sanfer85aFluchterfolg und Sexismus

Zeitreise zu den San-Fermin-Fiestas von 1985 mit viel Spannungen und politischem Charakter. Am 7. Juli 1985, dem zweiten Tag der Fiesta verbreitete sich inmitten des Trubels die Nachricht von der Flucht der politischen Gefangenen Sarrionandia und Pikabea aus dem Martutene-Gefängnis. Die Zeitreise 40 Jahre zurück erinnert an eine Fiesta, die durch Polizeimord ein Leben gekostet hat und mit dem Namen German Rodriguez auf immer verbunden ist. Eine Fiesta, bis auf die Stiere kaum wiederzuerkennen.

Wie alle baskischen Fiestas beginnt das Delirium mit einer Rakete. Über die Geschichte der durch Hemingway weltbekannt gemachten Fiestas gibt es verschiedene Versionen, mittelalterliche Jahrmärkte und Stieropfer standen im Mittelpunkt.

Vor vierzig Jahren, am 7. Juli 1985, flohen Iñaki Pikabea und Joseba Sarrionandia aus dem Gefängnis von Martutene in Donostia. Das hatte wenig mit der Dynamik in der Hauptstadt Navarras zu tun, war jedoch ein Hit in der postfranquistischen Zeit des Aufbruches, der sich überall bemerkbar machte, auf den Straßen, in den Fabriken und selbstverständlich bei den Fiestas. Die beiden ETA-Gefangenen hatten sich in Lautsprechern versteckt, die bei dem Konzert des Sängers Imanol im Gefängnis verwendet worden waren, und wurden im Lieferwagen in die Freiheit transportiert. Die Nachricht verbreitete sich in Iruñea (span: Pamplona) mitten im Trubel der Feierlichkeiten, die in einigen Belangen den heutigen ähnelten, sich aber dennoch stark von ihnen unterschieden.

sanfer85bEin Blick auf die Presse jener Zeit ermöglicht diese besondere archäologische Untersuchung der Sanfermines, die ein Bild von Festen mit einem konfliktiven schäbigen Charakter und wilden Stierläufen zu Tage fördert. Viele vergnügten sich an den damals noch existierenden politischen Festzelten (barracas), es gab Mini-Stierläufe und leider auch schon sexuelle Übergriffe. Der Stadtrat von Herri Batasuna, Iñaki Beorlegi von der ETA nahestehenden baskischen Linken, zündete am 6. Juli die Txupinazo-Rakete auf einem Rathaus-Platz, auf dem wie immer San Fermín besungen wurde. Gleichzeitig wurde angekündigt, dass “wir den Opus Dei verbrennen werden”, gemeint war die katholisch-faschistische Sekte, die in Nafarroa besonders stark ist. Und es wurde daran erinnert, dass der einheimische Fußballclub Osasuna sich zum ersten Mal für den UEFA-Pokal qualifiziert hatte.

Fast eine Stunde vor dem Startschuss brachte ein weiterer Stadtrat von Herri Batasuna, Juantxo Zandueta, an den Balkonen im zweiten Stock des Rathauses eine Ikurriña an, die baskische Flagge, die in Navarra bei der politischen Rechten verhasst ist. Und fünf Minuten vor 12 Uhr hängten die abertzalen HB-Stadträte und Mitglieder der Peñas (Fiestagruppen) von einem der seitlichen Balkone desselben Stockwerks ein vertikales Transparent mit der Aufschrift “Amnistia osoa” (Vollständige Amnestie) auf, das von der Gefangenen-Hilfsorganisation Gestoras Pro Amnistia unterzeichnet war. Das Transparent wurde von Personen im ersten Stock gepackt, wodurch es zerriss, was zu Protesten eines Teils der Öffentlichkeit und Rufen wie “Presoak kalera, amnistia osoa” (Freiheit für die Gefangenen, vollständige Amnestie) führte.

Neben Beorlegi befanden sich zum Zeitpunkt des Txupinazo Mari Abrego, Antton Zamarbide und Jose Mari Casimiro, Mitglieder der Navarra-Expedition zum Everest, die fast die Ehre hatten, die Rakete persönlich zu zünden. Der HB-Stadtrat hatte ihnen das versprochen für den Fall, dass sie die Ikurriña-Fahne auf dem Gipfel des Everest platzieren würden. Doch das schafften die Bergsteiger nicht, sodass sie auf diese Funktion verzichteten und sich damit begnügten, in diesem besonderen Moment im Rathaus anwesend zu sein.

