
Das WM-Experiment
„Nationalteams“ werden sie genannt, die Kickertrupps, die um die Krone des Fußballs streiten. Wer sich die Teams von England, Frankreich, Holland, Portugal oder Deutschland anschaut – Länder mit blutiger Kolonial-Tradition – mag sich über die große Zahl schwarzer oder brauner Spieler wundern. In jedem dieser Länder existieren große Gruppen in der Bevölkerung, die diese Nicht-Weißen am liebsten rauswerfen würden, ein Symptom des neuen Faschismus in Europa. Viel national und nix mit national.
Ausgerechnet eine spanische Fußball-Tageszeitung hat sich an das Thema der „geheimen Landkarte der Weltmeisterschaft“ gemacht und erforscht, wie viel jedes Nationalteam der sonst von vielen Seiten so unerwünschten Einwanderung verdankt.
Eine Simulation mit den 32 Teams der Endrunde zeigt, was passieren würde, wenn jedes Land seine im Ausland geborenen Spieler oder die Kinder von Einwanderern verlieren würde. Frankreich wäre nicht mehr das stärkste Team, Spanien würde auf Platz eins rücken, Marokko wäre einer der größten Verlierer. Analyse einer spanischen Fußball-Tageszeitung mit einem der Autoren des „Experiments“. (*)
DAS MIGRATIONS-EXPERIMENT
Alle vier Jahre verwandelt sich die Weltmeisterschaft in ein Fest der Flaggen. Ein Land gegen das andere, eine Hymne, welche die des Nachbarn übertönt, ein Trikot, das eine ganze Identität verkörpern soll. Doch genügt es, einen Moment bei den Kaderlisten innezuhalten und sie in Ruhe zu lesen, um zu entdecken, dass der National-Team-Fußball schon lange alle auf der Landkarte eingezeichneten Grenzen überschreitet. Von „national“ zu sprechen, ist so antiquiert wie ein Volksempfänger in Zeiten von Internet. Es gibt Fußballer, die in einem Land geboren wurden und für ein anderes spielen. Kinder von Familien, die eines Tages ihre Koffer gepackt haben und zwischen zwei Kulturen aufgewachsen sind. Junge Spieler, die in europäischen Akademien ausgebildet wurden und heute die Farben afrikanischer Auswahlteams tragen. Stars, die zwischen mehreren Trikots wählen konnten, bevor sie sich für eines entschieden.
Die Weltmeisterschaft war immer ein Turnier der Nationen. Doch ist sie – auch wenn es vielen Rassisten und Ausländerfeinden schwerfällt, dies zuzugeben – ein Turnier der Migration.
Diese Vorstellung, die in jeder Kneipe und an jedem Fußball-Stammtisch allgegenwärtig ist, lässt sich nur schwer in Zahlen fassen. Umgesetzt wurde sie nun in einem konkreten Experiment mit der Fragestellung: Was würde passieren, wenn keines der 32 Auswahlteams der Endrunde auf Spieler zurückgreifen könnte, die außerhalb des Landes geboren wurden, das sie vertreten, auch nicht auf Kinder von Einwanderern? Welche Auswahl würde an Stärke einbüßen? Welche würden den Schlag verkraften? Wer würde von einer Weltmeisterschaft ohne Einwanderung profitieren?
Das Ergebnis zeichnet eine fast schon science-fiction-artige Landkarte des Turniers. Frankreich verliert den Thron. Spanien wird plötzlich zum stärksten Team der Welt. Marokko bricht ein. Brasilien und Argentinien bleiben nahezu unbeeindruckt. Wir sprechen hier weder von einer Vorhersage noch von einer fundierten wissenschaftlichen Studie, sondern von einer visuellen Darstellung – einsehbar auf der Website „The Immigrant Factor“ –, die die Bewertungen der Fußballer mit den WM-Kadern abgleicht, um zu berechnen, wie viel Gewicht die Einwanderung im heutigen Fußball tatsächlich hat.
