben von Schaulustigen am Strand La Concha zeigen. Degrelle lag 14 Monate lang im Krankenhaus General Mola in Donostia, Franco hatte mit ihm einen lästigen Gast. Er war einer von vielen, die in jenen Tagen im franquistischen Spanien ankommen sollten. Dabei hatte der belgische Führer mehr Glück als andere Flüchtlinge. Der französische Politiker und Nazi-Kollaborateur Pierre Laval, zum Beispiel, wurde vom spanischen Diktator ausgeliefert und in seinem Herkunftsland hingerichtet.
Nach Todesurteil untergetaucht
Ein ähnliches Schicksal hätte Degrelle in Belgien erwartet. Im Dezember 1945 wurde er von einem belgischen Sondergericht in Abwesenheit zum Tode verurteilt und ausgebürgert. Doch in seinem Fall verweigerte das Franco-Regime die Auslieferung, obwohl sie mehrfach beantragt wurde. Als das Todesurteil über ihn verhängt war, halfen ihm die Franquisten beim Untertauchen. In Belgien wurde ein Gesetz verabschiedet, das Vertrieb oder Besitz und Lektüre seines Buches in Belgien unter Strafe stellte. Auf Druck westlicher Staaten wurde Degrelle vom Regime ausgewiesen, vermutlich nach Nordafrika, konnte aber kurz danach wieder einreisen und sich unter falschem Namen eine neue Existenz als Geschäftsmann aufbauen.
1956 erhielt Degrelle unter der falschen Identität von León Ramírez die spanische Staatsbürgerschaft. Er überlebte sogar den Diktator, der 1975 starb, und blieb für die neue spanische Regierung eine unangenehme Figur. Degrelle ließ sich in dem andalusischen Küstenort Benalmádena nieder, verleugnete aber nie seine nationalsozialistischen Ideale und ging sogar so weit, in Erklärungen gegenüber Medien den Holocaust zu leugnen. Als Konsequenz wurde er mehrfach angeklagt. Doch das spielte für den überzeugten Nazi keine Rolle. Im Alter von 87 Jahren starb er am 31. März 1994 im Sanatorium Parque San Antonio in Málaga.
Einmal Nazi, immer Nazi
Nach 1945 besuchte Degrelle regelmäßig Treffen von SS-Veteranen, Vereinen und neonazistische Veranstaltungen. Er hielt enge Kontakte mit SS-Veteranen und dem Schweizer Holocaust-Leugner François Genoud. An der Costa del Sol betrieb er Immobilien-Geschäfte, eine Wäschereikette und einen Import-Export-Handel. Auch nach dem Ende des Franquismus lebte er bis zu seinem Tod 1994 “ungestört und wohlhabend“ in Madrid und Málaga, was zu dauerhaften diplomatischen Spannungen zwischen Spanien und Belgien führte. Bei Versteck-Manövern im Rahmen der Rattenlinie (dem Untertauchen von Nazis Richtung Lateinamerika) spielte er oft den Kontaktmann.
ANMERKUNGEN:
(1) Die Basisinformation des Artikels: “El día en que un líder nazi se estrelló en La Concha” (Der Tag, and em ein Naziführer in der Muschelbucht abstürzte), Tageszeitung El Correo, 2019-12-06 (LINK)
(2) Karl Dönitz (1891-1980), deutscher Marineoffizier, ab Januar 1943 im Rang eines Großadmirals, im Mai 1945 das letzte Staatsoberhaupt des Deutschen Reichs. Einer der 24 Angeklagten im Nürnberger Prozess gegen die Haupt-Kriegsverbrecher. Er wurde wegen Führens von Angriffskriegen und Kriegsverbrechen schuldig gesprochen und am 1. Oktober 1946 zu zehn Jahren Haft verurteilt, die er bis zum 1. Oktober 1956 vollständig verbüßte. Januar 1943 von Adolf Hitler zum Oberbefehlshaber der Kriegsmarine ernannt, wurde er in dessen politischem Testament vom 29. April 1945 zum Nachfolger als Reichspräsident und Oberbefehlshaber der Wehrmacht benannt und damit für wenige Tage letztes Staatsoberhaupt des nationalsozialistischen Deutschen Reichs. Dönitz autorisierte die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht vom 8. Mai 1945, am 23. Mai 1945 wurde er verhaftet.
(3) Léon Degrelle, Wikipedia (LINK)
(4) Als Rexisten werden vor allem in Belgien die Anhänger der wallonischen faschistischen Bewegung Rex bezeichnet (von lateinisch Christus Rex für Christus König), die während der deutschen Besatzung während des Zweiten Weltkriegs mit den Nationalsozialisten kollaborierten. Aufgrund ihrer engen Anlehnung an die Dogmatik der katholischen Kirche wird die Bewegung von manchen Historikern dem Klerikalfaschismus zugeordnet. (LINK)
(5) Blaue Division, Wikipedia (LINK)
ABBILDUNGEN:
(1) Degrelle Absturz (diario vasco)
(2) Hitler, Degrelle (elpais)
(3) Symbol Rexisten (wikipedia)
(4) Degrelle 1977 (mitte, vanguardia)
(5) Degrelle (wikipedia)
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2024-10-27)
