Opfer moderner Zeiten
Mendinueta ist ein Dorf im östlichen Zentrum Navarras, das vor 60 Jahren von seinen Bewohner*innen verlassen wurde. Seither beherrschen Einsamkeit, zerfallende Mauern und Gestrüpp das, was vom Ort übrig geblieben ist. Doch seit drei Jahrzehnten kehrt zumindest an einem Tag im Jahr wieder Leben nach Mendinueta, wenn die damaligen letzten Bewohner*innen zum Feiern einer kleinen Fiesta in die Ruinen zurückkehren. Mendinueta ist nur eines von wenigstens zwanzig verlassenen Dörfern der baskischen Region.
Adansa, Artozki, Beroiz, Gergitiain, Iso, Itoiz, Lareki, Mugeta, Orradre, Peña, Uli Bajo, Urbikain … Namen einer unvollständigen Liste von Dörfern in Nafarroa, die in den vergangenen 70 Jahren aus unterschiedlichen Gründen verlassen wurden.
Einige dieser Dörfer – wie Artozki – liegen heutzutage auf dem Grund von Stauseen, nachdem sie geflutet wurden. Sie haben definitiv zu existieren aufgehört und sind völlig aus dem Blickfeld verschwunden. Andere wurden verlassen, weil ihre Bewohner*innen ebenfalls durch Stausee-Anlagen ihre Anbauflächen und damit ihre Lebensgrundlage verloren. Bei dritten war die Anbindung an größere Orte und die Zivilisation derart schwierig, dass der Kampf ums Überleben aufgegeben wurde. Bei vierten gab es Dorf-Eigentümer, die verkaufen wollten. Zu letzteren gehört Mendinueta. Dort kehrt seit drei Jahrzehnten wie im Märchen jedes Jahr am 12. Oktober für einige Stunden das Leben zurück, obwohl es seit 60 Jahren unbewohnt ist. Dieser besondere Moment, der die übliche Stille des Ortes durchbricht, ist auf die Entschlossenheit einiger seiner letzten Bewohner*innen zurückzuführen, die Erinnerung an das Dorf zu bewahren und dort ein kleines Fest zu feiern.
Eine Feuerwerks-Rakete kündigt den Besuch aus dem nahe gelegenen Dorf Urrotz an, wo die Familie Agudo heute lebt. Sie gehört zu jenen, die einst in diesem entvölkerten Ort lebten. Danach kommen weitere Fahrzeuge zu den Resten der ehemaligen Siedlung, auf einem kurzen steinigen Weg von etwa zehn Minuten, mit der Silhouette eines Turms am Horizont, umgeben von Gestrüpp und mit der Izaga-Felswand als Kulisse. Auf einem kleinen Platz am früheren Anfang der Dorfstraße hat die Fiesta-Gruppe mehrere Tische für das Mittagessen aufgestellt, während die Feuerglut für die Zubereitung von Txistorra, Speck, Schafsrippen und Koteletts gemacht wird.
Toni Agudo baut eine eigentümliche hölzerne Abschussrampe auf, von der aus mehrere Raketen abgeschossen werden, um daran zu erinnern, dass die Feste von Mendinueta trotz der Aufgabe des Dorfes noch immer gefeiert werden. Gespräche, Gelächter und viele Erinnerungen erfüllen die Atmosphäre vor den Überresten der Häuser des Ortes und bringen für ein paar Stunden Leben in ein Dorf, das “vor genau sechzig Jahren“ aufgegeben werden musste, erinnert sich Agudo, der damals zehn Jahre alt war.
Der Fall Yesa
Ein besonders eindrucksvolles Beispiel von verlassenen Orten ist das Grenzgebiet zwischen Nafarroa und der spanischen Region Aragon, 115 Kilometer südöstlich von Mendinueta. In einem langgezogenen Tal zwischen halbhohen Hügeln wurde dort in den 1950er Jahren der etwa 13 Kilometer lange Yesa-Stausse gebaut, benannt nach dem auf navarrischer Seite gelegenen Ort Esa (Yesa). Dieser Pantano führte dazu, dass wenigstens drei Orte verlassen wurden, obwohl keiner überflutet wurde. Betroffen waren 1.500 Personen. Über dem nördlichen Ufer des Stausees thront bis heute der Ort Tiermas. Ein Teil der Häuser ist verfallen, ein Grundstück ist abgesperrt, ohne Hinweis darauf, ob dort Besetzer sesshaft geworden sind.
