longarone1Von Italien nach Navarra

In den 1950er Jahren ließ die franquistische Diktatur im spanischen Staat eine Reihe von Stauseen anlegen, um die Wasser- und Energie-Versorgung zu sichern und den Staat autark zu machen. Unter anderem den Yesa-Stausee zwischen Aragon und Yesa (baskisch: Esa) südlich der Pyrenäen. Seit der Vergrößerung dieses Wasserspeichers kommt es zu kleineren Beben, eine Siedlung musste bereits aufgegeben werden. Noch schlimmer wäre, wenn wie in Italien ein ganzer Berg in einen See rutscht und Hochwasser provoziert.

Die italienische Dolomiten-Kleinstadt Longarone, zwischen Cortina d’Ampezzo und Venedig wurde vor 50 Jahren zum Schauplatz einer unvergleichlichen Katastrophe: ein Berg sackte zusammen, stürzte in einen Stausee, verursachte eine Flutwelle und überschwemmte den Ort.

Am 9. Oktober 1963, vor genau 60 Jahren, ereignete sich die sogenannte “Tragödie von Vajont“. Damals stürzte ein Berg ein und verursachte eine 200 Meter hohe Welle, die das Dorf Longarone zerstörte und in wenigen Sekunden fast alle Einwohner*innen tötete, etwa 2.000 Menschen verloren ihr Leben. Es handelte sich um eine der größten Tragödien in der europäischen Geschichte, die auf ein schlecht geplantes und unzureichend ausgeführtes Bauprojekt zurückzuführen war.

longarone2Bis heute könnte Longarone als warnendes Beispiel dienen, um Vorkehrungen zu treffen, dass sich Ähnliches nicht wiederholt. Oder um auf andere Energiequellen zu setzen und die Stausee-Risiken überhaupt nicht erst einzugehen. Das Gegenteil ist der Fall. Deshalb ist in der Gegend des Yesa-Stausees zwischen Nafarroa und Aragon die Geschichte von Longarone wohl bekannt. Im schlimmsten Szenarium wird befürchtet, dass auch dort eine der steilen, künstlich geschaffenen Uferböschungen abrutschen und wie in Italien eine Wasserlawine auslösen könnte.

Vor circa 15 Jahren wurde am Yesa-Stausee mit einer Vergrößerung begonnen, in deren Folge sich lokale, aber durchaus spür- und messbare Beben ereigneten, die darauf hinwiesen, dass der menschliche Eingriff in die Natur nicht ohne Konsequenz bleibt. Denn dabei handelt es sich nicht um irgendwelche “Bearbeitungen“ der Landschaft, sondern um die Verlagerung von Tausenden von Tonnen Erde und Wasser, die wiederum Einfluss haben auf die darunter liegenden Gesteinsschichten, die auf den veränderten Druck reagieren.

In Nafarroa ist es nicht allein der Yesa-Stausee, der zu Longarone-Phantasien führt. Ein paar Dutzend Kilometer weiter im Norden liegt der Itoiz-Stausee, der Ähnliches befürchten lässt. Hier existieren natürliche Hänge, die allerdings deutlich steiler sind als bei Yesa und die für den direkt hinter der Staumauer liegenden Ort Aoiz (span: Agoiz) dieselben verheerenden Folgen hätte, wie dies 1963 in Longarone der Fall war.

Was geschah in Italien?

Die Fakten: An jenem Mittwochabend um 22.39 Uhr stürzte eine riesige Masse von 270 Millionen Kubikmetern Erde, Steinen und Bäumen auf einer Länge von zwei Kilometern und mit einer Geschwindigkeit von 75 Kilometern pro Stunde in das Wasser des Vajont-Stausees. Praktisch der gesamte Berg Toc stürzte innerhalb von 20 Sekunden ein. Durch den Aufprall entstand eine gigantische 200 Meter hohe Welle, die sich in mehrere Richtungen aufteilte, vor allem aber auf das Dorf Longarone zurollte. Ein Teil der Bevölkerung schlief bereits oder hielt sich in den Bars im Zentrum auf. Viele in Longarone, dem "kleinen Mailand", wie es genannt wurde, sahen sich das Europapokal-Spiel zwischen Real Madrid und den Glasgow Rangers an. Plötzlich gingen in den Lokalen die Lichter aus, die Kunden protestieren. Sie dachten sofort an einen der vielen Kurzschlüsse, die durch irgendetwas da oben im Stausee verursacht wurden, in den vergangenen Jahren waren es nicht wenige Probleme gewesen. (1)

Als sie auf die Straße gingen, blies ihnen ein heftiger Wind entgegen, was im Oktober in den Bergen nicht ungewöhnlich ist. Doch irgendetwas stimmt nicht: Es war nicht wie vor einem Sturm, es war keine Böe, sondern ein ständiges, seltsames Wachsen, das immer stärker wurde und gleichzeitig einen unerträglichen Geruch von Fauligem oder Verwesendem in sich trug.