Politische Fiesta-Stände

Auf diese festliche Weise begannen die Sanfermines, deren Vorbereitungen von Spannungen geprägt waren. Der Stadtrat, damals unter der Leitung von Julián Balduz (PSOE-Sozialdemokraten), hatte die “brillante” Idee gehabt, die politischen Fiesta-Stände aus der Umgebung des Antoniutti-Parks auf die Plaza de los Fueros zu verlegen, mit der Begründung, dass in diesem Bereich Bauarbeiten durchgeführt werden sollten. Angesichts des Widerstands der betroffenen Gruppen wurde ihre Aufstellung in der Nähe von Antoniutti genehmigt, aber ein Bereich wurde eingezäunt, um ihre genaue Lage abzugrenzen und ihren Platz erheblich einzuschränken. Am 5. Juli, dem Fiesta-Vortag, wurden diese Zäune niedergerissen, als Zeichen der Ablehnung der Maßnahmen der Stadtverwaltung. Schließlich kam es dank einer in letzter Minute einberufenen Sitzung unter Vermittlung der Peñas zu einer Einigung in extremis, wonach die Stände an ihrem alten Standort und in der vorgesehenen Anzahl verbleiben sollten.

In diesem Jahr stellten laut der linken Tageszeitung EGIN folgende Organisationen ihre Stände auf: AEK (Baskisch für Erwachsene), Gestoras pro-Amnistía (Politische Gefangene), Radio Paraíso, Euskadiko Ezkerra (linke Partei), Herri Batasuna (abertzale Linke), PC (Kommunistische Partei), Ezkerra Marxista (Marxistische Linke), Auzolan (Nachbarschafts-Vereinigung), Euskal Dantzarien Biltzarra (Tanz-Föderation), CNT (Anarcho-Syndikalismus), Jarrai (linke Jugend-Organisation), LAB (abertzale Gewerkschaft), Radio CRDI, Federación de Ikastolas (Baskisch-Schulen), EMK (Maoisten), Comités Internacionalistas (Internationalismus), Zaldiko Maldiko, Comités Ecologistas (Umweltgruppe), die Casa de Andalucía (Andalusien Kultur) und erstaunlicherweise auch die Federación Navarra de Patinaje, die Eislauf-Föderation. Der Angriff des Bürgermeisters gegen die politischen Baracken schlug fehl, erst später gelang es der rechten regionalistischen UPN, sie zum Verschwinden zu bringen und Geschichte werden zu lassen. Die unvergesslichen Baracken-Stände sind nicht das einzige Element der damaligen Sanfermines, das es bei den heutigen Festen nicht mehr gibt.

sanfer85cObwohl auch vom Stadtrat organisierte Konzerte stattfanden, veranstalteten viele private Clubs der Stadt ihre eigenen. Dazu kamen andere Organisatoren, die in der Hitze der Fiesta in Iruñea Halt machten, wie das Lido Theater, die jedoch aus der Perspektive der Zeit betrachtet eher kitschig wirken. Die privaten Tanz-Konzerte wurden an Orten wie dem Schwimmclub organisiert, mit Orchestern oder im Club Larraina, wo Georgie Dann in jenem Jahr mit seinem damaligen Hit “Mutti, was will der schwarze Mann?” auftrat. Der Gipfel war 1985 jedoch der Tennisclub, wo Tip und Coll ihren Auftritt hatten, der jedoch durch den Skandal um Ágata Lys, eine der Legenden der spanischen “Destape”-Bewegung, von sich reden machte: Striptease.

Tatsache ist, dass ihr Auftritt einem Teil des im Club versammelten Publikums nicht gefiel, das seine Unzufriedenheit durch das Werfen von Plastikbechern mit Getränken zum Ausdruck brachte, von denen einer die Künstlerin traf, die jedoch trotz aller Widrigkeiten weitermachte. Als sie zusammen mit ihren Tänzern seit fünfzehn Minuten auf der Bühne stand, beschloss der Präsident des Tennisclubs, Pedro del Nido, die Show abzubrechen, weil dies “in einer Tragödie” enden könnte. Del Nido bezeichnete den Auftritt von Ágata Lys als “in jeder Hinsicht unvorstellbar” und versicherte, dass sie “absolut nichts kann”. Seltsamerweise war er überrascht, dass eine der Königinnen der “Entblößung” ihre gesamte Darbietung auf ihren Körper stützte. Er verteidigte sogar diejenigen, die Lys und ihre Begleiter auf der Bühne beschimpft hatten, indem er versicherte, dass “sie nicht unhöflich waren und dass die Tänzer nur deshalb als Schwuchteln bezeichnet wurden, weil sie zumindest so aussahen”. Ein Kommentar, der Alfonso Guerra (reaktionäres PSOE-Urgestein) heute begeistern würde.