Geflutet wurde allein das Thermalbad am Fuß des Ortes. In besonders trockenen Sommern, wenn das Volumen des Stausees auf weniger als 25% zurückgeht, werden die Mauern dieses Erholungsortes sichtbar. Dann nutzen Hunderte von FKK-Fans den Schlamm und die Schwefelwässer, um sich einen kostenlosen Spaß zu gönnen. Fünf Kilometer ostwärts liegt halb in den Hügeln der Ort Esco, der trotz sechs Jahrzehnten Verlassenheit noch deutlich sein Straßenbild erhalten hat. Fassaden mit Balkonresten stehen da wie die Kulissen eines Western-Films. Auch in Esco hat sich am entlegensten Teil ein Stück Leben erhalten oder wurde neu gegründet.
Die Orte am Yesa-See wurden nicht verlassen, weil die Häuser in den Fluten untergehen sollten, sondern weil die Bewohner*innen mit dem Verlust der Ländereien im Tal ihre Existenz verloren. Das gilt auch für das schwer zugängliche, am Südufer liegende Ruesta. Weil es auf einem Hügel liegt, sind seine alten Mauerzinnen weithin sichtbar. In Ruesta hat sich vor mehr als 30 Jahren die anarcho-syndikalistische Organisation CGT niedergelassen. Ein paar Gebäude wurden renoviert, ein Gästehaus neu gebaut. Um Gefahren zu vermeiden, wurden die am schlimmsten verfallenen Ruinen abgesperrt. Eine billige Pension steht ebenso zur Verfügung wie eine Gaststätte.
Ihre Nutzflächen verloren auch die Bewohner*innen von Artieda, das ganz im Osten des Stausees liegt. Obwohl der Ort abgelegen ist (die Vorpyrenäen-Stadt Jaca ist 49 Kilometer entfernt) haben einige Bewohner*innen der Versuchung widerstanden, ihre Häuser aufzugeben. Einige widmen sich der Waldwirtschaft, andere haben die regelmäßigen Tiefstände im Stausee dazu benutzt, von den Behörden die vorübergehende Nutzung ihrer ehemaligen Ländereien zu fordern. Das erzählt der Wirt im bunt gestalteten Restaurant des Ortes.
Sechs Millionen für ein Dorf
Zurück nach Mendinueta. Für die vier Familien, die damals im Dorf lebten, war es ein abrupter Abschied, denn Mendinueta wechselte den Besitzer. “Es gehörte einem Marquis, und da wir hier lebten, bot er zuerst uns an, das Dorf für damals sechs Millionen der alten Peseten zu kaufen“. Es war kompliziert, die vier Familien dazu zu bewegen, diesen Betrag aufzubringen, es gab ja auch nicht viel Leben im Dorf. So wurde das Angebot schließlich abgelehnt und alle mussten den Ort verlassen, “da der Besitz von einem Marquis zum anderen überging“. Doch große Pläne scheint der neue Besitzer nicht gehabt zu haben, der heutige Zustand des Dorfes ist der Beweis dafür.
Drei Familien landeten in Iruñea (Pamplona), die vierte im nahe gelegenen Urrotz. Neben ihren Habseligkeiten nahmen die Bewohner auch ihre Erinnerungen an die Jahre mit, die sie in Mendinueta verbracht hatten. Die werden bei den jährlichen Zusammenkünften mit überraschender Klarheit lebendig. Toni geht zwischen Gras und Brombeer-Hecken durch die Ruinen der Stadt, um den Rundgang zu machen, der den Festtag abschließt.
