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Hügelgräber oder Orientierungshilfen?

Fünf Jahrtausende nach ihrer Errichtung sind die Dolmen noch immer von vielen Fragezeichen umgeben. Die allgemein anerkannte Interpretation besagt, dass es sich um prähistorische Gräber handelt. Der Journalist Iñaki Vigor hat mehr als 500 Dolmen in Ober-Nafarroa besucht und kommt zu einem anderen Schluss. In seinem Buch “Prähistorische Routen durch Navarra“ entwickelt er eine neue Theorie: Nicht Begräbnissen sollen sie gedient haben, sondern der besseren Orientierung in unzugänglichen Gebieten.

In seinem Buch “Prähistorische Routen durch Navarra“ (Rutas prehistóricas por Navarra) entwickelt der Journalist eine neue Theorie über den Bau der Dolmen vor 5.000 Jahren.

Warum wurden die Dolmen gebaut? "Die offizielle Theorie", erklärt der Journalist Iñaki Vigor, Autor dieses Werkes ist, "dass sie für menschliche Bestattungen gebaut wurden, und das ist es, was in Büchern, Enzyklopädien, Schildern, Informationstafeln steht, das ist es, was in den Schulen gelehrt wird und was die Mehrheit der Archäologinnen und Archäologen und die Bevölkerung glaubt". Doch nach der Besichtigung von mehr als 500 Dolmen in Nord-Navarra (Nafarroa Garaia) ist der Journalist Iñaki Vigor zu dem Schluss gekommen, dass diese uralten Bauwerke Wege markieren, die einige Täler mit anderen verbinden, und zwar über die bequemsten und sichersten Orte in den Bergen. (1)

dol02Bisherige Interpretation der Dolmen

Ein Dolmen ist in der Regel ein aus großen, unbehauenen oder behauenen Steinblöcken (Megalithen) errichtetes Grab. Es besteht aus drei oder mehr aufrecht stehenden Tragsteinen (Orthostaten), auf denen eine oder mehrere Deckplatten ruhen. Dolmen werden traditionell als die einfachste Form eines Megalith-Grabes betrachtet. In Europa waren Dolmen ursprünglich meist mit Hügeln aus Steinen oder Erde bedeckt. Der Ausdruck “Dolmen“ wurde von dem in der Bretagne geborenen Théophile Malo Corret de la Tour d’Auvergne (1743–1800) in die Altertums-Forschung eingeführt. Dolmen sind unter anderem in Skandinavien, Portugal Frankreich oder dem Baskenland zu finden. In manchen Ländern wird die Bezeichnung Dolmen auf Bauwerke mit nur einem Deckstein beschränkt.

Unterschieden wird zwischen Dolmen, Ganggräbern und Steinkisten, in Dänemark zwischen Langdolmen, Runddolmen, Großdolmen und Ganggräbern. In französischen Gebieten werden alle megalithischen Kollektivgräber als Dolmen bezeichnet. Die Dolmen der Trichterbecher-Kultur werden in Deutschland in Urdolmen, Rechteckdolmen, erweiterter Dolmen, Großdolmen, Polygonal-Dolmen und Ganggräber eingeteilt. Manche Anlagen, die typologisch nicht den Dolmen zugerechnet werden, tragen trotzdem die volkstümliche Bezeichnung Dolmen, die oft für Großsteingräber aller Art verwendet wurde und so auch Teil des offiziellen Namens eines Bodendenkmals werden konnte. (2)

Dolmen in den Pyrenäen

Bei seiner neuen Forschungsarbeit hat Iñaki Vidal 37 Karten mit den Standorten von Hunderten von Dolmen erstellt, die er besucht und in Augenschein genommen hat. Dabei wurde jeder einzelne mit geografischen Koordinaten versehen. Aus diesen Karten geht hervor, dass diese Megalithen dort errichtet wurden, wo es orografisch (von der Landschaft vorgegeben) schwierig war, sich fortzubewegen, z. B. an Berg-Ausläufern, schwer zu durchquerenden Gebirgsketten oder in labyrinthischen Gegenden der Berge. (1)

Dolmen-Architektur

Warum auch immer sie gebaut wurden … die meisten Dolmen bestehen aus großen aufgerichteten Steinen (Orthostaten), auf denen große Decksteine ruhen, die größer und schwerer sind als die Trägersteine. Die Decksteine ragen oft seitlich über die Träger hinaus und verleihen den Bauwerken mitunter das Aussehen eines Tisches. Ihrer tischähnlichen Form wegen wurden Dolmen früher als Opfertische, Altarsteine oder Druidenaltäre interpretiert. Die Tragsteine stehen meist dicht nebeneinander und bilden rechteckige, vieleckige, trapezoide oder rundlich-ovale Kammern. Später zu datierende Bauten bestehen nicht selten aus zahlreichen kleineren Steinen anstelle von monolithischen Orthostaten. Bei ihrer Entdeckung waren viele Dolmen durch Erdhügel bedeckt, der ihre Entdeckung schwierig gestaltete. Bei ihrer Freilegung erwiesen sich nur wenige Dolmen als verschlossen. (2)

