spee1Kantersieg gegen Faschisten

Pünktlich zur baskischen Buchmesse in Durango wurde ein neues Buch über die Geschichte des Fußball-Clubs aus Bilbao vorgestellt: “Unser Athletic auf der ganzen Welt“. Mit bisher unbekannten Geschichten zur Club-Geschichte. Erinnert wird an ein Duell im Stadion San Mamés im Jahr 1938, nachdem die Franquisten in Bizkaia einmarschiert waren, während der Spanienkrieg in anderen Regionen noch im Gang war. Eine Auswahl von Athletic trat an gegen eine Elf der Schiffsbesatzung des Nazischiffs Graf Spee.

Nach einer Seeschlacht gegen britische Kreuzer im Rio de la Plata ging das Nazi-Kreuzer Graf Spee im Dezember 1939 in Montevideo vor Anker, um die Kriegsschäden reparieren zu lassen. Weil dies unmöglich war, ließ der Kapitän das Schiff versenken und brachte sich um.

spee2Im neu erschienenen Buch “Unser Athletic auf der ganzen Welt“ berichtet der deutsche Schriftsteller und Autor Dirk Segbers in einem Kapitel von einem Kantersieg von Athletic Bilbao gegen die Besatzung des Nazi-Schlachtschiffs Admiral Graf Spee, das während des Spanienkriegs in im kantabrischen Atlantik kreuzte und in Bilbao anlegte. Zur historischen Orientierung: Ein Jahr zuvor wurde Bizkaia als letzte baskische Provinz von den Faschisten besetzt, die Liga war längst suspendiert, der Club Athletic Bilbao war als Botschafter für die Republik auf Welt-Tournee gegangen und die neuen Machthaber hatten den Club gezwungen, den Namen zu ändern. Weil Athletic einst von englischen Arbeitern gegründet worden war, galt bislang die englische Schreibweise mit einem “h“ hinter dem “t“. Die Franquisten bevorzugten die spanische Version Atlético.

“Fußballspiel gegen die Mannschaft des Club Atlético de Bilbao. Die Spee-Mannschaft hat 9-3 verloren“. Das war alles, was Hans Langsdorff, Kapitän des Schlachtschiffs Admiral Graf Spee, über das Duell zwischen der Besatzung des NS-Marineschiffs und Athletic am 17. September 1938 in San Mamés in dem Bericht schrieb, den er seinen Vorgesetzten über seinen fünftägigen Besuch in Bilbao schickte. Vierzehn Monate später versenkte er das Schiff zwischen Argentinien und Uruguay im Río de la Plata und zwei Tage darauf schoss er sich in einem Hotel in Buenos Aires auf einer Kampffahne liegend in den Kopf.

Im Laufe seiner Geschichte hatte der Athletic-Club aus Bilbao die unterschiedlichsten Rivalen. Zu den seltsamsten Gegner gehörten sicherlich die Kriegsschiff-Besatzungen, denen Athletic gegenüberstand: 1909 vom Schlachtschiff Deutschland, 1938 vom Schweren Kreuzer Admiral Graf Spee und vom britischen Flugzeugträger HMS Ocean. Unter diesen Militär-Duellen sticht jenes mit dem Nazi-Kreuzer besonders ins Auge, weil das Schiff ein Jahr später als Protagonist der ersten Seeschlacht des Zweiten Weltkriegs und durch das überraschende Ende seines Kapitäns in die Geschichte eingegangen ist.

Über das Spiel in San Mamés lagen bereits Informationen vor, aber außer der Aufstellung des rot-weißen Teams und einigen Chroniken in der Franquisten-Presse (“La Gaceta del Norte“ und “El Hierro“) war wenig darüber bekannt. Für den deutschen Schriftsteller und Übersetzer Dirk Segbers (44, aus Miranda de Ebro, Region Burgos, 30 Kilometer von Vitoria-Gasteiz entfernt), einen begeisterten Athletic-Fan, war es eine Herausforderung, mehr zu erfahren. “In der Geschichte des Vereins habe ich davon gelesen, und es hat meine Aufmerksamkeit geweckt: Wie war der Besuch in Bilbao, wer hat für die Deutschen gespielt?“

Segbers recherchierte im deutschen Militär-Archiv und nahm Kontakt zu Nachfahren der Kreuzer-Besatzung auf. Das Ergebnis seiner Nachforschungen hat er in eines der 39 Kapitel des neuen Buches aufgenommen, das vor kurzem erschienen ist – für Athletic-Fans ein unentbehrliches Werk, um die weltweite Ausstrahlung des Clubs zu verstehen.