Er erzählt, dass es im Dorf damals vier große Häuser gab, eine Scheune, die in vier Bereiche unterteilt war, in denen jede Familie ihr Hab und Gut aufbewahren konnte. Der Turm der Besitzer stand auf festem Felsboden, daneben existierten ein kleiner Friedhof, zwei Kirchen und zwei Scheunen. Eine Schule gab es nicht, die Kinder mussten nach Urrotz gefahren werden, um Unterricht zu erhalten. Die alte Kirche des Ortes war durch einen Unfall unbenutzbar geworden, so dass eine Backsteinkirche gebaut wurde, von der nur noch wenig erhalten ist. In Mendinueta, wie auch in anderen Orten der Umgebung, war ein Priester mit der Messe beauftragt. “Wenn der Priester in der Schlucht ankam, ging mein Großvater, damals etwa 80 Jahre alt, mit seinem Pferd hinaus, um ihn zu begrüßen. Der etwa 25 Jahre alte Priester, stieg auf das Pferd, und mein Großvater führte das Tier respektvoll von der Abzweigung ins Dorf“, berichtet Toni.
Im Dorf gab es auch einen Hirten: “Er sammelte die Schafe aus den vier Häusern ein und brachte sie zum Fressen auf die Wiese. Später brachte er sie zurück und lieferte sie ab“. Dieser Hirte hatte sein eigenes Haus am nördlichen Ende des Dorfes. In der Nähe befinden sich die Überreste der ursprünglichen Kirche, von der ein Teil des steinernen Türbogens erhalten ist. Daneben der Dorfturm, dessen solide Mauern stabil geblieben sind, trotz der Tatsache, dass auf einer Seite die steinerne Struktur zwischen zwei Fenstern einzustürzen droht. Am Fuße des Turms befindet sich der kleine örtliche Friedhof, der mit steinernen Überresten bedeckt ist und weder Kreuze noch Grabsteine aufweist. In einer Ecke wurden von irgendjemandem ein paar Plastikblumen niedergelegt, um an einen dort begrabenen geliebten Menschen zu erinnern.
Die letzte Person, die auf dem Friedhof begraben wurde, war Tonis Großmutter. Tonis Bruder Alfonso war der letzte Bewohner, der im Dorf geboren wurde, auch er kommt noch regelmäßig zu den Fiestas. Aber wie sahen die Fiestas in Mendinueta aus, als der Ort noch bewohnt war? Im Grunde ganz ähnlich, erinnert sich Toni, obwohl es damals auch Tanz gab. “Beauftragt waren die Brüder Vidal und Josetxo Olaberri vom gleichnamigen Grill-Restaurant, sie traten mit ihrem Akkordeon auf den Dorffesten auf“. Zu diesem Anlass wurde zwischen der Scheune und dem Haus der Agudos ein Anhänger aufgestellt. “Die Brüder Olaberri stiegen hinauf und spielten von dort aus, während Tänze stattfanden“.
Itoiz
Zehn Kilometer von Mendinueta entfernt beginnt am nächstgrößeren Ort Agoitz (span: Aoiz) ein weiterer Staussee, der das Tal des aus den Pyrenäen kommenden Irati-Flusses ausfüllt. Dieser Pantano wurde nicht (wie viele andere) vom franquistischen Regime angelegt mit dem Ziel, Strom zu produzieren und trockene Flächen zu bewässern. Itoiz ist ein Projekt der spanischen Demokratie, an dem seit den 1980er Jahren gebaut wurde und um den es eine heftige Polemik gab. Im Jahr 2005 wurde mit dem Füllen des Sees begonnen, der Ort Artozki wurde überschwemmt, die Bewohner*innen von Itoiz verloren ihre Lebensgrundlage, die Häuser wurden abgerissen und verschwanden komplett.