Der Mechanismus ist im Grunde genommen einfach. Zunächst wird die Stärke jeder Auswahl mit allen nominierten Spielern gemessen: der Durchschnittswert der 26 Spieler jedes Kaders, nicht nur der Startelf oder des größten Stars, sondern die gesamte Tiefe des Kaders. Es folgt das zweite, das unbequeme Bild: dieselbe WM, aber ohne Migranten. Fußballer, die in einem anderen Land geboren wurden oder Kinder von Einwanderern sind, werden für einen Moment gestrichen aus dem Team, für das sie spielen, hypothetisch kehren sie in das Land ihrer Wurzeln zurück. Befindet sich dieses Land unter den 32 analysierten Teams, rücken sie dort anstelle des Spielers mit der niedrigsten Bewertung nach. Nimmt das Land nicht am Turnier teil, ersetzt ihre Herkunfts-Auswahl ihn durch einen durchschnittlichen Spieler mit niedrigerem Niveau. Der Unterschied zwischen diesen beiden Bildern zeigt buchstäblich die Konsequenz der Einwanderung in allen Teams.
QUALITÄTS-BEWERTUNGEN
Bei der realen Weltmeisterschaft führt Frankreich die Spieler-Bewertungs-Tabelle mit einem Durchschnitt von 83,2 an. Dicht dahinter folgt Spanien mit 82,8. Danach folgen Brasilien (81,8), Deutschland (81,7), Portugal (81,5), England (81,3), Argentinien (80,6) und die Niederlande (80,5). Belgien (78,8) und Kroatien (77,1) schließen die erste Zehnergruppe ab. Weiter geht es mit Ägypten (76,9), Senegal (75,8), der Schweiz (75,6), Marokko (75,4), Elfenbeinküste (75,3), Norwegen (75,3), Kolumbien (75,2), Österreich (75,1), Schweden (75,0), USA (74,6), Algerien (73,7), Mexiko (73,6), Demokratische Republik Kongo (72,8), Japan (72,6), Ghana (72,4), Paraguay (72,1), Kanada (71,8), Ecuador (71,3), Bosnien (71,2), Südafrika (70,8), Kap Verden (69,3) und Australien (67,8). Dies ist der Ausgangspunkt, die Weltmeisterschaft, wie wir sie seit einem Monat täglich erleben und erleiden müssen. Interessant wird es, wenn wir auf die Schaltfläche „ohne Migranten“ klicken.
Dann zeigt das Experiment weitreichende Konsequenzen. Frankreich, die große Macht des multikulturellen europäischen Fußballs, fällt vom ersten Platz. Spanien, zuvor Zweiter, übernimmt die Führung. Marokko, eine Auswahl, die zu einem großen Teil auf ihrer Diaspora aufbaut, stürzt um achtzehn Plätze ab. Brasilien und Argentinien, deren Modell weniger von im Ausland geborenen Spielern abhängig ist, merken davon kaum etwas. Die Landkarte gerät ins Wanken, aber nicht gleichmäßig. Genau darin liegt einer der Schlüssel zur Erklärung – dass Einwanderung nicht in allen Ländern das gleiche Gewicht hat und nicht immer in die gleiche Richtung wirkt.
LA FRANCE NOIR
In Frankreich wäre der Effekt enorm. Die französische Auswahl ist seit Jahrzehnten das Spiegelbild einer von Migration geprägten Gesellschaft. Weder das Weltmeister-Team von 1998 noch das von 2018 sind ohne Kinder von Einwanderern denkbar; ohne die Armenviertel, ohne afrikanische und karibische Wurzeln, vermischt mit europäischen, ohne die Fußballakademien, die diese Mischung in eine unerschöpfliche Talentschmiede verwandelt haben. Frankreich ist eine Fußball-Großmacht, weil es Talente hervorbringt, und weil vom Fußball-Geschäft Familiengeschichten ausgebeutet werden, die weit entfernt von Paris, Marseille und Lyon ihren Anfang nahmen.