Das Kriegsschiff Admiral Graf Spee lief im Juni 1934 vom Stapel, einen Monat bevor im spanischen Staat faschistische Generäle einen Putsch organisierten. Es handelte sich um einen schweren Kreuzer, dennoch gaben die Briten den Schiffen dieser Klasse den Spitznamen “pocket battleships“ (Hosentaschen-Kampfschiffe), weil sie offiziell die im Versailler Vertrag (Kapitulation nach dem Ersten Weltkrieg) für deutsche Marineschiffe festgelegte Höchstgrenze von 10.000 Tonnen einhielten. Während des Spanienkriegs wurde das Schiff von Hitler in den Golf von Bizkaia geschickt, um deutsche Handelsschiffe zu schützen, die Nachschub für Francos Truppen brachten.

Mit Ehren empfangen

spee3Dies erklärt die Präsenz des Schiffes in dem von den Aufständischen im September 1938 besetzten Bilbao und die Tatsache, dass es mit allen militärischen Ehren empfangen wurde, wie auf dem Eingangs-Foto zu sehen ist. Segbers hatte Zugang zu dem Bericht, den der Kapitän für seine Vorgesetzten über seinen Besuch vom 15. bis 20. September schrieb. Darin heißt es, der Besuch sei “von der deutschen Botschaft organisiert“ worden, um “in der Öffentlichkeit zu zeigen, dass das nationale Spanien mit Deutschland in einer gemeinsamen Front steht“.

Im Bericht behauptet der Kapitän, er habe “den allgemeinen Eindruck gewonnen, dass in Bilbao etwa 30% der Bevölkerung marxistisch und weitere 30% baskisch-separatistisch orientiert sind“. Er fügte hinzu, dass “kirchliche Kreise intern das nationalsozialistische Deutschland ablehnen“, im Gegensatz zu “Regierungskreisen und der Falange, die eine pro-deutsche Einstellung haben“.

Die Gastgeber organisierten für die Deutschen Ausflüge zum so genannten Eisernen Gürtel (Cinturon de Hierro), einem 50 Kilometer langen Schutzwall, mit der die baskische Regierung den Vormarsch der Faschisten verhindern wollte. Auch zu den zerbombten Orten Durango und Gernika. “Die Ruinen sind zu Touristen-Attraktionen geworden und zeugen von den Auswirkungen der deutschen Fliegerbomben“. Um zu verhindern, dass die Nazis für das Massaker verantwortlich gemacht werden, schrieb er, dass “wir besonders daran interessiert sind, die Aufräum- und Wiederaufbau-Arbeiten zu beschleunigen, die vor allem in Guernica und Durango begonnen haben“.

“Auf dem Schiff gab es eine Mannschaft, die in den Häfen, in denen sie anlegten, oft Freundschaftsspiele bestritt. Das war typisch. Wahrscheinlich wurde es Athletic (Atlético) aufgezwungen, der Club befand sich nach dem Krieg (und nach der Flucht vieler seiner Spieler) im Wiederaufbau“, resümiert Segbers. Athletic (Atletico) schien das Spiel als eine Formalität zu betrachten, bei der diplomatische Fragen Vorrang vor sportlichen Fragen hatten. Mit dem gemeinsamen Foto der beiden Teams wollte man ein Bild der Kollegialität vermitteln. “Das Spiel war nicht viel mehr als eine Trainingseinheit“, stand in La Gaceta del Norte. Die Tageszeitung Hierro analysierte den Optimismus, den das Duell auslöste. Athletic “sah zeitweise aus wie das Teams der großen Tage“.

“Auf die Bremse treten“

Die Rot-Weißen gingen nach einer überwältigenden Überlegenheit mit 6:1 in die Halbzeitpause. In der zweiten Halbzeit wurde das Spiel ausgeglichener, “vielleicht wurde jemand angewiesen, auf die Bremse zu treten“, spekuliert Segbers. Auf der Website von Athletic ist die Aufstellung der Rot-Weißen zu finden. Trainer Perico Birichinaga schickte ein Team auf den Rasen, zu dem Torwart Echevarría, Mittelfeldspieler Bertol und die Stürmer Gorostiza, Panizo und Gainza gehörten.

Über die Elf der Deutschen ist nichts bekannt. Segbers hat überall nachgeforscht, konnte aber nichts finden. Allerdings hat er die Namen der möglichen Gegner von Athletic ins Spiel gebracht. “Es war üblich, dass die Seeleute der Schiffe in den Häfen, die sie anliefen, Spiele austrugen. Und die Spee hat in mehreren Hafenstädten gespielt. Selbst als sie nach der Versenkung des Schiffes in Argentinien inhaftiert waren, baten sie darum, spielen zu dürfen“.

In jenem Team spielten Erich Staron (Nationalspieler seiner Region, damals deutsch, heute polnisch), Heinz Templin (Flensburg, damals in der ersten deutschen Liga) und Heinrich Theelen (später bei Unión Santa Fe in der zweiten argentinischen Liga). “Ich gehe davon aus, dass gegen Athletic die guten Spieler eingesetzt wurden“, erklärte Segbers.

