Baskisches Welt-Kulturerbe
Die Bizkaia-Brücke (baskisch: Bizkaiko zubia), auch bekannt als Vizcaya-Brücke, Hängebrücke, Colgante, Portugalete-Brücke oder Portugalete-Hängebrücke, ist eine gebührenpflichtige Fährbrücke, die zwischen 1887 und 1893 in privater Initiative erdacht, entworfen und gebaut wurde. Sie verbindet die beiden Ufer der Mündung des Nervion-Flusses auf der Höhe von Portugalete. Das Bauwerk wurde am 28. Juli 1893 eingeweiht. Es war die weltweit erste Brücke dieser Art, eine der acht, die noch erhalten sind.
Die Hängebrücke von Portugalete stammt aus dem Jahr 1893. Die baskische Regierung erklärte die Brücke zum kunst-historischen Bau-Denkmal und zum baskischen Kulturerbe. 2006 wurde sie zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt.
Die Brücke ist unter verschiedenen Namen bekannt. Auf der offiziellen Website wird der Name “Bizkaia-Brücke“ angegeben, obwohl der populärste und am weitesten verbreitete Name “Hängebrücke“ ist: Puente Colgante. Dem wird gelegentlich der Zusatz “Portugalete“ hinzugefügt. Da sie ursprünglich Portugalete mit Las Arenas de Portugalete verband, als beide Uferseiten noch zur selben Gemeinde gehörig betrachtet wurden, wird sie auch “Puente de Portugalete“ genannt. Heute ist Las Arenas ein Stadtteil der Stadt Getxo. Ein wenig gebräuchlicher Name ist “Puente Palacio“, in Anlehnung an Alberto de Palacio y Elissague, dem Ingenieur, der die Konstruktion entworfen hat.
Weil der Großraum Bilbao als Zentrum des Eisenerz-Abbaus und später auch der Erz-Verarbeitung bekannt war, gilt die aus Stahl bestehende Brücke als Symbol schlechthin für die Industrie-Geschichte Bizkaias. Sie verbindet die Städte Portugalete am linken Nervion-Ufer (Ezkerraldea) und Getxo am rechten Ufer miteinander. Ihr Bau vereinigte zwei unterschiedliche Kriterien: Die Brücke war der Notwendigkeit geschuldet, die auf beiden Seiten der Mündung existierenden Heilbäder zu verbinden, wo Ende des 19. Jahrhunderts das industrielle Bürgertum und der aufkommende Wohlstands-Tourismus in Erscheinung traten. Gleichzeitig musste es eine hoch angelegte Verbindung sein, weil eine normale Brücken-Konstruktion den Schiffsverkehr mit teilweise noch hohen Segelmasten nach Bilbao behindert hätte. Zudem gab es an der Ría eine Reihe von Werften, in denen große Schiffe gebaut wurden.
Die Planer
Sowohl an der Planung als auch am Bau der Brücke war der französische Bauingenieur und Geschäftsmann Ferdinand Arnodin beteiligt, ein Experte für die Herstellung von Stahl-Kabeln sowie für den Bau und die Reparatur von Hängebrücken. Arnodin war der Planer der Rochefort-Fährbrücke in Süd-West-Frankreich, die zwischen den Städten Rochefort (Charente-Maritime) und Échillais den Fluss Charente überquert. Das Profil jener Fährbrücke ist dem der Bizkaia-Brücke sehr ähnlich.
Entworfen und zusammen mit Arnodin gebaut wurde die Konstruktion mit Schwebefähre von dem im französischen Baskenland geborenen Ingenieur und Architekten Alberto Palacio, einem Schüler von Turmbauer Gustave Eiffel. Palacio sah sich der Herausforderung gegenübergestellt, einen Übergang zu schaffen, der den Schiffsverkehr nicht behinderte und ohne langgezogene Rampen auskam, da dafür im Stadtgebiet kein Raum war. Er löste das Problem durch eine Stahlkonstruktion, die durch Drahtseile stabilisiert wurde. Die Bauarbeiten begannen 1890. Die Brücke wurde 1893 fertiggestellt und am 18. Juli des Jahres eröffnet.