Das „Experiment“ bestätigt diese Abhängigkeit, wenn auch mit einer Nuance, die selbst diejenigen überraschte, die es konzipiert hatten. Artur Scartazzini, einer der Entwickler des Tools, räumt ein, dass sie ein noch drastischeres Ergebnis erwartet hatten. „Wir dachten, es würde bei vielen europäischen Auswahlteams einen deutlichen Rückgang geben, aber in Wahrheit war das nicht ganz so“, erklärt er. Der Grund dafür: Frankreich berücksichtigt in der statistischen Auswertung auch Spieler, die heute für andere Nationalmannschaften spielen, aber französisches Blut in den Adern haben. „Die Stärke sinkt, aber nicht so sehr, wie man sich das vorstellt“, fügt er hinzu.
Dennoch hinterlässt der Migranten-Effekt Spuren. Frankreich rutscht auf den fünften Platz ab. Es verschwindet zwar nicht aus dem Titelrennen, verliert aber das Privileg des Führenden. Diese Tatsache stellt alle Versuche in Frage, nationale Identität und menschliche Mobilität voneinander zu trennen. Denn ein Großteil der jüngsten französischen Erfolge entspringt genau dieser Mischung, die manche Ultranationalisten oder Faschisten lieber nicht erwähnen.
SPAIN IS DIFFERENT
Spanien erzählt eine andere Geschichte. Die „Roja“ geht als zweitstärkster Kader des Turniers ins Rennen, mit einem Bewertungs-Durchschnitt von 82,8. Nur drei ihrer 26 nominierten Spieler fallen unter die Definition „Migranten“, die das Experiment verwendet: Lamine Yamal, Nico Williams und Aymeric Laporte. Geringe Anzahl, hohe Qualität. Ein Blick auf die Liste genügt, um die Tiefe dieses Teams zu verstehen. Rodri führt die Tabelle mit 90 an. Lamine Yamal als Vertreter der zweiten Generation liegt bei 89, ebenso Pedri. David Raya kommt auf 87. Nico Williams, ebenfalls zweite Generation, erreicht 86. Fabián Ruiz, Dani Olmo und Unai Simón liegen bei 85. Grimaldo, Marcos Llorente und Álex Baena liegen bei etwa 84. Cucurella, Mikel Merino, Ferran Torres, Gavi, Eric García und Zubimendi bewegen sich um die 83. Weiter unten, mit 82, tauchen Pedro Porro, Laporte, Oyarzabal und Cubarsí auf, zusammen mit anderen Rotationsspielern.
Spanien hat nach diesem Kriterium keine lange Liste von Spielern mit Migrations-Hintergrund. Doch die Namen, die in diese Kategorie fallen, haben ein großes Gewicht. Yamal und Nico sind keine Ergänzungsspieler: Sie sind die Gegenwart, markieren den Unterschied, stehen für die Zukunft. Laporte sorgt für Autorität in der Abwehr. In einem Szenario ohne Spieler mit Migrationshintergrund verliert die „Roja“ zwar Talent, hält sich aber besser als Frankreich und führt am Ende die alternative Rangliste an.
„Ich wollte wissen, welchen Einfluss Yamal auf das Team hat“, gibt Scartazzini zu. Die Antwort besteht nicht einfach darin, Yamal wegzulassen und zu sehen, wie viel Stärke Spanien einbüßt. Denn das Experiment gibt jedem Land auch die dort geborenen oder mit ihren Wurzeln verbundenen Fußballer zurück. Der auffälligste Fall ist der von Achraf Hakimi. In Spanien geboren, bei Real Madrid ausgebildet, heute Star von PSG und Marokko: Bei einer alternativen WM würde Spanien Yamal verlieren, aber Hakimi zurückgewinnen. Das Tool bildet weder Verbandsregeln noch persönliche Wünsche der einzelnen Spieler nach, es zeigt lediglich, wie Talente zwischen Geburtsland, Ausbildungsland und dem Land ihrer familiären Wurzeln zirkulieren.
