Kicker-Protest nach Hinrichtungen
Am 27. September 1975 wurden in Spanien die letzten Hinrichtungen durchgeführt. Opfer waren fünf politische Aktivisten, darunter zwei Basken von ETA. Die Exekution führte zu massiven internationalen Protesten gegen das franquistische Regime, das in seinen letzten Zügen lag und ein letztes Mal seine Brutalität zeigte. Zwei Kicker des Fußball-Clubs Racing Santander protestierten am Tag danach gegen die Hinrichtungen. Mit Stille ersuchte das Regime, ihre solidarische Geste zu neutralisieren.
Der Hinrichtungstag (27. September) ist im Baskenland zum Gudari Eguna geworden, der Tag der Gefallenen. In Santander erinnert sich kaum jemand an die Protestaktion.
Nichts ist mehr so, wie es 1975 war. Von den ursprünglichen Sportplätzen El Sardinero, auf denen sich seit 1913 die Geschichte des Real Racing Club de Santander abspielte, ist nur noch ein steinernes Denkmal übrig. Daneben eine kleine temporäre Ausstellung der Racing-Fanclubs, in der überraschenderweise daran erinnert wird, dass dieser Sportplatz auch ein Konzentrationslager war. Das war im Jahr 1937, auf Beschluss der italienischen Faschisten, die dem kriegführenden Franco halfen, die Stadt einzunehmen, die elf Monate lang das demokratische System verteidigt und Widerstand geleistet hatte.
Seit 1988 wird etwa 200 Meter entfernt Profifußball gespielt, in einem neuen Stadion, das bereits Zeichen von Altersschwäche zeigt. Das Gelände des alten Stadions ist seitdem ein Park, benannt nach dem Franco-Bürgermeister, der am längsten im Amt war (Manuel González-Mesones, von 1946 bis 1967). Eine Gedenktafel, die das Andenken an die 20.000 Gefangenen ehrt, glänzt durch Abwesenheit. Sie mussten auf diesem Gelände direkt am Segunda-Strand des eleganten Viertels El Sardinero Kälte, Angst und Hunger ertragen. Neben dem vergessenen Stadion sind die Metallstatuen der Brüder Tonetti erhalten, jener Clowns aus Santander, die in den Jahren der Diktatur triumphierten und im Post-Franquismus ihren Niedergang erlebten, bis ihr Zirkus 1982 seine Pforten schloss.
Weder auf dem damaligen noch auf dem heutigen Spielfeld findet sich ein Hinweis auf die improvisierten schwarzen Armbinden, mit denen zwei Fußballspieler – nur zwei von vielen – der damaligen Ersten Liga es wagten, das Regime und eine Gesellschaft herauszufordern, die Tore üblicherweise ebenso bejubelte wie den Franquismus. An ihre Geste der Würde ist nur die Erinnerung an diese beiden Fußballer geblieben. Was seit 1975 fortbesteht ist der dichte Mantel des Schweigens und des Vergessens über fast alles, was vor 50 Jahren geschah.
„Santander war soziologisch gesehen franquistisch orientiert, die Zuschauer hatten keinerlei Problem mit der Todesstrafe oder mit Erschießungen.“ Die Rede ist von der Todesstrafe gegen fünf politische Aktivisten, drei von der bewaffneten Organisation GRAPO und zwei von ETA, die von einem Kriegsgericht zum Tode verurteilt wurden und trotz einer weltweiten Kampagne zu ihrer Begnadigung vom Regime am 27. September 1975 (1) hingerichtet wurden, knapp zwei Monate bevor der Diktator friedlich im Bett starb. Roberto González war am 28. September 1975 elf Jahre alt und mit seinen Großeltern zum Ligaspiel zwischen Racing und Elche gegangen. Es war der Tag, an dem Aitor Aguirre, Spitzname „El Madero“, und Sergio Manzanera, Spitzname „Sergio“, sich gegen das bleierne Schweigen und den Franquismus auflehnten, indem sie die schwarzen Schnürsenkel ihrer Stiefel als Zeichen der Trauer um die Hingerichteten des Vortags um ihren Oberarm banden. (2)
Der Franquismus siechte dahin, im Herzschlag seines Führers, das Regime beschloss, dies mordend zu tun. Die Hinrichtung von fünf Männern am 27. September in Madrid, Burgos und Barcelona erschütterte die internationale Politik und löste Empörung, Massen-Demonstrationen und diplomatische Initiativen gegen dieses brutale Spanien aus. Jedoch nur außerhalb des Landes. Im Land selbst wurden Demonstrationen zur Unterstützung des Regimes organisiert, zu denen laut der gleichgeschalteten Presse jener Zeit in Madrid eine Million Menschen kamen und 10.000 in Santander. Nur der massive Generalstreik im Baskenland am 29. und 30. September und einige Demonstrationen in Madrid oder Barcelona durchbrachen das vom Regime inszenierte spanisch-nationalistische Bild, mit dem die Hinrichtungen gerechtfertigt werden sollten. Und die Geste zweier Kicker, die den Mut aufbrachten, selbstständig zu denken und zu handeln.