Der Bau
Der Bau der Brücke, der zwischen 1890 und 1893 erfolgte, war nicht ohne Probleme und Unstimmigkeiten zwischen Palacio und Arnodin. Sie führten dazu, dass der renommierte französische Ingenieur A. Brüll, Präsident der französischen Gesellschaft der Bauingenieure, immer wieder vermitteln musste. Bei der Bizkaia-Brücke handelt es sich um eine Hängebrücke mit einer an Metallseilen hängenden Gondel für den Transport von Fahrzeugen und Personen. Sie war die erste Brücke dieser Art, die auf der Welt gebaut wurde, und diente daher als Vorbild. Die Schwebefähre war die erste ihrer Art und stand Modell für etwa 20 ähnliche Anlagen in Europa, Afrika und Amerika. Ab 1916 wurde wegen der relativ geringen Transport-Kapazität solcher Anlagen deren Bau aufgegeben. Viele werden nicht mehr genutzt, die Bizkaia-Brücke gilt derzeit als die älteste in Betrieb befindliche Fährbrücke der Welt, neben Portugalete funktionieren weltweit noch weitere sieben Brücken mit Schwebefähren.
Technische Daten
Die 400 Tonnen schwere Anlage besteht aus zwei 61 Meter hohen Stahlfachwerk-Türmen an beiden Ufern mit einem dazwischen aufgehängten 160 Meter langen horizontalen Traggerüst in einer lichten Höhe von 45 Metern. Die Türme sind, dem Konstruktions-Prinzip einer Hängebrücke folgend, durch diagonal verlaufende Seile an den Ufern verankert. Am Traggerüst hängt eine 15 x 10,4 Meter große Transport-Barke, mit der Personen und Autos (bis zu sechs Pkw, auch LKWs) transportiert werden können. Die aufnehmbare Nutzlast ist auf 22 Tonnen begrenzt. Zusätzlich gibt es einen Fußgänger-Überweg im oberen Teil der Hochbrücke, der per Aufzug zu erreichen ist.
Kriegsschäden
Die horizontale Verbindung wurde im Juni 1937 während des Spanienkriegs von Sprengmeistern der abziehenden baskischen Regierung zerstört, um den Vormarsch der faschistischen Truppen aufzuhalten. Am 17. Juni des Jahres (zwei Tage vor dem Einmarsch der Faschisten in Bilbao) wurde der Querbalken gesprengt und ins Wasser gestürzt. Dabei wurden auch die Türme auf beiden Uferseiten in Mitleidenschaft gezogen. Allen anderen Übergänge über den Nervion-Fluss (die Ría de Bilbao) wurden von republikanischen Kräften ebenfalls gezielt beschädigt. Alberto Palacio musste von seinem Haus in Portugalete aus mit ansehen, wie sein Meisterwerk teilweise zerstört wurde. Er starb zwei Jahre später.
Nach dem Krieg wurde das Traggerüst von den Franquisten wieder aufgebaut und die Schwebefähre 1941 wieder in Betrieb genommen. Das Wiederaufbau-Projekt der Faschisten war das Werk des Bauingenieurs José Juan Aracil, der die Konstruktion des ursprünglichen Trägers und der Trage- und Schrägseile verbesserte. Der Verbindungs-Steg wurde von der Mitte aus zu den beiden Ufern von Portugalete und Las Arenas hin mit Hilfe von Stahl-Seilen montiert, die als Absicherung für den Steg dienten.
Verbesserungen
1964 wurde die alte Gondel durch eine neuere ersetzt, nach aero-dynamischen Prinzipien ausgerichtet und aus seewasser-beständigem Stahl angefertigt. 1991 wurde eine für Abendveranstaltungen vorgesehene Lichtanlage mit über 900 Leuchten angebracht. Die fünf Gondeln, die seit den Anfängen der Brücke nacheinander an ihr hingen, wurden in Bezug auf die verwendeten Baumaterialien als auch hinsichtlich höherer Sicherheits-Maßnahmen für die Insassen weiterentwickelt.
Die Brücke wird von der Firma El Transbordador de Bizkaia, GmbH betrieben. Die Brückenfähre ist 24 Stunden am Tag und 365 Tage im Jahr in Betrieb. Die Benutzung der Brückenfähre erspart eine Straßenfahrt von fast 20 Kilometern, weshalb sie bis heute ein viel genutztes Verkehrsmittel ist, um von Getxo nach Portugalete zu gelangen oder umgekehrt. Das könnte sich in den nächsten Jahren ändern. Denn zwischen Portugalete und Romo-Getxo wurde der Bau eines umstrittenen Fahrzeug-Tunnels beschlossen, der die beiden Uferteile verbinden soll.