Sicherlich halfen die 360.000 Peseten, die sie für diese fünfzehn turbulenten Minuten erhielt, Ágata Lys dabei, die bittere Pille zu versüßen. Für jene im damaligen Stadt-Publikum, deren Erwartungen durch diese Vorstellung nicht erfüllt wurden, gab es Alternativen, wie das Teatro Lido, wo in jenem Jahr Los Hermanos Calatrava und Las Hurtado in einer Revue mit dem Titel “Aluzinados” (Verrückt) auftraten. Diese Art von Darbietungen gibt es bei den Sanfermines schon lange nicht mehr, ebenso wenig die Gewohnheit einiger Ausländer, sich von der Spitze des Nabarreria-Brunnens in die Tiefe des Publikums zu stürzen, ein seltsamer Brauch, der bereits 1985 heftige Kritik hervorrief.

Sorgen bereiteten auch die Fortführung des “Riau Riau”, des Spaziergangs der städtischen Autoritäten zu Beginn der Fiestas durch die bevölkerte Altstadt, das in diesem Jahr jedoch paradoxerweise ruhig und ohne Probleme verlief. Enttäuschend war auch der Rückgang der Knoblauch-Verkaufsstände auf dem Recoletas-Platz, obwohl in jenem Jahr 18.000 Knoblauch-Sträuße zu einem Preis zwischen 300 und 850 Peseten verkauft wurden. Die Viehmesse erlebte weiterhin eine gute Zeit, 2.000 Tiere wurden verkauft und 160 Millionen Peseten umgesetzt.

Die Barracas, in diesem Fall die auf dem Rummelplatz, verzeichneten ebenfalls einen guten Besucher-Andrang, obwohl sich die Standbetreiber beklagten. Hinter diesem Phänomen könnten die Preise gesteckt haben, da ein Rennen mit Kamelen, Radfahrern oder rosa Panthern zwischen 50 und 100 Peseten für eine halbe Minute Spaß kostete. Die klassischeren Attraktionen wie Riesenrad oder Scooter kosteten 75 Peseten pro Fahrt.

Stierlauf bis zum Herzstillstand

Zu diesen finanziellen Einbußen kamen die Verletzungen, die von den Stiere bei den traditionellen Stierläufen verursacht wurden. Diese “encierros“ genannten Läufe bestehen darin, die sechs Stiere (in Begleitung von sechs Ochsen) für den Stierkampf aus dem Stall am Rand der Altstadt in die Arena zu treiben. Jeden Tag um 8 Uhr morgens werden sie auf einer Strecke von 849 Metern durch die Stadt getrieben, empfangen, verfolgt und begleitet von tausenden von Männern und wenigen Frauen, die jeweils versuchen, den schweren Tieren so nahe wie möglich zu kommen, ohne erwischt oder gehörnt zu werden. Am selben Tag um 18:30 Uhr werden die Stiere in der Arena vor den Augen Tausender Schaulustiger blutig hingerichtet.

Die Stierläufe waren damals stellenweise weitaus gefährlicher als heute, weil es weniger Regeln gab und weil die jungen und alten Machos machten, was sie wollten und sich in ihrer Selbstdarstellung von Tag zu Tag übertreffen wollten. So dauerte der Lauf am 11. Juli mehr als sieben Minuten (üblicherweise 3 Minuten), da der Stier Acordeón aus der Zucht Domecq zurückblieb und auf seinem Irrgang fünf Verletzte hinterließ. Herzinfarkt-verdächtig war jedoch der Stierlauf am 13. Juli, bei dem der Stier Farrán aus der Zucht Fernández Barrena ein Madrider Arzt mit fünf Hornstichen durchlöcherte, ohne jedoch lebenswichtige Organe zu treffen, da der Mediziner sich auf der Straße liegend zusammengerollt hatte und so sein Leben rettete.

Eine besondere Anekdote der Stierläufe lieferte der kalifornische Läufer Jeffrey Rath. Er hatte bereits sieben Jahre lang an Stierläufen teilgenommen, doch am 13. Juli erlitt er eine zehn Zentimeter lange Wunde mit Durchtrennung des großen Gesäßmuskels: ein Stier hatte ihm im wahrsten Sinne des Wortes “den Arsch aufgerissen“ und ihn ins Krankenhaus gebracht. Von dort floh er am nächsten Tag in der Absicht, sich den Miuras-Stieren zu stellen und den Lauf-Zyklus jenes Jahres zu vervollständigen, bis seine Kollegen ihn entdeckten und ihn überreden konnten, ins Krankenhaus zurückzukehren. Die Stierkampf-Leidenschaft wurde damals unter Jugendlichen (denen die Teilnahme am morgendlichen Lauf verboten war) durch die Txiki-Stierläufe gepflegt, aber nicht wie heute mit Pappmaché-Stieren, sondern mit echten Kälbern. Der Lauf begann um 8.30 Uhr an der Estafeta-Kurve und führte über die letzte Strecke bis zur Arena, mit dem Ziel, die neuen Generationen von Läufern zu trainieren.