Die Konsequenz ist kurios: Spanien geht aus dem Experiment als großer Gewinner hervor. Nicht, weil Einwanderung dort kein Thema wäre, sondern weil der Effekt weniger folgenreich ausfällt als der Frankreichs. „Spanien profitiert am meisten von allen“, erklärt Scartazzini. „Mit Einwanderern ist es das zweitstärkste Auswahlteam. Wenn die Einwanderer herausgerechnet werden, fällt Frankreich auf den fünften Platz zurück, Spanien hingegen bleibt, obwohl es ebenfalls an Boden verliert, an erster Stelle.“
Doch die spanische Interpretation geht über die bloßen Zahlen hinaus. Die „Roja“ lässt sich zwar durch einen außergewöhnlichen heimischen Nachwuchs erklären, aber auch durch eine Generation, die ein vielfältigeres Spanien widerspiegelt als noch vor zwanzig Jahren. Lamine Yamal, in Barcelona geboren, Sohn eines marokkanischen Vaters und einer Mutter aus Äquatorial-Guinea, ist das stärkste Symbol von allen. Nico Williams, Sohn ghanaischer Eltern, in Pamplona geboren, erzählt eine andere Geschichte von Integration, vom Stadtviertel und von einer Familie, die ihn in die Elite vorantreibt. Und Laporte, in Frankreich geboren und spanischer Staatsbürger, eröffnet einen dritten Weg: er wurde im Baskenland bei Athletic Bilbao ausgebildet und hat sich am Ende für ein anderes Auswahl-Projekt entschieden, nach dem er aus Frankreich keine Anrufe bekam.
GEGENEFFEKT MAROKKO
Marokko hingegen zeigt die Kehrseite der Medaille. Während Frankreich verdeutlicht, wie wichtig die Kinder von Einwanderern für eine europäische Großmacht sind, zeigt Marokko die Stärke einer gut eingebundenen Diaspora, die wie ein weiterer Nachwuchsbereich gepflegt wird. Die marokkanische Auswahl startet auf Platz 14 mit einem Durchschnittswert von 75,4. Wenn die im Ausland Geborenen oder Kinder von Einwanderern herausgerechnet werden, stürzt sie um 18 Plätze ab. Das ist mit Abstand der stärkste Effekt in der gesamten Auswertung.
Diese Zahl wird niemanden überraschen, der den internationalen Fußball aufmerksam verfolgt. Marokko baut seit Jahren eine wettbewerbsfähige Auswahl auf, die sich aus in Europa geborenen oder ausgebildeten Fußballern zusammensetzt: Jugendliche, die in Spanien, Frankreich, Belgien oder den Niederlanden aufgewachsen sind und sich eines Tages dafür entscheiden, für das Land ihrer Eltern oder Großeltern zu spielen. Der marokkanische Fußballverband hat diese Suche zur staatlichen Sportpolitik gemacht, und das Ergebnis zeigt sich sowohl auf dem Platz als auch im Experiment.
„Man kommt nicht umhin, auf die Situation in Marokko einzugehen“, betont Scartazzini. „Es gibt viele Spieler, die außerhalb des Landes geboren wurden. Das Team fällt um 18 Plätze zurück und ist damit die Auswahl, die die meisten Plätze verliert. Der marokkanische Fußballverband unternimmt große Anstrengungen, um Spieler marokkanischer Herkunft im Blick zu behalten. Die Auswahl besteht mehrheitlich aus Spielern, die nicht im Land geboren wurden. Das bedeutet nicht, dass sie keine Marokkaner wären.“
Dieser letzte Satz enthält vielleicht den Schlüssel zum gesamten Bericht. Im Ausland geboren zu sein, mindert nicht das Zugehörigkeitsgefühl. Ein Kind von Einwanderern zu sein, mindert nicht die Staatsangehörigkeit (außer in den Augen von Faschisten). Hakimi ist nicht weniger Marokkaner, nur weil er in Madrid geboren wurde. Yamal ist nicht weniger Katalane wegen seiner marokkanischen und äquatorial-guineischen Wurzeln. Nico Williams ist nicht weniger Baske, nur weil er Sohn ghanaischer Eltern ist. Der heutige Auswahl-Fußball ist voller Identitäten, die sich nicht in eine einzige Schublade stecken lassen. Das Experiment will diese Identitäten nicht in Frage stellen, es zeigt lediglich, inwieweit sie entscheidend sind.