Dolmen bestehen heute oft nur aus freistehenden großen Steinen, weil die kleineren Steine in früheren Zeiten von den Bewohnern der Umgebung abgetragen und zum Bau von Abgrenzungen, Stallungen, Wohnhäusern und dergleichen genutzt wurden. Selten ragen die Megalithen aus einem um sie angeschütteten Hügel hervor, oder sie sind ganz mit einem Stein- oder Erdhügel bedeckt, was ihrem ursprünglichen Zustand entspricht. In vielen Fällen haben Großsteingräber mehrere – auch seitliche – Kammern. Kammern mit lateralem Zugang werden in Mitteleuropa als Ganggräber bezeichnet, die Abgrenzung zu anderen Typen ist nicht einheitlich. Vielfach stehen die Tragsteine größerer Dolmen so nahe beieinander, dass der tischähnliche Charakter verschwindet und ein kammerähnlicher Raum entsteht. In der Bretagne und in Südfrankreich gleichen viele Anlagen einem Gang, in Deutschland werden sie als Galeriegrab bezeichnet. (2)

dol03Megalithische Stätten in Ober-Nafarroa

"Vor fünf Jahrtausenden lebten die Bewohner*innen dieser Gebiete in Hütten aus Holz und Fellen, die an den Ufern der Flüsse errichtet wurden, wo sie Wasser und Schutz hatten, Fische und andere Tiere jagen konnten, die zum Trinken kamen. Doch wenn sie in den Bergen unterwegs waren, brauchten sie feste Behausungen, um sich nachts gegen Wölfe und Bären zu verteidigen, um bei Unwettern Schutz zu suchen, um Nahrung, trockene Felle und Waffen für die Jagd zu haben. Kurz gesagt", so erklärt Iñaki Vigor, "um in einer feindlichen und gefährlichen Umgebung überleben zu können, wie es die baskischen Berge vor 4.000 oder 5.000 Jahren waren".

Die Karten in seinem Buch zeigen, dass die Dolmen "nicht willkürlich am jeweiligen Standort errichtet wurden, sondern dass es eine vorherige Planung gab, sie an bestimmten Stellen entlang der üblichen Bergrouten aufzustellen, und dass sie daher einen praktischen Zweck hatten". Für den Autor war es daher "eine klare Absicht der Erbauer, die Dolmen genau dort zu platzieren, wo sie gebraucht wurden. Dies ist an den Schluchten deutlich zu erkennen. Nahezu alle Flüsse im nördlichen Teil von Nafarroa Garaia verlaufen durch Schluchten oder Engstellen, die den Bewohner*innen dieser Gebiete vor 5.000 Jahren die Wege abschnitten, weil die Felswände aus dem Wasser ragten oder die Hänge so steil waren, dass sie nicht passiert werden konnten. Es blieb nichts anderes übrig, als einen Umweg über die Berge zu machen, um von einem Tal zum anderen zu gelangen. Auf diesen Wegen befanden sich die Dolmen. Je länger und komplizierter die Route war, desto mehr Dolmen wurden gebaut". (1)

Iñaki Vigor erinnert daran, dass es Joxe Miguel Barandiaran (3) selbst war, der die Route vom Urola-Tal mit dem Deba-Fluss-Tal entlang der Karakate-Irukurutzeta-Berge über eine Strecke von zwanzig Kilometern als "Route der Dolmen" taufte. Diese Route ist durch 17 Dolmen gekennzeichnet, aber in Nafarroa Garaia", fügt er hinzu, "gibt es Routen mit viel mehr Dolmen, wie jene, die das Sakana-Tal (West-Navarra) mit dem Goierri (Gipuzkoa) verbindet oder das Baztan-Tal (Nordwest-Navarra) mit Kintoa und Esteribar (nahe Pamplona)".