Doch ist diese Geschichte noch nicht an ihr Ende gekommen, denn für Agoitz, den Ort neben dem Staudamm ist der See ein Damoklesschwert. Durch das Gewicht der Wassermassen wurden im Tal geologische Spannungen erzeugt, Messungen haben gezeigt, dass die Hänge am See instabil sind. Sollten sie einst ins Rutschen kommen und in den See stürzen, würden sie einen Tsunami auslösen, Agoitz würde überschwemmt. Dass dies kein Hirngespinst ist, sondern eine reale Gefahr, dafür steht das Schicksal der italienischen Gemeinde Longarone. Dort geschah im Jahr 1963 ein solcher Stausee-Super-GAU. Die Hänge rutschten ab, Longarone wurde überflutet, mehr als 2.000 Menschen starben. (2)
Mit Strom, aber ohne fließendes Wasser
Der 12. Oktober ist ein spanischer Feiertag, in Erinnerung an die Kolonisierung Amerikas und die “Begegnung der Welten“ (in Wirklichkeit ein Völkermord) wurde er “Tag der Rasse“ genannt, aus diesem unsäglichen Titel wurde später “Tag der Hispanität“. In Mendinueta war es der Tag, erzählt Toni mit einem Lächeln, “an dem Besucher in die Häuser von Verwandten oder Freunden gingen, wie dies in anderen Orten auch heute noch geschieht. Um die vierzig Personen kamen zum Mittagessen zusammen und weitere vierzig zum Abendessen. Wir aßen Schaf, Huhn, Kaninchen, das waren die Tiere, die alle Familien im Haus hatten“.
Die Betreuung dieser Besucher*innen war in mehrfacher Hinsicht mühsam. “Obwohl der Ort ans Stromnetz angeschlossen war, gab es kein fließendes Wasser. Man musste mit Eimern zum Brunnen gehen, um Wasser zu holen.“ Aus diesem Grund war Tonis Großvater so beeindruckt von “der Modernität“ des Hauses im Iruñea-Stadtteil Arrosadia, in das sie einzogen, nachdem sie Mendinueta verließen. Sein Erstaunen ging so weit, dass er überzeugt war, dass “nicht einmal Franco ein solches Haus hat“, wie sich sein Enkel Toni amüsiert erinnert.
Die Nostalgie und einige der Fotos, die vom damaligen Leben im Ort übrig geblieben sind, werden von einem Bekannten aus der Nachbarstadt Agoitz (span: Aoiz) genutzt. Er ist Krippenbauer und will ein Modell des Dorfes herstellen. “Wenn es fertig ist, werde ich es zu Hause auf dem Dachboden aufstellen, damit alle Interessierten es betrachten können“, erklärt Agudo. Es wird ein weiterer Beitrag sein, die Erinnerung an Mendinueta zu bewahren. Den Verfall des Dorfes hat Toni miterlebt, seit er sich vor Jahren mit seinen Brüdern in Urrotz niederließ, um als Zimmermann zu arbeiten. “Ich komme immer wieder hierher und habe gesehen, wie alles zusammenfällt und nur noch ein paar Steine übrig sind“, sagt er resigniert.
Zu diesen Besuchen gehört auch der unvermeidliche am 12. Oktober. Was zur Feier des Tages dorthin gebracht wurde, wird aufgesammelt und kehrt nach Hause zurück, so dass Mendinueta wieder in seiner stillen Verlassenheit zurückbleibt. Das Gestrüpp wächst weiter, und mehr Steine werden aus den letzten Mauern brechen. Zumindest für ein paar Stunden jedes Jahr kehren Leben und Nostalgie zurück. Wie das alte Sprichwort sagt: “Nichts und niemand stirbt, solange es Erinnerung gibt“.
ANMERKUNGEN:
(1) Zitate aus: “El pueblo deshabitado de Mendinueta vuelve a la vida un día al año para celebrar sus fiestas” (Das unbewohnte Dorf Mendinueta erwacht an einem Tag im Jahr zum Leben, um seine Feste zu feiern), Tageszeitung Gara, 2024-10-15 (LINK)
(2) “Einstürzende Stauseen – Von Italien nach Navarra“, Baskultur.info, 2023-10-15 (LINK)
ABBILDUNGEN:
(1) Mendinueta (naiz)
(2) Mendinueta (naiz)
(3) Esco (lugares historia)
(4) Mendinueta (naiz)
(5) Mendinueta (naiz)
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2024-10-21)