Inmitten dieser Feierlichkeiten kam es bei den Sanfermines 1985 zu einem Vorfall, der sich seither fast regelmäßig wiederholt. Eine 21-jährige Frau aus der Stadt erlitt in der Nähe der Stadtmauer neben Kirche Santa María la Real einen sexistischen Angriff. Darüber hinaus meldete die Feministische Koordinierungs-Stelle von Navarra, dass eine weitere junge Frau im Antoniutti-Platz Opfer eines Vergewaltigungs-Versuchs geworden war. Im Zusammenhang mit diesen sexistischen Übergriffen rief die Vereinigung alle Frauen, die Opfer sexistischer Untaten geworden waren, dazu auf, Anzeige zu erstatten und sich an das städtische Notfallzentrum und die Zufluchtsstätte für misshandelte Frauen zu wenden – vor 40 Jahren waren solche anzeigen alles andere als üblich, weil sie einen Spießrutenlauf bei der Polizei nach sich zogen. Diese feministische Botschaft wurde vor vier Jahrzehnten ausgesprochen und ist bis heute aktuell. Jeweils am 7. Juli kam es in der Folgezeit zu zwei Übergriffen mit schwerwiegenden Folgen. Im Jahr 2008 wurde die junge Krankenpflegerin Nagora Laffage von einem Studienkollegen nach einem Vergewaltigungs-Versuch umgebracht; acht Jahre später organisierten fünf Polizisten und Soldaten aus Sevilla eine Massen-Vergewaltigung, die sie auch noch filmten.

Tod durch Polizeikugel

sanfer85d1985 stand bereits der siebte Erinnerungsakt an den wohl schwärzesten Moment der Sanfermines auf dem Programm, der sich sieben Jahre zuvor ereignet hatte. Ende der 1970er-Jahre forderten viele gesellschaftlichen Kräfte nach der franquistischen Diktatur eine grundlegende gesellschaftliche Änderung. So genannte Volksbewegungen standen dabei den alten faschistischen Garden gegenüber. Eine der wichtigsten Forderungen war eine Amnestie für alle politischen Gefangenen, die im Jahr 1977 erreicht wurde. Doch die Volksbewegung ging weiter. Am 9. Mai 1978 explodierte ein Sprengsatz, der eine Person tötete und vier verletzte. Am 10. Mai wurde ein Oberleutnant der Guardia Civil in den Straßen von Pamplona entwaffnet, getreten und erstochen. Unter diesen Umständen begannen die Fiestas 1978. Am 8. Juli, nach Beendigung des Stierkampfes, zogen mehrere Peña-Gruppen, die der linken Unabhängigkeits-Bewegung nahestanden, mit Transparenten für eine Amnestie in die Arena. Dies führte zu einer Konfrontation, zunächst mit Rufen und dann mit Schlägen, mit Teilen des rechten Stierkampf-Publikums. National-Polizisten stürmten den Platz und feuerten Rauchbomben und Gummigeschosse ab, um die Protestierenden zu vertreiben. Die Polizei schoss mit scharfen Waffen, was zu 7 Verletzten durch Polizeikugeln führte. Der junge German Rodriguez (23 Jahre) wurde dabei ermordet. Nach aussgane de zuständigen Innenministers Rodolfo Martin Villa, ein ehemaliger Minister Francos, gab die Polizei 130 scharfe Schüsse ab. Seither findet jährlich eine Gedenkveranstaltung für den Ermordeten statt.

Mit dem “Pobre de mí” Lied (Ich Armer) endeten die Fiestas, die in den folgenden vier Jahrzehnten, vor allem mit dem Verbot der politischen Fiesta-Stände und einer allgemeinen Entpolitisierung, einen bemerkenswerten Wandel erleben sollten. Erhalten blieb die Erinnerung an die Flucht von Sarrionandia und Pikabea, in Form eines Liedes der bekannten Rockgruppe Kortatu, das nicht nur in Iruñea-Pamplona, sondern bei allen Fiestas und Radiosendern gespielt wird.

ANMERKUNGEN:

(*) Information aus dem Artikel: “Viaje a las fiestas de hace 40 años“ (Reise zu den Fiestas vor 40 Jahren), Tageszeitung Gara, 2025-07-07, mit verschiedenen Ergänzungen (LINK)

ABBILDUNGEN:

(1) SF Stierlauf (gara)

(2) SF Txupinazo (gara)

(3) SF Schlafstelle (gara)

(4) SF Proteste (gasteiz hoy)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2025-07-07)

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