Roberto González berichtet seit 36 Jahren über Sport in der kantabrischen Hauptstadt und ist seit einigen Jahren Kommunikations-Direktor von Racing. Er gesteht, dass „der Protest der beiden Spieler damals und über Jahrzehnte hinweg unbemerkt blieb und die Entwicklung der Fan-Gemeinde des Vereins nicht geprägt hat. Die langjährigen Racing-Fans erinnern sich eher an die Kopfballtore von Aitor Aguirre als an jenen Protest gegen die Todesstrafe“. Schweigen war die Reaktion des Regimes auf die Aktion der Kicker, die in einigen Medien mit epischen Zügen geschildert wurde, dabei entsprach die Darstellung nicht immer den tatsächlichen Geschehnissen. Das Schweigen herrscht weiterhin, 50 Jahre nach jenem milden, trockenen Sonntagnachmittag.
Samstagabend, 27. September 1975. Im Hotel Rhin im Stadtteil El Sardinero hat sich das Team von Real Racing Club de Santander für das vierte Spiel versammelt, das sie nach einer Saison in der zweiten Liga bei ihrer Rückkehr in die erste Liga bestreiten muss. Aitor Aguirre und Sergio Manzanera, zwei der Idole des Teams, sind befreundet, teilen sich ein Zimmer und schaffen es gemeinsam, Radio Pirenaica einzustellen, das heimlich aus Rumänien sendet und die empörten internationalen Reaktionen über die Hinrichtungen desselben Morgens berichtet. „Da beschlossen wir, dass wir etwas tun müssen“, erinnert sich Aitor Aguirre. „Wir waren Personen des öffentlichen Lebens, wir wussten, dass unser Protest Auswirkungen haben könnte.“ Politisch hatte ihre Aktion zu jenem Zeitpunkt keinerlei Auswirkungen. Doch weder Sergio, aufgewachsen in einer republikanischen Familie, noch Aitor aus einer Familie baskischer Nationalisten, waren danach noch dieselben. Ihr Protest ist einer in der spärlichen Liste von Momenten, in denen Fußballer sich für die Menschenrechte eingesetzt haben.
Aitor erinnert sich in seinem Wohnort Getxo. An jedem Jahrestag jenes Protests wird er von ein paar wenigen Journalisten befragt. Er ist 76 Jahre alt und hat nicht vergessen, dass sie an jenem Tag 1975 als Letzte das Spielfeld betraten. Minuten zuvor waren sie in die Umkleidekabine zurückgekehrt, um sich gegenseitig schwarze Bänder um die Oberarme zu binden. Auf dem Teamfoto schaut Aitor ernst, Sergio wagt es sogar, in die Kamera zu lächeln. Aguirre schoss in der 29. Minute der ersten Halbzeit ein Tor, und auf der Tribüne fragte der franquistische Zivilgouverneur der Provinz Kantabrien, den Vereins-Präsidenten José Manuel López Alonso nach diesen seltsamen schwarzen Schnüren. Die Erklärung des Präsidenten überzeugte den Franquisten nicht. Aguirre hat nicht vergessen, dass in der Halbzeitpause in der Umkleidekabine Polizisten in Zivil auf sie warteten, die drohten, das Spiel abzubrechen oder ihnen die Rückkehr auf den Rasen zu verweigern, wenn sie die improvisierten Armbinden nicht ablegten. „Wir hatten bereits getan, was wir tun wollten, also legten wir sie ab.“
Der „Besuch“ der Polizei hinterließ Spuren, und die zweite Halbzeit von Racing verlief schlecht. Elche glich das Spiel aus, und die Chronisten jener Zeit führten die Veränderung im Spiel des Heimteams auf mangelnde Fitness zurück, doch Aitor rettete das Team erneut mit seinem zweiten Tor in der 88. Minute. Sein fünftes Tor in vier Spielen, die Fans auf der Tribüne bejubelten ihn. In dieser Nacht wurden der Vereinspräsident und der Teamkapitän zur Polizeiwache gebracht. Am Tag daraufwaren die beiden Spieler an der Reihe. „Die Polizisten warfen uns Blicke zu … sie haben uns nicht verprügelt, weil wir zwei Personen des öffentlichen Lebens waren, wenn sie uns etwas angetan hätten, wäre es in der Presse erschienen.“ In seiner Erinnerung ist die Geldstrafe von 100.000 Peseten und die Forderung des Staatsanwalts des Gerichts für öffentliche Ordnung nach einer Haftstrafe von fünf Jahren und einem Tag für die beiden.