Nur wenige begriffen, was vor sich ging, und liefen weg. Die Luftbewegung war verursacht worden durch die aus dem Stausee kommende Welle. Gebildet hatte sich ein gigantischer Trichter, eine Strömung, die die Ankunft von etwas viel Größerem ankündigte: 25 Millionen Kubikmeter Wasser, die völlig unkontrolliert und mit voller Geschwindigkeit in ein enges Tal strömten. Mit einem gewaltigen Getöse, wie in einem Science-apokalyptischen Fiction-Film.

longarone3In der Tat, es war das Ende der Welt. In nur vier Minuten erreichte die Wasserwelle Longarone mit einer Kraft, die doppelt so groß war wie die der Atombombe von Hiroshima im Jahr 1945. Was eine solche Kraft anrichten kann, ist unschwer vorstellbar: Sie überflutet und überschwemmt nicht nur ein Dorf und zerstört es von einer Sekunde auf die andere, sondern vernichtet Häuser, Gebäude und Menschen, als hätte es sie nie gegeben.

Innerhalb eines Augenblicks starben 1.910 Männer, Frauen und Kinder, obwohl die Zahl nie offiziell bestätigt wurde: fast die gesamte Bevölkerung von Longarone. Ein Viertel der Opfer konnte weder geborgen noch identifiziert werden, da die Leichen spurlos verschwanden. Grundlage der Zahlenangabe waren Zeugenaussagen, wer sich zu dieser Zeit im Dorf aufhielt und wer nicht. Eine schockierende Zahl.

Als wäre ein Stein in ein Glas Wasser gefallen

Die Hauptwelle setzte ihren Lauf ungebremst fort, bis sie auf den Fluss Piave traf und beim Aufprall ihre Kraft verlor. Gleichzeitig streiften die beiden anderen Wellen, die den Vajont-Stausee verlassen hatten, die flussaufwärts gelegenen Dörfer Erto und Casso glücklicherweise nur leicht und verursachten Schäden, die mit denen des Nachbarortes Longarone nicht vergleichbar waren.

Als die Rettungskräfte eintrafen, hatten sie den Eindruck, ein Asteroid wäre eingeschlagen. Die Straßen waren zerstört, die Kommunikation unterbrochen, die Landschaft verwüstet, das ganze Dorf lag in Schutt und Asche. “Ich schreibe Ihnen von einem Ort, den es nicht mehr gibt", waren die ersten Worte des Artikels, den Giampaolo Pansa, damals ein junger Redakteur für die Zeitung "La Stampa" schrieb, bevor er zu einem bekannten politischen Analytiker wurde. Diese Worte werden heute in Journalismus-Kursen zitiert, genau wie die von Dino Buzzati. Er war nicht nur Journalist, Maler und Schriftsteller ("Die Wüste der Tataren"), sondern zudem in Belluno geboren, 20 Kilometer von Longarone entfernt. "Ein Stein fiel in ein mit Wasser gefülltes Glas und das Wasser schwappte hoch bis zur Decke. Das war's. Das Glas war Hunderte von Metern hoch und der Stein so groß wie ein Berg, und unten, auf dem Teppich, befanden sich Tausende von menschlichen Wesen, die nicht entkommen konnten", schrieb er im "Corriere della Sera".

Das Ende des "Wirtschaftswunders

Als der Vajont-Stausee zwischen 1957 und 1960 gebaut wurde, wurde er als Meisterwerk betrachtet. Damals war er mit einer Höhe von 261,5 Metern der höchste Staudamm der Welt. Heute ist er zwar nicht mehr in Betrieb, aber immer noch der siebtgrößte Damm. Italien befand sich auf dem Höhepunkt des "Wirtschaftswunders", wie Historiker die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg nennen. Diese Phase endete nach deren Meinung mit der Tragödie von Longarone.

