In der mexikanischen Wüste
Archäologen haben die Überreste eines Menschen identifiziert: das Skelett eines jungen Mannes, der in der Zeit vor siebenhundert bis tausend Jahren in einer Wüste des mexikanischen Bundesstaates Coahuila lebte und starb. Nach dem Namen des Nachbarortes wurden die sterblichen Reste “Bilbao-Mann“ genannt. Sicher nicht in Anlehnung an das baskische Bilbao in Europa, sondern das Bilbao eines anderen Teils der Welt. Mit jenem Bilbao in Mexiko sind es vier bekannte Orte weltweit, die den Namen tragen.
Der mexikanische Bundesstaat Coahuila heißt mit vollem Namen Coahuila de Zaragoza, ein weiterer kolonialer Bezug nach Europa. Er liegt im Norden des Landes und grenzt an Texas, Bilbao im Süden des Bundesstaates.
Es gibt Toponyme (Ortsbezeichnungen), die dank der Archäologie bekannt wurden, weil sie mit wichtigen Erkenntnissen in der Erforschung entfernter menschlicher Vorfahren verbunden sind. Zum Beispiel das kleine deutsche Neandertal am Ufer der Düssel. In jenem Neandertal in Mettmann bei Düsseldorf ist das Neandertal Museum zu finden, es behandelt die Ur- und Frühgeschichte der Menschheit sowie die nach dem Fundort des Fossils und Typus-Exemplars Neandertal benannten Neandertaler.
Mit einem ähnlichen Hintergrund wurde der Name Bilbao vor kurzem zu in diese geografische Liste hinzugefügt. Direkte Ursache ist das Auffinden menschlicher Überreste. Im vergangenen Jahr (2024) wurde in der südlichen Wüste von Coahuila ein Skelett gefunden, das Wissenschaftler als Bilbao Man bezeichnet haben. Es handelt sich um die uralte Leiche eines jungen Mannes, der vor schätzungsweise siebenhundert bis tausend Jahren in jener Gegend lebte und starb. Da es im Baskenland selbst nicht viele Wüsten gibt, liegt es nahe, dass es sich bei dem Namen Bilbao, auf den sich die Leichen-Benennung bezieht, nicht um das europäische Bilbao handelt, sondern um ein anderes, in einem anderen Winkel der Welt – denn ein solches Bilbao existiert im Bundesstaat Coahuila, im mittleren Norden Mexikos.
Die Dünen von Bilbao
Was wissen wir über dieses entfernte Bilbao? Es wurde zwischen dem 18. und dem 19. Jahrhundert gegründet, um einige Wasserquellen zu nutzen, die in jenen trockenen Gegenden einen wahren Schatz darstellten. Von den Gesandten des Vizekönigs wurde die Siedlung auf den Namen Nuestra Señora de Begoña de la Nueva Bilbao getauft – ein Name, der in Euro-Bilbao die katholischen Herzen höher schlagen lässt, denn denselben Namen trägt eine Basilika im Stadtteil Santutxu-Begoña, die zwischen 1511 und 1621 gebaut wurde. Heutzutage leben im Bilbao des Bundesstaates Coahuila de Zaragoza 420 Personen. Der Ort ist berühmt für die nahe gelegenen feinen Sanddünen, die Dunas del Bilbao, die zu einer wichtigen Attraktion für den Abenteuer-Tourismus geworden sind. In der Vergangenheit war er, ebenso wie die Bezirks-Hauptstadt Viesca, ein wichtiges landwirtschaftliches Zentrum inmitten der Wüste, dank der Quellen, die in der Gegend sprudelten, und dank des Aguanaval-Flusses, der in die Laguna de Viesca mündete. Aufgrund der Regulierung ihres Wassers und seiner Nutzung für die Bewässerung flussaufwärts sowie der anhaltenden Trockenheit ist der Fluss heute trocken gefallen, was auch zum Austrocknen der Lagune und der Quellen in der Gegend geführt hat. Der wirtschaftliche Niedergang war die Folge.
Der auffallende Name Nuestra Señora de Begoña de la Nueva Bilbao wurde gekürzt, aber etwas blieb: “Wir feiern jeden August die Jungfrau von Begoña“, erklärte der Dorf-Lehrer Óscar Martínez vor acht Jahren einer baskischen Zeitung. Schurke – so wird er im Dorf genannt, er spielte in den Jugend-Teams von Atlético Bilbao, dem lokalen Fußball-Verein. Das Dorf lebt traditionell von der Dattel-Produktion, doch hat der Tourismus zugenommen, da der Ort zum Tor zu den geschützten Dünen von Bilbao wurde, zehn Quadratkilometer feiner Sand in einer atemberaubenden Landschaft.