BRASILIEN, ARGENTINIEN
So betrachtet fungiert die WM als großes Schaufenster einer globalen Realität, auch wenn dies manchmal vergessen wird. Die europäischen Fußball-Großmächte bilden viele Kinder von Einwanderern aus und nehmen sie ohne mit der Wimper zu zucken in ihre Auswahlteams auf. Einige afrikanische Verbände suchen unterdessen in ihrer fernen Diaspora nach Talenten. Brasilien und Argentinien hingegen sind von dieser konkreten Definition von Migration weitaus weniger betroffen. Das Ergebnis der Untersuchung ist ein Turnier, bei dem jeder Kader eine andere Geschichte erzählt.
Brasilien, Dritter in der Ausgangs-Rangliste mit 81,8, bewegt sich kaum. Auch Argentinien, Siebter mit 80,6, bleibt weitgehend unverändert. Es handelt sich um Auswahlteams mit einem in sich geschlossenen Modell, das weniger von im Ausland geborenen Spielern oder Spielern der zweiten Generation abhängig ist. „Auswahlteams, die dieses Profil nicht aufweisen, wie Brasilien, verändern ihre Position nicht. Auch Argentinien verändert sich nicht allzu sehr, obwohl es einige im Ausland geborene Spieler hat“, merkt Scartazzini an.
Dieser Kontrast hilft, das gesamte Phänomen besser zu verstehen. Einwanderung ist kein abstraktes Konzept, das über dem Turnier schwebt: Sie hat ihre eigene Geografie und betrifft vor allem Länder, die in den letzten Jahrzehnten große Migrationsströme aufgenommen haben, oder Auswahlteams, denen es gelungen ist, Brücken zu ihren Gemeinschaften außerhalb des Landes zu schlagen. Westeuropa und Afrika werden so zu den beiden großen Polen dieser Spannung. Die einen bilden aus und integrieren. Andere holen Spieler zurück und rekrutieren sie. Viele Fußballer leben ganz einfach zwischen diesen beiden Realitäten.
KEIN STANDBILD
Die WM ist die Bühne, auf der all das alles sichtbar wird. Ein Junge kann in Madrid geboren werden, in Vallecas ausgebildet werden und am Ende für Marokko spielen. Ein anderer kann in Spanien mit afrikanischen Wurzeln aufwachsen und zum beliebtesten Gesicht der „Roja“ werden. Wieder ein anderer kann in Frankreich geboren werden und schließlich als Innenverteidiger in der spanischen Auswahl spielen. Ein vierter kann in den Niederlanden sein Geld verdienen und später eine afrikanische Auswahl anführen. Das sind Werdegänge, die aus dem klassischen Nationalitäten-Schema herausfallen, aber zweifellos den modernen Fußball prägen.
Das Experiment stützt sich auf eine konkrete Definition – im Ausland Geborene und die zweite Generation –, die die Enkelkinder von Einwanderern bewusst ausklammert. Hier könnte sich das Bild noch weiter verschieben. Die dritte Generation ist eine noch unschärfere Grenze, wenn auch nicht weniger relevant für das Verständnis des heutigen Fußballs. Es gibt Fußballer, die vollständig in einem Land geboren und aufgewachsen sind, die jedoch eine ältere familiäre Migrationsgeschichte mit sich tragen. Würden auch diese Fälle einbezogen, würde der Effekt noch deutlicher ausfallen.