Auch die Morddrohungen, die Kontrolle seiner Post und die Tatsache, dass Frau und Kinder in Sestao bei der Familie Zuflucht suchen mussten, hat Aitor nicht vergessen. Er erinnert sich, wie Sergio zu ihm in die Wohnung in der Calle García Morato (benannt nach dem Helden der franquistischen Luftwaffe) zog und welche Angst sie in den folgenden Wochen durchlebten. Auch an die Falschmeldung in einer Lokalzeitung, die von einer gegen sie verhängten Todesstrafe berichtete, ausgesprochen von einem imaginären Gerichtshof in Toledo. Auf der Straße, in der Umkleidekabine oder auf dem Spielfeld sprach niemand über den Vorfall, der scheinbar keine Auswirkungen hatte, obwohl das bleierne Schweigen der Beweis das Gegenteil bewies. Mehr gesprochen wurde über das Team von Athletic Club Bilbao, das am selben 28. September gegen Granada auflief und ebenfalls schwarze Armbinden trug – obwohl sie den Protest verschleierten, indem sie versicherten, dass die Trauer um die Hingerichteten angeblich einem ehemaligen Vereinsfunktionär galt. Weniger als zwei Monate nach dem Protest von Aitor und Sergio starb der Diktator, das mögliche Gerichtsverfahren wurde eingestellt und das Bußgeld wurde ihnen zurückerstattet. An das Festmahl, mit dem sie diesen Moment feierten, wird bis heute im historischen Restaurant Sito in Suances erinnert.
Die Erzählungen haben sich im Laufe der Zeit Veränderungen erlebt. Das kann durchaus passieren mit Erinnerungen, die lange zurück liegen. So wurde aus der Geldstrafe von 100.000 Peseten eine von 500.000. Oder, der Journalist Alfredo Relaño machte in seinem Buch „366 Geschichten des Weltfußballs“ aus der bedrückenden Stille im Stadion „Pfiffe des eigenen Publikums, immer wenn einer der beiden Spieler an den Ball kam“. Doch niemand pfiff und fast niemand sprach. „Nichts, gar nichts“, erzählt Cacho, der an jenem Tag als 15-Jähriger am Spielfeldrand stand und hinter dem Tor von Elche Fotos für das elterliche Fotogeschäft. „Es war ein Erfolg, denn es waren nur die beiden. Wir sprachen auf dem Spielfeld darüber, aber niemand wollte dazu Stellung nehmen. Es herrschte Stille. Kein Aufruhr, niemand muckte auf.“ „Wenn es in Santander irgendeinen Protest gab, hielt man den Atem an, um zu sehen, welche Folgen es haben würde“, erzählt Cacho. „Normalerweise endete alles entweder auf einer Polizeiwache oder in der Gerüchteküche“.