Tourismus
1999 führte die Konzession-Gesellschaft wichtige Arbeiten an der Brücke durch, darunter den Einbau von Aufzügen in den Türmen auf beiden Seiten und die Einrichtung einer Fußgängerbrücke auf dem oberen Balken, mit dem Ziel, eine touristische Nutzung zu ermöglichen. Außerdem wurden eine neue Gondel und neue Zugangsgebäude gebaut, der unter dem Steg befindliche Fahrwagen, an den die Schwebefähre hängt, wurde umgebaut. Der hervorragende Blick vom oberen Brückensteg umfasst Richtung Meer die Werften von Santurtzi und die Nobelgegend von Getxo, den alten Hafen von Algorta – in der Gegenrichtung die Reste der Industrie-Ansiedlungen um Barakaldo. Sogar Anfänge des 10 Kilometer entfernten Bilbao sind zu erkennen.
Mit dem Dekret 265/1984 vom 17. Juli 1984 (Boletin Oficial del País Vasco Nr. 132 vom 4. August) erklärte die baskische Regierung die “Bizkaia-Brücke“ zum kunst-historischen Bau-Denkmal. In der Folge wurde mit der Verordnung 108/2003 vom 20. Mai (BOPV Nr. 111 vom 6. Juli) mit der Akte “Qualifiziertes Kulturgut mit der Kategorie Denkmal“ an die Vorschriften des Gesetzes 7/1990 über das baskische Kulturerbe angepasst.
Welt-Kulturerbe
Am 13. Juli 2006 wurde die Brücke aus insgesamt 37 Bewerbungen zum UNESCO-Welt-Kulturerbe erklärt. Die UNESCO betrachtet die Bizkaia-Brücke als eines der herausragendsten Werke der Eisen-Architektur der Industriellen Revolution und hebt die innovative Verwendung von leichten, geflochtenen Stahlseilen hervor. In der Erklärung heißt es: "Mit der Bizkaia-Brücke wurde durch die Entwicklung eines hängenden Beförderungs-Mechanismus und die konstruktive Verbindung des Stahlbaus mit der neuen Drahtseil-Technik eine neue Bauweise geschaffen, welche die Entwicklung des Brückenbaus in den folgenden drei Jahrzehnten weltweit beeinflusst und zum Export französischer und spanischer Technologie beigetragen hat.“
Vor wenigen Jahren hat das Bauwerk die folgenden Preise und Auszeichnungen erhalten: Diplom für touristische Qualität am Zielort (Euskalit 2011), Aixegetxo sariak (Architektur und öffentlicher Raum 2011), Zertifizierung der baskischen Regierung für Wettbewerbsfähigkeit im Tourismus (2015, 2016).
Farbwechsel
Die Metallstruktur der Brücke war zu Beginn mit schwarzer Farbe (zeitweise auch mit rauchgrauem Anstrich) überzogen. Diese Farbe führte jedoch dazu, dass die Struktur mehr Wärmestrahlung absorbierte, was zu abrupten Ausdehnungen führte, in deren Folge einige Teile beschädigt wurden. Im Jahr 2010 wurde ein Restaurierungs-Projekt genehmigt, das auch einen Farbwechsel vorsah. Es wurden drei Farbtöne vorgeschlagen, die denen von drei Eisenmineralien aus dem nahe gelegenen Abbaugebiet ähneln: aus Gallarta, Triano und Somorrostro. Die Wahl fiel schließlich auf die rötliche Farbe des Somorrostro-Vorkommens (RAL-Code 3005; RGB 94-33-45).
Am 24. April 2013 forderte der Petitions-Ausschuss des Europäischen Parlaments die lokalen und regionalen Behörden auf, die Sicherheit auf der Bizkaia-Brücke zu verbessern. Diese Entscheidung erfolgte, nachdem die Eltern von Mikel Uriarte in Brüssel erschienen waren, einem jungen Mann, der 2010 beim Überqueren der Fähre mit seinem Auto tödlich verunglückt war. Im Dezember 2018 wurde anlässlich des 125-jährigen Bestehens der Brücke ein tradionelles Pastoral-Theater mit dem Titel “Zubia“ in Portugalete uraufgeführt, bei dem die Brücke selbst die Geschichte der Stadt erzählt.
ANMERKUNGEN:
(1) Vizcaya-Brücke, Wikipedia, spanisch, deutsch (LINK)
ABBILDUNGEN:
(*) Bizkaia-Brücke (Foto Archiv Txeng)
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2024-12-29)