Fast ein Jahr nach dem Spiel in San Mames überfiel Nazi-Deutschland am 1. September 1939 Polen und provozierte damit den Zweiten Weltkrieg. Die Graf Spee fuhr keine Patrouillen mehr im Golf von Bizkaia, sondern wurde noch im selben September in den Süd-Atlantik entsandt. Ihre Aufgabe sollte sein, französische und britische Schiffe zu versenken, die beiden Länder, die Deutschland den Krieg erklärt hatten. Der Kreuzer versenkte insgesamt neun Schiffe.

Die alliierten Seestreitkräfte schickten eine große Flotte zur Suche nach der Graf Spee. Sie fanden das Schiff am Río de la Plata, einem kleinen Binnenmeer zwischen Uruguay und Argentinien, wo sich die Nazis mit drei britischen Kreuzern die erste Seeschlacht des Zweiten Weltkriegs lieferten. An Bord der Graf Spee mit einer Besatzung von 1.000 Matrosen starben 38 Matrosen, das Schiff erlitt schwere Schäden. Kapitän Langsdorff beschloss, notwendige Reparaturen in Montevideo zu beauftragen. Nach der Haager Konvention durfte das Schiff jedoch nur 72 Stunden in einem neutralen Hafen bleiben. Die alliierten Geheimdienste ließen die Nazis glauben, dass sie das Auslaufen des Schiffes verhindern würden. Der Kapitän brachte seine Besatzung in Sicherheit, fuhr in tiefes Wasser und versenkte das Schiff. Zwei Tage später beging er Selbstmord. Den Überlebenden, einschließlich derer, die in San Mames gespielt hatten, erging es nicht schlecht. Sie verbrachten den Krieg in freundlicher Gefangenschaft in Argentinien. Diejenigen, die es wollten, konnten 1947 nach Deutschland zurückkehren. (1)

Das internationale Athletic-Buch

spee4Warum ließ der legendäre Franz Beckenbauer in San Mames die Hosen runter? Welcher Trainer von Real Sociedad, der später Athletic trainierte, ging als Journalist nach San Mames? Welcher deutsch-jüdische Torwart spielte für Athletic? Dies sind einige der 39 attraktiven Geschichten, die Dirk Segbers in seinem zweiten Buch über Athletic präsentiert. Nachdem er bereits ein Buch für den deutschen Markt herausgegeben hat, präsentiert der 34-jährige Schriftsteller und Übersetzer aus Miranda de Ebro das interessante Werk “Unser Athletic in aller Welt“.

“Die meisten Geschichten, die ich erzähle, habe ich gründlich recherchiert“, sagt er in einem Café neben dem Anduva-Stadion von Miranda. “Ich liebe Athletic und ich liebe es, Geschichten des Clubs zu erzählen“, erklärt er. “Ich habe mich gefragt, was ein Deutscher zur Geschichte von Athletic beitragen kann, und bin zu dem Schluss gekommen, dass dafür nur ausländische Quellen taugen. Ich habe stundenlang in Archiven gestöbert und mit Menschen gesprochen, die die Geschichte von Athletic erlebt haben, aber nicht von hier, sondern aus dem Ausland stammen, zum Beispiel die Witwe von Senekowitsch“, erzählt er.

“Es geht nicht darum, ein globales Werk über die internationale Geschichte von Athletic zu machen. Es ist eine persönliche Auswahl von Geschichten, die ich in einem Buch recherchiert habe, das unterhalten soll. Ich gebe dem Ganzen einen etwas anderen Blickwinkel, den eines Ausländers. Die Idee war, ein bisschen frischen Wind und eine internationale Sichtweise in die Geschichte zu bringen, wenn möglich mit Zeitzeugen-Berichten und neuen Episoden“, fasst der deutsche Schriftsteller zusammen. Segbers landete 2005 im Baskenland, als er als Übersetzer für eine Firma im Umfeld von Mercedes arbeitete. “Ich war schon immer von diesem Club fasziniert. Mein Mitbewohner, ein Mann aus Ondarroa, der in Zarautz aufgewachsen ist, war ein großer Athletic-Fan, seine Leidenschaft hat mich angesteckt“. 2017 ließ er sich in Miranda nieder, wo er nach wie vor ein treuer Anhänger der Rot-Weißen und ein leidenschaftlicher Fan ihrer Geschichte ist.

ANMERKUNGEN:

(1) “La goleada del Athletic a la tripulación de un acorazado nazi“ (Kantersieg von Athletic gegen die Besatzung eines Nazi-Kreuzers), El Correo, 2024-12-13 (LINK)

(2) “Busco aportar aire fresco y una visión internacional a la historia del Athletic“ (Ich möchte frischen Wind und eine internationale Perspektive in die Geschichte von Athletic bringen), El Correo, 2024-12-13 (LINK)

ABBILDUNGEN:

(1) Athletic (elcorreo)

(2) Athletic (elcorreo)

(3) Buchtitel

(4) Athletic (elcorreo)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2024-12-14)

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