Nur das Schweigen ist im Laufe der Zeit unverändert geblieben. Auch die Teamkollegen schlossen sich dieser stummen Logik an. „Wenn die Armbinden ein Zeichen von Trauer waren, hatte das sicher einen Grund; ich wusste nicht, ob bei ihnen ein Verwandter gestorben war. Genau das habe ich auf der Polizeiwache gesagt.“ Manolo Chinchón war Verteidiger und Kapitän jenes Racing-Teams. Aus seiner Heimatstadt Huelva bestätigt er, dass unter den Spielern kein Wort über den Protest gesprochen wurde, nach jenem seltsamen Nachmittag, an dem sie mit zwei Aitor-Toren Elche besiegten. „Die Sache ist die: Unsere Aufgabe als Spieler war nicht, Politik zu machen. Die beiden legten die Trauerbänder an. Ich weiß nicht, warum sie das taten. Ehrlich gesagt, ich weiß nicht, ob aus reiner Provokation oder warum.“
Manuel Díaz, „El Barquereño“ genannt, war rechter Außenverteidiger und bestätigt, dass in den folgenden Tagen niemand über die Angelegenheit sprach. Sie waren sie sich auch der Morddrohungen nicht bewusst, die ihre Teamkollegen von den der Faschistengruppe „Guerrilleros de Cristo Rey“ erhielten. Der aus einer Fußballer-Familie stammende Díaz erklärt, dass er sich bei heiklen Themen stets zurückhielt. „Denn um sich zu äußern, muss man vorbereitet sein und wissen, wovon man spricht. Ich sage: Jeder soll sich um seinen eigenen Kram kümmern.“ Mit seinen 75 Jahren ist Díaz an die Presse „nicht mehr gewöhnt“, in aktuellen Berichten sieht er keinen großen Sinn. „Wenn ich 50 Jahre später in den Medien diese Sache mit Franco sehe, verstehe ich das nicht. Das ist Vergangenheit, und mich interessiert nur die Gegenwart.“
Chinchón hatte, genau wie die Polizisten, die Aitor und Sergio verhörten, Vorurteile, und 50 Jahre später bestehen diese immer noch. „Aitor hatte seine Ausrede, weil er Baske war, aber das Schlimme war die Sache mit Sergio aus Valencia.“ Das war die Hypothese: Ein Baske konnte in „Schwierigkeiten“ geraten, weil er „Unfug machte“, aber einer aus Valencia. Roberto González denkt, dass die Fans Aitor Aguirre seine Geste nicht übel nahmen, weil „er ein beliebter und wichtiger Spieler bei Racing war“. Tatsächlich ist er bis heute mit 69 Toren in nur fünf Spielzeiten der achtbeste Torschütze in der Geschichte des Teams aus Santander.
Pedro Alba wird in Santander noch immer auf der Straße angesprochen. Er beendete seine Karriere bei Racing am 30. Juni 1989 nach 17 Spielzeiten und ist vielleicht der bekannteste und angesehenste Torwart in der jüngeren Geschichte des Teams. Am Tag der Trauer war er bereits bei Racing unter Vertrag, obwohl er nach Torrelavega ausgeliehen war, weil er seinen Wehrdienst absolvierte.
„Aitor und Sergio müssen unglaublich nervös gewesen sein. Sie wussten, worauf sie sich einließen, was passieren konnte. Es waren schwere Zeiten. Was mir nicht klar ist, ist, ob ich mich angeschlossen hätte … ich glaube schon, denn ich bin gegen jede Art von gewaltsamem Tod. Gegen jede. Ich bin gegen die Todesstrafe. Ich bin gegen den Faschismus, gegen den Rechts- und den Links-Faschismus. Ich bin ein überzeugter Demokrat.“ Für Alba ist das Schweigen der Sportler zu politischen oder sozialen Themen in vielen Fällen unerträglich. Er ist der Meinung, dass sich die „Kollegen aus dem Fußballer-Kollektiv im Fall von Jenni Hermoso klar hätten äußern müssen … ich sage, dass es mehr Frauen gibt, die von ihren Partnern ermordet wurden, als Opfer des Terrorismus“.
Für Roberto González gibt es eine Erklärung für das Schweigen der Spitzensportler: „Die meisten Vereine und die meisten Berater raten den Fußballern, sich in nichts einzumischen. Es gibt einige, die mehr Persönlichkeit haben, die klarer denken und zu wirklich ernsten Themen Stellung beziehen. Aber die meisten tun das nicht. Im Fall von Jenni Hermoso (3) und in anderen politisch oder gesellschaftlich wichtigen Fällen könnten sie sich stärker engagieren, da sie Meinungsführer sind, aber sie tun es nicht. Und diese beiden, Aitor und Sergio, haben es in einer schwierigen Zeit getan“, betont der derzeitige Kommunikations-Direktor von Racing.