Das "Wirtschaftswunder" hatte Geräte in die Haushalte und generell in das Leben der Menschen gebracht, die zuvor nicht als unbedingt notwendig galten, wie zum Beispiel Fernseher, Autos oder Kühlschränke. Es war die Blütezeit des Konsums, die eine landwirtschaftlich und ländlich geprägte Gesellschaft in eine industriell geprägte verwandelte. Die entlegenen Provinzen leerten sich, um Tausende von Arbeitskräften für die großen Unternehmen im Norden zu liefern. Der Bau von Vajont sollte die Stromversorgung des gesamten Piave-Tals sichern, das von Venedig bis zu den Dolomiten reicht.

Eine Gratwanderung

longarone4Erto, Casso, Longarone, Ponte delle Alpi: Diese Gemeinde, welche die Regionen Venetien und Friaul-Julisch Venetien verbindet, war ideal für den Damm. Bereits 1960 hatte ein Einsturz des Monte Toc zwar Angst, aber keine Tragödie ausgelöst. Auf jeden Fall wusste man, dass der durch die öffentlichen Bauarbeiten zerfräste Boden früher oder später "jetzt reicht es" sagen würde, wie ein Kinderzahn, der sich bewegt und dann herausfällt. Naturgewalten. Drei Jahre später kam es zum nicht ganz überraschenden Groß-Einsturz. Die Techniker, die Damm und Stausee überwachten, wussten, dass sie sich auf Messers Schneide bewegten.

Für die Überlebenden begann eine neue Hölle. Nachdem sie alles verloren hatten, wollte der italienische Staat sie aus ihren Häusern und ihrer Umgebung vertreiben, mit finanzieller Unterstützung als Überbrückung. Viele gingen nach Venedig, andere nach Mailand, sie wurden entwurzelt. Nur einigen wenigen Mutigen gelang es, zurückzukehren, vor allem nach Erto und Casso, heute der einzige Mini-Ort, in dem sie Strom abzweigten und leer stehende Häuser wieder besetzten.

Schriftsteller wie Mauro Corona halten die Erinnerung wach, auch der Schauspieler Marco Paolini mit seinen "zivilen Theaterstücken". Vor allem die emotionale Nüchternheit der Bergbewohner, die an einer Katastrophe und ihren Folgen beteiligt waren. Das heutige Longarone, das den 60. Jahrestag der Tragödie mit dem Start einer Etappe des Giro d'Italia feierte, ist nicht das "kleine Mailand" von damals, jener gemütliche Urlaubsort für die Bourgeoisie. Longarone ist zu etwas anderem geworden, seine Anerkennung rührt daher, Schauplatz einer Katastrophe von unvorstellbarem Ausmaß gewesen zu sein.

Nachkrieg und Wirtschaftswunder

Der Stausee sollte die Stromversorgung für ein ganzes Tal sicherstellen und wurde zum Ursprung eines Massentodes. Vor 60 Jahren, am 9. Oktober 1963, brach der Vajont-Staudamm nach einem Bergeinsturz zusammen. Das Wasser aus dem See wurde zu einer Bombe, die ein ganzes Dorf in einen Schutthaufen verwandelte und eine immense menschliche Tragödie auslöste. (1)

Der Unfall war das Ergebnis eines schlecht geplanten und noch schlechter ausgeführten öffentlichen Bauvorhabens, das schwerwiegende Folgen für die Umwelt hatte. Viele wussten, dass dieses "Monster", eingekeilt in einem kleinen Tal unterhalb des Berges Toc (was im lokalen Dialekt "verrottet" bedeutet), auf keinen Fall ausreichend Wasser aufnehmen konnte, früher oder später mehr Probleme als Nutzen bringen würde.

Die Einwohner*innen der Kleinstadt bezahlten mit ihrem Leben, sie trägt wie früher noch denselben Namen: Longarone. Die wenigen Überlebenden versuchten, die Erinnerung wach zu halten. Einige sind dorthin zurückgekehrt, auch gegen den Willen der Behörden. Andere, die Mehrheit, mussten in andere, weit entfernte Städte ziehen, mit mangelhafter finanzieller Unterstützung. Die Strafen für die verantwortlichen Politiker und Bauherren waren skandalös gering.

ANMERKUNGEN:

(1) “La naturaleza no tiene intereses; 60 años de la tragedia de Vajont” (Die Natur kennt keine Freunde; 60 Jahre nach der Vajont-Tragödie) Tageszeitung Gara, 2023-10-09 (LINK)

ABBILDUNGEN:

(1) Stausee Vajont (wikimedia)

(2) Flutfolgen (ballont press)

(3) Staudamm (wikimedia)

(4) Flutfolgen (la republica)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2023-10-15)

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