Der Autor stellt fest, dass in vielen der bisher ausgegrabenen Dolmen menschliche Skelettreste gefunden wurden, in vielen anderen jedoch nicht. "Niemand bestreitet, dass viele Dolmen zur Aufbewahrung von Leichen verwendet wurden, aber die Theorie, die in diesem Buch vorgestellt wird, besagt, dass sie nicht zu diesem Zweck gebaut wurden. Bis vor einigen Jahrhunderten war der größte Friedhof in Iruñea die Kathedrale, und auch in den alten Kirchen gibt es Hunderte von Gräbern, aber wurden die Kirchen gebaut, um als Begräbnisstätten zu dienen? Die Antwort liegt auf der Hand", sagt der Autor. (1)

Dolmen-Verbreitung

Dolmen sind in ganz West- und in Teilen Nord-, Mittel-, Süd-, Südwest- und Südosteuropas verbreitet, wobei ein gehäuftes Vorkommen in Küstennähe zu beobachten ist (Département Vendée, Bretagne, Irland, Wales, Portugal u. a.). In Skandinavien beginnt der Bau kleiner Dolmen in der Trichterbecherkultur am Ende des Früh-Neolithikums (3.500–3.300 v. Chr.). Die Mehrzahl der Dolmen, nun auch größere Exemplare, wurden im frühen Mittelneolithikum (3.300–3.000 v. Chr.) errichtet. Im südöstlichen und östlichen Europa kommen Dolmen in Südrussland und Thrakien (Bulgarien, Nordostgriechenland, europäische Türkei) vor. (2)

dol04Nordafrika: Die größte Anzahl der nordafrikanischen Dolmen befindet sich im Norden Tunesiens. Viele megalithische Decksteine sind wegen des in der Region vorherrschend verwendeten Kalksteins zerbrochen, ihnen fehlt der in die Grabkammer führende Gang. Asien: In Westasien sind Dolmen, über deren Alter keine gesicherten Angaben verfügbar sind, in der Levante und im Kaukasus anzutreffen. Indien: Vor allem im Süden Indiens (Karnataka, Andhra Pradesh, Kerala und Tamil Nadu) existieren zahlreiche Großstein-Monumente, die regelmäßig als “Dolmen“ bezeichnet werden. Dass es sich bei ihnen um Grabbauten gehandelt hat, ist – angesichts der in Indien seit Jahrtausenden praktizierten Leichenverbrennung – eher unwahrscheinlich. (2)

Vidals Theorie mag für die bergigen Pyrenäen-Gebiete eine Relevanz haben, es fragt sich jedoch, wie sich die Dolmen in leicht zugänglichen Gebieten oder an der Küste erklären lassen. Geklärt werden müsste auch, wie die Menschen, die in eher kleinen Sippen oder Stämmen lebten, vor 5.000 Jahren in der Lage gewesen sein sollen, über größere Distanzen hinweg eine große Anzahl von Bauwerken zu planen und zu bauen. Möglicherweise gab es für diesen Bau unterschiedliche Beweggründe, wie der Aspekt aus Indien zeigt.

Das Buch

Iñaki Vidals 272 Seiten starkes Buch “Prähistorische Routen durch Navarra" behandelt Aspekte wie Orographie, Klima und die Bedeutung eines Daches über dem Kopf für die Menschen. Es endet mit Anmerkungen zu Mythologie, Euskara und Megalith-Kultur. Es ist im Verlag “De Par en Par“ erschienen und zum Preis von 26 Euro im Buchhandel erhältlich. Das Buch ist den Megalith-Forschern (4) gewidmet, insbesondere den Mitgliedern der Hilharriak-Gruppe und Juan Mari Martínez Txoperena, "die eine immense Arbeit leisten, um Überreste unserer prähistorischen Vergangenheit zu finden, die von den Institutionen kaum anerkannt werden". (1)

ANMERKUNGEN:

(1) “Rutas prehistóricas por Navarra, un libro que aporta una novedosa teoría sobre los dólmenes“ (Prähistorische Routen, ein Buch, das eine neue Theorie über die Dolmen liefert) Tageszeitung Gara, 2021-10-12 (LINK)

(2) Dolmen, Wikipedia (LINK)

(3) Joxe Miguel Barandiaran – Baskische Anthropologie (LINK)

(4) Megalithkultur (altgriechisch mégas: groß und líthos: Stein) ist ein archäologischer und ethnographischer Begriff, der in der Forschungsgeschichte umstritten ist. Insbesondere wurde die Hypothese angezweifelt, der zufolge die verschiedenen megalithischen Kulturen einen einzigen gemeinsamen Ursprung hätten. Die Bezeichnung Megalithkultur bedeutet unter anderem: In Zusammenhang mit dem Namen ethnischer Gruppen oder einer archäologischen Kultur kann er sich auf alle mit dem Bau und der Nutzung von Monumenten aus großen Steinen (Megalithen) verbundenen Kultur-Erscheinungen beziehen. (Wikipedia)

ABBILDUNGEN:

(1) Dolmen (FAT)

(2) Dolmen (ivigor)

(3) Dolmen Navarra (ivigor)

(4) Dolmen (ivigor)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2021-10-30)

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