Muschelkette
Tourismus hatte viel mit der Entdeckung des Bilbao-Mannes zu tun, im Juli letzten Jahres wurde der Fund den Medien vorgestellt. Reisende stießen auf die teilweise ausgegrabenen Knochen, es scheint, dass der Offroad-Verkehr auf den Dünenpfaden (das unter Touristen beliebte Fahren neben der eigentlichen Straße) eine Rolle dabei spielte, die Skelettreste langsam aus dem Sand zu graben. Zunächst wurde davon ausgegangen, es handele sich um die Überreste eines zeitgenössischen Wanderers, doch die Staatsanwaltschaft für vermisste Personen stellte bald fest, dass dies nicht der Fall sein konnte.
Vielmehr wurde klar, dass die Reste deutlich älter waren, die Aufgabe der wissenschaftlichen Untersuchung wurde dem Nationalen Institut für Anthropologie und Geschichte (INAH) anvertraut. Es handelt sich um stark fragmentierte Teile des Skeletts eines jungen Mannes in den Zwanzigern, der mutmaßlich eine Art von Nomadenleben geführt haben muss. Neben den Knochen befanden sich eine Muschelkette, wahrscheinlich aus dem Pazifik, ein Feuerstein-Messer sowie eine Geschossspitze und verschiedene Tierreste.
Zudem wurden in dem Gebiet vollständige und in der Herstellung befindliche Werkzeuge gefunden, sowie Steinsplitter vom Abschlagen von Felsen, was darauf schließen lässt, dass der Ort als saisonales Lager für die Herstellung von Steinwerkzeugen diente. Der Generaldirektor des Anthropologie-Instituts INAH erklärte, es handele sich um ein wichtiges Ereignis für die Erforschung der vor-kolonialen Bevölkerung Nordmexikos, die Überreste werden im Regional-Museum von La Laguna aufbewahrt. Dort soll der Bilbao-Mensch gründlich untersucht werden. Und sei es nur wegen des historisch-geografischen Namens-Zufalls, der Bilbao-Mann ist dem Euro-Bilbao doch etwas näher gerückt, was sich nicht zuletzt in diesem Bericht niederschlägt.
Bambus, Kaffee und Zuckerrohr
Neben dem ursprünglichen Bilbao (vor tausend Jahren in Bizkaia gegründet) und dem Bilbao in Mexiko gibt es mindestens drei weitere bewohnte Bilbaos auf dem Planeten. Eines davon ist ein Ortsteil in Rapu-Rapu, einer Gemeinde auf den Philippinen, die aus drei kleinen Inseln besteht. Dessen niedrige Holz- und Bambushäuser haben eine begrenzte Stromversorgung, der Zugang erfolgt per Boot. Es ist im Laufe der kastilischen Eroberung angeblich nach Bergleuten aus Bilbao benannt worden, die in der nahen Kohlemine schufteten. Das Bilbao in Kolumbien wurde nach einem Missionar benannt, es gehört zur Gemeinde Planadas und ist eine Stadt, die für einen ausgezeichneten Kaffee bekannt ist und für einen kristallinen Wasserfall in der La Cristalina-Schlucht. Ihr Spitzname ist 'bilbaíno' und ihr Fußballteam heißt – wie auch sonst – Athletic Bilbao. In Guatemala ist Bilbao eine große Zuckerrohr-Plantage, die einem baskischen Unternehmen gehörte. Mehrere Familien leben dort, zu finden sind bedeutende archäologische Überreste einer verlorenen Stadt. Einer Stadt vor der blutigen Kolonialisierung.
ANMERKUNGEN:
(1) “El Hombre de Bilbao, un esqueleto hallado en el desierto” (Der Bilbao-Mann, ein Skelett in der Wüste), Tageszeitung El Correo, 10. März 2025 (LINK)
ABBILDUNGEN:
(1) Bilbao Mexiko (elcorreo)
(2) Bilbao Mann (elcorreo)
(3) Bilbao Mexiko (mexicodestinos)
(4) Bilbao Dünen (mexicodestinos)
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2025-03-12)