„Wir würden uns wünschen, dass in Zukunft auch die Enkelkinder von Einwanderern berücksichtigt werden“, erklärt Scartazzini. „Da würde sich meiner Meinung nach eine Menge ändern. Viele Spieler gehören bereits zur dritten Generation. Sie sind zwar keine Kinder, aber Enkelkinder von Einwanderern, und die Veränderung wäre viel größer.“
Diese Überlegung treibt die Debatte über die aktuellen Daten hinaus. Denn wenn bereits jeder vierte WM-Spieler nach den Maßstäben des Projekts als Einwanderer oder Kind von Einwanderern gelten kann, würde der Anteil unweigerlich steigen, wenn die dritte Generation mit einbezogen würde. Der Auswahl-Fußball, der häufig als Ausdruck reiner nationaler Identität verkauft wird, entpuppt sich so als das Gegenteil: als das Ergebnis jahrzehntelanger Migration von Menschen rund um den Globus.
Auswahlteams sind keine Momentaufnahmen eines abgeschlossenen Territoriums mehr, sondern Familiengeschichten, die sich weiterentwickeln. Die Nachwuchs-Akademien, die Stadtviertel, die Pässe, die emotionalen Bindungen und die persönlichen Entscheidungen jedes einzelnen Fußballers prägen die Teams ebenso sehr wie jeder Trainer oder jedes taktische System.
LEBENSVERÄNDERUNGEN WIRKEN
Deshalb lässt sich dieses Experiment zwar aus sportlicher Sicht betrachten, hat aber zwangsläufig auch eine gesellschaftliche Dimension. Sportlich gesehen zeigt es, dass sich die WM grundlegend verändern würde, wenn der Faktor Migration außer Acht gelassen würde: Frankreich würde die Spitzenposition verlieren, Spanien die Führung übernehmen, Marokko zu einem der am stärksten betroffenen Länder werden. Mehrere europäische Auswahlteams würden an Tiefe verlieren und nicht wenige afrikanische Teams sähen die gesamte Grundlage ihrer Projekte ins Wanken geraten. In sozialer Hinsicht wiegt die Schlussfolgerung schwer: Fußball lässt sich nicht von der Mobilität der Menschen trennen, so sehr manche auch darauf bestehen, dies zu versuchen. Einwanderung ist keine Fußnote der Weltmeisterschaft. Sie ist Teil ihres Antriebs.
Dennoch hat das Experiment seine Grenzen. Ein Bewertungs-Durchschnitt erklärt die Leistung einer Auswahl nicht vollständig. Er misst weder die Form, noch das Spielsystem, noch die Stimmung im Team, noch die Wettkampf-Erfahrung, noch die Entscheidungen eines Trainers, noch Verletzungen, noch die emotionale Stimmung eines nervenaufreibenden Turniers wie einer WM. Auch gibt es keine einheitliche unumstrittene Definition eines Migrantions-Spielers – es ist nicht dasselbe, in einem anderen Land geboren zu sein, als Kind von Einwanderern oder als Enkelkind von Einwanderern zu sein oder die doppelte Staatsangehörigkeit zu besitzen. Das Experiment selbst räumt diese Unzulänglichkeiten offen ein: Es ist eine Betrachtungs-Option, kein Urteil.
AUS- UND EINWANDERUNG
Deshalb funktioniert es. Denn versucht wird nicht, alle Nuancen auf einen Schlag zu klären, sondern eine Idee sichtbar zu machen – mit einem Schlagwort, das im Fußball am besten verstanden wird: dem Talent. Die hypothetische Ausklammerung von Einwanderern aus Auswahlteams ist keine symbolische und harmlose Geste. Sie verändert ganze Kader, ordnet Ranglisten neu, verschiebt die Titelchancen und verändert die Wettbewerbs-Landschaft von Grund auf.