„Die Sache ist die: Sie haben nachgedacht. Sergio und Aitor waren zwei Menschen, die vor allem nachdachten, die Ideen hatten, damals wurde es nicht gerne gesehen, eigene Ideen zu haben. Sie hatten die Fähigkeit, sich zu äußern, sie hatten Einfluss auf das Team und beschlossen, diesen auch auszuüben“, meint Alba. Er selbst erinnert sich, in einem Umfeld aufgewachsen zu sein, in dem Angst vor allem herrschte, Schweigen war die Überlebens-Strategie. „Wir Fußballer kommen normalerweise aus den unteren Schichten und haben nur wenig Zeit, um uns ein Leben aufzubauen. Was meine ich damit? Nun, du hast acht oder zehn Jahre, in denen du Geld verdienst, danach musst du dich wieder in die Gesellschaft integrieren und mit dem Ruhm umgehen, der dich umgibt. Das bringt manchmal Probleme mit sich.“
Weder Aitor noch Sergio bereuen, was sie getan haben. Der erste spielte 18 Jahre lang Fußball und wurde danach durch ein Grillrestaurant drei Jahrzehnte lang berühmt. Sergio verletzte sich jung, mit 28, in seiner dritten Saison bei Racing. Er studierte Medizin und arbeitete als Zahnarzt in eigener Praxis in Valencia. 50 Jahre später sagen beide, sie seien stolz auf ihre Aktion. Tatsächlich verteidigt Aitor das Engagement von Sportlern, beispielsweise im Fußballerstreik von 1984, mit dem die Anerkennung der Professionalität der Spieler erreicht wurde. „Das ist heute undenkbar“, schließt Aguirre. Aitor spricht nicht über das Schweigen seiner Mitspieler, erinnert sich aber genau an die Unterstützung des damaligen Vereinspräsidenten José Manuel López Alonso oder an die aufmunternden Briefe einiger Erstligaspieler, die in anderen Ländern spielten. Und „an die Unterstützung von Pater Alberto Pico, dem Pfarrer des Fischerviertels (Barrio Pesquero) in Santander“.
Auch in den Zeitungen jener Zeit war das Schweigen vorherrschend. Die Berichte drehten sich eher um die Versuche, die Folgen abzuwenden, als um die Nachricht von der Aktion, die in den Spielberichten nicht erwähnt wurde. Die Zeitungen Alerta und El Diario Montañés veröffentlichten am Folgetag (30. September) einen von den beiden Spielern unterzeichneten Brief, in dem sie sich (unter massivem Druck) von ihrer Aktion distanzierten und diese mit „dem ersten Todestag des ehemaligen Vereinspräsidenten, Ramón Santiuste“ in Verbindung brachten. Tatsächlich betonten sie: „Unser Vorgehen stand in keiner Weise im Zusammenhang mit den politischen Umständen in unserem Land und noch weniger mit den kürzlich erfolgten Hinrichtungen; als Fußballspieler fühlen wir uns im sportlichen Kontext fern von allem, was politischen Charakter aufweist, ohne das fußballerische Handeln mit Ideologie oder Sympathie für bestimmte Standpunkte färben zu wollen.“
Am 8. Oktober veröffentlichte der Vorstand des Vereins in beiden Zeitungen einen Brief, in dem er versicherte, dass er „keine Befugnisse habe, das Verhalten der Spieler zu sanktionieren, außer in Fällen, die sportliche Belange betreffen“. Ein nüchterner Text, der zumindest einem Fan gar nicht gefiel. Unter Angabe seines Namens und seiner Ausweisnummer veröffentlichte er zwei Tage später in Alerta einen wütenden Brief, in dem er gegen die Vereinsführung wetterte: „Der Brief des Vorstands sagt nichts aus, oder vielleicht sagt er doch viel. Über allem stehen Spanien, die (franquistische) Regierung, der Frieden, seine Hüter und das Gefühl der Gerechtigkeit; all dies wurde auf unserem Fußballplatz durch zwei unserer Spieler misshandelt und mit Füßen getreten.“ (2)
ANMERKUNGEN:
(1) Am 27. September 1975 (zwei Monate vor dem Tod des Diktators Franco) wurden fünf politische Aktivisten hingerichtet; drei aus der linken Organisation GRAPO, zwei von der baskischen ETA, Jon Paredes Txiki und Angel Otaegi. Der Prozess und die Hinrichtungen führten zu weltweiten Protesten gegen das Regime und zu einem illegalen Generalstreik im Baskenland. In einem Artikel vom 28-09-2022 berichtete Baskultur.info unter dem Titel „Tag der Gefallenen. Erinnerung an die Gefallenen“ über die letzten Hinrichtungen des Franquismus. (LINK)
(2) Übersetzung von “El día que nadie aplaudió el gol que dos delanteros colaron al franquismo” (Der Tag, an dem niemand den Toren applaudierte, die zwei Stürmer dem Franco-Regime versetzten), Online-Zeitung Eldiario, 2025-12-20 (LINK)
(3) Jenni Hermoso: Kickerin des spanischen Auswahl-Teams, das 2023 die Fußball-Weltmeisterschaft gewann. Der Verbandspräsident küsste die Spielerin bei der Sieges-Ehrung auf den Mund, was zu seiner Entlassung und einer Anzeige wegen eines sexistischen Übergriffes führte. In der Folge wurde auch der Trainer entlassen. Ein beispielloser Skandal um die Männergesellschaft des spanischen Fußballs.
ABBILDUNGEN:
(*) Tore gegen Franco (eldiario)
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2026-03-19)