Leider beziehen sich die vorgestellten Ergebnisse und Analysen des Migrations-Experiments ausschließlich auf die „starken“ Auswahlteams, die Favoriten. Curacao zum Beispiel, aus dessen Kader die große Mehrheit nicht auf der Karibik-Insel geboren wurde, sie stammen vor allem aus dem Kolonialstaat Niederlande. Die Schweiz, immerhin Viertelfinal-Teilnehmerin besticht durch einen Migrations-Anteil von 70%. Gegen allen Widerstand von ultrarechten Stimmen wurden im vergangenen Jahrhundert Migrant*innen aus Kamerun, Senegal, Spanien, Italien, der Türkei, aus den Balkan-Staaten oder aus der Dominikanischen Republik aufgenommen, was sich in der Auswahl 2026 widerspiegelt.
AUSWAHL-TEAMS SIND DIE „ANDEREN“
Die Stärke dieses Instruments liegt darin, eine oft von Vorurteilen geprägte Diskussion auf eine ganz konkrete Frage zu lenken: Wie viel würde deine Auswahl verlieren, wenn jene Fußballer verschwinden, die in manchen (ultrarechten) Diskursen nach wie vor als „die Anderen“ betrachtet werden? Die Antwort lautet in den meisten Fällen: ziemlich viel.
Spanien wäre ohne Yamal, ohne Nico, ohne Laporte nicht mehr ganz dasselbe. Frankreich wäre ohne ganze Generationen von Kindern mit Migrationshintergrund nicht die Macht, die es darstellt. Marokko hätte ohne seine über das halbe Mittelmeer verstreute Diaspora keine so wettbewerbsfähige Auswahl auf die Beine stellen können. England, Belgien, die Niederlande, die Schweiz und der Senegal haben – jedes Land auf seine Weise – Geschichten, die von eben dieser Mobilität geprägt sind.
Eine WM ohne Einwanderer wäre eine andere WM. Arm, weniger wiedererkennbar, weiter entfernt davon, wie auch die Gesellschaften des Jahres 2026 wirklich aussehen. Vielleicht würden einige Länder in der Tabelle aufsteigen und andere absteigen, aber insgesamt würde das Ganze unweigerlich einen wesentlichen Teil seines Reichtums verlieren. Denn hinter jedem Durchschnittswert, jeder Rangliste, jedem Klick, der ein Szenario mit einem anderen vergleicht, stehen Familien, die eines Tages ihre Koffer gepackt haben, Eltern, die auf der Suche nach einem besseren Leben ausgewandert sind, Kinder, die zwischen zwei Orten aufgewachsen sind. Und Fußballer, die sich für ein Trikot entschieden haben, ohne auf die andere Hälfte ihrer Geschichte zu verzichten.
Der Auswahl-Fußball lebt von Zugehörigkeiten. Doch im Jahr 2026 bedeutet Zugehörigkeit nicht mehr, aus einem einzigen Land zu stammen. Es bedeutet immer häufiger, mehrere Welten in sich zu tragen und von denen auf dem Rasen zeitweise nur eine einzige verteidigt wird. Darin liegt die wahre Botschaft dieses Experiments. Nicht im Internet, nicht im Algorithmus und auch nicht in der statistischen Neugier, die dahintersteckt. Die Botschaft ist im Spiegel zu sehen, den die WM ihr vorhält: ein Turnier, das mit Flaggen prahlt, sich aber – mit jeder WM-Ausgabe ein bisschen mehr – durch die komplizierten Wege erklärt, die diese Flaggen hinter sich haben. Ein Turnier zwischen Ländern, das letztendlich – fast widerwillig – zeigt, dass kein Land ohne diejenigen, die von außen dazu kamen, vollständig verstanden werden kann. Ohne Einwanderung wäre der Fußball anders. Mit ziemlicher Sicherheit von geringerer Qualität. Und die Weltmeisterschaft, der große Wettbewerb der Länder, würde das verlieren, was sie universell macht.
ANMERKUNGEN:
(*) “El mapa secreto del Mundial, cuánto debe cada selección a la inmigración” (Die geheime Karte der Weltmeisterschaft: Wie viel verdankt jede Auswahl der Einwanderung), Fußball-Tageszeitung Marca, 2026-07-10 (LINK)
ABBILDUNG:
(*) WM und Migration (marca)
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2026-07-11)
